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Der Märchenpark

Wie in Europa schrumpfen auch in Amerika viele Städte. Doch dort zieht man radikalere Konsequenzen: von der Truman's Show bis zum City-Bauernhof.




- Auch wenn die Hypotheken schwieriger auszuhandeln sind als früher, kann sich Amerikas Mittelschicht dem Charme der Vorstadt nicht entziehen. Während viele Europäer das Leben in dicht besiedelten, historisch gewachsenen Zentren schätzen, treibt allein der Gedanke daran den meisten US-Bürgern den Angstschweiß auf die Stirn. Familien fliehen seit Jahrzehnten nach Suburbia, wo sie sich große Häuser mit Doppelgarage leisten können und vor Kriminellen sicher fühlen. Die auf dem Reißbrett geplanten Siedlungen sind nicht nur der Inbegriff des "amerikanischen Traums" vom grenzenlosen Fortschritt und Wohlstand für alle, sie vermarkten sich inzwischen sogar als die bessere, sauberere Stadt.

"Suburbs mögen vom Design her scheußlich sein, aber sie haben einen entscheidenden Vorteil, bei dem keine alte Stadt mithalten kann", sagt der Architekt Andres Duany, einer der Mitbegründer der Planungsfirma DPZ in Miami. "Sie bieten gute Schulen und Versorgungsleistungen, eine funktionierende Polizei und Müllabfuhr." Eine bestimmte Lebensqualität sei garantiert. In der alten amerikanischen Stadt, so Duany, spielten Familien dagegen eine Art Lotterie: Niemand wisse, ob das Haus nebenan bald leer stehen und sich etwa in eine Drogenhöhle verwandeln werde.

Duany hat aus dieser Einsicht ein Bombengeschäft gemacht. Mit seiner Frau Elizabeth Plater-Zyberk gründete er 1980 DPZ und legte das Fundament des sogenannten neuen Urbanismus. Die beiden haben den USA und anderen Ländern insgesamt 300 am Reißbrett geplante Städte und Siedlungen beschert. Bekannt wurden sie durch den Film "Die Truman Show", der in ihrer wohl bekanntesten Retortenstadt gedreht wurde: Seaside, Florida.

In den Vereinigten Staaten, sagt Duany, sei die Lage paradox. Es herrsche zwar ein Überangebot an Wohnungen und Häusern jeder nur erdenklichen Art und Größe, doch der erschwingliche Standard sei geistlose Einheitsbrei-Architektur. Nicht Gemeinden, sondern Immobilienfirmen legen ganze Gemeinden an und diktieren so deren Charakter. Nur eines der insgesamt 350 Ballungszentren in den USA - Portland in Oregon - hat klare Vorgaben formuliert, um durch Bebauungspläne und Nahverkehr die Bevölkerungsdichte zu erhöhen.

Immobilienentwickler sind Geschäftsleute, sie haben vor allem eines im Sinn: den Ertrag pro Haus zu maximieren. Und so haben sie die als "Cul-de-Sac" geschönte Sackgasse mit beigefarbenen Spanplattenhäusern und Einkaufszentrum um die Ecke zum Standard gemacht, dem nur die Reichen oder ganz Armen - Letztere unfreiwillig - entkommen. "Früher gab es zwei Märkte in den USA: Entweder man kaufte eine schöne Aussicht in der Stadt oder ein großes Grundstück draußen. Ein Stadthaus in der Vorstadt ist nur etwas für Verlierer", sagt Duany verächtlich. "Neuer Urbanismus schuf einen dritten Markt, sodass sich auch Normalverbraucher das Ideal einer begehbaren Stadt leisten können."

Genau genommen kaufen die Bewohner solcher synthetischen Städte die Illusion eines Lebensstils - und tragen weiter zur Zersiedlung bei, statt wirklich Stadtluft zu schnuppern. Derweil ziehen Millionen aus den einstigen Metropolen fort. 21 der 100 großen Städte in den USA haben seit 1950 kontinuierlich an Bevölkerung verloren, wie der Städteplaner Alan Mallach vom National Housing Institute ermittelt hat.

Cleveland oder Detroit sind weniger als halb so groß wie noch vor zwei Generationen, während ihr Umland mit Straßen und Gebäuden zugepflastert wird. " Jeder vernünftig denkende Mensch kann sehen, dass eine Stadt wie Detroit nicht in ihrer alten Glorie wiederauferstehen wird", sagt Mallach. Die Frage lautet also, wie man mit dem unvermeidlichen Niedergang des Kerns am besten umgeht: gesundschrumpfen oder nach den Regeln des Marktes langsam sterben lassen?

Während europäische Industriestandorte wie Leipzig, Turin oder das Ruhrgebiet die Initiative ergriffen haben, um Altes abzureißen oder neu zu nutzen, lasse ein solcher Einsatz in amerikanischen Städten auf sich warten, bemängeln Mallach und andere Urbanisten. Öffentliche Mittel gibt es nicht, und so bleibt es privaten Investoren überlassen, sich zu engagieren (siehe Randspalte auf S. 95).

Vor allem die Industriestandorte des sogenannten Rostgürtels von der Ostküste bis zum Mittleren Westen - wo früher Kohle, Eisen und Stahl auf fleißige Einwanderer trafen -, bluten aus. Eine ehemalige Großstadt löst sich natürlich nicht einfach auf, sondern bewahrt überlebensfähige Zentren und Viertel, während dazwischen Slums und Brachen entstehen. Mallach und Gleichgesinnte empfehlen die gezielte Förderung dieser kleineren Unterzentren, etwa durch den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Die Anhänger des neuen Urbanismus propagieren dagegen den Rückzug ins Umland. Neue Städte im Grünen sind für sie eine bessere Investition als der Rück- oder gar Wiederaufbau der alten Zentren. Einwände gegen diese Wegwerfmentalität beim Städtebau schmettert DPZ-Chef Duany als "dumme Kritik" ab: " Jede Stadt fing irgendwann einmal auf der grünen Wiese an. Städte können nur überleben, wenn sie mit ihren Vorstädten konkurrieren."

Wie sich sein Ideal in Beton und Holz anfühlt, lässt sich in New Town at St. Charles besichtigen. Die Retortenstadt liegt 45 Kilometer nordwestlich von St. Louis, einer ebenfalls vom Schwund geplagten Stadt in Missouri. Ihre Einwohnerzahl ist seit 1950 von 856 800 auf rund 350 000 gesunken, während drum herum ein dichter Ring aus Vorstädten entstand. DPZ half einem örtlichen Baulöwen, in unmittelbarer Nachbarschaft der historischen Stadt St. Charles eine neue Siedlung aus dem Boden zu stampfen. Sechs Jahre nach Baubeginn leben in New Town 2500 Menschen in einem Märchenpark, der historische Gebäude und Architekturstile aus St. Louis, New Orleans oder Savannah kopiert und kombiniert.

In der Neuen Welt hängt man nicht am Alten. Und baut deshalb lieber neu als um "Wir stehen hier auf einem Sojabohnenfeld. Vorher war da nichts", freut sich der Architekt Tim Busse, der für Whittaker Homes arbeitet. Whittaker kaufte das gesamte Areal und lässt nun Busse einen DPZ-Masterplan umsetzen, um drei Quadratkilometer Mais- und Bohnenacker in eine idyllische Stadt zu verwandeln. Der Architekt zog im Mai 2005 als 37. Neubürger nach New Town und arbeitet jetzt in einem holzgetäfelten Büro in einem Backsteinbau auf der Rue Royale, die ungefähr so königlich aussieht wie eine Kulisse in Hollywood. Nebenan gibt es ein Restaurant in einem alten Bahnhof. Mittags kann Busse am neoklassischen Rathaus vorbei den Kanal entlang zum großen Obelisken wandeln oder bei der Biofarm vorbeischauen.

Alles in New Town ist selbstverständlich funkelnagelneu, selbst die Patina, oder so künstlich wie der Bahnhof: Der hat nie einen Zug gesehen und diente bis vor Kurzem als Maklerbüro an der Baustelleneinfahrt, bevor das Gebäude ins Zentrum umgesetzt wurde. Sobald die Stadt weiter wächst, zieht das Gebäude noch einmal um. Die Stadtkirche ist eine Kopie der St. Louis-Kathedrale im Herzen von New Orleans, allerdings ohne die teuren Kirchtürme. Sie beherbergt absichtlich keine ständige Gemeinde; sonst dürfte es wegen Missouris strenger Gesetze im Umkreis von rund 100 Metern keinen Alkoholausschank geben - und das würde dem Nachtleben rund um den Strandvolleyball-Court vermutlich rasch ein Ende setzen.

Fast alle der schnurgerade verlaufenden Straßen in New Town enden mit einem orangefarbenen Warnschild an einem Acker als ständige Erinnerung, dass diese heimelige Siedlung mitten in der Pampa komplett neu ersonnen und an keine bestehende Stadt angebunden wurde. Noch ist New Town erst zu 15 Prozent fertig, und wo "The Arts District" auf einem Bauschild prangt, ist keine Kunst zu finden. Ein Baum ragt aus der planierten Erde, während die ersten Betonfundamente gegossen werden und ein paar Straßen weiter Musterhäuser locken. Die Stadtplaner von DPZ haben eine bunte Mischung aus unterschiedlich großen Einfamilienhäusern bis hin zu Apartmentsiedlungen entworfen, um eine organisch gewachsene Stadt zu simulieren. Die Doppelgaragen, auf die kein ordentlicher Vorstädter verzichten will, sind aus optischen Gründen in kleinen Gassen hinter den Häusern versteckt.

Bis die acht Bauabschnitte erschlossen und von 15 000 bis 18 000 Menschen bevölkert sind, werden wohl noch 15 Jahre vergehen, schätzt der Architekt Tim Busse. Urbanität ist hier gewollt: Die Straßen haben Bürgersteige, die Ladenbesitzer wohnen neben oder sogar über ihren Geschäften. Eine Entwicklungsgesellschaft kann sich keinen peinlichen Leerstand leisten, also muss sich Busse darum kümmern, dass all jene Dienstleister angelockt werden, die eine normale Stadt kennzeichnen. Anfangs, gibt er zu, mussten der kleine Supermarkt und ein Dutzend andere Geschäfte subventioniert werden, und die Miete ist bis jetzt an den Umsatz gekoppelt. Umgerechnet zehn Wohneinheiten pro halbem Hektar seien ausreichend, um ein Geschäft am Leben zu erhalten. Früher oder später hofft Busse, eine Schule, ein Hotel und ein Seniorenheim nach New Town holen zu können.

Kritik an der mit hübscher Fassade kaschierten Zersiedelung der Landschaft begegnet er mit dem Einwand, dass die Grundstücke und Häuser in New Town vergleichsweise kleiner sind als normale Vorstadtimmobilien. Die durchschnittliche amerikanische Familie lebt immerhin auf 218 Quadratmetern Wohnfläche - zweieinhalbmal so viel wie noch vor zwei Generationen. "Hier kommen wir mit weniger Platz aus und investieren das Geld lieber in bessere Materialien." Etwa in Fensterläden, die sich zuklappen lassen und nicht nur an der vorgesetzten Holzfassade festgenagelt sind.

Energiespartechniken wie effizientere Heizungen oder Solarzellen, gesteht Busse, habe noch kein Neubürger installiert.

Auch hat keiner aufs Auto verzichtet: "Wir richten uns danach, was der Markt verlangt, und grüne Techniken werden im Mittleren Westen nicht nachgefragt. Hier wollen die meisten Leute nach wie vor ihre begrünte Sackgasse, nur ein Drittel hat Interesse am neuen Urbanismus."

Busse versteht sich als behutsamer Missionar, der Vorstädter aus der Sackgassensiedlung langsam auf den richtigen Pfad bringen will. "Wir wollen unsere Standardsiedlungen nicht mehr bauen - New Town ist das Lehrstück für weitere Projekte." Da ist es schon ein gewisser Fortschritt, wenn man einer jungen Familie den Verzicht auf Wohnraum mit der Illusion von erschwinglichem Stadtgefühl schmackhaft machen kann.

Melody und Randall Williams mit ihren zwei Kindern sind eine solche Familie. Das Ehepaar Anfang 30 stammt aus der Region und hatte sich mit der Vorstellung vom Leben in einer eintönigen Vorstadtsiedlung mit ein paar strategisch platzierten Einkaufszentren abgefunden. "Klar sehnten wir uns nach ein bisschen Stadtleben. Aber nach St. Louis zu ziehen kam für uns nicht in Frage", sagt Randall Williams, der seit ein paar Monaten das Restaurant im Attrappenbahnhof betreibt, während seine Frau für das Bauunternehmen Whittaker arbeitet. "Die Schulen sind schlecht, und wir würden unsere Kinder nicht auf der Straße spielen lassen, egal, wie schön die alten Gebäude sind."

Deswegen kauften die Williams im März 2006 ein Haus in New Town. Sie setzen ihre Kinder jeden Morgen in einen Schulbus und gehen dann zur Arbeit ein paar Straßen weiter. Dass eine anhaltende Rezession oder sich wandelnder Kundengeschmack die grandiosen Ausbaupläne für New Town platzen lassen könnten und sie dann auf einer Märcheninsel im Niemandsland zwischen Feldern und Logistikzentren festsäßen, bereite ihnen keine Angst, sagen sie. "Es gibt genügend Leute, die aus ihrem Roboterleben aussteigen und durchatmen wollen. Eine neue Stadt wie New Town gibt ihnen diese Möglichkeit."

Sicherheitshalber haben die Stadtplaner bei DPZ ihr Konzept weiterentwickelt - für den Fall, dass die Trendwende hin zu mehr Naturnähe weitere Bauvorhaben auf der grünen Wiese vereiteln sollte. Die Zukunft heiße Agrar-Urbanismus, behauptet Andres Duany und verpasse den guten Suburbs einen weiteren neuen Anstrich. Das sei "etwas völlig anderes", argumentiert er, als städtische Landwirtschaft, wie sie etwa in Detroit erstmals in großem Maßstab erprobt wird (siehe rechts). Die neuen Reißbrettstädte sollen ein Drittel ihrer Fläche für Landwirtschaft verwenden und auf begrenztem Raum den Ertrag maximieren.

Wie in einem Marktflecken der alten Welt sollen diese Siedlungen um einen Marktplatz angelegt sein, der Bauern, Bürger, Händler und Hersteller zusammenbringt. Ein erstes Testgelände für dieses Zurück in die Zukunft hat DPZ bereits in Arbeit - die 212 Hektar große Neustadt namens Southlands bei Vancouver. Auch wenn es eine weitere Vorstadt ist, klingt der Name verführerisch, ländlich. -

Detroit: von GM zum Gemüseanbau

Matt Allen kann kaum die Hände ruhig am Lenkrad halten, was weniger an den Schlaglöchern liegt als am Ausblick. "Leer! Leer! Leer! Ausgebrannt, leer, leer. Da ist ausnahmsweise mal noch einer zu Hause! Leer, leer und noch mal leer! ", erregt sich der gebürtige Detroiter über die Szenerie entlang der Chapel Street im Stadtteil Brightmoor.

Der 44-Jährige leitet eines der ungewöhnlichsten Vorhaben der USA: Hantz Farms. Der gleichnamige Unternehmer will mit Allens Hilfe in Detroit die größte "urbane Landwi rtschaft" der Welt begründen und auf insgesamt 40 Quadratkilometer Anbaufläche die Autoindustrie beerben. Für den Anfang hat Hantz 30 Millionen Dollar vorgeschossen, damit Allens Team in einer Handvoll entvölkerter Stadtteile wie Brightmoor Land kaufen und räumen kann. Ab 2010 sollen die ersten Farmen entstehen. "Wir definieren städtisches Wachstum neu", sagt Allen. "So etwas hat noch kein Unternehmen gewagt, aber es gibt auch keinen besseren Standort als Detroit: Das Vakuum ist ideal."

Hantz Farms könnte ein Präzedenzfall werden, denn Detroit ist, was den Verlust an Wirtschaftskraft und Einwohnern angeht, Spitzenreiter auf einer langen Liste amerikanischer Großstädte, denen der Absturz droht. Zu ihrer Blütezeit in den fünfziger Jahren lebten fast zwei Millionen Menschen in Motown. Heute ist die Einwohnerzahl auf circa 800 000 gesunken, Tendenz weiter fallend. "Detroit hat kein Imageproblem, sondern ein strukturelles Problem", sagt Allen. "Streng genommen sind wir keine Stadt mehr." Detroit hat rund 460 000 Grundstücke, von denen ungefähr 100 000 wegen Steuerschulden an die öffentliche Hand gefallen sind. So sorgen Plünderer und extreme Sommer und Winter für eine Art natürlichen Rückbau.

Der ehemalige American-Express-Manager John Hantz will in den kommenden fünf Jahren ein Fünftel der leer stehenden Flächen aufkaufen oder von der Stadt und dem Staat Michigan überschrieben bekommen, um Stück für Stück einen Agrargürtel zu schaffen. Hantz ist kein Ökospinner, der jeden Haushalt Biogemüse züchten lassen will, sondern ein hart kalkulierender Geschäftsmann, der sich die Unterstützung von Experten der Michigan State University und der Kellogg-Stiftung gesichert hat.

Für ihn ist De-Urbanisierung eine betriebswirtschaftliche Frage: "Ich werde genug Grund und Boden aus dem Verkehr ziehen, um die Preise etwas zu stabilisieren." Das könnten die mehreren Hundert Gemeinschaftsgärten von Kirchen, Stiftungen und Nachbarschaftsvereinigungen nicht leisten.

Bestehende Straßen dienen in seinem Plan als Wirtschaftswege und Stellflächen für Solarparks; für verseuchte Flächen plant Hantz Baumschulen und andere Nutzungen, die alle zusammen mehrere Tausend Arbeitsplätze schaffen sollen. "Wir sind nur die Keimzelle", sagt der Unternehmer. "Um uns herum sollen sich andere Betriebe ansiedeln, die unsere Produkte weiter verarbeiten, veredeln, vertreiben. Das ist ein Modell, das in Teilen in jeder anderen Stadt funktionieren kann."