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Die Leichtigkeit des Scheins

Aus Rio de Janeiro schickt man Ansichtskarten. Aus São Paulo E-Mails.
Deshalb glaubt mancher, Rio sei Brasilien. Welch ein Irrtum.




• Wer Brasilien sagt, denkt an Rio de Janeiro, meint die Copacabana, schwärmt von Fußball und Karneval, fürchtet sich vor den Gangstern und fliegt am besten nicht hin. Dieses Land ist ja wohl nicht ernst zu nehmen. Ein kolossaler Irrtum.

Rio de Janeiro liegt zwar am Meer, ist jedoch weder die größte Metropole noch der wichtigste Industriestandort des Landes und schon gar nicht der kulturelle Mittelpunkt. Das alles ist São Paulo. Und zwar schon seit einem halben Jahrhundert.
Aber alle reden von Rio.

São Paulo ist mit täglich rund 120 Flügen ins Ausland enger mit der Welt vernetzt als Rio de Janeiro mit lediglich 30. Santos, der Hafen von São Paulo, setzt zehnmal mehr Fracht um als der Hafen von Rio de Janeiro. Ein erheblicher Teil der gesamten brasilianischen Wirtschaftsleistung wird in São Paulo erbracht. São Paulo ist zudem ein wichtiger Industriestandort außerhalb der Bundesrepublik; rund 1000 deutsche Betriebe haben sich dort angesiedelt.
Und mit seinen 20 Millionen Einwohnern hat São Paulo Rio de Janeiro mit nur 12 Millionen längst abgehängt.

Um das festzustellen, braucht man keine Statistik zu studieren, es reicht schon eine Busfahrt über die Via Dutra. 1951 wurde die 440 Kilometer lange Autobahn erbaut, die Rio de Janeiro mit São Paulo verbindet. Sobald man Rio de Janeiro hinter sich lässt und in die Nähe von São Paulo kommt, gibt es keine Schlaglöcher mehr auf der Fahrbahn, keine Bretterbuden mehr am Straßenrand. Der Verkehr fließt in einem breiten Strom, vorbei an hell erleuchteten Tank- und Raststätten, die blitzsauber und hochmodern sind. Es ist, als käme man vom Balkan nach Mitteleuropa.

Das war nicht immer so. Vor bald mehr als hundert Jahren überstrahlte der Stern von Rio alle anderen Orte südlich des Äquators auf dem Kontinent. Die Atlantikmetropole funkelte im elektrischen Licht und sonnte sich in der Belle Epoque. Oswaldo Cruz, ein Schüler von Louis Pasteur, hatte gerade mit der modernen Tropenmedizin das Gelbfieber besiegt, die Baumeister der jungen Republik hatten breite Boulevards in die koloniale Altstadt geschlagen. Die Sklaverei war seit 30 Jahren abgeschafft, an arbeitswilligen Kräften mangelte es in der Haupt- und Hafenstadt nicht, die neben den Flüchtlingen aus Europa Lebenskünstler und Glückssucher aus aller Welt anlockte. Hier herrschte ein frivoles Klima, wohl auch, weil die vorangegangene Monarchie in Rio rauschende Feste gefeiert hatte. Ökonomisch lebte die Stadt von Steuern und Zöllen, vom Höker und Handel, von Liebe und Luft, aber kaum von rechtschaffener Arbeit. Genauso wie heute, bloß dass die Einnahmen aus der Erdölförderung vor der Küste hinzugekommen sind.

Rio de Janeiro war der Kaffee nicht bekommen. Die Plantagenherren im Hinterland der damaligen Hauptstadt hatten zu lange an der Sklavenwirtschaft gehangen – in der Provinz São Paulo war man da cleverer und setzte auf die Dampfkraft. Nun wurden die Kaffeebohnen von dort verschifft und nicht mehr über Rio de Janeiro. In Rio verkümmerte der Handel, die Bürokratie blühte. Der „Malandro brasileiro“, der brasilianische Schwejk, der sich durchs Leben und den Paragrafen-Dschungel schummelt, reifte dort zum lokalen Helden. In Rio de Janeiro kam der „Jeitinho brasileiro“ zur Welt – die geschmeidige, lässige Art, allen Widerständen auszuweichen.

Das entsprach nicht der Mentalität der politischen und der wirtschaftlichen Flüchtlinge, die in den Jahren der Weltwirtschaftskrise und des Naziterrors in Europa Zuflucht in Brasilien suchten und sich eine neue Existenz aufbauen mussten – sie gingen in Santos an Land und zogen landeinwärts nach São Paulo weiter. Der berühmte französische Ethnologe und Gastprofessor Claude Lévi-Strauss („Traurige Tropen“) staunte schon in den dreißiger Jahren über die Dynamik von São Paulo, „wo der Stadtplan schon veraltet, bevor er gedruckt wird“.

Die abgelegene Jesuitenklause im Hochland hatte sich zu einem Marktplatz der Kaffeepflanzer, der Viehwirtschaft und Ackerbauern gemausert. Bald siedelten sich Betriebe an, in denen der Kaffee geröstet, die Rinder geschlachtet und die Pflüge geschmiedet wurden. In den dreißiger Jahren überschritt die Einwohnerzahl erstmals die Millionengrenze. São Paulo spannte die Muskeln und wagte sogar einen Aufstand gegen die Zentralregierung, die damals noch in Rio de Janeiro residierte. „Non ducor duco – Ich werde nicht geführt, ich führe!“, steht als Motto im Wappen von São Paulo.

In São Paulo wird das Geld verdient. Rio schwelgt in Nostalgie

Getúlio Vargas, ein brasilianischer Caudillo, führte Brasilien aus der Weltwirtschaftskrise und verordnete der Nation in den vierziger Jahren eine Entwicklungsdiktatur. Mit seinem Selbstmord 1954 war das Kapitel nicht beendet, denn das Konzept der Importsubstitution durch die Entwicklung einer nationalen Industrie setzte sich nun erst recht durch. São Paulo war als Wirtschaftsstandort gefragter denn je und überflügelte Rio. Die Entscheidung des Präsidenten Juscelino Kubitschek, ab 1960 den Sitz der Regierung ins Hinterland zu verlegen, ließ die Paulistas kalt, wirkte aber auf die Cariocas aus Rio de Janeiro wie ein Schlag in den Nacken. „Ehrwürdiges Rio, ewiges Rio / Ozean-Rio, Freund-Rio / Geht die Regierung? Soll sie doch! / Du bleibst und ich mit Dir“, klagte der Poet Carlos Drummond de Andrade und sprach damit vielen aus der Seele.

Seither lebt Rio de Janeiro von der Nostalgie und der Illusion, die populistische Provinzpolitiker hegen. Der schlimmste unter ihnen war Leonel Brizola, der von einem „braunen Sozialismus“ schwadronierte, ausländische Investoren wegbiss und mit der Mafia im Hafen und den Gangstern in den Favelas paktierte. Unternehmen wanderten in Scharen nach São Paulo ab – übrig blieben Staatsbetriebe wie Petrobras und Banco do Brasil, die bis heute mehr Bundesbeamte beschäftigen als die Regierung in Brasília. Kein Politiker aus Rio spielt national die erste Geige, und keiner hatte einen Masterplan für seine Stadt.

„In São Paulo wird das Geld verdient, in Brasília wird es ausgegeben, und in Rio de Janeiro wird es verlebt“, lautet eine brasilianische Redensart. Die Cariocas haben sich damit arrangiert. Nennenswerte Impulse gehen von Rio nicht mehr aus. Rio ist Rentnerstadt – die Copacabana ein Altenviertel, das berühmte „Mädchen von Ipanema“ längst eine alte Vettel. „Ein Scheiß-Badeörtchen, ein Cancun, ein Acapulco voller Schwätzer, Neider, Kanaillen, oberflächlich, boshaft, eng. São Paulo ist dagegen eine echte Metropole, hier ist Leben und Bewegung!“, schimpfte und schwärmte der Theaterregisseur Gerald Thomas.

Dennoch gibt es etwas, worum alle Paulistas die Cariocas beneiden: Rio de Janeiro hat eine traumhafte Lage. An der weiten Guanabara-Bucht, zwischen Postkartenstränden und den Ausläufern der Berge der Serra do Mar gelegen, bei subtropischem Klima mit durchschnittlich 23 Grad Celsius und dabei stets durch den Atlantischen Ozean mit frischer Luft versorgt, zwingt Rio de Janeiro den Besucher geradezu, das Leben von der schönsten Seite zu sehen.

Jedoch weckt Rio auch andere Assoziationen, leider auch die von einer besonders hohen Kriminalität, Gewalt, Drogenhandel und Armut in den Slums. In keiner anderen Stadt Brasiliens ist der Unterschied zwischen Arm und Reich so deutlich wie in Rio. Etwa ein Drittel der Einwohner lebt in den Favelas, die sich rings um die Stadt bis hinauf in die Hügel ziehen. Trotzdem: Rio de Janeiro gegen São Paulo, das ist, als würde man eine Gucci-Handtasche mit einem Plastikrucksack aus dem China-Shop vergleichen. Die Fotos und Filme aus Rio de Janeiro prägen das Bild von ganz Brasilien.

Die Avantgarde sitzt in São Paulo, aber sie macht kein Gewese um sich

„Eine Ansichtskarte wollen Sie?“ Die Hotel-Concierge ist sichtlich in Verlegenheit. „Wissen Sie, aus São Paulo schreibt man Faxe, Mails und Rechnungen, aber kaum Ansichtskarten“, bedauert sie. Das ist verständlich: Wer kauft schon Souvenirs aus einem Kraftwerk? Jede Stadt hat ihren Stil: Der von São Paulo heißt „Mehr Sein als Schein“.

São Paulo beherbergt die kreativsten Köpfe des Landes, die besten Fußballer, die berühmtesten Fernsehstars, die mächtigsten Magnaten. São Paulos Fashion Week, die Biennale, die Buchmesse, die Kongresse, Roadshows, die Museen (71), die Theater (120), die Kinos (280), die kulinarische Szene (12 000 Restaurants, jeden Tag fünf neue) – alles setzt den Maßstab für den Rest von Brasilien.

Moloch, jammern Angsthasen; Mammon, monieren die Neider. Magnet für Talente, das trifft es eher. „Das ist meine Stadt!“, bekennt Washington Olivetto, Brasiliens Werbepapst. Nicht nur er denkt so: Die Paulistas sind stolz auf ihre Metropole, trotz aller Probleme. Stolz, weil alle anderen brasilianischen Großstädte vergleichsweise zweitrangig sind. Weil die Presse von São Paulo den Ton angibt. Weil die Stadt die Mode diktiert. „Mein São Paulo im Nieselregen / London der Nebelschleier / Ein armer Teufel kommt, ist reich! / Aus der Nähe gesehen ist er arm, geht vorbei und bleibt reich“, besingt Mário de Andrade die Megametropole, die die Touristen meiden.

São Paulo ist hässlich, es leidet an schlechter Luft und fährt dem Verkehrsinfarkt entgegen. An schlechten Tagen messen die Behörden Staus von insgesamt mehr als 220 Kilometern Länge – das entspricht etwa der Strecke Berlin-Rostock. Etwa 5,2 Millionen Autos sind in São Paulo gemeldet, 800 kommen jeden Tag hinzu. 42 Prozent der Paulistas benutzen den eigenen Wagen, um zur Arbeit zu gelangen. Bloß 37 Prozent der Einwohner benutzen öffentliche Verkehrsmittel. Das Streckennetz der Metro von São Paulo ist insgesamt 57,6 Kilometer lang, wird ausgebaut und ist doch immer noch zu kurz. 15 000 Busse verstopfen die Straßen. 40 Minuten brauchen die Paulistas im Durchschnitt, um zu ihrer Arbeitsstelle zu gelangen – und noch mal 40 Minuten für den Weg zurück.

Die Stadt ist voll. Neue Investoren ziehen hinaus ins Hinterland, in kleine Millionenstädte wie Curitiba, Campinas, Londrina oder São José dos Campos. In „Sampa“ (São Paulo) zu produzieren kostet einfach zu viel an Geld und Zeit. Die Metropole hat die kritische Größe überschritten. Jetzt setzt Stagnation ein, eine Erfahrung, die Rio schon lange macht.

„Wer keinen Hund hat, jagt mit den Katzen“, heißt es in Rio de Janeiro. Wer einmal auf dem Gipfel des Zuckerhuts stand, wird den Blick über die Stadt und das Meer nie vergessen. Die Touristen tappen mit leichtem Schwindel aus der Seilbahnstation hinaus, hinein in die klimatisierten Busse. Oder nehmen ein Taxi und steuern von der Praia Vermelha hinweg, aus Urca hinaus in den Lavastrom aus Blech, durch den Tunnel auf die Avenida Pincesa Isabel zur Copacabana.

Copacabana, Bucht mit den Fischerhütten: wo sich das Donnern des Atlantiks an einer Wand von Hochhäusern bricht, Sandstrand, Badehafen, Laufsteg der Eitelkeiten und der unverhüllten Sinnenlust. Rio träumt immer noch vom Glamour, vom großen Los und von der Liebe. Jeder Tag ein Fest der Eigenliebe, wenn es schon sonst nichts zu feiern gibt. Beleza pura, reine Schönheit! Das sagt man, wenn es einem gut geht, wenn die Haut sich anfühlt wie Samt und Seide.

Brasiliens Seele wohnt in Rio, glauben die Cariocas. Aber wir bestimmen, wo es langgeht, entgegnen die Paulistas. „Nehmen Sie Italien, Mailand und Rom ohne Regierung und Vatikan: Dann haben Sie Sampa und Rio“, erklärt Paula, die Italienerin, den Unterschied; sie bevorzugt wie die meisten Auslandskorrespondenten natürlich die Gucci-Handtasche und nicht den Gummi-Rucksack, wiewohl der für Brasiliens Zukunft steht. Die Journalisten sind am falschen Ort, und das Bild von Brasilien hängt schief. ---