Mensch Maier

Für seine Uria-Rinder hat ein schwäbischer Landwirt seine Existenz geopfert. Denn er will für die Tiere immer nur das Beste. Dazu gehört für ihn auch, dass er regelmäßig eines von ihnen auf der Weide erschießt.




-Wenn es wieder so weit ist, zieht Ernst Hermann Maier die Gummistiefel an, setzt die schwarze Baseballmütze auf und fährt raus zur Wiese. Er öffnet den Elektrozaun und geht langsam in Richtung der Rinder, die ruhig bleiben, weil sie ihn kennen, den Mann mit den kräftigen Händen und dem faltigen Gesicht, der ihnen im Winter das Bioheu bringt und jedem von ihnen einen Namen gegeben hat. Schneeflocke, Annabelle, Walter. Der ihnen so vertraut ist und seine Nase selbst an der des bulligsten Tieres reiben kann, so als wäre es ein Hund. Der lieber auf EU-Prämien verzichtet, als seine Rinder mit Ohrmarken zu markieren. Einen Mikrochip hat er ihnen stattdessen an der unempfindlicheren Schwanzwurzel einpflanzen lassen.

Ungefähr zweimal die Woche betritt Maier aber die Wiese und hält kein Futter in den Händen, sondern eine Waffe. In vier, maximal fünf Metern Entfernung bleibt er stehen. Behutsam hebt er das 9-mm-Gewehr, das er mit Schalldämpfer versehen und mit Unterschallmunition geladen hat, weil er eine so langsam fliegende Kugel braucht, die dem Tier zwar die Schädeldecke durchschlägt, "aber nicht hinten am Schwanz wieder rauskommt", wie Maier sagt. Er blickt durch das Infrarot-Zielrohr. Er will nur die Stirn treffen, im richtigen Neigungswinkel, damit er das Stammhirn nicht verletzt. Das wird noch gebraucht für den BSE-Test. Dann drückt er ab.

Hundertfach hat der 67-jährige Landwirt schon den Abzug gezogen. Ein schier endloser Streit mit den Behörden liegt deshalb hinter ihm, an dessen Ende er darf, was er wollte: auf seiner eigenen Weide mit seinem eigenen Gewehr seine eigenen Tiere schießen. Uria-Rinder nennt er diese, nach dem Auerochsen der Vorzeit: Ur.

Aus einer Handvoll gewöhnlichem Fleckvieh haben sie sich entwickelt. Inzwischen sind es mehr als 240 Stück, darunter etwa 30 Bullen, die auf 70 Hektar Weidefläche so natürlich wie möglich, ohne Hormone und Antibiotika heranwachsen können. Wo die Mutterkuh nicht vom Kalb getrennt wird; wo das Jungrind drei Jahre in der Herde bleiben darf, bis zu seiner Schlachtung. Bei denen die Hörner nicht wie beim Stallvieh nach unten, sondern, wie Maier es deutet, "wieder stolz nach oben wachsen". Sogar Wissenschaftler haben schon das Verhalten der Herde studiert, da es eine solche weltweit kein zweites Mal gibt.

Über seine Uria-Rinder hat Maier ein Buch geschrieben, aber eigentlich ist es eher ein Buch über ihn selbst. In Anlehnung an den Pferdeflüsterer Monty Roberts heißt es "Der Rinderflüsterer"*. Der Titel wurde ihm von einer TV-Journalistin gegeben. Nicht ganz zu Recht, da Roberts durch seine einfühlsame Art schwierige und traumatisierte Tiere heilt, während sie bei Maier aller Zuneigung zum Trotz - zumeist vakuumverschweißt in einer Gefriertruhe landen. Nun geht es Maier aber auch nicht darum, als was, sondern wie seine Rinder enden. Maier ist weder Vegetarier noch klassischer Tierschützer. Die Frage, ob der Mensch überhaupt anderes Leben töten darf, hat er sich vermutlich nie gestellt. Und falls doch, hat er es für sich bejaht in diesem schwäbischen Akzent, den er über jeden seiner Sätze walzt. Ein Starrkopf ist er, dessen Geschäft auf einem klaren moralischen Prinzip beruht: Auch Nutztiere haben Anspruch auf ein würdevolles Leben - und auf einen würdevollen Tod.

Dieses Prinzip hätte Maier beinahe seine Existenz gekostet. Doch wie ist das gekommen? Wie ist er von einem eher gleichgültig wirtschaftenden Bauern zum Züchter geworden, dem das Wohl seiner Tiere über alles geht? Da reibt sich Maier mit den Handflächen das gerötete Gesicht und erzählt mit dieser Stimme, die mal einfühlsam und mal so schneidend sein kann, dass man nicht weiß, ob man ihn gern als Freund hätte, aber sicher ist, dass man ihn nicht zum Feind haben möchte. Erzählt vom jahrelangen Streit mit den Behörden, von vergifteten Rindern, Hausdurchsuchungen, Gerichtsterminen. Das ist die Kurzfassung.

Die längere geht so: Als junger Mann übernimmt Ernst Hermann Maier den Hof seines Vaters in Ostdorf, im ländlichen Abseits zwischen Stuttgart und Bodensee. Eine Handvoll Rinder gehört dazu, die er nur im Stall hält. Doch irgendwann schwebt ihm eine Weide vor, und so pachtet er Land, mit dem die an Stallhaltung gewöhnten Tiere aber nichts anzufangen wissen. Sie trampeln die Elektrozäune nieder und verstehen nicht, dass auch gefressen werden kann, was nicht in einer Futterkrippe liegt - wie das Gras, das auf der Weide wächst. Es ist degeneriertes Vieh, stellt Maier fest, das seine Instinkte vor Generationen verloren hat.

Mühsam ist der Auf- und Abtrieb, der ständige Wechsel zwischen Stall und Weide. Als der Vater erkrankt und stirbt und dem Sohn die Hilfe fehlt, lässt er die Tiere im Winter zum ersten Mal auf der Weide. Im Dorf beginnen sie zu tuscheln: Der Maier lässt seine Tiere verwahrlosen. Normales Vieh, das weiß doch jeder, kann draußen nicht überleben.

Der Winter wird hart, "arschkalt", sagt Maier. Doch während das Vieh der anderen Bauern in den warmen Ställen an einer Rinderepidemie erkrankt, beginnen seine Tiere zwar zu husten, bleiben aber gesund. Auch nach dem nächsten feuchten Winter, in dem sich die Weide in eine Schlammlandschaft verwandelt. Selbst diese Umstände machen den Tieren nichts aus, und plötzlich nimmt Maier an ihnen eine Veränderung wahr: "Sie wurden ganz selbstbewusst", sagt er und drückt dabei die Brust heraus.

Kraftproben eines widerspenstigen Bauern, der vor Ämtern und Paragrafen nicht einknickt

Neben der Viehzucht ist der Handel mit Landmaschinen ein weiteres Standbein des Betriebes. Doch dann kommt eine Zeit, in der die Banken mit Krediten knausern und ihre Kunden nicht wie zuvor bei der Anschaffung von Mähdreschern oder Feldhäckslern unterstützen. Deren Hersteller setzen daher auf Werksfinanzierungen, die eine Händlerbürgschaft einschließen. Die Folge ist, dass Maier mehrere Jahre in Folge Mähdrescher von zahlungs unfähigen Kunden zurücknehmen und mit Verlust weiterverkaufen muss. Im schlimmsten Jahr entsteht ein Schaden von fast 175 000 Euro. Die Banken geben ihm keine Kredite mehr, und so häufen sich Schulden an. Maier trickst. Einmal kauft er aus einer Konkursmasse für etwa 2000 Euro einen neuwertigen Traktor, den er über eine Landmaschinenfinanzierung für etwa 20 000 Euro an den eigenen Betrieb verkauft. Mit dem Überschuss finanziert er eine neue Halle, die er größtenteils in Eigenleistung baut. Maier ist einer, der auch nach Niederlagen nie aufgibt.

An einem Herbsttag misslingt der Versuch, den Bullen Axel für den Weg zum Schlachthof in einen Hänger zu verladen. Zwei Stunden mühen sich Maier, ein Metzger und dessen Geselle vergebens. Obwohl angebunden, tobt das Tier, stemmt seine Läufe in den Boden und schreit jämmerlich. Mit eilig organisierter Sondergenehmigung setzt der Metzgermeister auf der Wiese ein Bolzenschussgerät an die Stirn des Bullen. An diesem Tag beschließt Maier, nie wieder ein Tier zu verladen. Im Jahr darauf wird er mit seinem Hof Mitglied bei Bioland.

Warum nicht immer das Vieh vor Ort töten, fragt sich Maier. Warum die qualvollen Transporte? So kommt der Metzger nun regelmäßig hinaus zur Weide, wo den angebundenen Tieren zur Betäubung mit dem Bolzenschussgerät das Gehirn durchstoßen wird. Danach öffnet der Metzger die Halsschlagader, und wenn das Blut ausgelaufen ist und das Herz stillsteht, verlädt er das Rind in seinen Anhänger. Doch oft ist es schwierig, die Tiere anzubinden; zu sehr haben sie sich bereits an freien Auslauf gewöhnt. Maier verzichtet daher künftig auf Stricke und setzt den frei stehenden Rindern das Bolzenschussgerät auf die Stirn. Das ist nicht ungefährlich. Fest muss er das Gerät aufsetzen, denn der Bolzen hat nur eine Reichweite von acht Zentimetern. Das geht so lange gut, bis eines Tages ein Tier zuckt und nicht betäubt, sondern nur schwer verletzt ist. Schließlich wird es vom Förster erschossen.

Eine Betäubung mit Gewehr statt Bolzenschuss erscheint Maier als Lösung. Er beantragt eine Schießerlaubnis, die abgelehnt wird. Bauern, die auf ihren Weiden selbst das Vieh schießen? Das ist dem zuständigen Ordnungsamt nicht nur verdächtig, es hält das auch für illegal. "Bei einer Entscheidung geht es nicht darum, ob man persönlich dafür oder dagegen ist", sagt die heutige Leiterin des Amtes, Brigitte Witzemann. Gehandelt werden könne nur nach den bestehenden Gesetzen und Verordnungen. Und es sind nicht wenige, gegen die Maiers Vorhaben verstößt: der Schlachthofzwang, der das Schlachten auf eigenem Gelände untersagt; das Tierkörperbeseitigungsgesetz, das verbietet, dass mit Erregern versehenes Blut ins Erdreich gelangt; die Tierschutz-Schlachtverordnung, die eine Zeit von maximal einer Minute zwischen Betäubung und Ausbluten des Rindes vorschreibt. "Wenn die Gesetze so sind: Was soll da ein Amt machen?", fragt Frau Witzemann und klingt nicht so, als gäbe es mehrere Antwortmöglichkeiten.

Damit will sich Maier nicht abfinden, und wenn er erzählt, ist nicht immer klar, ob er nur die Gesetze als unsinnig oder die Menschen in den Ämtern als unwillig empfindet. Oder ob Gesetze und Beamte nicht ohnehin für ihn dasselbe sind. Bald darauf verstößt er, wenn auch ohne sein Wissen, gleich gegen ein weiteres Gesetz - gegen eines aus dem Jagdrecht. Denn er engagiert Jäger, bei denen es schnell zur beliebten Sache wird, einen Bullen zu schießen. Maier hat dagegen nie ein gutes Gefühl, wenn er mit einem Jäger die Weide betritt. "Es ist ein Unterschied, ob ich vom Hochsitz auf ein Reh anlege oder in einer Gruppe halbwilder Rinder auf einen Bullen."

Der letzte Einsatz eines Jägers endet fast in einer Katastrophe: In etwa zehn Metern Entfernung baut sich der Mann vor dem ausgewählten Bullen auf. "Den schieße ich über Kimme und Korn", sagt er fast heiter zu Maier und legt mit einem großkalibrigen Revolver an. Ein Knall ertönt. "Der hat's, der hat's! ", ruft der Jäger. Aber der Bulle steht. "Um Himmels willen, schieß noch mal! ", ruft Maier zurück und drückt dem Jäger das Gewehr in die Hand, das er für ihn gehalten hat. Noch einmal ein gewaltiger Knall. Der Bulle steht noch immer, der Jäger erstarrt. "Wie funktioniert dein Revolver?", will Maier wissen. "Nur abdrücken?" Er läuft zum Bullen, fasst ihn ans Horn und schießt ihm eine Kugel in die Stirn. Da bricht das Tier zusammen.

Wenige Tage später erscheint ein Zivilpolizist bei Maier. Er hat den Rinderschädel mit drei Einschüssen beschlagnahmt. Der Metzger - "diese linke Bazille", sagt Maier - hat ihn wegen Tierquälerei angezeigt. Rinder sind laut Jagdrecht nicht zu schießen wie Damwild, macht ihm der Beamte klar, gelten als Haustiere und müssen lebend in einen Schlachthof transportiert werden. Dort müssen sie, wie es das Fleischhygienegesetz vorschreibt, "fixiert" und mit Bolzenschuss betäubt werden. "Das soll sicherstellen, dass man hundertprozentig die richtige Stelle trifft und den Tieren keine unnötigen Schmerzen zufügt", erklärt Gabriele Wagner, Leiterin des Veterinäramtes Balingen, das schließlich ein Strafverfahren gegen Maier einleitet. "Und grundsätzlich kann ja nicht einfach jeder auf seine Tiere schießen, wenn nicht klar ist, ob er ausreichend sachkundig ist."

Aber das Verfahren wird eingestellt. Maier muss lediglich Bußgeld zahlen - was er nicht tut. Er legt Widerspruch ein, beantragt erneut eine Schießerlaubnis und weicht in den folgenden Jahren keinem Konflikt aus.

So erfahren Amtsgerichte, Verwaltungsgerichte und Bundesgerichte von Ernst Hermann Maier, dem Landwirt aus der Region Neckar-Alb, der sich beharrlich weigert, seine Tiere in den Schlachthof transportieren zu lassen, und zum Nachweis seiner Sachkunde sogar einen Jagdschein macht.

Die Zeit vergeht. Mit seinen Tieren kann er nur Geld verlieren, keines verdienen. Die Schulden wachsen, vor allem durch die aufgelaufenen Zinsen. Ein bisschen verdient Maier noch mit dem Bau von Stahlhallen. Die Kunden sind meist andere Landwirte, von denen einige während des Prozesses vom Wirtschaftskontrolldienst Balingen aufgesucht werden. Wer Ärger mit Behörden befürchten müsse, gibt den Auftrag dann doch lieber der Konkurrenz, glaubt Maier. So läuft auch dieses Geschäft immer schlechter.

Den Banken zahlt er so wenig wie möglich zurück. Lieber investiert er in Tiere oder in einen Schlachtraum, den er mit etwa 50 000 zusammengekratzten Euro im Hof ausbaut. Nutzen kann er ihn nur für Haus- und Notschlachtungen, verkaufen darf er das Fleisch nicht. Um weitere Auflagen zu erfüllen, überlegt er sich eine skurrile Konstruktion, die sogar von den Behörden abgenommen wird. Ein solide funktionierender Schrotthaufen ist es, was Maier mit "MSB" abkürzt: mobile Schlachtbox. Zusammengebaut ist sie aus alten Mähdrescherteilen und Resten von Stahlhallen. Ist das Rind durch einen Schuss auf der Weide betäubt worden, wird es mit einem Schlepper in die Box gehievt. Verborgen hinter hohen Alu-Profilen, setzt der Metzger dann sein Messer an. Das Blut sammelt sich in einer Wanne und kann nun nicht mehr in den Boden gelangen. Schließlich wird das Rind zum Zerlegen auf Maiers Hof gefahren. "Kein Stress, keine Angst, keine Panik. Wir sind der Schlachthof ohne Schrei", sagt Maier fast stolz. Denn selbst wenn ein Tier getroffen zusammenbricht, reagiert die Herde gleichgültig. "Und wir transportieren nur noch das Fleisch, nicht die Tiere."

Schwäbischer Triumph in Zartbitter: 13 Jahre Kampf, aber der Sieger steht mittellos da

Illegal tötet der Landwirt während der sich ziehenden Prozesse etwa 100 Rinder der immer weiter wachsenden Herde, Fleisch für Verwandte, Freunde, für seine Familie. Das kann ihm aber nie nachgewiesen werden, und auch der selbst gebaute Schussapparat wird bei einer Hausdurchsuchung nicht gefunden. Einmal fällt der Landwirt dafür auf eine als Testkäuferin getarnte Polizistin herein, die ihn so lange hartnäckig bittet, bis er schließlich Fleisch abgibt. Prompt folgt ein Bußgeldbescheid wegen unerlaubten Fleischverkaufs. Er legt Widerspruch ein.

Bis er schließlich mit seiner Schlachtbox Geld verdienen darf, vergehen Jahre. Inzwischen hat er das Gefühl, den Belastungen nicht mehr standzuhalten, dem Streit mit den Behörden, dem Druck der Schulden. Sogar sein Haus wird durchsucht - Verdacht auf Verstoß gegen das Handwerksrecht. Willkür der Behörden, sagt Maier. Die müssen dagegen nicht nur mit Maier kämpfen, sondern zugleich gegen eine Front aus Journalisten, die der Schwabe mobilisiert hat. "Die sanften Wilden", werden Artikel über ihn übertitelt, oder "Eigensinnig wie ein Bulle". Sorgfältig archiviert und dokumentiert er alle Zeitungsausschnitte und Urteile, und während auf dem Hof sogar mitunter etwas Frieden einkehrt, tobt in Maiers Akten ein ewiger Krieg.

Weil er offiziell nicht schlachten darf, hat Maier nur Alt- und Neuschulden, aber keine Einnahmen, und in manchen Wintern gibt er rund 250 Euro für Bioheu aus. Täglich. Es droht schließlich die Zwangsversteigerung des Hofes. Die kann Maier hinauszögern. Um Wochen, Monate, sogar um Jahre. Mal greift er die Wertschätzungen an, ein anderes Mal legt er langjährige Pachtverträge für die Grundstücke vor, die er mit seinen Kindern geschlossen hat. Das schreckt Interessenten ab, weil der Kauf nicht Miete oder Pacht unterbricht und das Grundstück daher nicht vom neuen Besitzer genutzt werden könnte.

Schließlich gründet er den Verein Uria e. V. und hofft auf Unterstützung von Tierschützern. Vereinszweck: Abschaffung von Tiertransporten. Die Belastungen mindert das nicht. Denn auch außerhalb der Behörden hat Maier nicht nur Freunde. Häufig klagen Dorfbewohner über das Brüllen der Bullen, das von der Weide zu hören ist. Ob das ein Grund ist, weshalb Maiers Herde einmal vergiftet wird und 15 Rinder sterben, kann nie geklärt werden.

Zuletzt wird die Tierschutz-Schlachtverordnung geändert und Landwirten die "Betäubung und Tötung durch Kugelschuss" mit Sondergenehmigungen erlaubt. Nach 13 Jahren Streit erhält Ernst Hermann Maier den Bescheid, dass eine Schussabgabe von Nordost nach Südwest erfolgen müsse, "soweit eine anderweitige Schießrichtung die Gefahren, die für Dritte bei einer Schussabgabe entstehen können, nicht durch natürliche Kugelfänge in Form eines Geländeanstiegs wirkungsvoller vermieden werden kann". Neun Seiten, eine Botschaft: Maier darf seine Rinder erschießen.

Den finanziellen Niedergang kann das allerdings nicht mehr abwenden. Nachdem alle juristischen Tricks ausgeschöpft sind, steht der nächste Termin zur Zwangsversteigerung an. Doch es geschieht, was Maier das "Wunder von Uria" nennt. In der Lokalzeitung erscheint der Leserbrief einer Frau, die sich empört, dass das Uria-Projekt nur an Geld zu scheitern drohe. Demonstrativ spendet sie 50 Euro, und so gehen binnen 14 Tagen von mehr als hundert Freunden, Sympathisanten und Vereinsmitgliedern auf einem Treuhandkonto etwa 250 000 Euro an Spenden und Darlehen ein, mit denen die vorrangigen Schulden beglichen werden können. Der Hof geht auf Maiers Kinder über, auf dem Rest der Schulden bleiben die Banken sitzen.

Formal sei er jetzt mittellos, sagt Maier. Er hat kein eigenes Auto, kein Bankkonto und auch keinen Rentenanspruch mehr, weil er während der Prozessdauer keine Beiträge einzahlte. Inzwischen hält er an Hochschulen Vorträge über tierfreundliches Schlachten und berät sogar Ämter und Behörden, während die Tochter Annette im kleinen Hofladen und auf Märkten "Uria-Rinderzunge" verkauft, Naturknacker und Schnitzel. So viel erwirtschaftet der Betrieb, dass er nicht nur die Kosten von etwa 72 000 Euro im Jahr deckt, sondern Gewinn abwirft, wenn auch nur einen kleinen. "Wem es um Geld und nicht um die Tiere geht, ist hier falsch", sagt Maier. Uria-Fleisch kostet etwa so viel wie Biofleisch, ist also deutlich teurer als normale Supermarktware. Ein mit Kraftfutter aufgezogener Bulle werde üblicherweise bereits nach 18 Monaten geschlachtet, sagt Maier. Bei ihm brauche er doppelt so lange, bis er das gleiche Schlachtgewicht erreiche - und er fresse in der Zeit doppelt so viel Futter. "Aber wer mich nach Deckungsbeiträgen fragt, dem sage ich: Ich bin eben Philosoph, kein Betriebswirt."

Ganz friedlich ist Maiers Landleben jedoch immer noch nicht.

Mit der Stadt gibt es seit einiger Zeit neue Unstimmigkeiten, weil Maier Grundstücke als Weiden für seine Rinder nutzt, die als Mähwiesen gelten, auf denen er eigentlich heuen müsste. Angeblich zerstört er Brutraum für Vögel. "Das ist Unsinn", sagt er und will das nicht akzeptieren. Natürlich nicht. -

* Ernst Hermann Maier: Der Rinderflüsterer. Kosmos, 2009; 192 Seiten; 19,95 Euro