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Ade, Le Corbusier!

Im indischen Punjab baute ein Schweizer Architekt vor mehr als 50 Jahren die Stadt der Zukunft: Chandigarh. Heute zeigt sich: Manchmal ist die Realität stärker als Beton.




- Er blickt aus dem Fenster, denkt nach, nimmt Bleistift und Papier. Zeichnet ein Netz aus senkrechten und waagerechten Linien, nummeriert die Rechtecke. Hier 1, Regierung und Verwaltung, das Gehirn. Hier 12, die Universität, der Kopf. Hier 17, das Zentrum mit Geschäften, Restaurants, Nachtleben, das Herz. Er schraffiert kleine Flächen. Die Industriegebiete sind die Hände. Die Parks sind die Lungen. Die Straßen sind die Arterien und Venen. "Das Elektrizitätssystem", sagt er, "lassen wir mal weg, aber Stromleitungen wären Nervenbahnen."

Surinder Sawhney sitzt in seinem Büro, Nummer 571, Sector 18 B, und erklärt die Geschichte von Chandigarh. Wie alle hier beginnt er mit der Stunde null, 1947. Teilung der britischen Kronkolonie. Die Region Punjab wird gespalten. Der westliche Part mit der Hauptstadt Lahore fällt dem neu gegründeten Staat Pakistan zu, der östliche dem unabhängigen Indien, das nun einen Verwaltungssitz sucht. Der indische Premierminister Nehru entscheidet, zu diesem Zweck eine Stadt zu bauen, und verpflichtet den gebürtigen Schweizer Charles-Édouard Jeanneret-Gris, Künstlername Le Corbusier. So entsteht sie von 1952 an zwischen Amritsar und Delhi, auf leicht abschüssigem Terrain vor den Ausläufern des Himalaya: Chandigarh, benannt nach einer hinduistischen Göttin, unterworfen der Diktatur des rechten Winkels und angelehnt an das System des menschlichen Organismus.

Stadtplanung im Klassen-Raster

"Eine Stadt", hat der US-amerikanische Architekt Louis Kahn einmal gesagt, "ist ein Platz, an dem ein Junge etwas entdeckt, was er sein Leben lang machen möchte." Sawhney ist in Chandigarh aufgewachsen. Sein Vater war Polizeichef des Punjab. Die Familie wohnte zunächst in einem Haus, in dem Pierre Jeanneret wohnte, Le Corbusiers Cousin und Partner, danach in einem Haus, in dem Le Corbusiers indischer Chefarchitekt wohnte. "Ich bin in Corbusiers Stadt aufgewachsen", sagt er. "Ich habe seine Häuser erlebt. Ich hatte keine Wahl." Als er studierte, hätten ihm die Professoren nichts mehr beibringen können. Er wollte, sagt er, auch später nur einem Vorbild folgen. 2007 wurde Sawhney von einem indischen Magazin zu einem der sechs einflussreichsten Architekten Indiens gewählt; aktuell baut er ein Krankenhaus im Himalaya, ein Lieblingsprojekt des Premierministers.

Chandigarh, 114 Quadratkilometer groß, 1,2 Millionen Einwohner. Ankunft an einem Nachmittag im August, der Asphalt noch nass vom Monsunregen. Das Taxi rollt vom Flughafen in die Stadt, biegt in die Madhya Marg, die Mittlere Hauptstraße. Sie ist breit und bis auf ein paar Autos und Motorradrikschas leer. Sie hat einen Grünstreifen in der Mitte und wird gesäumt von Bäumen, von Rad- und Gehwegen. Dahinter wieder Bäume, graue Betonkästen mit Säulen und grauen Betonblöcken auf den Balkonen. Dann ein begrünter Kreisverkehr mit Blumenrabatten und alles von vorn: Straße, Bäume, Betonkästen, Säulen, Betonblöcke. Grün und stereotype Fassaden, Grün und stereotype Fassaden. Man verliert leicht die Orientierung.

46 Sektoren plante Le Corbusier, unterteilt in vier Untersektoren, fast alle 1200 Meter mal 800 Meter groß. Zu erreichen waren sie über sieben Straßentypen, bebaut wurden sie mit 14 Häusertypen; die Wohngebäude durften nicht mehr als 60 Prozent der Grundstücke bedecken und nicht höher als drei Stockwerke sein. Wie die Verwaltungsgebäude hatten sie auf den Balkonen oder als Fenstereinfassung sogenannte Brises soleil, Sonnenbrecher. Die Bewohner sollten nach Einkommen und Beruf auf die unterschiedlichen Häusertypen verteilt werden. Sie wurden eingeordnet in Kategorien wie H IG (High Income Group), M IG (Middle Income Group), LIG (Low Income Group). Und jeder Sektor sollte autark sein, weshalb ihm ein Markt, Läden, Banken, eine Schule, Arztpraxen zugewiesen wurden. Konzipiert war Chandigarh für eine halbe Million Menschen.

Kritiker monieren heute, diese Agenda und Einförmigkeit passe nicht zu einem Land, in dem es 22 offizielle Sprachen, Hunderte Ethnien und Millionen Götter gebe. Sie vertrage sich nicht mit der Kultur von Menschen, die romantische Gedichte und Lieder haben für Hitze, Regen, die Farben des Himmels. Sie sagen, Beton sei ein brutales Baumaterial, vor allem, wenn damit so bombastisch umgegangen werde wie bei den Monumentalbauten, die Le Corbusier in den Sector 1 im Norden der Stadt stellte. Das sogenannte Secretariat, die Zentralverwaltung, ist 254 Meter lang und 42 Meter hoch. Auf dem Dach des benachbarten, nicht minder gewaltigen Parlaments thront ein Kegel so hoch wie der Kühlturm eines Atomkraftwerks; selbst der Oberste Gerichtshof ist überbaut mit einem monströsen Betonbügel.

"Was sollte er machen?", sagt Sawhney. "Er war eben kein Inder. Beton war billig, und Sinnlichkeit war nicht seine Stärke." Vielmehr neigte Le Corbusier zum Größenwahn. In einem Aufsatz stellte er bereits 1929 fest: "Es ist höchste Zeit, dass ich definiere, was moderne Architektur ist." Man kann ihm schwer vorwerfen, dass ihm jemand Gelegenheit dazu gab. Beflügelt von der Unabhängigkeit, gab Nehru dem Stadtplaner und seinem Team freie Hand: "Lasst es eine neue Stadt sein, symbolisch für die Freiheit Indiens, unbelastet von den Traditionen der Vergangenheit, ... ein Ausdruck des Glaubens der Nation an die Zukunft."

Es war das erste Bekenntnis der jungen Nation zur Stadt. Bis dahin galt die sich selbst versorgende Provinz, wie sie Mahatma Gandhi propagiert hatte, als Säule und Seele Indiens. Noch heute sind zwei Drittel aller Inder Bauern, die in 600 000 Dörfern leben. Doch seit Nehru investiert man in die Infrastruktur der Städte, während die Dörfer in Armut und Hoffnungslosigkeit versinken. Die Folge ist eine dramatische Landflucht. In Verbindung mit rapidem Bevölkerungswachstum und dem Wirtschafts-Boom sorgt das für chronische Probleme. In den Metropolen bricht ständig das Stromnetz zusammen, die Kanalisation läuft über, Wohnviertel sind überfüllt, Slums wuchern. Exemplarisch dafür ist die Wirtschaftsmetropole Mumbai mit 13 Millionen Einwohnern. "Ein Anschlag auf alle Sinne des Individuums", nennt es Suketa Metha in seinem Buch "Maximum City".

Chandigarh dagegen: Keine andere indische Großstadt hat so viel Grün; auf 36 Prozent ihrer Fläche stehen Bäume. Trotz mehr als 650 000 registrierten Fahrzeugen, den meisten im Pro-Kopf-Vergleich landesweit, gilt die Luft als die sauberste aller Großstädte. Stromausfälle? Nicht hier. Wer in Chandigarh wohnt, verbraucht täglich 330 Liter Wasser, mehr als doppelt so viel wie im Landesdurchschnitt. Ein ausgeklügeltes Drainagesystem lässt Überschwemmungen nach Monsunschauern rasch versickern.

Chandigarh hat mehr als ein Dutzend Kliniken, darunter eine der besten Indiens; das Post Graduate Institute of Medical Education & Research (P GIMER) versorgt 1,5 Millionen Patienten jährlich. Neben der Punjab University gibt es in Chandigarh mehr als ein Dutzend renommierte Colleges, diverse Ingenieurschulen und Wirtschaftsinstitute. "Es gibt keine perfekte Stadt", sagt Sawhney, "aber Chandigarh funktioniert." Sie ist beliebt bei Senioren und als Zweitwohnsitz für Wohlhabende, hat das höchste Durchschnittseinkommen, die zweithöchste Sparquote und die meisten Banken Indiens pro Einwohner.

Luft, Sonne, Licht - aber nur im Zentrum

Anoop Singh kam vor 45 Jahren. Er studierte Englisch an der Punjab University, betreute nebenher Touristen, fand Gefallen daran und eröffnete ein Reisebüro. Singh, ein Sikh mit cremefarbenem Turban, ist 62 Jahre alt. Er wohnt mit seiner Frau, zwei erwachsenen Söhnen, einer Schwiegertochter und einem Enkel in Sector 45 B. Die Wohnung, zwei Schlafzimmer mit separatem Bad, ein Wohnzimmer, Küche, fällt unter die Kategorie H IG 2. Singh sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer. Die Abendsonne fällt auf seinen Turban, während Singh über Le Corbusiers Credo "Air, son, lumière" philosophiert. Luft, Ruhe und Licht - sie sollten die Grundlage für die Lebensqualität der Einwohner sein. Singh liest das Gedicht, das er über Chandigarh verfasst hat: "Genährt wurdest du von zahlreich weltberühmtem Intellekt/Als Pilger kommt der Stadtplaner und Architekt."

Singh versteht sich als Botschafter Chandigarhs, was die Funktion des Chauffeurs einschließt. Also wieder hinaus, diesmal auf die Uttar Marg, die Nördliche Hauptstraße. Fast kein Verkehr, vorbei an grünen Bäumen und grauen Betonkästen, dann rechts abgebogen, wo alle Häuser rot sind, würfelartig, nirgendwo eine geschwungene Linie. Schließlich in eine Straße mit weißen, vornehmen Häusern. Singh sagt, wenn er Besucher herumfahre, "sagen die Leute immer, es sei ein Skandal, wie viel Platz hier verschwendet werde, und dann sagen sie: Was hast du für ein Glück, dass du hier leben kannst." Schon hält der Wagen vor einer Villa, die 1969 gebaut wurde. Zwei Etagen, 200 Quadratmeter Wohnfläche, Sonnenbrecher, Veranda und Balkon zur Straße, gepflegter Garten. Das Anwesen könnte in einer europäischen Vorstadt stehen oder in einer USamerikanischen Suburbia.

Nummer 717, Sector 8 B. Hier wohnen Rakesh und Seema Bhalla. Rakeshs Mutter war Singhs Schwester. Sie leitete das Krankenhaus von Shimla, der legendären Hill Station, 160 Kilometer nördlich. Rakeshs Vater war Kinderarzt. Das Haus war der Alterswohnsitz seiner Eltern.

Rakesh sagt: "Kinder sind allergisch gegen die Berufe ihrer Eltern." Weshalb er Manager von Mutual Funds wurde, was wiederum erklärt, warum er gern über Geld redet. Von den exorbitanten Grundstückspreisen und Mieten in Chandigarh. Seine Frau Seema ist gelernte Modedesignerin. Inzwischen hat sie eine Kolumne im Magazin "India Today", in der sie über die Magie des Lichts im Raum schreibt oder darüber, wie man mit Büchern eine Wohnung verschönert. Die Haushälterin serviert eine pikante Teigschnitte, danach Rasgulla, butterweiße Bällchen in Sirup. Seema sagt: "Corbusier ist das einzige Erbe, das diese Stadt hat."

Die Vorzeige-City, umzingelt vom armen Indien

"Wissen Sie, was ich dazu sage?", fragt der bullige Mann und stemmt dazu beide Arme auf den lackierten Schreibtisch aus Edelholz. "Ich sage Ihnen, das ist alles Quatsch. Das ist das Gerede der Leute, die Chandigarh zu einer verschlafenen Lagune gemacht haben, in der sich jeder nur um die Wahrung seines Besitzstandes kümmert." Der Mann heißt Sunith Francis Rodrigues. Er ist pensionierter General der indischen Armee, seit dem 16. November 2004 Administrator von Chandigarh und Gouverneur des Bundesstaates Punjab.

Dazu muss man wissen, dass Chandigarh eines von sieben sogenannten Union Territories (UT) ist, die der Regierung in Delhi direkt unterstehen und meistens von deren Elitebeamten verwaltet werden. Wegen der traditionell instabilen politischen Lage in Punjab wird der Chefverwalter des UT Chandigarh, der Administrator, per Dekret zum Gouverneur berufen (und nicht, wie sonst üblich, von der Regierung des Bundesstaates bestimmt).

"Kann ja sein", sagt Rodrigues, "dass diese Stadt mal die Zukunft des modernen Indiens war. Heute aber haben wir das wiederauferstandene Indien." Deshalb, so Rodrigues, habe er als erste Amtshandlung als Administrator ein Konzept bestellt. "Sechs Tage später hatte ich es. Und seither krempeln wir diese Stadt um." Schon fliegen die Hochglanzprospekte. Da: der IT-Park an der nordöstlichen Peripherie. Infosys, Tech Mahindra und Air Tel haben sich schon angesiedelt, als Nächstes entsteht eine Modellsiedlung mit Luxuswohnungen und Villen für deren Mitarbeiter. Und da: die Education City an der nordwestlichen Peripherie; 95 Investoren aus aller Welt haben sich registriert. Und da: eine Medicity mit Pharmaunternehmen; eine Schule für Jungunternehmer; ein indisches Disneyland. Eine Stadtbahn kommt, der Flughafen wird ausgebaut. Rodrigues: "Ich will die Zukunft."

Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Presse nicht euphorisch über neue Gewerbegebiete, Investments in US-Dollarmilliarden, neue Infrastruktur berichtet. Die Bundesstaaten und Kommunen buhlen mit Special Economic Zones (S EZ), billigem Land und Steuernachlässen. Trotz weltweiter Krise rechnet Indien für die nächsten fünf Jahre im Schnitt mit acht Prozent Wachstum; in Chandigarh lag die Steigerungsrate 2008 sogar bei 16 Prozent. "Sie denken alle an Wachstum", sagt Sawhney. "Sie denken an Arbeitsplätze, Profit, Reputation. Aber sie denken nicht darüber hinaus." Jeder Arbeitsplatz in der IT-Branche sorgt für drei weitere. Die Einkommen daraus wiederum schaffen Dutzende von Kleinjobs - Schneider, Friseure, Boten, Gärtner, Rikscha-Fahrer. Die indische Mittelklasse beschäftigt traditionell Hausangestellte, Köchinnen, Zimmer- und Kindermädchen. Alle brauchen Unterkunft, Strom, Wasser, Kanalisation, Schulen. Sawhney: "Vieles wächst von allein, die Infrastruktur nicht."

Chandigarh sollte eine reine Verwaltungsstadt für 500 000 Menschen werden. Erst nach langem Widerstand beugte sich Le Corbusier dem Wunsch Nehrus, Gewerbegebiete einzurichten, wofür er als Ausgleich einen Grüngürtel von zehn Meilen Durchmesser an der Peripherie forderte, in dem nur Landwirtschaft erlaubt sein sollte. Inzwischen sind in Chandigarh 439 Industriebetriebe registriert. Der Einwohnerzuwachs betrug im vergangenen Jahrzehnt 40 Prozent, der Grüngürtel ist mit Siedlungen zugebaut. Im Süden schließt die Stadt Mohali an, im Nordosten Panchkula; beide zusammen haben rund 400 000 Einwohner. In Chandigarh leben zwar immer noch 50 000 Beamte, 3000 Richter, etwa 10 000 Ärzte und Lehrer, doch mindestens ein Drittel der Menschen ist in Armutsquartieren zu Hause; 26 sogenannte Kolonien gibt es, 19 Slums, dazu vier Dörfer, die schon zu den Zeiten von Le Corbusier existierten.

Wer nur auf den Madhya und Uttar Margs unterwegs ist, weiß nichts von jener Welt. Dabei sind es nur drei Minuten Autofahrt von den Bhallas bis zur Kolonie Bapu Dam mit ihrem Kabelsalat aus Stromleitungen und den schlammigen Wegen zwischen schiefen Hütten. Es sind nicht einmal hundert Meter von Anoop Singhs Wohnung bis zur Ortschaft Burail, wo schätzungsweise 100 000 Menschen ein Drittel des Sektors 45 bewohnen. Und jeder in Chandigarh weiß, dass es in den Sektoren 32, 34 oder 35, in Sichtweite des von einem weiten Platz dominierten Stadtzentrums, Wohnkabinen für bis zu zehn Menschen in einem Raum gibt. Die Folge: Die Kapazitäten der Strom- und Wasserversorgung sind ausgereizt; an den Übergängen zu Mohali und Panchkula kollabiert der Verkehr. Prognosen zufolge soll die Tricity 2020 bereits sechs Millionen Einwohner haben.

Abschied von einem Kulturdenkmal

An einem Freitagabend um sieben in Panchkula. Vipin Pubby sitzt an seinem Computer und redigiert einen Artikel über Hunderte von Kindern, die nicht mehr zur Schule gehen können, weil ihre Familien aus einem Slum in eine Kolonie umgesiedelt wurden. Pubby ist Chefredakteur der Lokalausgabe des "Indian Express". Er sagt, er halte nicht allzu viel von Gouverneur Rodrigues. "Ich habe aufgehört, ihn zu interviewen. Er hört nicht zu. Er gibt nur Befehle."

Der Journalist weiß aus Erfahrung, wie es läuft: "Administratoren bleiben fünf Jahre, dann kommt der nächste. Alle wollen sich ein Denkmal setzen. Was bleibt, sind unvollendete Pläne." Die Siedlung am IT-Park? Werde nie gebaut - zu wenige Käufer. Education City? Zu teuer. Von allen Bewerbern seien noch zwei übrig. Medicity, der Vergnügungspark? Pubby zuckt mit den Achseln.

Das Slum Rehabilitation Program, mit dem Rodrigues Wohnungen für 250 000 Familien schaffen will, damit das frei gewordene Land von einem Investor bebaut werden kann? Pubby sagt: "Bis jetzt haben sie 318 Wohneinheiten, und selbst in die will niemand einziehen, weil die Wasserversorgung nicht funktioniert."

Ginge es nach Pubby, würde sich vieles ändern. Die Administration müsste sich um die Infrastruktur kümmern statt um Image-Projekte. Man würde höher bauen, die vorhandene Fläche verdichten und Parks opfern. Das schon 1952 geplante Hochhaus im Stadtzentrum würde endlich entstehen, dazu neue Straßen, Hochtrassen, Unterführungen; das Stromnetz würde ausgebaut, die Wasserleitungen würden saniert, das Energiekonzept erneuert. Und dann sagt Pubby, was vor allem Leuten wie den Bhallas missfallen dürfte: "Sechs Prozent der Einwohner beanspruchen mehr als ein Drittel des Bodens in Chandigarh. Das muss sich ändern." Architekt Sawhney bilanziert: "Man wird einen Großteil von Le Corbusiers Erbe zur Disposition stellen müssen."

Im Prinzip ist das bereits geschehen. Schon 1975 nahmen sie sich in Delhi vor, den Bevölkerungszuwachs und die Stadtentwicklung Chandigarhs zu kontrollieren. 1984 wurde ein Plan aufgestellt, mit dem die Entwicklung von Chandigarh, Mohali und Panchkula aufeinander abgestimmt werden sollte. Doch es blieb bei den Vorsätzen. Dafür sind inzwischen neun von zehn Gebäuden aus der Gründerzeit der Stadt umgebaut worden. "Selbst hochrangige Beamte und Funktionäre", sagt S. P. Gupta, "haben keine Ahnung, was diese Stadt auszeichnet. Und sie interessieren sich auch nicht dafür." Gupta hat über ein Jahrzehnt Material gesammelt für sein Buch "The Chandigarh - An Overview". Er hat es selbst verlegt und in drei Jahren 500 Exemplare verkauft.

Pubbys "Express" druckte kürzlich eine Serie über das Erbe Le Corbusiers. Dabei ging es etwa um Möbel und Teppiche, die von Le Corbusier und Pierre Jeanneret entworfen wurden und nun für 100 Rupien (etwa 1,50 Euro) verschleudert werden. Vor allem aber ging es um Sector 1, der nur mit einer mühsam zu beschaffenden Genehmigung und dann nur in Begleitung eines bewaffneten Soldaten zugänglich ist.

Es mag bizarr erscheinen, dass nur einen Kilometer von Sector 1 entfernt der Felsengarten eines gewissen Nek Chand liegt, der früher Straßeninspektor in Chandigarh war. Aus Felsbrocken Unrat, kaputtem Schmuck, alten Steckdosen, Eisenstangen und viel Zement hat er ein Panoptikum an märchenhaften Figuren, Formen und Wasserfällen geschaffen. Nach dem Taj Mahal soll es die meistbesuchte Touristenattraktion Indiens sein.

Stimmt es also, was Rudyard Kipling schrieb, der 1865 in Bombay geboren wurde: "Oh, East is East and West is West/And never the twain shall meet"? Mag sein, sagt Surinder Sawhney: "Indische Realitäten sind anders als westliche Realitäten." Doch vielleicht ist die Essenz einfach nur: Man kann niemandem dauerhaft vorschreiben, wie er leben soll. Und einer Stadt nicht vorschreiben, wie sie sich entwickelt. -