Familie Wratschko baut ein Haus

Es ist die größte Investition ihres Lebens. Im Vertrauen darauf, dass ihre Welt im Lot bleibt. Zu Besuch bei Häuslebauern.




-Michael Wratschko ist ein kräftiger Mann mit müden Augen. Seit etwa einem dreiviertel Jahr arbeitet der 34-jährige Elektrotechniker nach Feierabend an seinem Haus in einem Neubaugebiet am Rande von Schwäbisch Hall. An jedem Feierabend und an jedem Samstag. Viel geschlafen hat er in letzter Zeit nicht, zumal die 16 Monate alte Tochter ihn und seine Frau Kerstin auf Trab hält. Wratschko hat Strom- und Wasserleitungen verlegt, Wände verputzt und mithilfe handwerklich begabter Freunde das Haus sogar komplett bedacht. Den Wert all dieser Eigenleistungen beziffert er auf mehr als 50 000 Euro. Das Gros der Ersparnis hat das Ehepaar - schließlich baut man nur einmal im Leben - gleich wieder investiert. Zum Beispiel in Aluminium-Holz-Fenster mit Dreifachverglasung. "Der Maybach unter den Fenstern", wie die 31-jährige Kerstin Wratschko scherzt.

Früher haben sie und ihr Mann Häuslebauer belächelt, die so reden - jetzt ertappen sie sich selbst dabei. Stolz führen sie durch den Rohbau. Der Estrich im Keller ist gerade getrocknet. Hier soll ein Gästezimmer nebst Bad eingerichtet werden und eine Werkstatt, in die sich der Hausherr zurückziehen kann. Im Erdgeschoss haben die beiden sich für ein Wohnzimmer mit offener Küche entschieden. Schlafen werden sie im Obergeschoss mit noch unverbautem Blick ins Grüne und einem großen und schön ausgestatteten Bad.

"Eigentlich wollten wir kein Haus bauen", sagt sie. Zu viel Arbeit und Stress. Zu spießig und zu endgültig - zumal in diesen unsicheren Zeiten. Dann kam Melissa auf die Welt. Die Mutter, von Beruf Betriebswirtin, machte Babypause und hatte Zeit, nachzudenken. Ihre 65-Quadratmeter-Eigentumswohnung in einem Ort in der Nähe von Schwäbisch Hall würde der Familie bald zu klein sein. Sollte man eine größere mieten oder kaufen? Und Kind und Kinderwagen weiter die Treppen hochschleppen? Wäre es nicht schöner, ebenerdig zu wohnen mit einem Garten, in dem die Kleine spielen kann?

So reifte wie bei vielen jungen Eltern die Idee, sich ein Eigenheim zuzulegen. Die beiden, die aus der Gegend stammen und bei Optima arbeiten, einem Hersteller von Abfüll- und Verpackungsmaschinen, schauten sich einige Häuser an. Doch keines gefiel ihnen wirklich. Die Umbauten, die nötig gewesen wären, das zu ändern, hätten sich nicht gelohnt. Da stießen sie auf das Angebot des Städtchens Schwäbisch Hall. Ein Neubaugebiet, zwei Kilometer vom Zentrum entfernt, bei einem Wäldchen gelegen und genau gegenüber der gigantischen Bausparkasse. Vielleicht ein gutes Omen. Das Paar musste sich rasch entscheiden, die 52 Grundstücke waren begehrt. Stolze 100 000 Euro haben sie allein für die rund 500 Quadratmeter Boden bezahlt. 40 000 Euro hatten sie aus einem Bausparvertrag, der Rest wurde kreditfinanziert.

Die Entscheidung war gefallen. Aber noch viele weitere standen an. Mit Architekt bauen oder ohne? Mit. Mit Flachdach oder Satteldach? Nach langem Abwägen: Satteldach. Der Maybach unter den Fenstern oder eher der Golf? Ergebnis: siehe oben.

Blieb die Frage, ob ausgerechnet jetzt ein guter Zeitpunkt sei zu bauen. Mitten in der Krise und in einer Zeit, in der sich der Bevölkerungsrückgang schon deutlich auf dem Immobilienmarkt bemerkbar macht. Die Zahl der Baugenehmigungen für Ein- und Zweifamilienhäuser sank im vergangenen Jahr auf ein Rekordtief . Die Preise fielen mit, im Bundesdurchschnitt der verkauften Immobilien seit Anfang 2005 um fast ein Fünftel. Knapp 90 000 Häuser kamen 2008 bei Zwangsversteigerungen unter den Hammer.

Der Traum vom Eigenheim kann manchmal zum Albtraum werden. Trotzdem gab es im vergangenen Jahr mit 1,1 Millionen allein bei der Schwäbisch Hall eine Rekordzahl neuer Bausparverträge. Sie gelten in Zeiten der Krise als sichere Geldanlage und Immobilien als stabiler Anker. Als etwas, das bleibt.

Das empfinden auch die Wratschkos so, die keine Träumer sind oder Hasardeure, sondern solide Bausparer mit schwäbischem Urvertrauen. Sie arbeitet bei Optima im Vertrieb, er im technischen Kundendienst. Die Finanzierung des Hauses sei selbst dann gesichert, wenn ein Verdiener ausfalle, rechnen sie vor. Michael Wratschko ist überzeugt davon, dass er im unwahrscheinlichen Fall von Arbeitslosigkeit rasch einen neuen Job fände. In der von der Branche etwas hochtrabend "Packaging Valley" genannten Region gibt es etliche Mittelständler, die sich auf Verpackungstechnik spezialisiert haben. Zur Not, sagt Wratschko, würde er auch ins rund 100 Kilometer entfernte Stuttgart pendeln. Er, der einige Zeit für seine Firma in den USA gearbeitet hat, ist fest entschlossen, Wurzeln zu schlagen.

Ebenso wichtig wie der Bausparvertrag: das Schwaben-Konto der gegenseitigen Hilfe

Rund 390 000 Euro werden Grundstück und Haus mit 145 Quadratmetern Wohnfläche kosten, über 240 000 Euro belaufen sich die Darlehen bei Raiffeisenbank und Bausparkasse. Die abbezahlte Eigentumswohnung ist noch nicht verkauft, das Paar rechnet mit 80 000 bis 90 000 Euro Erlös; die Bank hat eine Zwischenfinanzierung bewilligt. Kerstin Wratschko sagt über ihre künftige Heimstatt: "Schön, dass es da etwas gibt, was hoffentlich Bestand hat."

Und falls nicht?

"Niemand weiß, was in zehn Jahren ist. Wenn wir dann Lust haben, ganz woanders zu leben, verkaufen wir das Haus eben." Ihr Mann schaut, als sei ihm dieser Gedanke nicht angenehm.

Der Bau eines Hauses stellt die stabilste Beziehung auf eine harte Probe. Paare können sich dabei über unendlich viel streiten: von den unvermeidlich auftretenden Pannen und Problemen bis zur Farbe der Küchenfliesen. Sie können sich auch gemeinsam von dem Projekt auffressen lassen, um nach dem Einzug festzustellen, dass sie sonst nichts mehr verbindet. Die Wratschkos sind vernünftige Leute und haben deshalb Vorsorge getroffen. Zum Beispiel mit dem Gebot: sonntags nie. Am siebten Tage ruht der Bau. "Bis auf eine Ausnahme haben wir uns auch daran gehalten", sagt er. Wichtig ist ihnen auch, es mit der Sparsamkeit nicht zu übertreiben. Die Vorstellung, sich keinen Cafébesuch mehr leisten zu können, ist ihnen ein Graus. Sie sind moderne Häuslebauer.

Bei einigen Bekannten stießen sie damit auf Unverständnis: Warum baut ihr nicht auf dem Land, fragten die. Da bekommt man zum selben Preis doppelt so viel Grund! Aber das wollen die beiden, die sich als "Stadtliebhaber" bezeichnen, gar nicht. Sie finden es gut, zu Fuß zum Wochenmarkt ins Zentrum gehen zu können. Ein kleiner Garten macht weniger Arbeit als ein großer, und wenn die Nachbarn nett sind, macht es auch nichts, wenn man sie direkt vor der Nase hat. Zudem könnte sich die relativ zentrale Lage ihrer Immobilie in einer alternden Gesellschaft als günstig erweisen. Die Zahl der alten Leute, die in ihren Häusern auf dem Land nicht mehr zurechtkommen und keine Käufer dafür finden, dürfte dagegen dramatisch steigen.

In der Gegend von Schwäbisch Hall ist von diesem Wandel bislang wenig zu spüren. Die Wirtschaft, darunter viele kaum bekannte Weltmarktführer wie Optima, ist kerngesund. Die Arbeitslosenquote gehört mit 4,5 Prozent zu den niedrigsten in Deutschland. Es gibt wenig Leerstand. Doch das wird sich auch in dieser Region der Seligen ändern, weil die jungen Leute lieber selbst bauen, statt die Häuser der Eltern zu übernehmen. So hätten auch die Wratschkos Gelegenheit gehabt, sich im 120-Quadratmeter-Dachgeschoss ihrer Eltern auf dem Land günstig ein Nest zu bauen. Doch die Stadt und die eigenen vier Wände haben sie mehr gereizt.

Vielleicht auch, weil es so Sitte ist in Deutsch-Südwest: Nur wer selbst baut, ist ein echter Schwabe. Weil viele das so sehen und sich gegenseitig dabei unterstützen, hatte der hilfsbereite Michael Wratschko im Laufe der Jahre durch allerlei Freundschaftsdienste ein mächtiges Guthaben auf seinem Schwabenkonto angesammelt, das mindestens so wichtig war wie sein Bausparvertrag. Das Konto ist nun annähernd geleert und der Häuslebauer froh, dass er quitt ist mit den anderen Häuslebauern.

Wenn alles gut geht, wird die Familie im neuen Heim Weihnachten feiern. Und es in spätestens 30 Jahren abbezahlt haben. Die Wratschkos werden dann auf die Rente zugehen, und wenn er sich noch fit genug fühlt, kann er das beim fälligen Neudecken des Daches beweisen. Die Tochter wird fast so alt sein wie ihre Eltern jetzt.

Ob sie sich wünschen, dass Melissa das Haus einmal übernimmt? "Bloß nicht", sagt Kerstin Wratschko spontan. "Sie soll in die Welt hinausgehen und sich ihren eigenen Platz suchen."-