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Die Standortentscheidung

Arbeiten kann man überall. Deshalb stellt sich für viele die Frage: Wo will ich leben? Hier drei Antworten.




"Karlsruhe ist meine Werkbank"
Der Medienberater André Hellmann (30) findet in der Mittelstadt alles, was er braucht - nur schneller

"Erst vor Kurzem hatte ich wieder so einen Moment: "Mensch, Helle! ", hörte ich plötzlich jemanden rufen. So hatte mich niemand mehr genannt, seit ich mit 18 aus Karlsruhe weggegangen war. Erst zum Studium nach Ravensburg, dann nach Alicante und schließlich zum Arbeiten in die USA. Ich habe seitdem als Anzeigenberater gearbeitet, war Verlagsleiter einer Wochenzeitung in Atlanta und habe dann mein Unternehmen Zelect GmbH gegründet, mit dem wir Geschäftsmodelle für Zeitungen und Magazine im Internet entwickeln. Aber für diesen alten Bekannten bin ich eben immer noch der "Helle", der früher mit langen Haaren Gitarre in einer Death-Metal-Band gespielt hat. Die Vergangenheit holt einen eben manchmal ein, wenn man wieder in die Stadt zurückkehrt, in der man aufgewachsen ist.

Das ist manchmal ein komisches Gefühl, kann aber auch seine Vorteile haben. Zum Beispiel, wenn mir diese alten Freunde ungeschminkt die Wahrheit sagen - ein ehrliches Feedback bekommt man als Geschäftsführer ja sehr selten. Aber wenn ich mit alten Freunden zum Joggen gehe oder ein Bier trinke, waschen die mir schon mal den Kopf, wenn ich zu sehr den Manager raushängen lasse.

Außerdem ist aus den Schulfreunden, die hiergeblieben oder wie ich zurückgekehrt sind, oft auch etwas geworden. Da ergibt sich ganz automatisch ein gutes Netzwerk, und meist genügt ein Anruf, und man hat ein Problem gelöst. Das funktioniert auch dann, wenn es sich nicht um alte Kindergartenfreunde handelt. Die Wege hier in Karlsruhe sind kürzer als in einer Großstadt. Um bei einem Tochterunternehmen von Bertelsmann einen Termin zu bekommen, musste ich sechs Monate lang arbeiten. Wenn ich in Karlsruhe jemanden treffen möchte, sitzen wir übermorgen beim Mittagessen zusammen.

Die Entscheidung, hierher zurückzukehren, habe ich gemeinsam mit meiner Frau Laxmi getroffen. Sie kommt aus Ghana, und wir haben uns in Tampa, Florida, kennengelernt, wo ich in der Marktforschung arbeitete. Gemeinsam gingen wir dann später nach Atlanta, eine Großstadt, in deren Einzugsgebiet mehr als fünf Millionen Menschen leben. Trotzdem haben wir festgestellt, dass wir es als Paar mit unterschiedlicher Hautfarbe in einer kleinen deutschen Stadt leichter haben als in einer amerikanischen

Metropole. Damals haben wir unseren gesamten Hausstand in den USA verkauft und sind nur mit zwei Koffern nach Deutschland geflogen. Zunächst wohnten wir für ein halbes Jahr bei meinen Eltern in Karlsruhe unter dem Dach. Das gab uns die Möglichkeit, uns neu zu sortieren und uns gemeinsam verschiedene Städte in Deutschland anzusehen. Aber am Ende wollten wir beide in Karlsruhe bleiben. Inzwischen erwartet meine Frau unser zweites Kind und arbeitet als Sprachcoach für Manager aus der Region. Dass sie sich hier wohl- und willkommen fühlt, war für mich sehr wichtig.

Für mich ist Karlsruhe ein sehr guter Ort, um aufzutanken, um Kraft zu schöpfen. Wenn ich eine harte Woche hatte, lege ich mich am Sonntag schon mal bei meinen Eltern auf die Couch das ist dann ein sicherer Hafen, so wie im Grunde die ganze Stadt. Hier kann ich sein, wie ich bin, ich kann meine Batterien aufladen. Ich sehe den Baum, auf den ich schon als Kind geklettert bin, und registriere, wie er sich seitdem verändert hat. Natürlich ist Karlsruhe eine eher einfache Stadt, aber das Leben ist ja schon kompliziert genug. Es gibt hier keine riesige Auswahl an Theatern oder Restaurants, aber wenn ich in eines meiner Stammlokale gehe, dann kennen mich die Leute. Das gefällt mir. Wenn man so will, ist Karlsruhe meine kleine heile Welt, in der die Dinge so funktionieren, wie sie sollen.

Das soll aber um Gottes Willen kein Plädoyer dafür sein, sein Leben lang an seinem Heimatort auszuharren, weil es da so einfach ist. Man muss schon eine Zeit lang weggewesen sein. Früher war Karlsruhe für mich der Nabel der Welt. Als ich dann loszog, merkte ich schnell: Das ist gar nicht so. Seit meiner Rückkehr kann ich Dinge, die vorher selbstverständlich waren, viel besser einordnen.

Manchmal vermisse ich durchaus die Impulse der Großstadt.

Wenn ich einen Freund in Berlin besuche und wir uns abends mit ein paar Leuten treffen, entstehen in einer Nacht mehr Ideen, Kontakte und Geschäftsmodelle als hier in einem ganzen Monat. Aber viele bleiben dann eben auch unverwirklicht am Tresen zurück. Das ist in Karlsruhe anders. Hier gibt es vielleicht nicht so viele Ideen, aber die Umsetzung klappt besser. Die Leute sind betriebsam - oder eben "g'schaffig", wie man hier sagt. In dieser Hinsicht ist Karlsruhe für mich wie eine Werkbank. Nichts, was einen zu kreativen Höhenflügen inspiriert, aber etwas, womit man sehr gut und effektiv arbeiten kann.

Dazu tragen auch die günstigen Mieten bei: Unsere Büros sind die ehemaligen Tanzsäle im Lusthaus des Markgrafen, das 1850 erbaut wurde. Ein wundervolles Gebäude mit altem Holztor, hohen Decken und altem Parkett - trotzdem bezahlen wir hier für eine ganze Etage gerade mal 900 Euro warm monatlich. Karlsruhe macht es mir außerdem leicht, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Ich kann zu Fuß in unser Büro gehen, und wenn ich nicht auf Reisen bin, kommen mich mittags meine Frau und meine anderthalbjährige Tochter besuchen, und wir essen zusammen.

Ob wir für immer hier bleiben? Das kann ich nicht sagen.

Sollte es für die Firma nötig sein, dass wir zurück in die USA gehen, würden wir das bestimmt machen. Aber nicht um jeden Preis, nicht in jede Stadt und sicher nicht für immer. Aber einstweilen ist Karlsruhe der perfekte Ort: Die Stadt ist der Schuh, der passt. Außer vielleicht, was die Wirtschaftsförderung betrifft. Die ist mir ein wenig zu träge. Das erkennt man vielleicht am besten daran, dass das wichtigste Werkzeug zur Kooperation, das Hightech-Unternehmernetzwerk CyberForum, aus einer privaten Initiative entstanden ist. Die Stadt, deren Aufgabe es eigentlich wäre, solche Zusammenschlüsse zu schmieden, ist dort nur zu Gast.

Das Stadtmarketing wiederum hat es immerhin geschafft, meiner Frau gute Laune zu machen. Denn wenn man nach Karlsruhe hineinfährt, weisen einen große Schilder am Rand der Autobahn auf den Slogan der Stadt hin: "Karlsruhe: viel vor. viel dahinter." Meine Frau hat sich kaputtgelacht, als wir daran zum ersten Mal vorbeigefahren sind."

"Woanders könnte ich das, was ich mache, nicht tun"
Der Club-Betreiber Till Harter (40) braucht Berlin zum Überleben - was ihm fehlt, das baut er selbst

"Schon während meiner Jugend in Süddeutschland war mir klar, dass ich nach Berlin will. Was damals noch bedeutete: West-Berlin. Aber kaum war ich angekommen, fiel die Mauer, und ich ging in den Osten. Vor allem deshalb, weil es im Westen zu wenige Wohnungen gab. Aber schnell merkte ich, wie gut mir der damals wilde Osten gefiel. Das fühlte sich für mich an, wie es nach dem Krieg gewesen sein musste: keine Kneipen, keine Restaurants, keine Kinos. Das vielleicht Wichtigste: Lange Zeit hatten viele Straßen auch noch keinen Telefonanschluss. Wollte man sich mit anderen Menschen austauschen, musste man rausgehen, die einschlägigen Plätze abklappern und schauen, wer da war. Es gab so ein anarchistisches "Alles ist möglich-Gefühl". Etwas, das man der Berliner Clubkultur heute noch anmerkt.

Mit dem Westen hatte ich bald, bis auf sporadische Uni-Besuche, nichts mehr zu tun. Umso mehr passierte in Prenzlauer Berg, wo wir mangels richtiger Angebote anfingen, selbst Partys und Kunstausstellungen zu organisieren. In den folgenden 15 Jahren bekam ich dann im Schnelldurchlauf die klassische Kolonialisierung eines solchen Stadtviertels mit: Erst kamen die politisch motivierten Hausbesetzer aus Westberlin, dann die mittellose Künstler-Bohème, dann die Studenten, dann die kreativen Professionellen aus den Agenturen und schließlich die Ärzte und Anwälte. Ich wohne aber immer noch sehr gern hier und denke nicht im Traum daran, wegzugehen.

Ich liebe die Energie, die eine Stadt wie Berlin verströmt, zum Beispiel wenn ich sonntagnachmittags im Mauerpark spaziere. Anfangs war das einfach nur ein Streifen Dreck - aber die Menschen haben ihn sich geschnappt, und nun macht dort jeder, was ihm gefällt: Die einen spielen Basketball, die anderen Boule, es gibt Cafés, Rave-Partys, den Flohmarkt, Bands spielen auf der Wiese. Dieses Spontane, Lebendige ist für mich eine sehr wichtige Inspiration. Aber ich mag auch die neue Mitte, die Museen, die kühle Urbanität des Regierungsviertels, den Hauptbahnhof.

Manche mögen das anmaßend finden: Aber in meinen Augen ist Berlin die einzige wirkliche deutsche Großstadt - genauer gesagt, sie ist es in den vergangenen Jahren geworden. Als ich aufwuchs, war Deutschland noch sehr föderal strukturiert, und jede Stadt hatte ihre Berechtigung. Inzwischen ist die Politik aus Bonn hierhergezogen, die Musikszene aus Hamburg und die Modebranche aus Düsseldorf. Selbst international hat Berlin inzwischen eine enorme Strahlkraft.

Für mich ist klar: Das, was ich hier mache, könnte ich anderswo nicht tun. Ich hänge an meinem Netzwerk, das ich mir in mehr als 20 Jahren gesponnen habe. Wenn ich etwas Neues aufbaue, weiß ich sofort, wen ich anrufen muss - ob es um Installationsarbeiten geht, behördliche Genehmigungen oder ein optisch ansprechendes Logo. Andersherum kennen die Leute wiederum auch mich.

Natürlich ist eine Stadt wie Berlin auch ein heftig umkämpfter Standort - und die Szene-Gastronomie ist eine "The Winner Takes It All"-Branche, in der sich der Stärkste durchsetzt. Aber die Erfolgreichen haben eines gemeinsam: Sie haben alle eine lange Geschichte, die sie mit dieser Stadt verbindet. Diejenigen, die hierherkamen, um über Nacht einen angesagten Hauptstadtclub aus dem Boden zu stampfen, sind allesamt gescheitert.

Durch meinen Nebenjob als Hoteltester komme ich auch in viele andere Großstädte und schaue mir dort alles an, gehe aus und überlege dann, was mir in Berlin vielleicht fehlt. So kam ich auch zu meinem aktuellen Projekt, der Bar Tausend am Schiffbauerdamm. Ich wollte eine Großstadtbar von internationalem Format, die trotzdem keine Hotelbar ist. Auch war es mir wichtig, einen Schritt weiterzugehen und nicht stehenzubleiben in dieser oft ja auch selbstgefälligen Zufriedenheit, die Berlin prägt und in der man sich schnell auf Gegenkultur beruft, wenn die Toiletten nicht funktionieren.

Ebenfalls eine Berliner Eigenart: Gerade die Ureinwohner sind sehr auf ihren Kiez fixiert. Denen würde es nie einfallen, in einen anderen Bezirk umzuziehen. Darüber hinaus teilt sich die Stadt durch die verschiedenen kulturellen Szenen in ganz viele kleine Dörfer auf. Das finde ich aber nicht schlimm, und es widerspricht auch nicht meinem Verständnis von einer Großstadt. Denn das urbane Dorf bietet mir ja zum einen die Auswahl aus vielen verschiedenen Modellen, zum anderen ist es viel freier als das tatsächliche Dorf in der Provinz. Es gibt weniger soziale Kontrolle, weniger eng gesteckte Regeln.

Wenn es etwas gibt, das mich an der Großstadt stört, dann sind es die Touristenmassen, es werden jedes Jahr immer mehr. Gerade im Sommer in Berlin fühlt man sich oft ein wenig wie ein Darsteller. Wie einer dieser Indios, die in einem alten Dorf nur noch zur Belustigung der Touristen in folkloristischer Kluft bereitgestellt werden."

"Die Freiheit in der Provinz gefunden"
Der Werber Frank Müller (39) kann überall arbeiten nur nicht wohnen. Deshalb hat er zahlreiche Filialen

"Wenn mich Geschäftspartner oder Freunde fragen, wo meine Firma ihren Sitz hat, komme ich oft ins Grübeln - und dann muss ich viel erklären. Ich habe ein kleines Büro für visuelle Konzeption in Berlin, aber auch eines in Friedberg in der hessischen Wetterau. Einige Mitarbeiter meiner anderen Firma Ipodload.de für Musikdigitalisierung sitzen in Frankfurt am Main; sechs Programmierer sind wiederum von Paderborn aus tätig. Wenn ich dann gefragt werde, warum das so ist, was für ein ausgeklügelter Plan dahintersteckt, kann ich eigentlich nur mit den Schultern zucken und muss zugeben: Das hat sich eben irgendwie so ergeben.

Ich halte nicht viel von Großbüros, wo alle Mitarbeiter an einem Standort zusammengepfercht werden. Das erfordert großen Aufwand, der in keiner Relation mehr zu dem steht, was eigentlich wirklich nötig wäre. Das geht bei einer Empfangsdame los und hört bei einer zentralen IT-Verwaltung noch längst nicht auf. Ich kenne Firmen, die haben eine derart überkomplexe Telefonanlage, dass Schulungen anberaumt werden müssen, damit die Leute verstehen, wie ihr Telefon funktioniert.

Da finde ich kleine Büroeinheiten so wie hier bei uns in Friedberg deutlich sinnvoller. Hier im obersten Stockwerk einer Gründerzeitvilla, rund 30 S-Bahn-Minuten von Frankfurt entfernt, sitzen vier Mitarbeiter. Die verwalten sich selbst, die wissen, wie ihr Computernetzwerk funktioniert und wie viel Kaffee sie im Monat trinken. Ich versuche, die Leute so sein zu lassen, wie sie sind, versuche, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich auszuleben und selbstbestimmt zu arbeiten. Bei uns schreibt jeder seine Urlaubstage selbst auf. Das fällt manchem Neuzugang schwer zu glauben. Aber mir ist es wichtiger, dass meine Mitarbeiter lernen, eigenverantwortlich zu handeln, als mir darüber Sorgen zu machen, dass mich jemand um zwei Urlaubstage betrügen könnte.

Dass meine Firmen verschiedene Standorte haben, hat sich in den vergangenen zehn Jahren nach und nach entwickelt. Und ich habe überall Mitarbeiter gefunden, die genau dort arbeiten wollten, wo sie lebten - deshalb wechselt bei uns auch kaum jemand zu einem anderen Standort, wie es vielleicht in größeren Firmen der Fall ist.

Die sechs Programmierer in Paderborn könnte man nicht für viel Geld von dort weglocken. Andere wiederum brauchen die Großstadt. Die Leute sind nun mal so, wie sie sind - und wenn ich gutes Personal haben will, dann muss ich dahin gehen, wo die Leute sein wollen, und darf sie nicht zwingen, zu mir zu kommen. Davon bin ich überzeugt. Und dank der modernen Technik ist die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Standorten extrem einfach geworden: Meine Mitarbeiter telefonieren, mailen und skypen miteinander, für einige Projekte haben wir Online-Projekt-Tools mit Meilensteinen und gemeinsamen Arbeitslisten, bei anderen arbeiten wir mit Online-Wikis ganz nach Bedarf.

Ich persönlich bin froh, die Abwechslung zwischen Stadt und Land zu haben: Ich lebe mit meiner Familie im beschaulichen Friedberg, bin aber etwa die Hälfte des Monats unterwegs in ganz Deutschland, von Heidelberg bis Hamburg. Immer mal wieder aus der Enge der sogenannten Provinz rauszukommen tut mir gut. Ich könnte mir aber nie vorstellen, dauerhaft in einer Großstadt zu leben. Der Trubel und die vielen Menschen würden mich verrückt machen. Gerade in Berlin glauben ja viele nicht daran, dass man auch in einer Kleinstadt kreativ arbeiten und gute Leute finden kann. Das finde ich reichlich arrogant - vor allem wenn die Spötter dann nicht mal wissen, wo die Orte liegen, über die sie sich lustig machen. Dabei arbeiten wir von hier aus auch für große Kunden von Nike über Tefal bis Sage - nur mit dem Unterschied, dass ich hier freier sein kann als in einer Großstadt-Agentur. Dort habe ich das Gefühl, dass sich viele Menschen verbiegen, um den Klischeevorstellungen eines Werbers, Grafikdesigners oder Geschäftsführers zu entsprechen. Wie muss man sich kleiden? In welche Bars und Restaurants muss man gehen, um am Montag den Kollegen davon erzählen zu können? Da ist immer eine große Menge Schein und Unfreiheit dabei. Hier in Friedberg muss sich niemand verstellen." -