Geheimnisse zu Klopapier

Starke Marken können nicht nur Kunden und Mitarbeiter binden, sondern auch Unternehmer. Wie, das zeigt sich am Schredder-Imperium Reisswolf.




• Alles top secret bei Reisswolf in Hamburg-Hamm. Vor Betreten der videoüberwachten Halle muss der Besucher eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterschreiben. Darf also bedauerlicherweise keines der zahlreichen Staats- und Firmengeheimnisse ausplaudern, die ihm womöglich jenseits der Sicherheitsschleuse begegnen. Lastwagen mit dem Wolfs-Logo laden tonnenweise Papier ab. Formulare, Memos, Bilanzen und ganze Aktenordner werden umgehend per Förderband zum Schredder transportiert, der seinem Namen Ehre macht und alles zu Fitzelchen zerkleinert. Diese Schnipsel werden zu Ballen gepresst, um dann, je nach Qualität, auf eine neue Karriere als Kopier- oder Klopapier zu warten.

Auf virtuelle Aktenbestände ist eine Maschine mit extrem kräftigem Gebiss spezialisiert: Sie schrotet Festplatten. Obwohl das digitale Zeitalter schon einige Jährchen auf dem Buckel hat, ist die Vernichtung von Papier immer noch das Hauptgeschäft, sagt Thomas Sander, Geschäftsführer der Reisswolf Deutschland GmbH. Der 35-jährige Wirtschaftsingenieur ist ein zurückhaltender Mensch. Das passt zu seiner Position, in der es vor allem auf diplomatisches Geschick ankommt.

Reisswolf arbeitet in Deutschland als Kooperation 15 selbstständiger Unternehmen mit 17 Betrieben. Die GmbH koordiniert diesen ungewöhnlichen Verbund, sorgt für einen gemeinsamen Markenauftritt und den Know-how-Austausch. Zusammengehalten wird der Kreis kerniger Entsorgungsunternehmer wesentlich vom guten Namen Reisswolf. Und von der für sie erfreulichen Tatsache, dass der Umsatz, so Sander, "seit Beginn der Zusammenarbeit beständig gewachsen ist".

Das Schredder-Imperium ist nach eigenen Angaben Marktführer in seiner Nische und hält sich wacker im Konkurrenzkampf gegen Recycling-Konzerne wie Remondis. Nicht zuletzt dank beständiger Innovationen. Besonders stolz ist Thomas Sander auf einen in Hamburg entwickelten "Sicherheitspresswagen", mit dem mehr Papier abtransportiert werden kann als mit herkömmlichen Fahrzeugen, ohne dass Unbefugte einen Blick darauf erhaschen können. Neben der Vernichtung von Akten bietet das Unternehmen mittlerweile auch deren Lagerung an. Und Beratung in Sachen Datenschutz – da herrscht bekanntlich selbst in namhaften Unternehmen noch eine gewisse Ahnungslosigkeit.

Teure Werbung kann und will sich Reisswolf nicht leisten. Stattdessen setzt der Mittelständler auf die Wirkung seiner Lastwagen mit dem einprägsamen Logo, die ständig in den Innenstädten unterwegs sind. Gelegentlich gibt es auch mal einen öffentlichkeitswirksamen Auftrag wie den zur Rettung von Dokumenten aus dem zusammengestürzten Stadtarchiv in Köln. Den nutzte Thomas Sander gleich für eine Extra-Ausgabe des Kundenmagazins "ReisswolFakten". Dort heißt es einfühlsam über das Unglück: "Viele Unternehmen und Privatleute überlegen jetzt, ob ihre wichtigsten Unterlagen dort, wo sie gerade sind, tatsächlich sicher lagern." •

Des einen Sorge, des anderen Geschäft. Als Mitte der achtziger Jahre viele Firmen über verschärfte Auflagen zum Datenschutz klagen, überlegt sich Volker Hennig eine Lösung. Der Inhaber einer Hamburger Recyclingfirma liefert seinen Kunden ab 1985 verschließbare Behälter, in die sie aussortierte Akten werfen können. Die Metall-Container werden in speziellen Fahrzeugen abgeholt, ihr Inhalt wird unter strengen Sicherheitsvorkehrungen vernichtet. Der Gründer nennt sein neues Unternehmen Reisswolf womöglich inspiriert von einer damals populären, gleichnamigen Satiresendung des Norddeutschen Rundfunks. Das Geschäft läuft gut an.
Um landesweit Kunden bedienen zu können, sucht Hennig Partner, die bereit sind, unter dem Namen Reisswolf zu arbeiten. 1992 sind genug beisammen. Später expandiert das Unternehmen per Franchise-System auch ins Ausland und bietet seinen "Secret Service" (Eigenwerbung) mittlerweile in 22 Ländern an.
Reisswolf-Gruppe Mitarbeiter: 1150
Umsatz 2008: knapp 71 Mio. Euro; davon in Deutschland: 45 Mio. Euro
vernichtete Daten in Tonnen: 190 000