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Dem Kraken ist übel

Nirgendwo in Europa herrscht der Zentralismus so ausgeprägt wie in Frankreich. Das hat Folgen für alle - ob sie im überfüllten Paris leiden oder sich in der Provinz übergangen fühlen. Höchste Zeit für eine Revolution.




- Paris ist jede Reise wert, auch wenn es als Umweg erlebt wird, weil einer unbedingt von Rennes nach Le Havre fahren will. So etwa muss sich das die Führung der französischen Staatsbahn S NCF gedacht haben. Zwischen Rennes, der Hauptstadt der Bretagne, und Le Havre am Ärmelkanal liegen rund 280 Kilometer. Doch die Fahrt mit der Bahn dauert mehr als sechs Stunden. Von Rennes geht es zuerst zum Pariser Bahnhof Montparnasse, dort über Rolltreppen und Schleusen in den Untergrund, mit der Metro-Linie 12 zum Gare Saint Lazare, wo nach einer weiteren Odyssee durch gefühlt kilometerlange unterirdische Gänge mit Glück noch der Zug nach Le Havre am Bahnsteig wartet.

Die Dreiecksverbindung ist kein Einzelfall. Ein Blick auf die Landkarte Frankreichs genügt: Alle Wege führen nach Paris. Wie Tentakel eines fetten Kraken hängen die Hauptverkehrsachsen am Leib der Metropole. Dahinter steht ein staatsorganisatorisches Leitprinzip, das nirgendwo in Europa so ausgeprägt ist wie in Frankreich: der Zentralismus. Eifersüchtig, ja geradezu ängstlich wacht die Elite in Paris seit eh und je darüber, dass regionale politische, wirtschaftliche und kulturelle Interessen nicht dem großen Ganzen, dem État unitaire zuwiderlaufen. Das war schon unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. so, der die regionalen Feudalherren zu reinen Höflingen im Schloss von Versailles degradierte, und es hat sich bis heute kaum geändert.

Wenn Pariser von der Provinz reden, meinen sie damit nicht etwa ländliche Regionen im Süden oder Norden, sondern alles, was hinter den Hauptstadtgrenzen liegt. Nur widerwillig und erst seit wenigen Jahren akzeptieren sie, dass sich angrenzende Gemeinden der Region Île de France einem "Paris Métropole" genannten Verbund anschließen. Als Präsident Nicolas Sarkozy im Sommer die umstrittene Justizministerin Rachida Dati ins Europaparlament nach Straßburg abschob, war das nicht nur eine Degradierung. Es kam der Verbannung nach Sibirien gleich. Sein und Haben sind direkt proportional zur Nähe zu Paris. Nicht zufällig befinden sich die französischen Elitehochschulen, die zu Topjobs in Wirtschaft und Verwaltung führen, nahezu ausnahmslos hier. Wer die schwierigen Aufnahmeprüfungen bestehen will, macht schon das Abitur besser in der Hauptstadt.

Die Vormachtstellung in ein paar Fakten: Auf knapp zwei Prozent der Fläche werden etwa 25 Prozent des französischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. In der Stadt und dem sie umgebenden Speckgürtel der Île de France leben 11,7 Millionen Menschen, darunter die große Mehrheit aller Forscher sowie der im Dienstleistungssektor Beschäftigten und 80 Prozent aller Journalisten. 2007 hatten 679 000 Firmen hier ihren Sitz. 80 Prozent der hundert größten Unternehmen bezahlen hier ihre Gewerbesteuer. Als Gegenleistung dürfen sie auf ihre Visitenkarten die allererste Adresse Frankreichs drucken: Paris.

Von welch geradezu unschätzbarem Wert das für viele Unternehmen ist, erfährt Véronique Daguet immer wieder. "Damit wollen sie zeigen, dass auch sie zur ersten Riege gehören." Die junge Frau leitet das Geschäftszentrum NC I in Europas größtem Büroviertel Paris-La Défense. Schon dessen Name ist im Grunde ein Schwindel. La Défense mit seinen verspiegelten Hochhaustürmen und der monumentalen Stahlbeton-Konstruktion La Grande Arche liegt überhaupt nicht innerhalb der Grenzen der Stadt, sondern ein paar Kilometer westlich, in der verlängerten Achse der Champs-Élysées, auf dem Gebiet des Départements Hauts-de-Seine.

Doch für ein acht Quadratmeter großes fensterloses Büro in Paris-La Défense bezahlen Daguets Kunden monatlich gern 750 Euro Kaltmiete. 65 weitere Unternehmen haben derzeit den Status der "Domizilierung": Sie besitzen nur eine virtuelle Adresse bei NC I. Daguet leitet eingehende Post an den tatsächlichen Firmensitz irgendwo in der Provinz weiter. Eine Mitarbeiterin in der Telefonzentrale erkennt anhand der gewählten Nummer, mit wem der Anrufer sprechen möchte, und verbindet per Knopfdruck weiter. Geschäftszentren wie das NC I gibt es in Paris zuhauf.

Paris ist keine große Stadt. Sie dehnt sich nur über etwas mehr als 105 Quadratkilometer aus, nicht einmal ein Zehntel der Fläche Londons. Wer in der Dämmerung an die Spitze des Eiffelturms fährt und aus knapp 300 Metern Höhe hinabblickt, sieht auf engstem Raum Millionen von Lichtern. Hinter den Stadtgrenzen wird es bald düster. Da ist nicht mehr viel, das zu beleuchten wäre. Die Machtkonzentration auf Paris hat Regionalmetropolen buchstäblich an den Rand gedrückt. Straßburg, Lyon, Marseille, Toulouse oder Bordeaux liegen Hunderte von Kilometern entfernt. Näher an Paris entstanden lediglich zweit- und drittrangige Zentren.

Gleichheit und Brüderlichkeit? Von wegen. Die Provinz ist den Hauptstädtern egal

Der Sturm auf die Bastille 1789 brach nicht mit der Grundhaltung der absolutistischen Könige. Die Jakobiner fixierten vielmehr das Gebot von der "unteilbaren Republik", das noch heute in der Verfassung steht. Napoléon Bonaparte zementierte die Zentralgewalt wenige Jahre später mit der Aussendung von Präfekten, die ihm direkt unterstanden. Dass die Franzosen damit allesamt unglücklich gewesen wären, lässt sich nicht behaupten. Präsident Charles de Gaulle, der - obwohl im Herzen ein Jakobiner - den Regionen 1969 mehr Macht zubilligen wollte, weil er schon damals erkannte, dass "die Kräfte der Regionen die Triebfedern der wirtschaftlichen Kraftentfaltung der Zukunft werden", verlor das dazu angesetzte Referendum. Er trat zurück. Jahrelang wagte sich keiner mehr an das heiße Eisen. Erst François Mitterand gelang 1982 mit den Dezentralisierungsgesetzen ein neuer, wenngleich zaghafter Versuch.

Eine tatsächliche Aufwertung der Regionen ging damit nicht einher. Frankreichs seit zehn Monaten amtierender Minister für den Wiederaufschwung, Patrick Devedjian, der dem Land mit einem 26 Milliarden Euro teuren Konjunkturpaket aus der globalen Krise helfen soll, ist froh darum. "Unsere Verwaltungsform hat eine beinahe militärische Hierarchie. In normalen Zeiten ist sie natürlich schwerfällig und kann eine Menge Schwierigkeiten bereiten. Aber in Krisenzeiten hat sie einen großen Vorteil, weil wir damit sehr schnell durchgreifen können."

Die Grande Nation ist also allzeit bereit, es mit Gefahren von außen aufzunehmen. Doch wo bleiben da Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Die Losung der Französischen Revolution, die auch Wahlspruch der Republik ist? Der Geograf und Zentralismuskritiker Jean Ollivro bezweifelt, dass Frankreich dies ernst meint. "Wie weit ist es her mit der Gleichheit, wenn auf wenigen Quadratkilometern die Politik eines ganzen Landes bestimmt wird, der Reichtum sich auf Paris konzentriert und die Regionen kurzgehalten werden?"

"In aller Welt dreht sich die Sonnenblume nach der Sonne. In Frankreich dreht sie sich nach Paris", sagt Jean-Pierre André. Der Chef von Haribo Ricqles Zan ist um vier Uhr morgens aufgestanden, um Punkt neun Uhr bei einem Geschäftstermin in Paris zu sein. Der französische Zweig des Bonner Fruchtgummiherstellers hat seinen Sitz in Marseille. In Südfrankreich gibt es eine lange Tradition der Lakritz-Herstellung, und die erste Süßwarenfabrik, die Haribo vor gut 40 Jahren in Frankreich erwarb, stand eben in der Stadt am Mittelmeer. "Als Familienunternehmen sind wir dem Standort treu", sagt André. "Da geht es nicht nur um wirtschaftliche Überlegungen, sondern auch um Bindungen." Doch 80 Prozent seiner Kunden sind in Paris: die großen Supermarktketten E. Leclerc, Carrefour oder Monoprix, die Marketingagenturen, der Unternehmerverband. Zu Besprechungen muss der Haribo-Chef in die Hauptstadt reisen, denn von dort macht sich niemand auf. "Paris hat eine fatale Anziehungskraft."

André ist studierter Politikwissenschaftler, und so geht es über dem gebratenen Lachs, den er sich in einem Restaurant auf den Champs-Élysées zum Mittagessen bestellt hat, um die "Entscheidungen beziehungsweise Nichtentscheidungen", die das politische Paris fällt. Um die letztlich gescheiterte Bewerbung der Hauptstadt um die Olympischen Sommerspiele 2012 zum Beispiel. "Es stand nicht einmal zur Debatte, dass eine andere Stadt als Paris dafür infrage kommt. Dabei ist erwiesen, dass die Austragung einen Boom auslösen kann. Paris braucht keinen Boom. Warum hat man nicht Marseille ins Rennen geschickt, so wie es Spanien 1992 mit Barcelona gemacht hat?" Ob die "schlafende Schöne", wie Marseille oft genannt wird, 2013 als europäische Kulturhauptstadt wach geküsst wird?

Obwohl nach Einwohnerzahl die zweitgrößte Stadt Frankreichs, mit Sonne, Strand und Meer gesegnet, ist der erhoffte Prinz noch nicht angeritten. Der Hafen, Ende der sechziger Jahre mit dem ehrgeizigen Ziel errichtet, dem fernen niederländischen Rotterdam den Rang als wichtigster Hafen für Güter aus dem Mittelmeerraum abzulaufen, ist weiter davon entfernt denn je. Es ist schwierig, qualifizierte junge Leute zu halten oder gar von außerhalb zu gewinnen, weil die entsprechenden Jobs fehlen.

Daran ändert auch nichts, dass Paris seit Eröffnung der Hochgeschwindigkeitsstrecke Méditerranée 2001 nur noch drei Stunden entfernt ist. Dafür gab es einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Mit bis zu 320 Kilometern in der Stunde peitscht der TGV durch Burgund, lässt Lyon rechts liegen und kommt erst in Avignon kurz zum Stehen. Manchmal rast er die fast 800 Kilometer auch ohne Halt bis zum Zielbahnhof durch. Im Zentralstaat Frankreich gibt es kaum Rücksichten auf die Wünsche der Provinz, undenkbar, dass der TGV in Kleinstädten hält wie der deutsche ICE. Stattdessen sind die Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Paris und der Peripherie selbst Gewähr für die Machtausübung der Zentrale.

Ständig wurden Reise- und Kommunikationswege zwischen der Hauptstadt und der Provinz verkürzt, nicht jedoch die zwischen den Regionen. Das erschwert Querkontakte "hinter dem Rücken" von Paris. "Es ist bescheuert, aber so läuft das eben", sagt Roland Blum und seufzt. Da kann der stellvertretende Bürgermeister von Marseille schon froh sein, dass der Präfekt nicht mehr wie früher die "tutelle", die Vorabkontrolle über lokale Projekte, ausübt. Obwohl zur parteipolitischen Neutralität verpflichtet, ist der Vertreter der Zentralgewalt nämlich oft nicht ganz frei von den Interessen, die gerade in Paris herrschen. Seit Einführung der Dezentralisierungsgesetze muss er die Gesetzmäßigkeit und Finanzierbarkeit der Projekte nachträglich absegnen.

Bei den jüngsten, dem Museum der europäischen Zivilisationen und des Mittelmeerraums (Mucem) sowie dem Freizeit- und Einkaufszentrum Terrasses du Port direkt am Hafen, habe es keine Probleme gegeben, sagt Blum. Bei der Trasse für die Verlängerung der TGV-Strecke Méditerranée nach Nizza wurde der Präfekt sogar von den Lokalpolitikern überstimmt. Der Herr in dunkelblauer Uniform und mit goldbetresster Mütze hätte nämlich die um 30 Minuten kürzere Strecke ab Aix-en-Provence durch das Hinterland der Provence bevorzugt. Ein Unding für Marseille wie für das benachbarte Toulon, weil damit die Anbindung an das künftige internationale Hochgeschwindigkeitsnetz von Barcelona nach Genua auf dem Spiel gestanden hätte. Paris übertrumpfen können die "Provinzler" sonst meist nur im Fußball.

Unterdessen wächst der Druck auf Paris, sich selbst infrage zu stellen und neue Wege zu gehen. So, wie es ist, kann es nicht bleiben. "Innerhalb der eigenen Grenzen kann Paris seine Trümpfe nicht mehr ausspielen", sagt der Geograf und Städteplaner Guy Burgel. "Physisch und moralisch ist sie auf die Solidarität der Region angewiesen, wenn sie dem langsamen Siechtum entkommen will." Der Mythos, der in Jahrhunderten um die Weltstadt als Wegweiserin für Politik, Wirtschaft und Kultur errichtet wurde, lässt sich nämlich nur noch um den Preis endemischen Platzmangels, horrender Immobilienpreise, zeitraubender Staus und zunehmender Sicherheitsrisiken in den oft dem sozialen Abstieg vorbehaltenen Vorstädten halten.

"Seit 30 bis 35 Jahren ist offen, was mit der Peripherie von Paris passiert", sagt Finn Geipel. Der Berliner Architekt hat 18 Jahre in Paris gelebt. Nun führt er eines von zehn Teams, die im Auftrag von Präsident Sarkozy Ideen für ein "Grand Paris" in den Grenzen der Region Île de France ausgearbeitet haben. Eine Zukunft für eine Fläche, die mit 12 000 Quadratkilometern so groß ist, dass die 17 nach Paris größten Städte Frankreichs darin Platz finden würden. "All diese Städte haben Industrie, Universitäten, Sportstadien, Museen. In der Banlieue dagegen findet praktisch nichts statt", sagt Geipel. Häufig fehlt sogar eine Anbindung an das öffentliche Transportsystem.

Für viele Pariser ist die Welt sehr übersichtlich: wir - und die da draußen

Das zu ändern, hat sich Sarkozy nun vorgenommen. Von dem Präsidenten, der noch zu seiner Amtszeit als Innenminister angekündigt hatte, er werde die wegen der Aufstände Jugendlicher berüchtigten Vorstädte "mit dem Kärcher reinigen", darf angenommen werden, dass er nicht aus reiner Fürsorge handelt. Es geht vor allem um wirtschaftliche Motive. Gerade Unternehmen, deren Ansiedlung in Paris nicht zwingend notwendig sei, stellten sich inzwischen die Frage, ob sie für die Image-Adresse in Paris zahlreiche Nachteile in Kauf nehmen wollten, sagt Jörn Bousselmi, Geschäftsführer der Deutsch-Französischen Handelskammer. "Das wird tendenziell weniger. Sachliche Gründe stehen zunehmend im Vordergrund. Dazu gehört auch, ob und wo man Büroraum oder Wohnungen für die Mitarbeiter findet."

Andere Städte, obwohl zunächst im Nachteil, haken genau hier ein. Lyon zum Beispiel. Die Zeiten, in denen mit der Crédit Lyonnais die bedeutendste Bank Frankreichs dort beheimatet war, sind zwar vorbei. Seit sie sich mit riskanten Industriebeteiligungen verhob und schließlich von der Crédit Agricole übernommen wurde, erinnert nur noch der "Crayon", der die Stadt überragende bleistiftförmige Firmensitz, an die einstige Bedeutung. Nun, da der Weg nach Paris in zwei Stunden mit dem TGV leicht zu schaffen ist, lockt Lyon mit Büromieten, die 40 bis 50 Prozent unter denen der Hauptstadt liegen. Dazu mit der Nähe zu den Bergen ebenso wie mit Clustern für die Branchen Pharmazie, Chemie und Hightech.

Einige Firmen hat das bereits überzeugt, etwa die schwedische Alfa Laval. Dem Unternehmen, das unter anderem Trenntechnik für Wein, Most und Sekt anbietet, ist die Nähe zu den Anbaugebieten von Beaujolais und Côtes du Rhône ohnehin wichtiger. Auch Werma, der badische Hersteller für optische und akustische Signalgeräte, hat sich bei der Gründung seiner französischen Niederlassung für Lyon entschieden. "Paris ist überzogen teuer", begründet Finanzdirektor Michael Nölle die Wahl. Lyon habe mit "hervorragender Logistik" gepunktet. "Von hier aus sind wir genauso schnell bei Kunden in Paris wie in Südfrankreich und können sogar noch die französischsprachige Schweiz bedienen."

In Paris werden solche Entwicklungen aufmerksam registriert, und Sarkozy erscheint selbstbewusst und unbekümmert genug, um Widerstände gegen seinen Rettungsplan für Paris erst einmal zu ignorieren. "Was wir jetzt nicht machen, ist vermutlich in fünf oder zehn Jahren viel schwieriger zu bewerkstelligen. Und wird möglicherweise eines Tages irreparabel sein", warnt der Mann, dem der Präsident die Koordination von "Grand Paris" übertragen hat: Christian Blanc, ehemals Chef von Air France. Als er 1993 zur staatlichen Fluglinie kam, war sie der Pleite nahe. Jetzt soll er, im Rang eines Staatssekretärs, Paris flottmachen, zumindest die "geistige Blockade auflösen", wie er es nennt.

Für das Projekt sind 20 bis 30 Jahre veranschlagt. Zuerst soll ab 2012 eine neue Metrolinie entstehen, die auf 130 Kilometern rund um Paris führt und die Menschen in den Außenbezirken einsammelt oder dorthin bringt. "Es ist extrem wichtig, dass dieses Enklaventum aufhört", sagt Blanc. "Die Metro kann der wirtschaftlichen Entwicklung den nötigen Sauerstoff geben."

Misstrauen schlägt ihm dabei von vielen Seiten entgegen. Wie in den siebziger Jahren, als der U-Bahnhof Châtelet-Les Halles mitten in Paris als Knotenpunkt für innerstädtische Metrolinien und in die Vororte führende Züge entstand. Damals erregten sich die Hauptstädter über das "Gesindel aus der Banlieue", mit dem sie gemeinsam auf den Boulevards flanieren sollten. Er sei auch jetzt "nicht sehr populär", wenn er über die neue Super-Metro spreche, gibt Blanc zu. "Man fragt sich wieder, ob nicht Leute in die Stadt kommen, die lieber da draußen bleiben sollten, am besten noch umzingelt von einem Ring aus Polizisten."

Im Pariser Rathaus und den Vororten wehren sich Bürgermeister und Gemeinderäte gegen die Anmaßung "von denen da oben". Denn natürlich greift die Zentrale mit dem Plan in ihre Kompetenzen ein. So lehnte der Pariser Oberbürgermeister Bertrand Delanoë gerade die von der Regierung gewünschte Gründung einer "Société du Grand Paris" mit der Begründung ab, der Staat maße sich "exorbitante Kompetenzen" an. Im übrigen Land fragt man sich, ob das Projekt in Zukunft Paris nicht noch mehr Gewicht verschaffen wird. Aber allmählich wächst doch die Einsicht, dass es nur miteinander geht. Wenn sich einer ständig überfrisst und die anderen hungrig bleiben und nichts abbekommen, kann am Ende keiner überleben.-