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Schwyzerdütsch - Deutsch

Das kleine Wirtschaftswörterbuch – Übung 16:
Über die kulturelle Bedeutung des Föifer im Paradies für Chischte




Im Jahr 2006 standen die Schweizer vor einer schweren Entscheidung. Es ging um ein Stück ihrer nationalen Identität, das aus dem Verkehr gezogen werden sollte: der Föifer.

[d' Föifer] | Fünf-Rappen-Münze, die (kleines Geldstück, große Bedeutung)
Sogar der Bundesrat beriet über die kleine Wechselmünze und legte schließlich zur allgemeinen Erleichterung fest: Der Föifer bleibt, wegen seiner – wir zitieren – „kulturellen Bedeutung“. Die Schweizer haben es eben sehr mit dem Gält. ['s Gält] | Geld, das
Wobei man freilich – kulturelle Bedeutung hin oder her – weniger an Kleingeld, sondern eher schon an [d' Tonne] | umgangssprachlich für: 1000 Franken oder
[d' Chischte] | umgangssprachlich für: 1 Million Franken
denkt. Der Weg dahin beginnt für Schweizer bereits im Kindesalter, mit dem Goldvreneli. ['s Goldvreeneli] | wörtlich: Goldverenchen, das (Vreneli ist die Verniedlichung des Vornamens Verena)
Gemeint sind wunderschön anzuschauende Goldmünzen, die von Großeltern und Paten gern an Kindergeburtstagen verschenkt werden. Schon kleinste Hosenschweizer lernen so das ungeschriebene Gesetz, dass Goldverenchen zum Betrachten und Horten bestimmt sind, nicht zum Verkaufen. Es handelt sich also um das erste Stück Vermögen eines Schweizers. ['s Vermöge] | Vermögen, das
In der Schweiz liegt bekanntlich viel Vermögen, unter anderem ein Drittel des weltweiten Privatvermögens, dessen Besitzer eine diskrete Bankverbindung in Zürich, Genf oder Lugano dem heimischen Konto vorziehen und das Schätzungen zufolge etwa 2,5 bis 4 Billionen Franken ausmacht. Nicht ganz zu Unrecht halten die Schweizer ihr Land daher für reich. [riich] | reich
Ehrlich gesagt: für das reichste Land überhaupt. Ein Glaube, der die Gelassenheit und das unerschütterliche Zukunftsvertrauen der Schweizer gewiss mit begründet. Diesen Glauben brachte nicht einmal die jüngste Finanzkrise ins Wanken, obwohl sie in der Schweiz Tausende von Millionen Franken (siehe auch: Chischte, die) vernichtete. Darüber ärgerte man sich weniger als über eine Kaste, deren Angehörige lange als die Superhelden galten: d' Bänkler. [d' Bänkler] | Bankangestellten, die
Nicht dass, sondern wie sie Geld verloren hatten, verstimmte den Schweizer. Bis zur Krise hatte man sich nämlich eingeredet, Schweizer Banken hüteten streng konservativ nur sehr, sehr viele Goldvreneli. Ebenso redete man sich ein, der Schweizer Wohlstand basiere auf Sekundärtugenden wie Fleiß und Disziplin. Dabei war man zusätzlich aber auch „verschlage“. [verschlage] | verschlagen sein
Dieses Talent zeigten die Bänkler schon bald nach dem Ersten Weltkrieg, als sie den französischen Nachbarn anboten, ihr Geld am Fiskus vorbei in der Schweiz anzulegen. Der französischen Polizei gelang es 1932 gar, die Chefs der Basler Handelsbank in flagranti zu erwischen, als diese in Paris Geld entgegennahmen. Drei Jahre später legte die Schweiz daher gesetzlich fest, dass ein Offizialdelikt begeht, wer Kundendaten preisgibt. Dies war die Geburtsstunde des Schweizer Bankgeheimnisses. ['s Bankgheimnis] | Bankgeheimnis, das (unschätzbarer Standortvorteil für Leute mit Chischte)
Schweizer Banken machen sich strafbar, rücken sie damit heraus, wer was und wie viel bei ihnen angelegt hat. Sie können also gar nicht anders, als ihre Kunden – schon von Rechts wegen – nach Kräften zu unterstützen, wenn sie „d' Stüüre hinderzie“. [d' Stüüre hinderzie] | die Steuern hinterziehen
Ein hartes Wort, welches die Schweizer ohne Scheu in den Mund nehmen. Denn Hinterziehen ist keine Straftat, bloß eine Ordnungswidrigkeit. Illegal ist nur eines: „pschiisse“. [pschiisse] | betrügen (vulgär: bescheißen)
Was genau Steuerbetrug und -hinterziehung unterscheidet, kann kaum ein Bänkler dem normalen Steuerzahler erklären. Eingeweihte meinen, beim Betrügen müsse eine kriminelle Handlung nachweisbar sein. Das ist nicht der Fall, wenn man ganz aus Versehen vergessen hat, eine Chischte auf dem Steuerformular anzugeben. Weil so etwas nicht jedem gleich einleuchtet, nennt nicht nur der deutsche Finanzminister die Schweiz ein Steuerparadies. ['s Stüürparadis] | Steuerparadies, das
Die Schweizer ihrerseits empfinden die aktuelle Auseinandersetzung um ihren Finanzplatz als ein von mächtigen Staaten eigennützig orchestriertes Schweiz-Bashing.

['s Schwiiz-Bashing] | Schweiz-Bashing, das (Anglizismus: bashing = Schlechtmachen)
Sie selbst würden ihr Land nie als Steuerparadies bezeichnen. Lieber geben sie den Schwarzen Peter (Peer) zurück und bezeichnen Staaten wie Deutschland als

[d' Stüürhöll ] | Steuerhölle, die ---