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Das Projekt

Seit hundert Jahren versuchen Techniker, die Kraft der Meereswellen in elektrischen Strom zu wandeln. So richtig ist das noch keinem gelungen. Ein einsamer Ingenieur auf einer Azoreninsel gibt den Kampf nicht auf.




- Der Riese hat Asthma. Mit jeder Welle schnauft er ein paar Dutzend Liter Gischt durch seine quadratmetergroßen Nasenlöcher. Und röchelt beim erneuten Luftholen. Der Riese sitzt an der Nordküste der Azoreninsel Pico, mitten im Atlantik, fast auf halbem Weg nach Amerika. Er hat einen klar definierten Auftrag. Er soll dem tosenden Meer Energie abringen und sie den 15 000 Einwohnern der Vulkaninsel zur Verfügung stellen, aber er will nicht so recht. "Das mit dem Asthma ist leider chronisch", sagt Victor Winands, ein Berliner, der gern lacht und ebenso gern motzt.

Seit zwei Jahren leitet der 30-jährige Maschinenbauingenieur vor Ort ein Projekt mit dem Arbeitstitel "Pico I I", der "Revitalisierung von Pico I", was allerdings eine eher freundliche Beschreibung ist. Winands schuftet sechs bis sieben Tage die Woche, acht bis zwölf Stunden am Tag in einem Bunker mit Wellengenerator, der Mitte der neunziger Jahre schlecht geplant und noch schlechter gebaut wurde. Der Riese hat nicht nur chronisches Asthma. Er ist wacklig auf den Beinen, weil das Stahlbetonfundament sieben Meter tief im Wasser schlampig gegossen wurde. Sein zentrales Nervensystem, die Steuerungselektronik, arbeitet mit einem völlig veralteten Betriebssystem, das in der feucht-salzigen Umgebung ständig den Tatterich bekommt. Seine Lunge, die Druckkammer, in die Wellen schießen und dann einen satten Luftstrom erzeugen, pfeift aus einer Reihe ungeplanter Löcher. Und am Herzen, der Turbine, die den Stromgenerator treibt, muss Winands auch ständig operieren. Hinzu kommt: Wenn Winands zum Beispiel einen großen Akku für die Elektronik braucht, muss der aus Lissabon eingeflogen werden, was nicht nur eine Woche Zeit kostet, sondern auch noch 200 Euro Fracht. Leider gibt es für die Revitalisierungskur so gut wie kein Budget. Und Winands hat seit fünf Monaten kein Gehalt gesehen, was aber auch ein wenig an ihm liege, sagt er. Er komme einfach nicht dazu, ein portugiesisches Konto zu eröffnen.

Probleme auf Lummerland

Der Riese liefert selten Strom. Und wenn, dann gerade einmal genug für 30 Häuser. Pico I sollte einmal den Beweis antreten, dass ein Wellenkraftwerk ein kleines Inselnetz fast allein speisen kann. Dieses Ziel ist längst aufgegeben. Der Riese ist ein Patient zum Üben. Ein Forschungsobjekt für eine Technik, die deutlich schwerer zu beherrschen ist, als man 13 Jahre nach dem ersten Klonschaf, 40 Jahre nach der Mondlandung und gut 500 Jahre, nachdem Christoph Kolumbus hier auf den Azoren Trinkwasser nachtankte, dachte. Das Meer mag seine Energie nicht herausrücken. Victor Winands, der Mann aus Berlin-Zehlendorf mit Lebensmittelpunkt mitten im Atlantik, erklärt das so: "Du konstruierst etwas, das bei ein bis drei Meter hohen Wellen mit einer Wellenfrequenz von zehn Sekunden wunderbar funktioniert. Und im nächsten Winter kommt dann ein 15-Meter-Teil und räumt dir alles ab." Ein Schiffsrumpf wird im Sturm von den Wellen einfach weggeschoben. Eine Bohrinsel steht auf hohen Stelzen, die dem Meer kaum Angriffsfläche bieten. Ein Wellenkraftwerk aber kann nicht ausweichen. Es muss genau dort stehen, wo die Kraft des Meeres wirkt. Nur dann kann es die Kraft auch voll absorbieren und umwandeln. Und damit sich das Ganze wirtschaftlich halbwegs lohnt - oder besser gesagt: theoretisch lohnen könnte -, muss die Technik auch noch extrem billig sein.

Das marode Werk auf Pico mag schlecht geplant und schlecht gebaut und überhaupt nur noch in Betrieb sein, weil ein Besessener mehr menschliche Energie hineinsteckt, als es jemals elektrische Energie liefern wird. Aber im Grunde ist es ein recht gutes Abbild vom Zustand der Branche der maritimen erneuerbaren Energien. Die kündigt immer wieder mit viel Enthusiasmus große Projekte an, um ein paar Monate später festzustellen: Das Meer war doch wieder stärker. Es hat die Riesenboje wieder versenkt, die Turbine wieder zerfetzt, das Offshore-Kabel für die Stromanbindung wieder abgerissen, die Elektronik wieder zerfressen. Was freilich nicht heißt, dass das immer so bleiben muss.

Die Insel Pico wäre ein schöner Ort, um zu beweisen, dass es doch geht. Ihr Namensgeber, der Vulkan Pico, ragt schwarz und steil 2300 Meter aus dem Wasser, oft umweht von einer Wolkenhaube. Die untere Hälfte der Insel ist grün wie Irland. Sie hat kantige Steilküsten an den Rändern und im Zentrum sanfte Hügellandschaften. Mannshohe Hortensien säumen die Inselalleen, die Weinterrassen aus Vulkangestein sind Weltkulturerbe, auf den Wiesen weiden Kühe. An ruhigen Tagen lassen sich mit einem guten Fernglas vom Land aus Pottwale und Delfinschwärme beobachten.

Wer sich Pico mit dem Schiff nähert, denkt: Das Eiland muss Michael Endes Vorbild für Lummerland gewesen sein, die Heimat von Lukas, dem Lokomotivführer. Es sei denn, er kommt von Norden. Dann könnte er meinen, er lande in der Normandie, und irgendein Bunkerarchitekt der Nazis habe mal ein wenig größer geplant und dabei auch beweisen wollen, dass er ein verkannter Bau-haus-Schüler ist. Die Schönheit des schnaubenden Betonmonsters dürfte sich in etwa die Waage halten mit seiner Beliebtheit bei den Einheimischen. Pico I war nicht nur baulich ein Desaster, sondern auch ein Musterbeispiel dafür, wie Entscheidungsträger in einer Zentrale die Menschen an der Peripherie vor den Kopf stoßen.

Die Riesenluftpumpe

Victor Winands kniet mit einem Schweißgerät in der Hand im Hauptraum des Bunkers. Hinter ihm die Turbine, mit gut zwei Metern Durchmesser. Sie läuft gerade nicht. Denn es fehlt nicht nur der große Akku. Auch der Hauptcomputer, der mit dem alten Betriebssystem, ist mal wieder zur Reparatur in Porto. Deshalb schnaubt das Kraftwerk auch so. Der feuchte Luftstrom, den die Wellen durch einen baulichen Kniff erzeugen, treibt gerade keinen Rotor an, sondern verpufft ungenutzt durch zwei große Auslassventile.

Eigentlich basiert das Kraftwerk auf einem einfachen und robusten technischen Prinzip. Winands nennt es "eine riesige Luftpumpe". An der Wasserseite hat der Bunker eine große Betonkammer, die unter der Wasseroberfläche offen ist. In der Kammer heben und senken die Wellen den Wasserspiegel. Schießt der Wasserspiegel nach oben, wird die verdrängte Luft durch die Turbine gejagt und treibt ein Windrad an. Der sinkende Wasserspiegel saugt die Kammer wieder in umgekehrter Richtung mit Luft voll. Der Rotor in der Turbine ist aerodynamisch so geformt, dass er auch bei dem gewendeten Luftstrom in die gleiche Richtung weiterdreht. Die ideale Drehzahl für die Stromerzeugung liegt vermutlich irgendwo bei 1300 Umdrehungen pro Minute. So genau weiß das aber niemand, denn die nötigen Messreihen mussten immer wieder abgebrochen werden, weil es irgendwo klemmte. Deshalb ist Victor Winands gerade damit beschäftigt, ein Metallgestell zu bauen, mit dem er vor den Herbststürmen unter Wasser Löcher in den Stahlbetonwänden stopfen will. Nebenher erzählt er die Geschichte von Pico I, dem ersten Kapitel des Kraftwerks. Das Kapitel ist ein Lehrstück, wie man es nicht macht und dabei auf halbem Weg nach Amerika viel europäisches Geld versenkt. Die Kurzfassung lautet:

Mitte der neunziger Jahre, die Windenergie nimmt gerade Fahrt auf, gelingt es einem renommierten portugiesischen Professor vom Instituto Superior Tecnico in Lissabon, bei der Europäischen Union, der portugiesischen Regierung und zwei portugiesischen Energieversorgern Geld für ein Wellenkraftwerk zu organisieren. Er will beweisen, dass nach mehreren gescheiterten Versuchen in den siebziger Jahren die Wellenkraft nun beherrschbar ist - unter anderem dank großer Fortschritte in der Materialforschung. Standorte an der portugiesischen Atlantikküste sind im Gespräch, doch bei Anträgen auf öffentliche Fördermittel machen sich Randlagen immer gut. Die Azoren sind nachweislich ziemlich weit am Rand.

So weit, dass es hier zum Beispiel keine Firmen gibt, die Erfahrung mit Unterwasserbetonbauten haben. Die Standortwahl fällt auf ein besonders hübsches kleines Dorf mit einer Schnapsbrennerei, das die Insulaner gern für Ausflüge nutzen. Die Arbeiten beginnen im Frühjahr. Wegen der Fördergelder muss mit dem Bau des Gebäudes eine örtliche Firma beauftragt werden, die zunächst vor der Bucht einen Damm aus gro ßen Steinen errichtet, um bei ruhigem Wasser arbeiten zu können. Zum Herbst sollte das Gebäude längst stehen und der Damm wieder entfernt sein. Doch die Betonarbeiten an Fundament und Gebäude verzögern sich mangels Expertise ständig. Der erste große Herbststurm räumt den Damm ab und schleudert die Felsbrocken in die Grundmauern der Druckkammer. Dort rotieren sie bei rauer See noch heute und schlagen Löcher in die Mauern.

Irgendwann stand das Gebäude dann doch, und die Statiker vom Festland bescheinigten dem Klotz auf der Insel, dass er der Wucht der Wellen standhalten kann. Die Elektrik von Pico I samt EDV-Steuerung wurde im Keller des Bunkers installiert. Bis heute konnte nicht geklärt werden, ob jemand vor dem nächsten großen Sturm die Stahltür zum Bunker offen gelassen hatte oder ob Steine die Verriegelung so unglücklich getroffen haben, dass das Meer sie aufriss. Jedenfalls kam es zu einer Überschwemmung, die der komplexen Steuerelektronik im Keller nicht gut bekam. Nach einigem Hin und Her zahlte die Versicherung. Die neue Steuerzentrale wurde immerhin auf einer Galerie auf Turbinenhöhe eingebaut, und es konnten wohl auch ein paar kurze Tests mit der Turbine gefahren werden. Dann hatten die feuchte Luft, das Salz und eventuell der Schimmel zwischen den Leiterbahnen der Elektronik ein zweites Mal den Garaus gemacht.

Bei den Einheimischen soll das Mitleid klein und die Schadenfreude groß gewesen sein. Niemand hatte sie bei der Wahl des Standortes konsultiert. Zwar störten sich die wenigsten an der Hässlichkeit des Bunkers, und auch die Lärmbelästigung hielt sich in Grenzen, weil das Kraftwerk meistens außer Betrieb war. Wenn die Turbine allerdings lief, kam (und kommt) es gelegent lich zum sogenannten Stall-Effekt. Bei dem löst sich der Luftstrom von Tragflächen ab. Bei einem Flugzeug bedeutet das: Absturz unausweichlich. In einer Generatorturbine macht der Stall-Effekt nur höllischen Lärm, der auf der Insel kilometerweit zu hören ist und viele Leute nervt. Und schließlich hatte das Kraftwerk der Herren aus Lissabon seinen eigentlichen Zweck nie erfüllt - das Inselnetz stabil mit sauberen 400 Kilowatt zu unterstützen. Bis 1999, so schätzen die heutigen Besitzer, waren im Bunker um die fünf Millionen Euro verbaut. Dann gaben die Wissenschaftler vom Instituto Superior Tecnico auf und verschwanden. Offenkundig hatten sie den Eindruck: zu mühsam das alles, zu teuer. Zumal Windkraft mit Offshore-Parks und Solarthermie mit Wüstenkraftwerken (vgl. brand eins 01/2008) langsam, aber sicher die Konkurrenz zu fossilen Energieträgern aufnehmen kann.

Das Konzert der Erneuerbaren

Für Jochen Bard vom Institut für Solare Energieversorgungstechnik in Kassel ist es dennoch keine Option, die marinen erneuerbaren Energien - neben Wellen- noch Gezeiten- und Meeresströmungskraftwerke - aufzugeben. Der führende deutsche Experte zitiert Studien, wonach die nutzbare Energie der Meere bei einem Drittel des weltweiten Stromverbrauchs liegt. "Bei so einem Potenzial kann man aus heutiger Sicht nicht einfach sagen: Das lassen wir außen vor." Auch wenn deutlich ambitioniertere, besser geplante und kapitalstärkere Projekte als Pico in unangenehmer Regelmäßigkeit Schiffbruch erleiden - wie jüngst eine 150 Meter lange, neun Millionen Euro teure Bojenkonstruktion mit Namen Pelamis, zu Deutsch: Seeschlange -, gibt es nach wie vor gute Argumente für die Nutzung der Meeresenergie.

Gezeiten und Meeresströme wirken mit vorteilhafter Konstanz, und auch Wellen lassen sich deutlich besser vorausberechnen als Wind oder Sonne. Marine Kraftwerke, sollten sie einmal zuverlässig arbeiten, wären ideal für die dezentrale Versorgung an abgelegenen Küstenstrichen oder auf Inseln und zudem eine ideale Ergänzung, wenn sich Wind und Sonne eine Auszeit gönnen. "Marine Energie hat ihren Platz im Konzert der erneuerbaren", sagt Bard. "Nur die Durststrecke ist eben besonders lang."

Unter Fachleuten fällt oft der Satz: Wellenkraft hinke der Windkraft 20 bis 25 Jahre hinterher. Bard hält das für Unsinn und den Windkraftvergleich für unzulässig. Denn bei der Windkraft hat sich relativ schnell eine Standardtechnik als die beste erwiesen der Rotor mit den drei Blättern und einem in der Nabe integrierten Generator.

Laut Bard konkurrieren bei der marinen Wasserkraft zurzeit rund hundert technische Ansätze, und es ist bereits absehbar: Es werden in verschiedenen Meeren auch verschiedene technische Lösungen zur Anwendung kommen. Offshore oder küstengebunden. Auf Bojen, die auf den Wellen schaukeln. Am Meeresboden installierte Propeller. Kraftwerke wie das in Pico, nur auf Flößen montiert. Was an welchen Orten funktionieren wird und was nicht, kann heute niemand so genau sagen. Denn auch wenn die Idee, Wellen in Strom zu wandeln, mindestens hundert Jahre alt ist: In sie ist bislang vergleichsweise wenig Forschungsgeld geflossen. Zurzeit sind es nach Bards Schätzung zwischen 1003 und 150 Millionen Euro jährlich. Bald könnte es mehr werden, weil gerade die Amerikaner ins Boot steigen: Aus Präsident Obamas Konjunkturpaket sollen dieses Jahr 40, nächstes Jahr 60 Millionen Dollar in marine Energie fließen. In Kalifornien kursiert die Idee, unter der Golden Gate Bridge Strömungsgeneratoren zu installieren. Die Kraft des Pazifiks würde an dieser Stelle ausreichen, 40 000 Haushalte rund um San Francisco mit Strom zu versorgen.

Bard schätzt, dass in drei bis fünf Jahren erste Meereskraftwerke zur Verfügung stehen, die sich rechneten, wenn sie mit 25 bis 30 Cent pro Kilowattstunde subventioniert würden. Das läge deutlich unter der deutschen Einspeisevergütung für Fotovoltaik-Anlagen. In Portugal wird Meeresenergie bereits heute mit einer Einspeisevergütung von 25 Cent gefördert. Nur kann sie eben noch keiner dauerhaft nutzen, da keiner über eine zuverlässige Technik verfügt.

Ganz gut im Rennen um das erste zuverlässige und halbwegs rentabel zu betreibende Wellenkraftwerk liegt der deutsche Hersteller Voith Hydro, eigentlich Spezialist für konventionelle Süßwasserkraftwerke für Flüsse und Staudämme. Die Firma mit Sitz in Heidenheim betreibt seit einigen Jahren in einem Joint Venture mit Siemens auf der schottischen Insel Islay ein Kraftwerk mit dem schnuckeligen Namen Limpet, was Napfschnecke heißt.

Limpet ist das erste Wellenkraftwerk, das über einen längeren Zeitraum Energie in ein kommerzielles Stromnetz eingespeist hat. Nur Veröffentlichungen über die Energiemenge sucht man vergeblich. In der kleinen, gut vernetzten Forscherszene zu mariner Energie kursieren Gerüchte, dass Limpet aus Versehen hinter eine Sandbank gebaut wurde und deshalb die geplante 2-x-250-Kilo-watt-Turbine durch eine deutlich kleinere ersetzt werden musste, was der Unternehmenssprecher von Voith Hydro allerdings vehement dementiert.

Die Leiden der anderen

Victor Winands scheint es fast zu beruhigen, dass auch die anderen ständig Rückschläge erleben und nicht nur er mit seinem maroden Betonmonster. Neulich hat er geträumt, dass er bergauf Richtung Elektronik-Container rennt und das Kraftwerk hinter ihm in die Luft fliegt. Das ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlich werden sich irgendwann die Wellen den Bunker holen und ihn ins Meer ziehen. Aber das kann noch zehn Jahre dauern. Heute soll erst einmal der Akku kommen. Winands fährt in seinem Uralt-Renault zum Fracht-Terminal des Flughafens von Pico, doch der Akku war nicht dabei. Leider weiß niemand, wo er zurzeit sein könnte. In Momenten wie diesen sagt der Ingenieur Sätze wie: "Irgendwie bin ich hier hängen geblieben." Wie das kam? "Eine lange Geschichte ..." Auch von der gibt es eine Kurzfassung.

Wenn man so will, ist sein Surfbrett schuld. Und sein Bedürfnis, nach dem Studium an der Technischen Universität Berlin etwas anderes zu suchen als einen Job bei einem Automobilhersteller oder Anlagenbauer. Der athletisch gebaute Student war kurz davor, professioneller Snowboarder zu werden, doch eine Verletzungsserie warf ihn aus dem Rennen. Wellenreiten aber konnte er weiter. Und irgendwann gegen Ende des Studiums saß er mit ein paar Kumpels an irgendeinem Strand, und die Surfer-Clique philosophierte darüber, dass man die Kraft der Wellen auch zur Stromerzeugung nutzen könne, worüber Maschinenbaustudent Victor bis dato noch nie so recht nachgedacht hatte. Zurück in Berlin, recherchierte er im Internet, wo mit Wellenkraft experimentiert wurde. Dabei stieß er auf das Wave Energy Center in Lissabon und seinen deutschen Vizedirektor Frank Neumann, der den waghalsigen Versuch unternommen hatte, ein stillgelegtes Wellenkraftwerk auf den Azoren wieder in Betrieb zu nehmen. Oder wie er es selbst formuliert: "Zu revitalisieren."

Neumann hat sich in der kleinen globalen Wellenenergieszene einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet. Das liegt wohl auch an seiner Fähigkeit, Geld zu akquirieren. 2003 war es dem deutschen Ingenieur mit portugiesischer Frau gelungen, verschiedene öffentliche und private Sponsoren für eine 1,2 Millionen Euro teure Sanierung von Pico zu gewinnen. Die Elektronik wurde nun aus dem Kraftwerk in zwei Container 50 Meter oberhalb des Hanges verlagert, die gröbsten mechanischen Fehler wurden behoben und die ersten längeren Testreihen gefah ren. "Das alles war ein schmerzhafter Lernprozess", sagt Neumann in seinem Büro in Lissabon. Er selbst hat fast zwei Jahre auf der Insel verbracht und den Job gemacht, den jetzt sein ehemaliger Praktikant Victor fortführt. Neumann hat nicht allzu viel Zeit, denn er muss los nach Korea, um einen dortigen Energieversorger bei einem Wellenprojekt zu beraten. "Unser Vorteil ist", sagt er nur noch, "dass wir heute ein mehr oder weniger gemeinnütziges Projekt sind. Andere können und sollen aus unseren Fehlern lernen."

Der Bunker ist so konstruiert, dass parallel eine zweite Turbine installiert werden kann. Und so könnte das Kraftwerk zu einem "Testbetrieb für Turbinenhersteller aus aller Welt werden". Das brächte dem Projekt dann auch wieder ein eigenes Budget, denn mehr als 50 000 bis 100 000 Euro im Jahr kann Neumanns Organisation zurzeit nicht in das einstige Vorzeigeprojekt stecken. Voraussetzung für die kommerzielle Nutzung als Teststand wäre freilich, dass der Klotz mittelfristig den atlantischen Wellen standhält und seine Elektronik und Mechanik noch zuverlässiger werden. Seit Victor Winands, wie er heute sagt, "so unvorsichtig war", eine Bewerbung an das Wave Energy Center zu schicken, ist das sein einsamer Job.

Freitag hat Dreadlocks

Seit vergangenem Winter ist es im Kraftwerk zum Glück nicht mehr ganz so einsam. "Robinson hat einen Freitag bekommen", sagt Winands und grinst. Sein Freitag heißt Izan Le Comb, kommt aus der Bretagne und wird, dank der Vermittlung von Frank Neumann, als Stipendiat aus dem Wissenschaftsetat der Europäischen Kommission finanziert. Seine Diplomarbeit hat der 25-jährige Franzose über den "Einfluss von Wellenkraftwerken auf die Qualität der Wellen für Surfer" geschrieben, was nur auf den ersten Blick wie ein wissenschaftlicher Witz wirkt. Wellenreiten ist in Portugal Volkssport. Die gut vernetzte Gemeinschaft der Hobby-Surfer fürchtet, dass Wellenkraftwerke ihnen die besten Surfspots kaputt machen könnten, und hat unter dem Motto "Surfer gegen Wellenenergie" eine Kampagne gestartet, die in den nationalen Medien viel Beachtung fand. "Alles Blödsinn", hat Le Comb, selbst Surfer, nachgewiesen.

Unter seinen Dreadlocks hat sich in seinem Studium an der Ingenieurschule von Rennes derweil gehöriges Wissen angesammelt, mit dem er nun herausfinden soll: Wie muss man die Turbine im Bunker optimieren, um unter den wechselnden Wellenbedingungen im Schnitt die meiste Energie zu gewinnen? Um die Steuerung der Turbine zu verbessern, werden Winands und Le Comb in den nächsten Wochen ein paar Dutzend Meter vor dem Kraftwerk einen Sensor installieren, der die Ventile der Druckkammer vor großen Wellen warnen soll. Dadurch könnte eine elektronische Ventilsteuerung den Luftzug in der Turbine deutlich konstanter halten. Ausprobieren können die beiden das freilich erst, wenn der Steuerungscomputer wieder da ist. Also kümmern sie sich erst mal um die anderen Probleme. Zum Beispiel um die Statik des Gebäudes. Und siehe da: Es gibt doch noch gute Nachrichten. Sie kommen nur ein wenig verklausuliert daher.

Tiago Domingues steigt aus dem Wasser, nimmt das Mundstück der Sauerstoffflasche heraus, legt die Stirn in Falten und sagt: "Schwer zu sagen." Dann holt der Profi-Taucher mit Unterwasserbauerfahrung etwas weiter aus. Dass man ja heute so gar nicht mehr bauen dürfe. Dass die Felsbrocken da unten schon gehörig an den Mauern kratzten. Und dass seine Firma Domingues Sub natürlich an einer umfassenden Sanierung mitwirken könne. Obwohl es vermutlich billiger wäre, gleich neu zu bauen, wofür Domingues Sub selbstverständlich auch beratend zur Verfügung stünde. Es folgt der für Winands und Le Comb entscheidende Satz: "Eine akute Gefahr besteht aber nicht." Mit den anvisierten kleineren Stabilisierungsmaßnahmen müsste das Gebäude ein paar Jahre zu sichern sein.

Robinson und Freitag haben für den Rest des Abends ausgesprochen gute Laune. Der Berliner erzählt von den Wintertagen, an denen die Gischt Dutzende Meter hoch über das Kraftwerk spritzt. Und wie "der Frank" an einem jener großen Wellentage ins Kraftwerk rennen musste und gerade noch das Sicherheitsventil aufreißen konnte, ehe der Rotor "Richtung 1500 Umdrehungen ging und ihm wenige Sekunden später die Turbine um die Ohren geflogen wäre". Der Bretone verrät die vielen Spitznamen, die das Kraftwerk im Laufe der Jahre bekommen hat. Einer ist "Miss Concrete". Ein anderer "Victor's girlfriend". Ein dritter "Odyssee". Die Wellen schlagen höher im Bierglas, und Le Comb erklärt dabei das Resonanzphänomen von Meereswellen. Winands, der Surfer aus Zehlendorf, geht dazwischen: "Na, Odyssee, das ist halt eine lange Reise mit vielen Umwegen und Hindernissen. Aber irgendwann kommt der Odysseus ja doch an."

An diesem Abend sind sich die beiden sicherer denn je, dass auch sie bald am Ziel sind. Dass sie bald ein Kraftwerk haben, das für ein paar Jahre zuverlässig läuft. Dann können die Messreihen endlich losgehen. Und die Turbine kann optimiert werden. Und andere können aus den Fehlern von Pico lernen. Winands sagt: "Wir sind vielleicht Spinner. Aber wir sind keine Idioten. Wir wissen, was wir hier tun." Der Riese schnauft in der Ferne weiter. Laut und regelmäßig. Zumindest an diesem Abend scheint es, als ob er beim Luftholen schon weniger röchelte.-

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Siehe auch:
Was wurde aus ... dem Wellenkraftwerk auf Pico?
(vom 29.1.2010
)