Freizeit, die man sich kaufen kann

Dem einen wächst die Arbeit plötzlich über den Kopf. Der andere will sich nur auf Wichtiges konzentrieren. Und wer erledigt, was sonst noch alles zu tun ist? Eine Persönliche Assistentin. Stundenweise. Anruf genügt.




- Alice van Triest hat ein Geschäftsmodell entwickelt, das sich um ein unscheinbares, fast überflüssiges Wort dreht: "eigentlich". Die 29-jährige Exil-Niederländerin kümmert sich als Dienstleisterin und Persönliche Assistentin (PA) um Kunden, denen die Zeit oder Lust fehlt, sich um bestimmte lästige Aufgaben zu kümmern. Sie erledigt einfach alles.

Einer ihrer Kunden erzählt: "Häufig, wenn ich "eigentlich ..." denke, ist das eine Aufgabe, die Frau van Triest für mich übernimmt. Eigentlich müsste ich mal einen billigeren Getränkelieferanten auftreiben. Eigentlich würde ich gerne im Internet ein tolles Hotel in Venedig suchen. Eigentlich will ich ins Tina-Turner-Konzert, aber wer besorgt für mich noch schnell die Karten?"

Solche Aufträge delegiert er nicht an seine Sekretärin. "Mitarbeiter sollten nichts Privates für ihren Chef organisieren", sagt der 40-jährige Geschäftsführer eines Immobilienunternehmens. Stattdessen greift er in solchen Fällen zum Telefon, wählt die Münchner Nummer von Your PA online und gibt Alice van Triest den Auftrag. Er ahnt, dass solche Dienstleistungen manch einem etwas dekadent erscheinen, weshalb er lieber nicht mit seinem Namen zitiert werden will. Den Einwand, dass er alltägliche Aufgaben doch auch selbst erledigen könnte, wehrt er ab: "Ich will das nicht. Genau das ist doch der Punkt."

Rückblende: Im März vorigen Jahres hört Alice van Triest von einer Freundin in Berlin zum ersten Mal etwas über das Konzept der Persönlichen Assistenten. Es stammt aus dem Wirtschaftsbuch "Die 4-Stunden-Woche" von Timothy Ferriss und Christoph Bausum. Darin heißt es: "Bau einen Versand für irgendetwas auf. Sieh zu, dass damit ganz alleine jeden Monat Geld reinkommt. Und dann kauf Dir Freizeit: Bezahle andere Menschen für alle Aufgaben, auf die Du keine Lust hast! " Das leuchtet van Triest sofort ein. Genau auf solche Aufgaben hat sie Lust.

"Es fing wie ein Spaß an", sagt die dunkelhaarige 29-Jährige und lächelt. Denn kaum hat sie in einem Internet-Forum ihre Idee vorgestellt, erhält sie binnen einer Woche zwölf Anfragen zum geplanten Service. Sie bleibt dran. Sie prüft, wie sie Vollmachten für Kreditkarteneinkäufe oder Steuererklärungen im Auftrag ihrer Kunden rechtswirksam ausübt. Nach einer Zwischenstation bei einem Internet-Reisebüro setzt sie sich eine Frist: sechs Monate. Wenn das Geschäft bis dahin nicht laufen sollte, wird sie aufgeben und die Selbstständigkeit sein lassen. Your PA online geht an den Start. "Ich wusste: Das passt zu mir. Nach vier Jahren Arbeit im Hotel hatte ich eine ganz gute Vorstellung davon, wie gelungener Service aussehen muss."

Man habe sie gewarnt, mit so hoher Flexibilität werde sie ein Riesenproblem bekommen. Die Your-PA-Gründerin aber weiß, dass genau das zählt: Flexibilität. Die Zeitbudgets der Assistentinnen sind deshalb offen; Kunden können das Angebot monatlich kündigen, spontan erweitern oder kürzen. Arbeitsspitzen und Termin-Engpässe treten nun einmal plötzlich auf. Wer in Aufträgen zu versinken drohe, sei froh, wenn er sofort Hilfe finde. Bald schon stellt sich nämlich heraus, dass viele Kunden den Service nicht nur privat nutzen. Bei Bedarf springen PA als Ersatzsekretärin ein oder nehmen für ihre Kunden Termine wahr.

Und wie so oft, wenn jemand nicht nur an seine Idee, sondern auch an seine Kunden glaubt, geht das Konzept auf. Neue Klienten müssten sich zwar erst auf das Geschäftsmodell einstellen und lernen, wie viel sie tatsächlich delegieren könnten. Doch nach kurzer Eingewöhnung mit kostenloser Probewoche laufe die Zusammenarbeit meist rund, sagt van Triest. Die Kunden geben ihren Auftrag telefonisch durch oder schicken eine Mail. Bei komplexen Aufgaben bespricht sie Zwischenergebnisse mit den Auftraggebern, "um am Ende nicht völlig falsch zu liegen". Ein Kunde sagt auf Nachfrage, dass dadurch "zusätzlicher Aufwand von drei bis vier Telefonaten pro Woche" entstehen könne. Originelle Ideen und Vorschläge machten das aber wett: "Zum Valentinstag wäre ich nie auf einen Maastricht-Urlaub mit Übernachtung in einer umgebauten Kirche gekommen."

Ein halbes Jahr nach Gründung kümmern sich neben van Triest bereits drei freiberufliche Persönliche Assistenten um rund 20 Stammkunden. Abgerechnet wird entweder nach Projekt oder Aufwand. Das billigste Angebot kostet 215 Euro und bietet monatlich sieben Stunden Unterstützung. Extra Dienstleistungen wie Übersetzungen von Verträgen kosten auch extra. Auf den ersten Blick viel Geld, so der Kunde. "Aber ich sage mir, dass sich der Einsatz schon dadurch rentiert, weil ich durch die Recherchen günstigere Angebote finde."

Concierge, Butler oder Reisebüro sein, Terminkalender führen, wichtige Besorgungen erledigen - wenn Alice van Triest gefragt wird, ob sie dafür eigentlich nicht überqualifiziert sei, antwortet sie: "Es kann doch nicht das Problem meiner Kunden sein, dass ich studiert habe." Das Angebot könnte das Zeug zum Trend haben: Assistenten, die Teil eines neuen Lebensstils werden. "Dieses Gefühl , Ich muss mich nicht mehr selbst um alles kümmern'- das ist für viele Menschen eine große Erleichterung." -