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Der Stadt-Plan

Paul Romer ist einer der Vordenker der neuen Wirtschaft. Jetzt träumt der Ökonom von Retortenmetropolen für die Dritte Welt.




brand eins: Professor Romer, was treibt einen Ökonomen eigentlich in die Stadtplanung? Und was ist bitte eine Charter City?

Romer: Ganz einfach: Urbanisierung ist ein entscheidender Faktor für Wirtschaftswachstum. Und eine Charter City ist eine Stadt vom Reißbrett, eine Großstadt, die mit einem Gründungsvertrag, einer Charta, beginnt. In der sind die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen festgelegt, bevor diese Stadt auf einem unbewohnten Stück Land errichtet wird. Anstatt ein altes Regierungssystem einfach zu übernehmen, gibt eine Charter City allen Menschen auf der Welt die Gelegenheit, neue Systeme zu schaffen, die für bessere Zusammenarbeit und mehr Wertschöpfung sorgen.

Stadtplanung auf der grünen Wiese hat sich im 20. Jahrhundert nicht bewährt. Was ist an Ihrem Konzept anders?

Es ist ein Start-up namens Großstadt. Die Idee: Mehrere Länder unterzeichnen eine Erklärung, in der sie eine Entwicklungsbehörde für die neue Stadt schaffen. Ein Land - der Gastgeber stellt nicht besiedelte Fläche zur Verfügung, die anderen Partnerländer schießen Gelder zu und garantieren, dass die Charta auf lange Sicht eingehalten wird. Sobald dieser Rahmen steht, können Privatleute die Stadt bauen, dort wohnen und arbeiten.

Das legt doch aber auch nahe, dass sich vor allem große, multinationale Konzerne bei diesem Konzept engagieren.

Ich halte das nicht für wünschenswert. Unternehmen sind in einer Charter City die Spieler; sie können nicht gleichzeitig die Schiedsrichter sein. Diese Rolle spielen die Regierungen. Jemand muss das Gewaltmonopol besitzen, um Leuten, die die Regeln verletzen, ihr Eigentum oder im Extremfall die Freiheit zu entziehen.

Gibt es ein Land, das sich für Charter City besonders eignet?

Kenia, denn dort ist es wegen der instabilen politischen Verhältnisse praktisch unmöglich, ein ausländisches Unternehmen anzuwerben, das eine langfristige Investition tätigt. Um zu moderner Infrastruktur zu kommen, müssen die Bürger Kenias heute auswandern. Die neue Option ist die: Nimm ein unbewohntes Stück Land in Kenia und richte eine Sonderzone ein, bei der ausländische Regierungen als Garantiemacht dienen.

Ist das nicht eine Art Neokolonialismus?

Nein. Erstens fehlt einer Charter City der Zwangscharakter einer imperialistischen Macht, die ihr Gegenüber zur Akzeptanz neuer Regeln nötigt. Ein solcher Vertrag wäre komplett freiwillig. Zweitens zeichnete sich Kolonialismus durch Verachtung aus - eine Gruppe Menschen glaubte zu wissen, was gut für die anderen sei. Charter Citys schreiben keiner Seite etwas vor, sondern lassen den Leuten die Wahl, in eine neue Stadt zu ziehen und neue Regeln auszuprobieren. Momentan haben Entwicklungsländer nur wenige Optionen, um Investoren anzulocken, die ihnen Infrastruktur bauen. Für die Regierungen sind solche Verträge schwer auszuhandeln, denn Firmen fürchten immer das politische Risiko, dass der nächste Präsident oder Machthaber den Vertrag bricht. Diese Angst wirkt wie eine Steuer auf Auslandsinvestitionen, eine Steuer der schlimmsten Sorte, denn sie bringt dem Gastland null Einnahmen. Dagegen wirkt die Charter City.

Was, außer Kenia, kommt Ihnen da noch in den Sinn?

Ich überlege seit einiger Zeit, wie eine neue Stadt in Guantánamo Bay auf Kuba aussehen könnte. Dort lässt sich ideal die Vertragsstruktur durchspielen. Guantánamo ist bereits eine Sonderzone, die zu Kuba gehört, aber der Verwaltungshoheit der USA untersteht. Man stelle sich vor: Havanna spricht die kanadische Regierung oder ein Konsortium aus Kanada, Spanien und Brasilien an und überträgt ihnen die Verwaltung dieser Zone. So hätten Investoren Verlass, dass dort eine langfristige Ordnung etabliert wird. Vielleicht ist das auch die Lösung, um Exilkubaner zur Rückkehr zu bewegen.

Gibt es ein Vorbild für die Charter City?

Hongkong! Die britische Regierung war die Garantiemacht, die dafür sorgte, dass ausländische Investoren sich in China ansiedelten, während chinesische Bürger dorthin ziehen und Arbeit finden konnten. Man darf allerdings nicht vergessen, dass Hongkong ursprünglich nicht auf einem freiwilligen Abkommen beruhte. Aber unterm Strich hat es enorm positive Konsequenzen für China gehabt. Das würden andere Länder heute gern nachahmen. China hat Hongkong benutzt, um das Modell Marktwirtschaft auszuprobieren. Sobald es funktionierte, konnte man es kopieren. Außerdem diente die Stadt als Einfallstor. China baute wirtschaftliche Sonderzonen in seinem Einzugskreis, und daraus erwuchs eine komplett neue Stadt, Shenzhen. Dort lassen Firmen aus Hongkong fertigen. So kamen chinesische Arbeiter in Berührung mit westlicher Technik und erhielten Zugang zu Hongkongs Infrastruktur als Finanzzentrum und Warenumschlagplatz. China konnte vom kommunistischen zum kapitalistischen Modell wechseln, indem es ein paar Standorte innerhalb seiner Grenzen schuf, an denen sich sogenannte Early Adopter versammeln - Leute, die gern etwas als Erste ausprobieren. Der Rest des Landes war derweil keineswegs gezwungen, die neuen Spielregeln zu übernehmen.

Muss ein Standort bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um eine Charter City zu werden?

Die ersten Charter Citys werden an der Küste liegen und einen Hafen besitzen. Zugang zum Meer erlaubt einer Stadt, Handel mit dem Rest der Welt zu treiben und erfolgreich zu sein, auch wenn das Gastland in der Krise stecken sollte. So ging es Hongkong wirtschaftlich prächtig, obwohl China die Kulturrevolution durchmachte. Die besten Küstenlagen sind extrem trockene Landstriche, da sie keinen Wert für die Landwirtschaft besitzen.

Abgesehen vom Klima - warum sollten denn Menschen eigentlich in eine solche Stadt ziehen?

Zum Beispiel, weil sie dort Arbeit finden. Hongkong war in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem eine verlängerte Werkbank für Hemden oder Spielzeug. Viele der ersten Bewohner von Charter Citys werden ebenso Menschen sein, die ihren ersten regulären Job finden. Wo Fabriken entstehen, kommen in der Regel einige Fachleute in Kontakt mit vielen weniger gut ausgebildeten Arbeitskräften, die mit der Zeit dazulernen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie von nah oder fern zuwandern.

Gibt es für Charter Citys eine richtige Größe, um das Optimum an Innovation und Wachstum zu erzeugen?

Früher dachten Experten, dass man bei zehn Millionen Menschen an die obere Grenze stößt, was Verwaltung und Funktionsfähigkeit betrifft. Heute wissen wir, dass die Probleme einer Millionenstadt nicht von der Größe oder Bevölkerungsdichte abhängen, insofern kann man ruhig über die Zehn-Millionen-Grenze gehen.

Haben Sie denn keine Sorge, dass es zu einem Konflikt zwischen Armen und Reichen kommt? In der idealen Stadt funktioniert alles, eine tolle Infrastruktur - und draußen vorm Zaun drängeln sich die armen Massen.

Migration war schon immer ein Ausweg, um Armut und Unterdrückung zu entkommen. Es gibt heute Hunderte von Millionen, vielleicht sogar mehrere Milliarden Menschen, die sich nichts mehr wünschen, als an einem Ort zu leben, der ihnen Sicherheit und einen Arbeitsplatz, ihren Kindern eine Schulbildung sowie Zugang zu Strom und Trinkwasser bietet. Wenn eine neue Stadt das leistet, werden die Menschen dorthin ziehen. -

Paul Romer, 53, Wirtschaftswissenschaftler, hat maßgeblich mit seiner "New Growth Theory" dabei geholfen, das intellektuelle Fundament der neuen Wirtschaft und des Dotcom-Booms zu legen (s. brand eins 02/2004). Er ist Senior Fellow an der Universität Stanford. Er hat seine Festanstellung an der Elite-Hochschule jedoch aufgegeben, um sich seinem Charter-City-Projekt zu widmen (chartercities.org).