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Das Gleichgewicht und der Schrecken

Der Mensch braucht Ruhe, Sicherheit, Klarheit - Stabilität eben. Doch wo der Ordnungswahn ausbricht, gerät das Gleichgewicht leicht außer Kontrolle.




Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer, der die Sache regelt.
(Stabilitätspolitischer Grundirrtum)

1. Die Radfahrer

Ordnung ist das halbe Leben. In Zeiten wie diesen ist die alte Volksweisheit eine glatte Untertreibung. Denn jeder denkt nur an eines: Es muss wieder Ordnung herrschen. Auf den Märkten, in den Banken, in der ganzen Wirtschaft und anderswo. Die ganze Menschheit ist auf der Suche nach Stabilität.

Da stellt sich schon die Frage, wie man so was macht: Stabilität. Wie kommt man ins Gleichgewicht? Wie verhindert man, dass man nicht auf die Schnauze fällt, beziehungsweise wie kommt man, nachdem man auf die Schnauze gefallen ist, wieder hoch und in Fahrt? Ganz einfach, sagen Radfahrer: aufstehen und in die Pedale treten.

Nur: Die Leute, die hauptberuflich das Gleichgewicht herstellen sollten, Politiker und Konzernmanager etwa, fahren nicht Fahrrad, sondern Dienstwagen. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Dienstwagenfahrer verstehen nicht viel vom Fahrradfahren. Sie wissen wenig über Balance. Sie drücken lieber aufs Gas. Wenn dann so eine Limousine aus dem Gleichgewicht gerät, kracht es richtig. Das ist das eine. Das Zweite ist, dass angesichts der vielen Dienstwagen, die durch die Gegend krachen, das Fahrradfahren sehr unsicher geworden ist. Wenn so eine Limo vorbeirauscht, wirft ihr Fahrtwind die Radfahrer um. Sie verlieren das Gleichgewicht. Wir nennen es Krise.

2. Das Paradies

Der Mensch liebt Stabilität, Übersicht und Ordnung. Seit es unsere Art gibt, haben Menschen ihre Welt gern sortiert. Das ist kein Tick. Es macht Sinn. Denn mit Ordnung, dem Ergebnis und Ziel von Stabilität, erkaufen wir uns Sicherheit und Ruhe. Und mehr noch: Wir gewinnen auch an Freiheit. All die Ordnungsangelegenheiten, die Methoden, die Verfahren, die Normen und Regeln, die Gesetze und die Codes, die wir benutzen, sind dazu da, uns mehr Luft für die wichtigen Dinge im Leben zu verschaffen. Nur wenn Ordnung herrscht, können wir uns dem Neuen zuwenden - der Verbesserung, dem Finden neuer Lösungen (deshalb heißen diese Dinger auch Erfindungen). Die Summe dieser Ordnungen heißt Fortschritt und hat angenehme Nebeneffekte.

Die Zeit, die wir nicht mit Suchen und Finden verplempern, können wir mit erfreulichen Sachen füllen, etwa, nur mal so zum Beispiel: sich um liebe Menschen kümmern, Filme gucken, Reisen, ein Nickerchen machen oder Nachdenken darüber, wie man die Ordnung, die man hat, so verbessern kann, dass man noch mehr Zeit für die Dinge hat, die man gern macht.

Das Streben nach dem perfekten Gleichgewicht ist nichts anderes als die Sehnsucht nach einer besseren Welt. Auch deshalb ist der Satz: "Ordnung ist das halbe Leben" blanke Tiefstapelei. Um machen zu können, was wir wollen, müssen wir im Gleichgewicht sein.

Nun ist der letzte Satz bekanntlich schon einer, der richtig anstrengend ist - denn er setzt voraus, dass die Leute wissen, was sie wollen, und das ist eben nur höchst selten der Fall. Den meisten Leuten "passiert" im Leben einiges, während sie relativ selten etwas entscheiden. Das muss nun diejenigen, die Ziele haben, nicht daran hindern, den idealen Zustand der bestmöglichen Stabilität anzustreben. Solche Menschen kann man Führungskräfte nennen, Macher, Entscheider. Das sind Leute, die sich Ordnungssysteme ausdenken, die mehr Stabilität mit sich bringen sollen. Das ist gut, solange man dabei nicht durchdreht.

Wie viel Stabilität ist eigentlich möglich? Wenn das Ziel ein immer besseres, höheres Gleichgewicht ist, eine Ordnung, die für alles und jeden taugt, dann gibt es dafür seit vielen Jahrtausenden einen Namen im Wortschatz der Menschheit: Paradies.

Das Paradies ist die optimale Stabilität. Es gibt keine Bedürfnisse mehr, denn es herrscht kein Mangel. Es gibt nichts mehr zu verbessern, denn alles ist gut. Vielleicht ist dieses Paradies auch die Hölle, denn es gibt keine Bewegung, keine Veränderung mehr. Jedenfalls ist dieser Ort nicht von dieser Welt. Das Ziel ist überirdisch. Magisch. Unerreichbar.

3. Der Ordnungswahn

Natürlich ist das gar nicht unser Problem. Vom Paradies sind wir ohnehin weit entfernt. Es ist der Weg dorthin, der uns Kummer bereitet, der Versuch, das Gleichgewicht zu wahren und die Ordnung zu verbessern. Irgendwie hat sich die Vorstellung verbreitet, dieses Paradies sei mit dem Fahrstuhl zu erreichen. Doch anstelle einer bequemen Aufstiegshilfe findet man ein steiles Treppenhaus vor.

Ist Stabilität eine einfache Sache? Geht die Übung, die Balance zu wahren, nicht auf die Knie? Doch. Nur bemerken wir es nicht immer.

Die Nachkriegs-Sonderkonjunktur legte nahe, dass es bis zum Paradies des ewigen Gleichgewichtes nur noch ein paar Höhenmeter wären. Falsch. Schon 1967 brach der Sonderaufschwung ein. Die aus CDU/CSU und SPD eilig zusammengezimmerte Große Koalition verabschiedete ein Gesetz mit einem merkwürdigen Namen: "Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft", kurz Stabilitätsgesetz. Die letzte große Änderung dieses Gesetzes trat im November 2006 in Kraft, fast vier Jahrzehnte nach der ersten Fassung. Das Stabilitätsgesetz soll - vereinfacht gesagt - den Rahmen dafür schaffen, dass in guten Zeiten, in denen die Wirtschaft geordnet ist und Geld verdient wird, für schlechte Zeiten etwas auf die Seite gelegt wird. Diese Reserven werden dann für staatlich gelenkte Nachfrageprogramme ausgegeben. Damit das klappt, werden in stabilen Zeiten die Steuern angehoben. Eine Art Zwangssparen für schlechte Zeiten. Selbstverständlich klappt das besser, wenn man zuvor das soziale Gleichgewicht stabilisiert. Das geschah in Zeiten des ersten Stabilitätsgesetzes unter dem Schlagwort der "konzertierten Aktion". Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten gemeinsam mit Bundesbank und Regierung den jeweils optimalen Konsens ausarbeiten, um zu mehr Gleichgewicht zu kommen. Überdies müssen sich Bund und Länder permanent austauschen, um das "gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht" herzustellen.

Stabilität und Wachstum sind in diesem Gesetz ein und dasselbe - und das ist bereits im Wortsinn absurd. Die sogenannte quantitative Operationalisierung des Stabilitätsgesetzes schreibt fest, dass stabile Verhältnisse im Lande dann herrschen, wenn das Wirtschaftswachstum zwischen drei und vier Prozent liegt. So viel Wachstum musste sein, das hatten die Experten auf der Grundlage der Verhältnisse der Jahre 1965 bis 1967 ausgerechnet, um das Gleichgewicht des Wohlstands zu sichern und allmählich auszubauen. Diese Wachstumsraten sind längst zu einem Glaubensbekenntnis geworden, zu einem religiösen Gebot der Volkswirtschaft. Weicht die Realität von diesen Zahlen ab, dann herrscht entweder ungehemmte Euphorie oder Katastrophenstimmung. Nur selten wird gefragt, woher diese Zahlen kommen und ob sie heute überhaupt noch sinnvoll sind. Das ist auch so mit einem weiteren Bekenntnis des Stabilitätsgesetzes, dem zur Vollbeschäftigung. Und bei alldem sollten dann auch noch die Preise stabil bleiben. Ohne Zweifel herrscht der Geist des Stabilitätsgesetzes bis heute. Was bei dieser Logik herauskommt, zeigt sich auf einen Blick. Seit 1967 steigt die Staatsverschuldung rapide an - der Abstieg beginnt damals.

Die Ziele des Stabilitätspaktes, also Stabilität des Preisniveaus, Vollbeschäftigung, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und stetiges Wirtschaftswachstum werden in der Volkswirtschaftslehre aus gutem Grund auch "Magisches Viereck" genannt. Man muss nämlich zaubern können, um alle vier Eckpfeiler des Stabilitätsgesetzes aufrecht zu halten. Die Stabilisierung der Preise verträgt sich nicht mit dem gewünschten Wirtschaftswachstum. Ebenso wenig die Vollbeschäftigung bei gleichzeitiger Stabilisierung der Löhne und Gehälter, die wiederum auf die Preise wirken. Man kann das Magische Viereck drehen und wenden, wie man will. Stabil wird das Ganze nie. Aus dem Versuch, die guten Zeiten zu konservieren, also die einmal erreichte Stabilität mit allen Mitteln zu erhalten, wird Instabilität, Unsicherheit. Das Lebensgefühl, das nicht erst seit Ausbruch der Finanzkrise für so viele den Alltag bestimmt.

Niemand hat das besser erkannt als der Mann, der dieses Modell erdachte und in der ersten großen Koalition für seine Umsetzung verantwortlich war: der SPD-Politiker Karl Schiller, der von 1966 bis 1972 Bundeswirtschaftsminister und - in der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt - auch Bundesfinanzminister war. Diese Ämter legte Schiller nieder, als sich in der Regierung Willy Brandts aus dem Versuch, das Gleichgewicht wiederherzustellen, die bis heute übliche grenzenlose Anspruchspolitik erwuchs, die ein System erzeugte, bei dem die, die heute leben, Schulden auf Kosten derer machen, die nach ihnen kommen. "Ich bin nicht bereit, eine Politik zu unterstützen, die nach außen den Eindruck erweckt, die Regierung lebe nach dem Motto: Nach uns die Sintflut", schrieb Schiller in seinem Rücktrittsbrief.

Das haben ihm die Freunde der Planwirtschaft nie verziehen. Dabei ist Schiller nur klar geworden, was immer gilt: Der Versuch, das Gleichgewicht um jeden Preis zu erhalten, führt zum Gegenteil.

Aus der Sicht der Generation, die damals dieses Ordnungssystem erdachte, mögen die Ansprüche aus dem Stabilitätsgesetz verständlich sein. Für viele waren Chaos und Entbehrungen der Kriegsjahre noch sehr präsent. Doch wenn mehr als vier Jahrzehnte später diese Regeln immer noch gelten, dann ist aus Ordnungswille ein Ordnungswahn geworden. Den erkennt man an folgenden Effekten: Regeln und Gesetze, Maßnahmen und Aktionen, die das System stabilisieren sollen, zielen immer nur auf den Erhalt des Status quo ab. Die höchsten Konjunktur-Fördermittel erhalten die Branchen, die früher für Erfolge sorgten. Es geht gar nicht um Stabilität - es geht um die alten Verhältnisse.

Nachhaltiges Gleichgewicht erreicht man aber nur durch Förderung und Anerkennung von Innovationen und Veränderungsprozessen - und eben nicht durch das Festnageln dessen, was ist. Sturheit macht instabil und dumm. Immer mehr vom Bekannten muss "gesichert" werden, wie es im Polit-Sprech heißt. Dazu müssen nicht nur alle Mittel aufgewendet werden, es kommt auch zu einer Flut von Gesetzen und entsprechenden Ausnahmen. Die Bürger und die Unternehmer, für die man all das macht, blicken einfach nicht mehr durch; sie stehen einem gewaltigen Chaos gegenüber.

Das Ohnmachtsgefühl sorgt aber nicht dafür, dass energisch gefordert wird, die Gleichgewichtsmaßnahmen zu beenden und einen Neuanfang zu wagen, in dem das einzig relevante Ziel aller Ordnung und Stabilität liegt: ein verständlicher Rahmen, solide Grundsätze, aus denen klare Entscheidungen abgeleitet werden können. Unzählige Interessengruppen intervenieren angesichts der Ordnungsflut und fordern - neue Gesetze, Ausnahmen und Regeln. Wo zu viel ist, ist gleichzeitig nichts mehr. Die Angst vor einem Wechsel und vor der Veränderung führt aber dazu, dass man immer mehr Ordnungs-Werkzeuge und Ord-nungs-Regeln anhäuft, an die man sich klammert, ihre Wirkungslosigkeit erkennt und sofort neue Regeln fordert, die oben aufgepfropft werden. Wir sind, um es mit einem populären Begriff aus der Sozialpsychologie zu sagen, zu Messies geworden.

4. Die Messies

Im Begriff des Messies werden die scheinbaren Widersprüche beim Streben nach absolutem Gleichgewicht deutlich. In den achtziger Jahren beschrieb die amerikanische Sonderschullehrerin Sandra Felton ein neues Phänomen, unter dem auch sie litt, und gab ihm einen klingenden Namen, das Messie-Syndrom. Der Begriff leitet sich vom englischen mess (Unordnung) ab. Messies sind Menschen, die ihren Lebensraum komplett zumüllen. Eine Messie-Wohnung kann man bald nicht mehr betreten, weil sinnloser Kram sich bis unter die Decke stapelt. Messies sind unordentliche Menschen, heißt es. Da sollte man doch mal genauer hinsehen. Tatsächlich sind Messies keine Chaoten, sondern geradezu ordnungskrank. Denn das Sammeln von Dingen gibt ihnen Stabilität. Sie können sich von ihren alten Sachen nicht trennen und fügen ständig neuen Kram hinzu. Auf diesem Fundament baut ihre Ordnung, derlei bildet ihr Gleichgewicht. Messies sind krankhafte Besitzstandswahrer. Aus dem Magischen Viereck ist längst ein irres Vieleck geworden.

Doch was uns bei Messies als verrückt erscheint, ist in der aktuellen Wirtschaftspolitik staatstragend, ganz normal also. Führungskräfte aus Politik und Konzernen, Arbeitgeberverbände und Gewerkschafter, kurz und gut die ganze Lobby der Führungskräfte, die für Stabilität sorgen soll, erzählen uns das zumindest. Nun ist es ohne Zweifel so, dass in Zeiten wirtschaftlicher Probleme die Sehnsucht nach Stabilität hoch ist. Eine Ordnung soll erkennbar werden. Das ist, wie gesagt, menschlich und durchaus vernünftig, denn auf dieser Grundlage kann das Neue in Ruhe gedacht werden. Doch wie steht es nun mit der Demut der Leute, die für diese Stabilität sorgen sollen? Sind sie, wie Karl Schiller, in der Lage, zu erkennen, dass das Streben nach Gleichgewicht auch für Instabilität sorgen kann? Kennen Führungskräfte, also die Leute, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft das System so ordnen sollen, dass man sich darin weiterentwickeln kann, eigentlich den natürlichen Widerspruch: Du kannst keine langfristige Stabilität haben, wenn du nur die alte Ordnung konservieren und unter allen Umständen sichern willst?

Danach sieht es nicht aus. Auf der ganzen Welt haben Regierungen gewaltige Regulierungsprogramme laufen, basteln an einer neuen, globalen Wirtschaftsordnung. Das klingt gut - aber ist es das auch? Oder kommt dabei nur das heraus, was auch bei Ordnungskranken, bei Messies, zu beobachten ist? So viel Ordnung, dass am Ende nichts mehr geht?

5. Der Zauberlehrling

Merkwürdig, sagt Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), sehr merkwürdig eigentlich. Natürlich sei es richtig, wenn man auf die "jetzt zu unruhigen Verhältnisse mit Stabilisierungsmaßnahmen reagiert. Die Wirtschaft ist zurzeit zu unberechenbar, da ist es richtig, wenn man kurzfristig nach Gleichgewicht sucht." Aber das Merkwürdige ist, dass die Führungskräfte offensichtlich nicht mehr die Stabilität der Dynamik erkennen, ohne die nichts geht. "Denken wir mal über den Tag hinaus", schlägt Straubhaar vor, "als Führungskraft wäre ich in jedem Fall an einem Ungleichgewicht interessiert." Ist ja ganz logisch, findet Straubhaar: "Auf Märkten, in denen sich Angebot und Nachfrage total ausgleichen, will niemand mehr etwas. Es gibt keine Bedürfnisse mehr, kein Streben, keine Ziele. Da kann man auch nichts mehr unternehmen." Das gilt auch für die Politik. Denn was, bitte schön, sollten denn nun Führungskräfte in der Gesellschaft noch tun, wenn es bereits eine perfekte Ordnung gäbe? Damit verliert Führung an sich jede Legitimation, jeden Sinn und Zweck.

Vielleicht ist aber nur durch das unaufhörliche Krisengerede und die dadurch entstandene Unruhe ein ganz anderes Ding unterwegs: der Versuch, die Irrtümer von gestern durch einen noch größeren Irrtum aufzuheben. "Da wird immer von einer neuen globalen Finanzordnung geredet das klingt gut, ist aber eine gefährliche Illusion. Denn es stimmt ja nicht, auch wenn immer anderes behauptet wird, dass das alte Finanzsystem keine strengen Regeln hatte. Nehmen wir mal Basel II. Da sind die Ordnungsregeln so streng, dass nun in der Krise praktisch nichts mehr geht", sagt Straubhaar. Er erinnert daran, wie in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in den USA ausgedachte, für den globalen Markt bestimmte Regeln zur Wahrung der Stabilität nach Europa kamen. "Wir haben die in dem Glauben übernommen, dass damit mehr Gleichgewicht und Transparenz erfolgt. Wir hatten ja die Weltfinanz-Zentralordnung bereits. Und sie war ein wichtiger Faktor, dass das System und nun auch die Krise sich so schnell - nach Art eines Dominoeffektes - ausgebreitet haben."

Da fällt also das Hochhaus der Weltfinanzordnung zusammen, weil es vor lauter Kontrolle nicht mehr stabil war. Was macht man dann? Man stockt auf den Trümmern auf. Ist das im Sinne des Gleichgewichtes? Und: Wird es etwas nützen?

Die Erfahrung lehrt etwas anderes. Je stärker die Tendenzen zur Ordnung sind, je straffer das System, desto mehr neigen Menschen dazu, "diese Regeln in ihrem Sinne zu interpretieren sie suchen nach Auswegen, und davon gibt es immer welche. Dann hat man eine Superweltordnung, die im Namen der totalen Stabilität errichtet worden ist, die aber nicht eingehalten wird. Dieses Denken ist wie der Zauberlehrling - die Geister, die man ruft, wird man nicht los", sagt Thomas Straubhaar.

6. Die Keynes-Lüge

Das kann man bezweifeln, und zwar dann, wenn man alle historischen Erfahrungen mit dem Versuch totaler Ordnung außer Acht lässt. Das ist gerade wieder hochmodern - und mordsgefährlich.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts machten sich verschiedene Ideologen daran, das Paradies auf Erden zu errichten. Eine Variante davon nannte man Sowjetunion, ein Land, in dem das Leben der Bürger von der Wiege bis zur Bahre vom Staat geplant wurde. Die hübsche Idee, Angebot und Nachfrage stets optimal auszugleichen, führte zur Planwirtschaft, dem Inbegriff des Ordnungswahns in Wirtschaft und Gesellschaft. Dort herrschte in der Tat Ruhe und Ordnung. Weil man davon allein nicht leben konnte, schufen sich die findigeren Sowjetbürger wie ihre Leidensgenossen in den restlichen Comecon-Staaten ihre kleine Stabilität selbst - auf Schwarzmärkten und in einem gewaltigen Tauschhandel. Was funktionierte, war die Ausnahme, nicht die Regel. Auch das kann auf Dauer bekanntlich nicht gut gehen, auch wenn es - ein kleiner Hinweis für Ungeduldige - auch mal länger dauern kann.

Heute lassen sich diese Dinge gelassen feststellen - doch in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, als diese Systeme entstanden, waren davon die allermeisten Leute schwer beeindruckt. Es war faszinierend, dass nach all dem Chaos und Zusammenbruch des Krieges nun "starke Ordnungskräfte" die Stabilität herausforderten und ein Gleichgewicht verordneten. Die staatlich verordnete Planungswirtschaft war ein Star, und sie beeinflusste Intellektuelle und Wissenschaftler ihrer Zeit. Einer davon war der britische Ökonom John Maynard Keynes, in dessen Namen heute die Staaten nach einer neuen Stabilität suchen.

Keynes wurde einem breiten Publikum durch seine geschliffenen Radiosendungen zu Wirtschaftsfragen bekannt, die er zu Beginn der dreißiger Jahre in Großbritannien machte. Der gesellschaftliche Hintergrund war düster. Massenarbeitslosigkeit, Depression und ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den Krisenerscheinungen herrschte unter den Bürgern der Industriestaaten. Man muss doch etwas tun, man muss für Ordnung sorgen - das war der Antrieb für John Maynard Keynes.

Der Nationalökonom war gewiss kein politischer Fanatiker. Er gehörte der liberalen Partei an. Aber er war, wie die meisten geistigen Führungskräfte seiner Zeit, begeistert von den Erfolgen, die sich durch das brutale Eingreifen des Staates in die Wirtschaft in jenen Staaten zeigten, die sich der Planwirtschaft verschrieben hatten. Das war eben nicht nur die Sowjetunion. Keynes' Bewunderung galt auch den anfänglichen Erfolgen der italienischen Faschisten und, zumindest ein Weilchen, jenen der Nationalsozialisten ab 1933. Damit stand Keynes, wie gesagt, nicht allein - was aber nicht entschuldigt, dass bis heute eine große Zahl von Leuten den Preis der "Stabilitätspolitik", die in diesen Jahren zum Allheilmittel gegen alle Formen von Krisen hochgejubelt wurde, geflissentlich übersehen. Dass die "Stabilität" der Diktaturen auf grenzenlose Verschuldung, Ausbeutung, letztlich auf koloniale Aggression und Krieg hinausliefen, gibt dem wohl berühmtesten Satz des John Maynard Keynes eine neue Bedeutung: "Auf lange Sicht sind wir alle tot."

Mit massiver staatlicher Intervention kann es schon auch mal ein bisschen schneller gehen auf dem Weg ins Paradies. Im Vorwort zur 1936 erschienenen deutschen Ausgabe seines Hauptwerks, "The General Theory of Employment, Interest and Money", schreibt Keynes, dass seine Theorie "viel leichter den Verhältnissen eines totalen Staates angepasst werden" könnte als eine "unter Bedingungen des freien Wettbewerbes und eines großen Maßes von laissez-faire erstellte Produktion. Das ist einer der Gründe, die es rechtfertigen, dass ich meine Theorie eine allgemeine Theorie nenne." Keynes hat sich mit dem Buch, das in Nazideutschland unzensiert erschien und von Parteiblättern wohlwollend besprochen wurde, ungeniert beim NS-Regime empfohlen. Politiker, die Keynes' Theorien heute wieder empfehlen, und das sind die meisten, reden also einer "Stabilitätstheorie" das Wort, die gut zur Tyrannei passt, weil sie dafür verfasst wurde. Ob die Gläubigkeit an die staatswirtschaftliche "Allgemeine Theorie" eher auf Dummheit oder auf Naivität fußt, ist bis heute unklar - und unerheblich. Hier wird nichts weiter als das Gleichgewicht des Schreckens empfohlen.

7. Die Macht der Ordnung

Zu Keynes' Ehrenrettung bleibt wenig zu sagen. Der Ökonom kokettierte, wie viele Intellektuelle seiner Zeit, mit den Leuten, die "Ordnung schaffen" wollten - und es auch taten. Über die Ergebnisse informiert jedes Geschichtsbuch. Zeitgenössische Keynesianer filetieren aber das Werk des Ökonomen nochmals. In der "Allgemeinen Theorie" macht Keynes klar, dass die staatliche Gewaltanstrengung zur Stabilitätssicherung immer nur kurzfristig nützlich ist, nie aber als festgeschriebene, langfristige Regel. Staatsinterventionismus ist eine Feuerwehr, keine permanente Spritzentour.

Das wird gern überlesen. Karl Schiller hat wohl genauer hingesehen. Als das Schuldenmachen zuerst zur Methode, dann zum insgeheimen Staatsziel gemacht wurde, um immer neue Anspruchsmentalitäten zu bedienen, stieg er aus. Schiller erkannte, was den Epigonen des Staatswirtschaftlers Keynes bis heute verborgen geblieben ist: dass die Erzielung des Gleichgewichtes mit allen Mitteln und ohne die Bereitschaft zur Systemänderung mehr Schaden stiftet als Nutzen. Das Einzige, was dadurch stabilisiert wird, ist die Unfreiheit.

Jede Ordnung, die ins Extrem schlägt, fördert diesen Prozess. Im Jahr 1651 veröffentlichte der englische Philosoph Thomas Hobbes sein Buch "Leviathan". Darin formuliert Hobbes die Grundlagen des modernen Staates, jenes Ordnungssystems, das wir bis heute kennen - und zu dem die meisten Menschen keine Alternative erkennen. Die natürliche Ordnung, der Naturzustand, schreibt Hobbes, lässt den Menschen in Furcht und Unsicherheit leben. Um Ordnung zu erzeugen, muss jeder Einzelne ständig alles tun, um ins Gleichgewicht zu kommen. Der Staat ist für Hobbes ein Vehikel, das diese Unsicherheit bekämpft. Der Bürger übergibt sein Selbstbestimmungsrecht diesem Souverän, ein König oder eine andere Regierung, und der oder die garantiert im Gegenzug Ruhe und Ordnung. Ein Beispiel dafür ist das Gewaltmonopol. Man knallt nicht mehr, wie früher, jemanden ab, der einem etwas zuleide tun will, sondern ruft die Staatsmacht zu Hilfe, der man das Recht auf Gewalt abgetreten hat. Eine Idee, die grundsätzlich dem Fortschritt dient.

Hobbes schrieb seinen "Leviathan" vor dem Hintergrund der brutalen Konfessionskriege des 17. Jahrhunderts - allen voran des Dreißigjährigen Kriegs -, die Europa vollständig destabilisierten. Wo eine Krise ist, ist der Ruf nach Ordnung und Stabilität nicht weit.

"Der Ordnungswunsch ist ein Kind der Krise", nennt das der Leipziger Politikwissenschaftler Andreas Anter, Autor des Buches "Die Macht der Ordnung". Krisenzeiten sind gute Zeiten für Extremisten. In der Weimarer Republik waren es rechte und linke Extreme, die mit dem Schlagwort "Ordnung schaffen" die Macht erstrebten und den demokratischen Staat untergruben. "Ein starker Staat soll es richten", sagt Anter, "das ist nicht neu, das kommt immer wieder. Und mit dieser Lüge kommt man auch an die Macht. Die Realität aber ist immer eine Dialektik aus Ordnung und Chaos. Zu viel Ordnung sorgt ebenso für Destabilisierung wie zu viel Chaos." Die Balance zwischen beiden, die "Dynamik der Ordnung", wie Anter es nennt, ist das ständig neu zu definierende Ziel aller Führungskräfte in demokratischen Organisationen.

Diktaturen hingegen genügt die absolute Ordnung, der totale Staat. Zumindest einige Jahre. Die DDR, deren 20-jähriger Todestag in diesem Jahr zu feiern ist, war ein ordnungsliebender Staat. Anter erzählt amüsiert über die Bemühungen der bereits kränkelnden DDR-Staatsmacht in den frühen achtziger Jahren, ihren Bürgern das mal wieder deutlich zu machen. "Natürlich wussten die SED-Bosse, dass die Leute während der Arbeitszeit einkaufen gingen oder ihre Angelegenheiten regelten. Das behinderte den Plan." Um das Gleichgewicht zu beschwören, kamen die SEDler auf Parolen wie "Sozialismus ist Ordnung" oder die an Lenin angelehnte Gleichung "Sozialismus = Ordnung + Disziplin".

Anter glaubt, dass "der Ordnungswahn der DDR einer der maßgeblichen Gründe für den Systemzusammenbruch war. Man war in einer Art Ordnungs-Starrkrampf. An diesem Wahn in der Führung und der völlig anderen Lebenswirklichkeit der Bürger ist der Sozialismus zerbrochen." Alles aber, was die Geschichte der Menschheit, der Gesellschaften und Staaten wie auch aller in ihr vorhandenen Organisationen und Unternehmen lehre, laufe stets auf eines hinaus: "Es gibt keine endgültige Ordnung." Und er fügt eine Verschärfung hinzu: " Je komplexer die Welt wird, desto schwieriger wird es auch, ein Gleichgewicht und eine nachvollziehbare Ordnung auch nur kurzfristig herzustellen. Die Halbwertszeit von Ordnung und damit Stabilität sinkt unaufhörlich - weil in einer modernen Gesellschaft eben viele Interessen herrschen und damit viele Ordnungen und Interpretationen von Stabilität." Mit den klassischen Mitteln kommt man also heutzutage nicht mal mehr auf Sicht weiter.

Anters These lässt sich an den Konjunkturprogrammen, von denen es zurzeit weltweit wimmelt, ganz gut nachvollziehen. Was Regierungen heute beschließen, wirkt vielleicht, sicher aber erst in einigen Jahren. Aber die Gesamtsituation ändert sich viel schneller. Für einen Brand, der heute lodert, rückt dann in ein paar Jahren die Feuerwehr an.

Was als erste Hilfe gedacht ist, wird zum Trägheitsgesetz.

8. Bedingungen des Gleichgewichtes

Das Gleichgewicht verändert sich schneller, als Bürokratien handeln können. Unruhig zappeln die Messies. Man muss doch etwas tun. Muss man? Wer heute behauptet, dass es vernünftiger ist, die Lage erst mal in Ruhe zu beurteilen, bevor man Milliarden in Richtung nächstgelegene Fabrik ballert, gilt als mieser Neoliberaler. Dabei weiß jeder, der schon mal Rad gefahren ist, wie es geht: Es gilt, sich das Gleichgewicht ständig neu zu erarbeiten. Und jeder Radfahrer sollte zudem den Fahrweg im Auge behalten. Sonst kracht's. Das eine nicht lassen und das andere tun, das ist etwas anderes, als nach der Mutti zu rufen, dem Staat. Der kann nicht zaubern. Siehe Magisches Viereck. Und wenn er es versucht, siehe die idealen Staaten für Keynes' Konzepte, dann erlebt man bestenfalls sein blaues Wunder.

Thomas Perry, Partner der Mannheimer Q Agentur für Forschung, weiß das. Lange Jahre berechnete er für Marktforschungsinstitute wie Sinusvision die möglichen Entwicklungen von morgen. Das sind die Grunddaten für alle Aktionen, mit denen heute das künftige Gleichgewicht gesichert werden soll. Perrys Schlussfolgerung: "Wir reden alle über Dinge, die wir nicht kennen können. Es herrscht ein hoher Aktionismus, der immer wieder nach Lösungen ruft. Lösungen für Probleme, die wir aber nicht kennen, weil die Sachlage viel zu komplex ist. Die eigentliche Krise, in der wir uns befinden, ist: Wir suchen nach Lösungen statt nach Bedingungen."

Bedingungen, das heißt so viel wie sich in Ruhe und mit Sorgfalt klarmachen, in welcher Welt wir leben. Man könnte auch sagen: Es fehlt das Bewusstsein für die Zeiten, in denen wir leben. Hektik und Aktionismus führen nicht zum Gleichgewicht. "Nichts von dem, was wir in der aktuellen Krisenabwehr unternehmen, ist klug durchdacht. Man hört immer nur den Satz: Jetzt blicken wir nach vorn! Aber wo ist das, vorn? Und von wo, das ist die noch wichtigere Frage, starten wir?"

Es ist Management by Chaos, und das ist etwas ganz anderes, als mit Unsicherheiten umzugehen. Chaos-Management in Politik und Konzernen besteht schlicht darin, die Ursachen für die Krise zu ignorieren und das Spiel von vorn anzufangen. Ohne dass man sich ernsthaft fragt: Wer sind wir? Was sind wir? Was wollen wir?

Perry empfiehlt den Führungskräften, den Ordnungshütern, mehr Demut: "Wir brauchen mehr Gelassenheit und den Mut zur Einsicht, dass unsere Wirtschaft und Gesellschaft sich in einer Metamorphose befindet. Das heißt nicht, nichts zu tun, aber sich endlich mal zu fragen, ob das, was man tut, auch Sinn macht."

Der Sozialforscher weiß gut, dass solche Vorschläge schwer verdaulich sind. Alle Akteure sind gewohnt, angesichts krisenhafter Entwicklungen "sofort zu reagieren" - und niemand wagt es, einfach zu sagen: "Lasst uns mal sehen, was da eigentlich passiert. Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich die Bedingungen des Gleichgewichtes in einer Welt wie dieser verändern, findet abseits des Populismus statt." Mehr Lösungen, schneller. Das ist nicht gut für eine sichere Fahrt. Radfahrer, die nicht in die Pedale treten, kippen um. Radfahrer, die zu schnell um die Kurve fahren und dabei die Augen zumachen, landen im Straßengraben.

9. Ordnung und Freiheit

Stabilität ist Balance, Sowohl-als-auch also. Zwischen den Extremen liegt die Sicherheit. Es ist merkwürdig, dass sich so wenige heute daran erinnern, dass wir diese Einsicht schon einmal hatten. Zwischen brachialen Versuchen des Staates, Stabilität um jeden Preis herzustellen, und dem Total-egal-Gehabe der Laissez-faire-Ökonomen liegt die soziale Marktwirtschaft. Das von Alfred Müller-Armack, Walter Eucken und Ludwig Erhard erdachte Modell, das bis 1967, dem Jahr des ersten Stabilitätsgesetzes, die Bundesrepublik nach vorn brachte, wird heute gern als "Wirtschaftswunder" bezeichnet. Ludwig Erhard hat sich gegen diesen Begriff immer gewehrt. Für ihn war es die "Konsequenz der ehrlichen Anstrengung eines ganzen Volkes, das nach freiheitlichen Prinzipien die Möglichkeit eingeräumt bekam, menschliche Initiative, menschliche Energien wieder anwenden zu dürfen". Der Staat schuf nur den Rahmen dafür, dass niemand diese Freiheiten missbrauchte, um den Wettbewerb einzuschränken. Das Resultat waren die besten Jahre der Bundesrepublik Deutschland - die Zeiten, in denen das Gleichgewicht aus Freiheit und Verantwortung funktionierte.

Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage nach der neuen Stabilität. Einfach mal den Besen, den Zauberlehrling, in die Ecke stellen. Und dann aufs Rad steigen und in die Pedale treten. Das ist anfangs ungewohnt, bringt einen aber ins Gleichgewicht. Ordnung ist das halbe Leben. Der Rest ergibt sich, wenn man sich bewegt. -