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Ich sehe was, was du nicht siehst

Moskowiter halten ihre Stadt für den Nabel der Welt. Und feiern sie stolz, protzig und zu Wucherpreisen. Aber was, wenn die Party ein Ende hat?




• Nicht alle Moskauer verschließen Augen und Nase vor den Hässlichkeiten ihrer Stadt. „In den Metropolen des Westens kann man stundenlang komfortabel spazieren gehen“, sagt der Stardesigner Artjom Lebedjew. „Bei uns endet der Komfort an der Wohnungstür. Im Treppenhaus schläft ein Penner, irgendwo hat jemand hingeschissen. Das Auto draußen ist entweder zugeparkt oder angebeult.“

Aber so viel Kritik hört man selten in Moskau. Lebedjew hat Narrenfreiheit. Er gehört zu den wenigen international anerkannten Kreativen der russischen Hauptstadt. Außer Lebedjews elasti schen Websites oder seinen frei belegbaren Computerklaviaturen, außer einigen erfolgreichen Software-Firmen und Theatertruppen hat Russlands Hauptstadt der Welt kaum Neues zu bieten. Was das Mehrheitsmoskau nicht daran hindert, sich als schöpferischen Vulkan anzubeten. „Die Stadt magnetisiert“, schwärmt Artur, „sie ist voller Talente, mit riesigem kreativem Nachholbedarf.“ Artur, der gelernte Friseur, ist Imagemaker.

Tatsächlich konzentriert Moskau viel mehr Ambitionen als Inspiration. Die „Megapolis“, wie die Stadt sich gern nennt, kocht nach fremden Rezepten. Ihre Damenunterwäsche, ihre Partydrogen, ihre Reality-Shows sind importiert. Moskau läuft fremden Moden nach und versucht, sie zu toppen. Statt gemeinem Wodka kippen Moskowiter Black Label Whisky in ihre Cola. Der britische Stararchitekt Norman Foster soll den Rossija-Turm bauen, mit 612 Metern Europas höchstes Gebäude. Und rosarote Hummer-Jeeps fahren Pizza aus.

Von 10,5 Millionen offiziell angemeldeten Moskauern leben mehr als 1,5 Millionen unter dem amtlichen Existenzminimum. Das liegt bei umgerechnet gut 160 Euro. Aber auch mit doppelt so viel Geld hungert man in dieser Stadt. Hinter den großen Baumärkten am Autobahnring kauern die ersten sperrhölzernen Slums tadschikischer Gastarbeiterfamilien.

Auch die Plattenbauten im Mittelklassebezirk Tuschino sehen aus wie vom Regen durchweichte Pappkartons. In einem dieser Pappkartons wird eine heruntergekommene 51-Quadratmeter-Wohnung verkauft, billig, für nur 117.000 Euro. Im Treppenhaus begegnet uns ein seit zwei Wochen unrasierter Mann. Er riecht streng, einer seiner schmutzigen Joggingschuhe wird von einem 20 Zentimeter langen Schnürsenkelrest zusammengehalten, der andere ist offen. Sein schräger Blick hat etwas Kluges. Irgendwann, bevor er anfing, sich zu Tode zu saufen, schrieb er vielleicht Computerprogramme. Oder Gedichte.

Tamara Iwanowna ignoriert ihn. Sie ist Maklerin, verdient also ihr Geld damit, ihre Stadt teuer zu verkaufen. „Noch 300 Meter, dann beginnt ein traumhafter Park, und Sie kommen zum Ufer des Moskwa-Kanals.“ Auch ihr Gesicht ist klug, eigentlich zu klug für solche Sprüche. „Dort treiben unsere Moskauer Sport, fahren Fahrrad, dort schwimmen die Yachten unserer Oligarchen.“ Dabei ist das Ufer betoniert, der Kanal grau und leer, und gegenüber hocken nur wartende Ladekräne. Der Park sieht eher nach Unterholz aus. Ohne Knüppel sollte man in Tuschino nicht joggen, wegen der streunenden Hunde.

Alle kennen das Märchen vom nackten König. Und spielen es jeden Tag aufs Neue

Aber nicht nur die Makler reden Moskau schön und teuer. Vom Pizzabäcker über den Imagecoach bis zum Bürgermeister, alle spielen dasselbe Spiel. „Nackter König“ nennen die Russen es, frei nach Hans Christian Andersens „Des Kaisers neue Kleider“. Moskau kennt das Spiel: Ein halbes Jahrhundert verkaufte die Stadt sich als Schaufenster des reifenden Realsozialismus, heuchelte Vorfreude auf das nahende kommunistische Paradies. Aus der Traum. Und jetzt redet das kapitalistische Moskau sich und ganz Russland ein, es sei der wichtigste, schickste und folglich teuerste Platz der Welt. Massensuggestion, die funktioniert: Das Durchschnittseinkommen der Moskowiter stieg von 2000 bis 2008 um 350 Prozent, die Wohnungspreise um mehr als 900 Prozent. Aus der Stadt ist eine Finanzpyramide geworden.

An ihrer Spitze thronen die 27 von 32 russischen Dollarmilliardären mit Wohnsitz in Moskau. Und jene geschätzten 200.000 Leute, die den Rohstoffexport unter ihre Kontrolle gebracht haben, 70 bis 80 Prozent aller russischen Geldströme sowie jene Topbürokraten, die diese Rohstoffexporte kontrollieren. Russlands Elite lebt in Moskau, und dort lebt sie sich aus.

Sie finanziert die Stadt, diktiert die Spielregeln, die Preise, auch das Selbstgefühl. „Diese Leute wissen nicht, was Liebe ist“, sagt der Schriftsteller Igor Simonow, nebenher selbst ein erfolgreicher Medienmanager. Moskaus Elite funktioniere nach sehr einfachen Regeln: „Hast du das Auto gesehen? Will ich auch haben! Hast du die Frau gesehen? Will ich auch haben!“

Man giert nach Geltung, wirft Millionen möglichst spektakulär zum Fenster hinaus und steckt den riesigen Rest in Immobilien, Baustoffindustrie oder Großhandel. Wie ein Kartell, das sich beim Wodkafrühstück auf Monopolkapitalismus verständigt hat. Und darauf, der Krise mit Höchstpreisen zu trotzen.

Eine nicht mehr frische Vollkornsemmel im Schickimicki-Supermarkt „Alphabet des Geschmacks“ kostet umgerechnet zwei Euro, das öffentliche Freibad „Tschajka“ hat passend zur Krise die Einzelkarte auf umgerechnet 15 Euro verteuert.

Dem Baukonzern Don Stroj, dessen Manager kürzlich noch damit prahlten, man verkaufe Wohnungen nur an Millionäre, droht der Bankrott. Um sich zu retten, senkt Don Stroj nicht die Preise, sondern überlässt einen Großteil seiner Bauprojekte den Gläubigerbanken. Dutzende von Büropalästen und Villensiedlungen stehen leer, schweben aber preislich weiter 50 Prozent über Spitzenimmobilien in Berlin-Charlottenburg. „Die Developer machen eher Bankrott, als die Preise zu senken“, erklärt der Finanzier Andrej Mowtschan. Und die Manager der Gläubigerbanken würden die überteuerten Objekte lieber verrotten lassen, als sie ohne Gewinn zu verhökern und sich damit auch noch Arbeit zu machen. Es ist das Hauptproblem der Moskauer, dass sie an die Seifenblase glauben, die sie selbst aufgepumpt haben.

Immerhin haben die Stadtoberen bereits beschlossen, den Bau des Rossija-Turms zu verschieben. Doch der architektonische Wahn ist auch so unübersehbar. Die wiedererrichtete Christ-Erlöser-Kathedrale hat nur viel Volumen mit dem Original gemeinsam, welches die Bolschewisten einst in die Luft jagten. Experten bezeichnen sie als ebenso monumentalen Kitsch wie die neue Bühne des Bolschoi-Theaters. Surab Zereteli, Bildhauer und Kumpel von Bürgermeister Jurij Luschkow, hat das Zentrum mit Denkmälern voll gestellt, die arg an zu groß geratene Zinnsoldaten erinnern.

Hunderte historische Gebäude vergammeln, weil niemand sie restaurieren will, da es weder einträglich noch spektakulär ist. Moskau reißt lieber ab und baut neu. Auch gut erhaltene Baudenkmäler wie das Hotel Moskwa sind unter die Abrissbagger geraten. „In der Moskauer Kultur birgt der Begriff Kopie oft nicht weniger Sinn als das Original“, philosophiert der Bürgermeister. „Das gedankliche, historische und kulturelle Gewicht einer Kopie ist oft reicher und tiefer als die anfängliche architektonische Lösung.“ Der Denkmalschützer Konstantin Michailow aber spottet: „Unsere Stadtplaner sind wie kleine Kinder, die mit Bauklötzen spielen. Alles, was dabei herauskommt, erscheint ihnen genial, weil sie es gebaut haben.“

Warum Baudenkmäler verrotten müssen? Weil nur Fantasien aus Stahlbeton sexy sind

Die Herren der Moskauer Gegenwart begraben die bauliche Vergangenheit der Stadt unter ihren Stahlbetonfantasien. Gleichzeitig tun sie alles, um sich die Zukunft zu sichern. Das städtische Projekt „Ziviler Nachwuchs“ trainiert zurzeit 3000 Moskauer Studenten für den Job des Bürgermeisters. Wer die Karrierestufen Leader, Verwalter, Manager, Organisator und Reservist gemeistert hat, kommt in die 50-köpfige Jugendauswahl, die Moskau Sommer für Sommer mitregieren darf.

50 blitzgescheite junge Menschen, geschniegelt und gebügelt, kopieren Bürgermeister Luschkow auch verbal mit aller Kraft. „Wir dreschen keine politischen Phrasen. Wir lösen konkrete Fragen“, verkündet Maxim, 22, der Ersatzbürgermeister. Moskaus Hauptproblem seien die Verkehrsstaus. Korruption gebe es auch anderswo. Über Wucherpreise, Atommüllkippen oder Hunderte Verkehrstoten sowie totgeschlagene Gastarbeiter verliert er kein Wort. Ganz wie der echte Luschkow.

„Das ideale Moskau?“, fragt Wladimir, ein 23-jähriger Veteran der Studentenregierung, der gerade für den Stadtrat kandidiert. „Moskau ist ideal, so wie es ist.“ Neue, originelle, gar kritische Gedanken werden hier nicht gedacht. Der Moloch Moskau mag weiter wuchern, aber er entwickelt sich nicht. ---