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Die Müll-Schlucker

Das schwedische Unternehmen Envac sammelt seit mehr als 40 Jahren mit einer Art Rohrpostsystem Abfall ein. Das ist zukunftsweisend, weil umweltfreundlich. Umso erstaunlicher, dass sich hierzulande kaum jemand dafür interessiert.




- Die Maschine, die den Abfall von Hammarby Sjöstad einsammelt, steht in einem unauffälligen, hausgroßen Betonquader in einem Außenbezirk des neuen Stockholmer Öko-Stadtteils. Von außen führt ein Metallrohr von 50 Zentimetern Durchmesser in eine unterirdische Halle. Hier unten verzweigt sich das Rohr, der Müll landet in einem von drei Containern - für Restmüll oder Altpapier oder Biomüll.

Hier unten ist alles blitzblank und fast geruchsfrei, die Gerätschaften leuchten in Grasgrün und Himmelblau. In einer Ecke steht ein Terminal mit sechs Pegelanzeigen, einem kleinen Bildschirm und einer Computertastatur. Doch von Arbeitern ist nichts zu sehen: Die Technik wird aus der Ferne gesteuert. Im Nebenraum: drei Elektromotoren, je 75 Kilowatt, mit dem Röhrensystem verbunden. Die Maschine von Hammarby funktioniert wie ein riesiger Staubsauger, der die Hinterlassenschaften von 7500 Anwohnern schluckt. Und vielleicht ist sie die Zukunft der Müllentsorgung für Großstädte weltweit.

Wobei: "Entsorgung ist eigentlich nicht das richtige Wort", sagt Jonas Törnblom, der mitten im Rohrgewirr steht. "Wir sammeln den Abfall nur ein." Törnblom, drahtig, braun gebrannt, ausgeleiertes grünes Polohemd, ist Marketingchef des schwedischen Unternehmens Envac, dem Hersteller des Müllsaugers. "Waste Collection" nennt er das Geschäft, und obwohl der 51-Jährige fließend Deutsch spricht, fällt ihm keine Übersetzung ein. "Abfallsammlung" ist ein selten verwendeter Ausdruck, in Deutschland wird jedenfalls kaum darüber diskutiert: Müll sammeln die Müllmänner ein, die ihn in die Müllwagen kippen. "Im Großen und Ganzen ist die städtische Abfallentsorgung bei Ihnen organisiert wie vor 200 Jahren", sagt Törnblom. "Nur kommt statt der Pferdekutsche ein Lastwagen, und aus Säcken wurden Kunststoffbehälter."

Keine Mülltonnen, kein Gestank: Das ist attraktiv

Dass es anders geht, zeigt Envac seit 1961. Wer in einem mit diesem System ausgestatteten Haus wohnt, steckt seine Säcke statt in rollende Abfalleimer in fest installierte Einwurfschächte vor dem Haus. Diese sind über unterirdische Röhren mit der Sammelstelle verbunden. Mehrmals am Tag springt der große Sauger an und schluckt die Beutel in die zentralen Container, die alle paar Tage von Lastern abgeholt werden. Keine Müllräume, Mülleimer, Müllwagen mehr in Wohnvierteln. Kein Gestank, kein herumfliegender Abfall, kein morgendliches Rumpeln. So preist Envac sein System seit Jahrzehnten an. Und mittlerweile finden immer mehr Stadtplaner auf der ganzen Welt diese Idee plausibel.

Außerhalb von Schweden war die Firma bis vor Kurzem in Spanien am erfolgreichsten. Dort wird diese Technik nicht nur in Neubausiedlungen eingesetzt, sondern auch, um historische Stadtkerne für Touristen attraktiv zu halten: Urlauber kennen die eingemauerten Abfallschlucker in der Altstadt von Palma de Mallorca. Barcelona verfolgt, wie diverse andere iberische Gemeinden, gar einen Masterplan, der die unterirdische Sammlung künftig flächendeckend vorschreibt.

Knapp 600 Envac-Systeme sind in 30 Ländern im Einsatz, etwa 300 neue werden gerade gebaut - von Peking über Dubai bis London. Die am stärksten wachsenden Märkte sind heute Asien und der Nahe Osten. Weltweit verschwindet der Müll von etwa drei Millionen Menschen in Saugern der Schweden. Eine internationale Erfolgsstory, die - von Ausnahmekunden wie der Universitätsklinik in Heidelberg oder der Frankfurter Kreditanstalt für Wiederaufbau abgesehen - an Deutschland vorbeigegangen ist.

Dabei war Deutschland der erste ausländische Markt; im olympischen Dorf in München lief eine Anlage. Die Technik hätte sich durchaus verbreiten können. Doch dann kamen das Duale System, Mülltrennung, Recycling über Deutschland, und darauf war Envac nicht vorbereitet. Die Röhrenkonstruktion der Schweden konnte nur eine Sorte Müll - im Fachjargon Fraktion - aufnehmen. Damit war das Unternehmen aus dem Rennen.

Heute transportiert eine Envac-Anlage auf Wunsch drei oder vier verschiedene Fraktionen - meist sind es Papier, organische Abfälle und Restmüll -, die in verschiedenen Einwurfschächten gesammelt und einfach abwechselnd durch die Leitung gesaugt werden. Aber in Deutschland war der Zug abgefahren. Törnblom, der mit einer Deutschen verheiratet ist, leitete eine Zeit lang das Hamburger Büro der Firma und versuchte ein paar Jahre, im Land der Mülltrenner doch noch ins Geschäft zu kommen. Weil die Röhren am besten in großen Neubauprojekten gleich mit verlegt werden, wäre die damals entstehende Hafencity ein perfekter Kunde gewesen - doch Törnbloms Werben blieb vergeblich. "Die Deutschen sind offenbar ganz zufrieden mit ihrem System der Müllbeseitigung", sagt er und zuckt die Schultern. Envac hat das Hamburger Büro wieder aufgegeben.

Envac hat Erfolg. Auch ohne den deutschen Markt

Inzwischen können es sich die Schweden leisten, den deutschen Markt zu kompliziert zu finden, zu zersplittert, verstrickt in Seilschaften und Standortpolitik. Envac hat andere Märkte gefunden. Der Umsatz ist seit dem Jahr 2000 jährlich um rund 20 Prozent gewachsen, auf zuletzt rund 130 Millionen Euro. Im Krisenjahr 2009 werden es immerhin noch acht Prozent Wachstum sein, 2011 will Envac wieder 20 Prozent erreichen. 2008 stieg der Gewinn um 34 Prozent auf rund zehn Millionen Euro nach Steuern und der Auftragsüberhang auf mehr als 240 Millionen. "Das beste Jahr bisher", heißt es im Geschäftsbericht dazu.

Die Envac-Zentrale in Stockholm erstreckt sich über zwei Etagen eines schmucklosen Klinkerbaus in einem Industriegebiet. An den Wänden hängen vergilbte Fotos von Betriebssport-Wettbewerben. Eine Mischung aus Behördenmief und Ingenieurkumpelei. In einem Raum stehen vier Monitore, davor Bartträger in kurzärmeligen Hemden - von hier aus können sie Systeme auf der ganzen Welt fernsteuern, wenn doch mal eine Leitung verstopft ist. Das war es dann aber auch schon an Hightech, was in der bodenständigen Natur der Sache liegt - Müll sammeln bleibt auch bei Envac letztlich Mechanik. Die Zukunft besteht hier aus Rohren, Ventilen und Motoren.

Auf dem Gang zeigt Jonas Törnblom eine Karte von Stockholm mit Lämpchen, wo die Saugsysteme überall laufen. Törnblom sucht den Schalter und seufzt, erleichtert, dass die Birnen noch leuchten. Man ist hier eindeutig nicht auf Besucher eingestellt. Dann hat sein Chef Zeit für ein Interview.

Christer Öjdemark trägt als Einziger Schlips und Anzug. Der Präsident und CEO erzählt von den spektakulären Wachstumszahlen der vergangenen Jahre ("Das Produkt ist seit mehr als 40 Jahren da, aber der Markt war nicht so weit"). Von enormen Zukunftspotenzialen in Asien, Nahost und Brasilien ("Da entsteht eine neue Mittelklasse, für die werden Hochhäuser gebaut, wo unser System sehr effizient ist"). Er rattert Finanzierungsmöglichkeiten herunter ("In Spanien und Portugal kaufen die Kommunen unser Netz und sparen an den Entsorgungskosten. In Großbritannien zahlt der Investor und spart an Fläche, die er für Parkplätze aufwenden kann. In Schweden zahlen die Bauherren und sparen an Fläche und ermäßigten Müllgebühren"). Er erzählt von Prestigeprojekten wie der künstlichen Insel Pearl in Dubai ("Sehr salzhaltiger Sand, nicht gut für die Rohre") oder der Ökostadt Masdar in Abu Dhabi, ("Noch ist nichts unterschrieben, aber ich bin sehr optimistisch"). Nur über Deutschland spricht Öjdemark nicht.

Fragt man ihn danach, glitzert Spott in seinen Augen: "Wir haben einen so großen Erfolg auf anderen Märkten", sagt er und meint: Wir brauchen Deutschland nicht. Der Markt dort sei schwierig, der Kuchen aufgeteilt, und "das Duale System will für gar nichts zahlen". Was dazukommt: "Sie bauen ja keine neuen großen Wohngebiete mehr." Er meint: Und schon gar keine ganzen Städte wie in China oder am Golf. Öjdemark sagt: "Wir gehen nicht mehr für ein oder zwei Projekte in ein Land."

Aber wie kann es sein, dass ein 40 Jahre altes Prinzip, ein mechanisches Monstrum, das aus Ventilatoren und Röhren besteht, ein System, für das Straßen aufgebuddelt und Leitungen verlegt werden müssen, eine Technik, die Müll nicht entsorgt, sondern nur einsammelt, dass diese retrofuturistische Umständlichkeit Stadtplanern plötzlich als Zukunftsvision gilt?

Olle Cyrén war Unternehmensberater, bevor er bei der Stockholmer Stadtverwaltung anheuerte. Er trägt einen gut geschnittenen schwarzen Anzug zum weißen Hemd. Der 47-Jährige sitzt in seinem kleinen Beamtenbüro, blinzelt durch die Hornbrille und überlegt einen Moment: "Das Umweltthema überstimmt heute alle anderen Argumente", sagt er dann. "Nicht mal in der Finanzkrise wurden Mittel für Hammarby infrage gestellt."

Und Envacs Rohre sind ein zentraler Teil des Konzeptes für das seit 2001 wachsende Öko-Viertel. Cyrén ist der leitende Stadtplaner. Die unterirdische Sammlung reduziere den Verkehr erheblich, sagt er, damit auch Emissionen. Weil der Abfall gleich sortiert wird, sei es leicht, aus dem Biomüll Gas zu gewinnen. Dazu kam das Argument, Apartments in einem Viertel ohne Dreck und Gestank verkaufen zu können. Künftig, sagt Cyrén, werde er das System bei allen Entwicklungsprojekten einplanen.

Stockholm wird 2010 European Green Capital, die Stadt hat einen Ruf zu verlieren. Sie zahlt den Müllsauger, der pro Wohneinheit etwa 2500 Euro an zusätzlichen Baukosten verursacht, allerdings nicht selbst. Aber sie schafft attraktive Rahmenbedingungen, damit Bauherren die Technik kaufen: Stockholm senkt die Müllgebühren für Häuser mit Envac-System um die Hälfte, weil die Betriebskosten im Vergleich zur manuellen Sammlung um 30 bis 40 Prozent geringer ausfallen. Die Investoren sparen außerdem kostbare Fläche, die sie sonst für Mülltonnen und Zufahrten einplanen müssten. Nach 10 bis 15 Jahren hätten sich die Mehrkosten amortisiert, heißt es bei Envac.

Stadtplaner Cyrén glaubt, dass das in etwa hinkommen könnte, genau weiß er es nicht. Ihm ist der Image-Gewinn wichtiger:

"Die Menschen wollen ökologisch wohnen, aber sie wollen es nicht merken. Sie wollen keine Opfer bringen." Darum hat Stockholm für das Projekt Hammarby alle Investoren, Versorger, Verwaltung und Baufirmen zur Entwicklung des Masterplans zusammengebracht. Gemeinsam haben sie das ganzheitliche "Hammarby-Modell" entwickelt, verbindliche Standards für Recycling-Quoten und Emissionen festgeschrieben und die Müllschlucker fest einbauen lassen. "Ökologische Technik muss einfach sein, wie die Bedienung der Heizung oder des Wasserhahns", so Cyrén, "dann akzeptieren die Menschen sie."

Die "Convenience-Vorteile" des Systems sieht auch Thorsten Pitschke vom deutschen Bifa Umweltinstitut, weniger aber die ökologischen: "Ein pneumatischer Transport erfordert trotzdem Energie." Am Ende sei es weniger wichtig, ob sich Lkw durch die Straßen drängeln, sondern ob der Müll effizient sortiert und recycelt werde. Und da sei das hiesige Duale System im internationalen Vergleich sehr erfolgreich. Nachdenklich macht den Experten allerdings, dass Cyrén in Hammarby eine Fehlwurfquote - also durch Bewohner falsch sortierten Müll - von nur 10 bis 15 Prozent beobachtet und diese dank Aufklärungsmaßnahmen zuletzt sogar auf fünf Prozent gedrückt haben will. "Wenn das stimmt, ist es eine traumhafte Zahl", sagt Pitschke. In Deutschland sei das ein heikles Thema, man spreche von "50 Prozent Fehlwürfen, in innerstädtischen Gebieten von noch mehr". So richtig mag der Experte nicht glauben, dass es das andere Einwurfsystem ist, das zu so viel besseren Zahlen führt. Vermutlich seien Bewohner einer Ökosiedlung als statistische Größe nicht so repräsentativ - einen Trend zeigt die Quote dennoch an.

Denn es bleibt die Frage, warum es in der deutschen Abfallsammlung keine Innovationen geben soll. "Müllwagen sind anachronistisch", findet Rainer Stegmann, emeritierter Professor der Technischen Universität Hamburg-Harburg, der sich während der Planungsphase der Hafencity vergeblich für unterirdische Abfalllösungen stark gemacht hatte. "Wenn man umstrukturiert, ist das ein schwieriger Prozess. Die Entsorger haben viel Geld in die Wagen investiert." Und rege man ein automatisches System an, das wie jenes aus Schweden ohne Müllmänner funktioniert, "kommt gleich die Gewerkschaft".

Und doch gibt es eine neue Entwicklung, die einen Wandel im starren - manche sagen: verfilzten - deutschen Entsorgungssystem auslösen könnte: der steigende Wert des Mülls. "In Deutschland war unterirdische Abfallsammlung bislang kein Thema, aber das ändert sich gerade", sagt Frank Steinwender, Fraunhofer-Experte für Umwelt- und Entsorgungstechnik. Sortierter Müll ist eine Ware, man muss ihn neuerdings abschirmen. Bereits heute lassen Unternehmen wie Innotec im Auftrag von Hausverwaltungen nachts graue Tonnen nach Verpackungsabfällen durchwühlen. Den kommunalen Entsorgern entgehen so Einnahmen, darum testen sie derzeit Sammelbehälter unter der Erde - unzugänglich, aber ohne Sauger. Der Kampf um den Müll hat gerade erst begonnen. Steinwender sieht einen Wandel der gesamten Branche "Die Kommunen mit ihren großen Stoffmengen haben eine Riesenchance. Sie können ihre Müllentsorgungs-Unternehmen zu Ressourcen-management-Unternehmen umbauen."

Weil dieses sogenannte Urban Mining immer attraktiver wird, könnten Sammelsysteme, die den wertvollen Materialmix gleich automatisch abtransportieren, auch in Deutschland irgendwann eine Rolle spielen. Für Karsten Hintzmann, Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft BDE, klingt das wie "hochinteressante Zukunftsmusik". Der Recycling-Konzern Remondis sei schon jetzt einer der international größten Silberproduzenten - das Edelmetall stammt unter anderem aus Technikschrott wie Leiterplatten. Mit anderen Worten: "Der einzige Rohstoff, den Deutschland auf Dauer hat, ist Abfall." Hintzmann sieht seine Branche denn auch "nicht mehr als klassische Müllkutscher, sondern als Rohstoffproduzenten". Steigen nach der Krise die Preise für Primärrohstoffe wieder und sollten Deutschlands 300 Millionen Tonnen Abfall künftig maximal verwertet werden, "müssen wir zu komplett geschlossenen Kreisläufen kommen", so Hintzmann.

Das wäre dann wohl das Ende der klassischen Mülltonne - und vielleicht doch noch die Stunde von Envac in Deutschland.-