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Reiner Klingholz im Interview

Eine neue Straße, eine subventionierte Fabrik, eine schmucke Infrastrukturmaßnahme. So reagiert Politik üblicherweise, wenn einer Region die Menschen weglaufen. Mit mäßigem Erfolg. Berliner Forscher haben im Auftrag der Bundesregierung eine radikal neue Idee entwickelt. Und sich damit eine Menge Ärger eingehandelt.




brand eins: Herr Klingholz, haben Sie in letzter Zeit viele wütende Mails aus der Altmark, dem Saarland oder der Lausitz erhalten?

Reiner Klingholz: Keine einzige.

Die Leute dort hätten allen Grund, wütend auf Sie zu sein: Sie wollen den Regionen, die ohnehin unter Entvölkerung und Wirtschaftsschwäche leiden, auch noch die Fördermittel streichen.

Uns geht es weder um Kürzen noch Abkoppeln, sondern um eine ehrliche Entscheidung, in welchen Gegenden künftig nur noch eine Grundversorgung bereitgestellt werden kann -und welche gefördert werden sollen. Unterstützen kann man aber nur etwas, das auch eine Chance hat, sich zu entwickeln. Und manche Regionen sind nicht mehr förderbar, weil es ihnen schlicht an Menschen und Ideen fehlt.

Jedes Jahr pumpt die Bundesregierung Millionen Euro in strukturschwache Regionen. In einer Studie im Auftrag des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung haben Sie die Effekte untersucht. Ihr Ergebnis?

Wir schätzen, dass mehr als die Hälfte der Mittel ohne messbaren Erfolg versickert. Schlimmer noch: Die Misserfolge werden nicht systematisch ausgewertet, es gibt keine Evaluierung und keine Kultur des Lernens voneinander. Deswegen muss die Förderung ganz neu organisiert werden. Wer diesen Gebieten eine Chance geben will, muss ihnen die Freiheit gewähren, selbst zu testen, was überhaupt noch geht.

Ihr Auftraggeber, der für den Aufbau Ost zuständige Bundesverkehrsminister, hat sich gleich nach Veröffentlichung von Ihnen distanziert. "Soll die alte Frau, die sich an ihr Dorf, ihr Häuschen, ihr Tomatenbeet klammert, ins Pflegeheim im Oberzentrum verfrachtet werden?", schreibt Wolfgang Tiefensee in einer öffentlichen Replik. "Sollen die Jugendlichen durch den Abbau aller Freizeitangebote den Rechtsextremen in die Arme getrieben werden?"

So traurig das ist: Nach der alten Frau mit dem Tomatenbeet wird in vielen Orten nichts mehr kommen. Schreibt man die derzeitige Entwicklung fort, dann werden 2050 in Deutschland acht bis zwölf Millionen Menschen weniger leben als heute - das entspricht ungefähr der gesamten Bevölkerung der neuen Bundesländer mit Ausnahme des Großraums Berlins. Die Vorstellung, dass es trotzdem weitergehen könnte wie bisher, ist absurd. Die Leute fallen ja nicht vom Himmel.

Was bedeutet das in der Konsequenz?

Im Osten Deutschlands werden sich ganze Gebiete leeren - egal, ob wir nun weitere Fördermittel hineinpumpen oder nicht. Wir müssen uns damit abfinden, dass es Regionen gibt, in denen wir nur noch eine angemessene Grundversorgung sicherstellen können: Notfallrettung, Erreichbarkeit für Ordnungskräfte in angemessener Frist, Versorgung von Hochbetagten, Wasser und Strom, Telefon- und Internetanschluss. Mehr geht nicht.

Minister Tiefensee verweist auf Frankreich, wo viele Menschen aufs Land zögen. Dank Breitbandversorgung sei das Arbeiten fernab der Metropolen für viele kein Problem mehr. Hat er recht?

Ja, nur fußt der Vergleich auf einem fundamentalen Irrtum: Während wir massiv schrumpfen -, in Deutschland gibt es seit 1972 durchgehend mehr Sterbefälle als Geburten - wächst Frankreich stark. Die Franzosen kriegen dank einer sehr modernen und sehr kontinuierlichen Familienpolitik weitaus mehr Kinder als wir. Mittlerweile wird es vielen Franzosen in den Städten zu eng, und sie gehen aufs Land, wo sie übrigens eine weitaus bessere Infrastruktur vorfinden als im deutschen Hinterland.

Was können die deutschen Schrumpfregionen tun?

Derzeit verfolgen sie vor allem zwei Strategien, die leider beide zum Scheitern verurteilt sind. Die eine besteht im Gesundschrumpfen, also dem Zurückfahren von Infrastruktur und Angeboten angesichts sinkender Einwohnerzahlen. Damit wird eine Region aber noch einmal unattraktiver - mit der Folge, dass sie noch mehr Menschen verliert.

Die andere ist das Gegensteuern und damit der Versuch, eine Entwicklung aufzuhalten, die sich längst nicht mehr aufhalten lässt. Es ist extrem schwer, per Dekret Arbeitsplätze zu schaffen. Die DDR konnte das noch, indem sie Fabriken, Truppenstandorte oder ganze Kombinate ins Nichts gesetzt und so Tausende Arbeitsplätze geschaffen hat. Auf diese Weise sind von Eisenhüttenstadt bis Bitterfeld künstlich Städte gewachsen - genau jene Orte, deren artifizielle Strukturen nach der Wende als erste zusammenbrachen und heute am meisten leiden.

Moment - was ist mit ostdeutschen Erfolgsstorys wie dem Silicon Valley rund um Dresden und dem thüringischen Solar-Cluster?

Das Solar-Cluster ist ein Sonderfall, weil hier mit extremem Mitteleinsatz eine völlig neue Industrie aufgebaut und sehr klug im Osten platziert wurde. Fast überall aber, wo der Osten etwas aufbauen wollte, was auch der Westen kann, ist er gescheitert. Viele Automobilzulieferer beispielsweise, die mit Riesensubventionen rund um Zwickau angesiedelt wurden, sind, sobald die Subventionen aufgebraucht waren, nach Rumänien weitergezogen.

Im Grundgesetz wird noch eine "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" für die gesamte Bundesrepublik gefordert. Müssen wir uns von diesem Ziel verabschieden?

Wir haben es längst getan, und auch die Politik tut es. Seit der Wende hat sie mehr als 2000 Schulen in Ostdeutschland und damit das wichtigste Infrastrukturangebot einer Region geschlossen. Überall werden Ämter zugesperrt, die Bahn fährt nicht mehr. Der Staat tut genau das, was er vorgibt, nicht zu wollen.

Unter Bevölkerungsschwund leiden unter anderem der Ruhrpott, das Saarland, Nordhessen und die Rhön, besonders stark aber die neuen Bundesländer. Warum gerade die?

Weil die Jungen, die Qualifizierten und die Frauen in Scharen aus Ostdeutschland abgewandert sind. Der Verlust von mehr als 1,7 Millionen Menschen führt zu einer intellektuellen, sozialen und auch einer demografischen Erosion, weil es ohne die jungen Frauen von heute morgen keine Kinder geben kann. Dazu kam nach der Wende ein Geburteneinbruch auf 0,77 Kinder pro Frau - der niedrigste Wert, der jenseits von Kriegszeiten weltweit je registriert wurde. Die Kinder, die nach der Wende nicht geboren wurden, fehlen heute in den Schulen und morgen an den Universitäten.

Dass Junge und Qualifizierte aus chancenarmen Regionen abwandern, überrascht nicht. Warum aber Frauen?

Deren Exodus ist in der Tat erstaunlich, zumal sich der Arbeitsmarkt in den neuen Bundesländern sehr frauenfreundlich entwickelt hat. Während viele klassische Malocherjobs in Landwirtschaft, Bergwerken und Produktion weggefallen sind, sind gleichzeitig Dienstleistungsjobs entstanden, die eher von Frauen ausgefüllt werden. Warum also verlassen sie dann ihre Heimat? Wir haben das untersucht und als Grundursache die eklatanten Bildungsunterschiede ausgemacht: In den neuen Bundesländern legen Frauen zu 50 Prozent häufiger die Abiturprüfung ab als Männer. Männer - oder besser: Jungs - hingegen beenden die Schule doppelt so häufig wie Mädchen lediglich mit einem Hauptschul- oder gar keinem Abschluss. Die besser qualifizierten Frauen haben also viel bessere Chancen im Westen. Und die nutzen sie.

Sie fordern, Regionen sollten künftig selbst innovative Konzepte vorlegen, wie bei ihnen Arbeitsplätze und Bewohner angezogen werden könnten. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?

Die Alternative wäre, Regionen mit noch mehr Geld zu stützen und dennoch nichts zu erreichen. Ohne kreative Menschen vor Ort wird es keine Entwicklung geben.

Wie könnten deren Konzepte aussehen?

Die erfolgversprechendsten kennen wir noch gar nicht. Solche Konzepte müssen sich vor Ort entwickeln und etablieren können, und dafür muss man die Leute machen lassen. Nur wo Bürger ernst genommen werden, übernehmen sie auch Verantwortung.

Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass sich Investitionen in Menschen besser auszahlen als Investitionen in Infrastruktur?

Ein gutes Beispiel dafür sind Schweden und Finnland - Länder, die in weiten Teilen viel dünner besiedelt sind als unsere Problemregionen. Dort aber steuern die Regionen beispielsweise ihre Schulplanung autonom, das heißt: Sie orientieren sich an den Bedürfnissen und Möglichkeiten. Gründen wir eine Zwergschule? Kooperieren wir mit anderen Gemeinden? Lassen wir die Lehrer pendeln? Diese Fragen entscheiden Eltern, Gemeinden und Lehrer gemeinsam. So fördert man nicht nur eine ausgezeichnete Schulbildung - wie Finnlands gutes Abschneiden in der Pisa-Studie belegt -, sondern auch Lösungen, mit denen die Betroffenen zufrieden sind, weil sie sie mit entwickelt haben. Deshalb ist Autonomie ein so wichtiger Erfolgsfaktor für die Regionalentwicklung.

Klingt theoretisch überzeugend. Gibt es praktische Beispiele?

Nehmen Sie das Thema Energie: Gerade in abgelegenen Regionen ist das Potenzial, sich selbst zu versorgen, oft groß. Meist braucht es nicht viel Energie, dafür aber gibt es viele Ressourcen wie Biomasse, Erdwärme, Flächen für Wind- oder Solarenergie. Eine Region könnte das Zukunftsmodell Energieautarkie erproben, damit Geld verdienen und Arbeitsplätze schaffen. Natürlich würden dabei auch Projekte scheitern. Aber das tun sie heute auch.

Ein solcher Ansatz erfordert ein ganz neues Denken.

Richtig. Nach zwei Jahrzehnten übertriebener Investitionen in Infrastruktur müssen wir weit weniger in Strukturen und viel mehr in Dienstleistungen denken.

Was heißt das?

In puncto Bildung etwa bedeutet Struktur üblicherweise: ein Schulgebäude mit soundso vielen Klassenzimmern, soundso vielen WCs und einer Wohnung für den Hausmeister. Dienstleistung hingegen heißt: Kinder schlauer machen. Wenn man in Dienstleistungen denkt, sind plötzlich ganz neue Lösungen möglich, die heute noch durch Gesetze, Regeln und Traditionen verhindert werden. Um eine vernünftige Entwicklung zu fördern, muss man Regeln für eine bestimmte Zeit außer Kraft setzen dürfen.

Ihr Vorschlag trägt den Titel "Projekt Zukunftsregion". Das klingt, mit Verlaub, genauso überzogen wie jene Projekte von Europäischer Union oder Bundesregierung, die reihenweise gescheitert sind.

Wir brauchen Regionen, die bereit sind, in Kernbereichen wie Bildung, medizinischer Versorgung, Altenbetreuung oder Energieversorgung Konzepte vorzulegen, die so innovativ sind, dass sie auch für andere Regionen taugen. Damit wären sie nicht mehr Problem-, sondern Zukunftsregionen - nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt. Deshalb der Name.

Wie bitte?

Schrumpfgebiete und alternde Gesellschaften sind unsere Testfelder für die Welt von morgen, denn viele Länder werden in Zukunft einen Bevölkerungsschwund bei mehr alten Bewohnern erleben. Mit Ausnahme einiger afrikanischer Länder gehen heute fast überall auf der Welt die Kinderzahlen stark zurück. Der gesellschaftliche Alterungsprozess wird Malaysia, China oder Thailand stärker treffen als uns. Überall werden also Konzepte für ein Wohlergehen einer Gesellschaft ohne Bevölkerungswachstum gebraucht. Wir haben die Chance, in dieser Frage der Pionier der Pioniere zu sein.

Das klingt langfristig vielversprechend. Der alten Dame, die allein in ihrem Dorf zurückbleibt, ist damit heute aber nicht geholfen.

Dieser alten Dame ist auch nicht damit geholfen, indem wir ihr etwas vormachen. Sie braucht eine angemessene Versorgung oder das Angebot, kostenlos in ein vielleicht schöneres Haus in der nächsten Kleinstadt zu ziehen.

"Eine solche Brutalität (wie das Berlin-Institut sie fordert) verbietet gottlob unsere Verfassung", sagt Minister Tiefensee, spricht von "Manchester-Regionalismus" und davon, dass er nie "verlorene Regionen" akzeptieren werde. Hat Sie diese Distanzierung geärgert?

Ich verstehe sie als politische Aussage, die kaum an der Realität orientiert ist. Ich finde aber, Wissenschaft muss sich an die Realität halten. Wir machen uns fast mit jeder unserer Studien Feinde, weil wir ansprechen, was andere höchstens vorsichtig umschreiben. In Wirklichkeit aber weiß die Politik sehr genau, um was es geht. Insofern halte ich es für sehr sinnvoll, wenn man sich - so, wie es der Bundesbauminister getan hat - von externen Experten wie uns einfach mal neue Wege aufzeigen lässt.

Wenn man sich das Verhalten des Ministers anschaut: Kann Politik überhaupt sinnvoll steuern, oder liegt es in ihrer Natur, dass sie sich auf populistische Versprechen von Wohltaten beschränkt?

Die Politik kann sehr wohl steuern und tut es abseits der Öffentlichkeit auch. Wir arbeiten zum Beispiel trotz allen Ärgers in einer staatlichen Arbeitsgruppe mit, die in einem ostdeutschen Bundesland nach Antworten auf den demografischen Wandel sucht. In der Öffentlichkeit aber tritt die Politik ganz anders auf, speziell vor Wahlen - egal, ob es um Renten oder das angeblich erreichbare Ziel der Vollbeschäftigung geht. Jeder weiß: Da werden Märchen erzählt, von denen alle wissen, dass es Märchen bleiben werden. Die Politik traut sich nicht, der Öffentlichkeit Wahrheiten zuzumuten, die sie in der Regel schon kennt.

Angenommen, Sie wären der Bundesbauminister: Wie würden Sie den Leuten das Streichen von Subventionen verkaufen?

Positiv. Ich glaube, dass viele Regionen eigene Potenziale haben, die wir noch gar nicht kennen. Das muss man ihnen klarmachen. Wir müssen den Menschen mehr Freiheiten geben. Wir brauchen einen zulassenden Staat.

Wenn dieses Interview erscheint, wird in Berlin eine neue Regierung gebildet. Wie groß ist die Chance, dass die Ihre Vorschläge umsetzt?

Gar nicht so gering, weil der Druck in den Schrumpfregionen so groß ist, dass mittlerweile auch die Bereitschaft groß ist, sich diesen Problemen zu widmen. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hat eine sehr viel größere Offenheit fürs Thema als sein hessischer Kollege. Dabei geht es in Nordhessen demografisch gesehen auch nicht anders zu als in Brandenburg. Mehr als die Hälfte aller bundesdeutschen Landkreise schrumpft bereits.

Was wäre, wenn alles so weiterliefe wie bisher?

Dann wird noch mehr Geld wirkungslos verschleudert. Und darauf werden die Menschen so reagieren, wie sie bisher auch reagiert haben: Sie gehen weg. ---

Reiner Klingholz ist Chemiker, Molekularbiologe und ehemaliger Wissenschaftsredakteur. Seit 2003 leitet der 56-Jährige das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Im Auftrag des (auch für den Aufbau Ost zuständigen) Bundesverkehrsministers Wolfgang Tiefensee, S PD, haben er und seine Kollegen kürzlich eine Studie zum Umgang mit schrumpfenden Regionen erstellt, die zu radikalen Ergebnissen kam.

Die Untersuchung "Demografischer Wandel - Ein Politikvorschlag unter besonderer Berücksichtigung der neuen Länder" wurde zunächst von Minister Tiefensee persönlich vor Journalisten präsentiert, dann aus dem Netz genommen und schließlich, nachdem ihm die FDP einen "Akt der Zensur" vorwarf, wieder auf die Ministeriums-Website gestellt. Das Berlin-Institut hingegen darf sie nicht herausgeben. Auf der Ministeriums-Website ist sie lediglich mit einem vorgeschalteten Kommentar verfügbar.

Der demografische Wandel ist weder ein ostdeutsches noch ein zukünftiges, sondern ein bundesdeutsches und höchst aktuelles Phänomen. Bereits in den vergangenen sechs Jahren ist Deutschland um etwa eine halbe Million Einwohner geschrumpft. Bis 2050 werden hierzulande Prognosen zufolge acht Millionen Menschen weniger leben als heute. Bereits jetzt fehlen dem Ruhrgebiet, Saarland und Bremerhaven die Bewohner. Im Osten leiden weite Teile unter schrumpfender Bevölkerung, Vergreisung und dem Mangel an jungen Frauen. Weniger Menschen bedeuten weniger Einnahmen für die Gemeinden, steigende Pro-Kopf-Kosten für die Infrastruktur und ein schlechteres Versorgungsangebot, was die Region noch einmal schwächt. Allein in Sachsen sind seit Mitte der neunziger Jahre rund 800 Schulen geschlossen worden, weil sich die Zahl der Schüler fast halbiert hatte. Mittlerweile werden dort Facharbeiter, Lehrlinge und Studenten knapp.

Wie sächsische Landkreise mit dem demografischen Wandel umgehen, ist unter anderem in der neuesten Ausgabe des Magazins "brandeins Neuland" nachzulesen, das die Region Dresden vorstellt. Mehr lesen ...