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Aus der Fassung

Wenn in zwei Monaten europaweit die Glühlampen aus den Geschäften verschwinden, ist das eine gute Nachricht für das Klima und die Wirtschaft. Sagen die einen. Die anderen prophezeien Giftmüllprobleme, Sonderschichten für Psychiater und eine völlig neue Art, die Welt zu sehen. Höchste Zeit, die Angelegenheit einmal näher zu beleuchten.




-Am frühen Abend des 31. August dieses Jahres werden in den Leuchtenabteilungen von Einrichtungshäusern, Discountern und Baumärkten seltsame Dinge vor sich gehen. Kurz nach Ladenschluss werden in ganz Europa Verkäufer ausschwärmen und jede 100-Watt-Glühlampe einsammeln, die sie noch in den Regalen finden können. Diese Übung wird sich jedes Jahr gegen Ende August wiederholen, nur dass dann die schwächeren Glühlampen dran sind, bis auch die letzte Funzel aus den Sortimenten verschwunden sein wird.

Läuft alles nach Plan, wird es ab 1. September 2012 zwischen Thessaloniki und Hammerfest keine leuchtende Birne mehr zu kaufen geben, jedenfalls nicht auf legalem Weg. Händler, die danach noch Glühlampen ordern, riskieren ein Bußgeld von 50 000 Euro. An den Grenzen Europas werden sich Zöllner auf die Jagd nach illegalen Importen machen. Glühlampen, die beispielsweise bei Online-Versendern in Asien oder Osteuropa bestellt und bei der Einfuhr abgefangen werden, sollen vernichtet oder an ausländische Interessenten versteigert werden.

Aus Europas Fassungen soll ein 130 Jahre alter Dauerbrenner für immer verbannt werden, so hat es die Kommission der Europäischen Union (EU) beschlossen. In Zukunft soll künstliches Licht ausschließlich von effizienten Leuchtmitteln wie Neonröhren, Halogen- oder Energiesparlampen kommen. Die verbrauchen nach Herstellerangaben lediglich ein Fünftel des Stroms, halten dafür aber das Acht- bis Fünfzehnfache eines Glühlampenlebens. Steigen alle Europäer auf Sparflammen um - so hat es die EU-Kommission berechnet -, sparen sie jedes Jahr fünf Milliarden Euro Stromkosten und 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

Das ist, so scheint es, endlich mal ein Lichtblick. Ein kleiner Schritt für Europas Verbraucher, aber ein großer Schritt für das Klima. Einer jener seltenen Fälle, in denen sich EU-Bürokraten und -Politiker einmal zu gemeinsamem Handeln durchringen konnten. Wir haben, so die Botschaft aus Brüssel, endlich den richtigen Dreh gefunden, um die Klimakatastrophe aufzuhalten: Glühlampe raus - Energiesparlampe rein. So einfach ist das.

Aber ist es das wirklich?

Die große Lampenprüfung

Wolfgang Herter hat, als er an einem Morgen im April 2008 die Schnüre eines voluminösen Pakets durchtrennt, noch keine Ahnung davon, dass er gerade an einem Grundpfeiler der europäischen Klimapolitik rüttelt. Er ahnt nicht, dass wenige Monate später Zeitungsreporter, Radio- und Fernsehleute zu ihm reisen werden und ihn vor ihren Mikrofonen zu "möglichst knackigen Zitaten" drängen werden. Er kann sich nicht vorstellen, dass demnächst im Europäischen Parlament über ihn diskutiert und er vom Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie als "verantwortungslos" beschimpft werden wird. Denn Wolfgang Herter macht einfach nur seine Arbeit.

Herter trägt Strickpulli und Jeans, er ist 56 Jahre alt, Elektroingenieur und ein ziemlich nüchterner Techniker. Emotional wird er höchstens, wenn die Qualität eines Produktes allzu offensichtlich von den Herstellerversprechungen abweicht. Im Wilhelmshavener PZT-Labor kommt das mitunter vor. Hier, in einem backsteinernen Flachbau zwischen Teppichmarkt und Tankstelle, testen Herter und neun Kollegen Telefone, Staubsauger, Maronenöfen, Gehörschützer, Rasenmäher, Grillkohle, Hochdruckreiniger und andere Produkte auf Zuverlässigkeit, Sicherheit und Funktionstüchtigkeit. Ihre Auftraggeber sind Händler wie Aldi und Tchibo, Konzerne wie die Deutsche Telekom, Importeure und Ratgeberzeitschriften wie "Computer Bild". Im Büroflur hängt ein Zertifikat, das das Labor als "Benannte Stelle" ausweist, ausgestellt von der "Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik". Es bedeutet: Was hier geprüft wird, ist amtlich.

Anfang April 2008 liefert ein Kurierdienst ein großes Paket an der gläsernen Eingangstür des PZT ab. Absender ist die Redaktion der Verbraucherzeitschrift "Öko-Test" aus Frankfurt am Main. Ihr Paket enthält 16 nagelneue, sorgfältig in Dämmpolster verpackte Energiesparlampenmodelle verschiedener Hersteller, alle in mehrfacher Ausführung. Die Redakteure haben die Lampen in Baumärkten, Discountern, Supermärkten und Möbelhäusern sowie beim Öko-Versand Waschbär gekauft - dort, wo sich auch gewöhnliche Verbraucher eindecken. Jetzt, da die Tage der Glühlampe gezählt und Energiesparleuchten zunehmend gefragt sind, soll Herter sie prüfen.

"Im Vergleich zu Routern oder Rasenmähern war dieser Test natürlich ein wenig trivial", sagt der Ingenieur und denkt einen Moment nach. "Dafür waren die Reaktionen umso heftiger."

Für seine Prüfung hat Herter mehrere Stromschienen unter die Labordecke gehängt, in die er je zwei Exemplare eines Modells sowie eine klassische Glüh- und eine Halogenlampe zum Vergleich schraubt. Vor die Stromschienen steckt er Zeitschaltuhren, die die Probanden im "Dauertestzyklus" abwechselnd 165 Minuten erleuchten, dann für 15 Minuten ruhen lassen. Im parallel laufenden "Schaltfestigkeitstest" knipst eine Zeitschaltuhr die Lampen bereits nach einer Minute aus und nach fünf Ruheminuten wieder an. Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche.

"Wir wussten, dass dieser Rhythmus sie ganz schön stressen würde", sagt Herter, "aber gestresst werden sie im Normalgebrauch ja auch."

Kompaktleuchtstofflampen, wie Energiesparlampen eigentlich heißen, sind nichts anderes als Leuchtstoffröhren im Kleinformat. In ihren Glaskolben steckt ein Edelgas- und Quecksilbergemisch, das bei jedem Anschalten von einem Vorschaltgerät im Sockel unter hoher Spannung gezündet wird. Dabei erhitzen sich die Elektronikbauteile jedes Mal auf bis zu 150 Grad Celsius. "Halbleiter und Kondensatoren aber mögen hohe Temperaturen gar nicht", erklärt Herter. "Es sei denn, sie sind speziell dafür konstruiert. Aber dann sind sie auch teuer."

Je billiger eine Lampe, umso störanfälliger ist meist auch ihre Elektronik. Je häufiger sie geschaltet wird, desto früher macht sie schlapp. Eine einfache Energiesparlampe, die in Treppenhaus, Flur oder Toilette häufig an- und ausgeht, erreicht daher bei Weitem nicht jene methusalemartige Lebensdauer, die den Sparwundern allgemein zugeschrieben wird. Das weiß jeder Fachmann. Aber nicht jeder Laie.

Wie schnell die Sparstrahler jedoch mitunter kaputtgehen, ahnt nicht einmal Experte Herter, als er am Morgen des 11. April 2008 seine Prüflinge erstmals unter Strom setzt. Der erste gibt bereits nach 3300 Schaltzyklen auf. Nach 6000- bis 7000-mal An- und Ausschalten verabschiedet sich das Gros der Prüflinge. Selbst Markenlampen wie Osram Dulux Superstar halten im Schalttest nur 7200 bis 12 000 Zyklen durch, was einer Brenndauer von nur 120 bis 200 Stunden entspricht. Immerhin: Im Dauertest bringen es die beiden Osram-Prüflinge auf rund 7500 Stunden - allerdings sind auch dies 2500 Stunden weniger als auf der Packung angegeben.

"Energiesparlampen - das Ende einer Erfolgsgeschichte" prangt auf dem Oktober-Titel von "Öko-Test", in dem das Magazin Herters niederschmetternde Testergebnisse präsentiert. Allen geprüften Energiesparlampen bescheinigen die Tester eine schlechte Lichtqualität. Außerdem erreichten die meisten längst nicht die Helligkeit der 60-Watt-Glühlampe, die sie ersetzen sollten, verbrauchten mehr Strom und gingen schneller kaputt als angegeben. Fazit: "Energiesparlampen sind kein wirklicher Fortschritt und keine Alternative zu Glühlampen."

Der Streit ums Licht geht in die nächste Runde

Das Echo auf den Artikel, erinnert sich Gabriele Achstetter, die zuständige Redakteurin, "übertraf alle unsere Erwartungen". Leser lamentieren über den "Niedergang" des Magazins zur "Hauspostille der großen Energieversorger". "Öko-Test" erweise der "Umweltbewegung insgesamt einen Bärendienst", kritisiert das Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU). "Verantwortungslos" nennt der Zentralverband der Elektroindustrie den Test, weil er mit lediglich zwei Prüflingen pro Modell weder normgerecht noch repräsentativ gewesen sei. "Mag ja sein", entgegnet Achstetter, "aber wenn sich ein Verbraucher eine Energiesparleuchte kauft, die nach wenigen Monaten kaputtgeht, ist das ja auch nicht repräsentativ."

Ein solcher Käufer ahnt auch kaum, dass es sich bei der auf den Packungen gedruckten Brenndauer lediglich um die durchschnittliche Lebenserwartung handelt. Und die definieren Hersteller wie Osram als jenen Zeitpunkt, an dem bei ihrer eigenen Prüfung die Hälfte ihrer Produkte ausgefallen ist. Der Kauf von Energiesparlampen ist also Glückssache. Das erklärt unter anderem, warum die Stiftung Warentest in ihren Untersuchungen zu weitaus positiveren Ergebnissen als die Öko-Tester kommen konnte. Es erklärt aber auch, warum viele Verbraucher von den vermeintlich unverwüstlichen Dauerbrennern enttäuscht sind. Ohnehin stammen 80 Prozent der hierzulande angebotenen Energiesparlampen aus China, wo es die Produzenten - wie ein Branchenkenner einräumt - "mit den Angaben häufig nicht ganz so genau nehmen".

Und weil das so ist, melden sich bei dem Produkt-Tester Wolfgang Herter Redakteure der ZDF-Verbrauchersendung "Wiso" und von Kabel 1, der "Nordwest-Zeitung" und des "Spiegels", vom NDR und von lokalen Radiosendern. Seine Ergebnisse heizen den Streit weiter an, der zwischen erbitterten Gegnern und glühenden Anhängern tobt, seit die EU erstmals über ein Glühlampenverbot nachzudenken begonnen hat. Denn wenn Energiesparlampen gar nicht jene leuchtenden Vorbilder sind, als die sie ihre Hersteller verkaufen, ist das Glühlampenverbot nicht mehr zu rechtfertigen.

Es ist ein Streit, der alte Klischees wachruft. Auf der einen Seite Klimaschützer und eine vermeintlich verkrustete EU-Bürokratie mit der freudlosen Funzel der Öko-Freaks in der Hand. Auf der anderen Seite Lichtplaner, Früher-war-alles-besser-Nostalgiker und Marktliberale, die hinter jeder Verordnung den Anfang vom Ende der Demokratie wittern.

Eine der prominentesten ist Silvana Koch-Mehrin. Die Vorsitzende der FDP-Fraktion im Europäischen Parlament klagt, das Glühlampen-Aus sei ein klarer Fall von "unsinniger und falscher Alltagsregulierung". Manufactum, Zentraleinkaufsstelle aller Konsumkonservativen, wähnt eine "galoppierende Wildwütigkeit einer auf Weltrettungsutopien gerichteten Reglementierungsbürokratie" am Werk. Seinen Kunden rät der Versandhandel, noch schnell einen Vorrat an Glühlampen anzulegen, "bevor sie von der Birnenpolizei zur Öffnung ihrer Einkaufstasche aufgefordert werden". Der Klimaforscher Ottmar Edenhofer wiederum hält das Funzelverbot für "Unfug und blinden Aktionismus", weil die per Lampentausch eingesparten CO2-Emissionen nach der Logik des Zertifikatehandels nicht wirklich vermieden, sondern schlicht andernorts freigesetzt werden dürften.

An vorderster Front der Glühlampengegner stehen EU-Energiepolitiker, die Klimaschützer von Greenpeace und Martin Goetzeler. Goetzeler ist Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Siemens-Tochter Osram und damit des - neben Philips - größten Lampenherstellers der Welt. "Glühlampen", sagt Goetzeler, "sind quasi Heizgeräte, die nebenbei auch noch Licht absondern. Sie setzen lediglich fünf Prozent des Stroms in Helligkeit und 95 Prozent in Abwärme um. Und deshalb sind sie einfach nicht mehr zeitgemäß." Die Umrüstung auf energieeffizientere Leuchtmittel hingegen verspreche eine "Triple-Win-Situation für Umwelt, Verbraucher, Industrie und Handel". Zumindest die Letzteren beiden werden definitiv gewinnen, gilt es doch, in ganz Europa 3,5 Milliarden Glühlampen auszutauschen.

Dabei geht es in diesem Kampf längst nicht mehr nur ums Umschalten von einem Leuchtmittel zum anderen. Es geht auch um Freiheit und eine Frage, die im Zeitalter des Klimawandels immer öfter gestellt wird: Wie weit dürfen Klimaschützer ins Privatleben eingreifen? Kann eine Regierung ihren Bürgern im Umweltinteresse vorschreiben, wie sie ihre Schlafzimmer zu beleuchten haben? Und bringt das überhaupt etwas? All diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Und so ist der Streit um Glüh- versus Energiesparlampe vor allem ein Lehrstück darüber, wie eine ursprünglich einleuchtende Idee ziemlich dunkle Konsequenzen haben kann.

EU-Ermittlungen in Sachen Klimaschutz

Die Ursprünge dieser Idee lassen sich bis nach Brüssel zurückverfolgen. Genauer: in die Rue de la Loi 200 und einen 14-stöckigen Verwaltungsbau aus den sechziger Jahren. Dort ist das Büro von Ferran Tarradellas Espuny.

Tarradellas, 43 Jahre, Katalane, Fan des FC Barcelona und von Beruf Journalist, arbeitet seit neun Jahren im Berlaymont-Gebäude. Jeden Morgen, wenn der energiepolitische Sprecher der EU-Kommission seine Bürozelle betritt, flackern über ihm sechs energieeffiziente Leuchtstoffröhren auf. Jedes Mal, wenn er das Büro verlässt, schalten Sensoren sie automatisch wieder ab. Überhaupt gebe es heute im gesamten Hauptquartier der EU-Kommission keine einzige Glühlampe mehr, berichtet Tarradellas. Die EU-Kommission, das ist seine Botschaft, meine es ernst mit dem Klimaschutz. Und weil Tarradellas ein freundlicher Mensch und von seiner Sache spürbar überzeugt ist, erklärt er auch dem x-ten Journalisten noch einmal geduldig, was sich die EU-Kommission mit dem Glühlampenverbot gedacht habe.

"Ich gebe Ihnen ein Beispiel", beginnt Tarradellas. Vor einiger Zeit habe er an seinem Haus sämtliche alten Fenster gegen neue, doppelt verglaste austauschen lassen. Die Umrüstung habe ihn zwar viel Geld gekostet, werde sich ob ihrer Energieeffizienz aber binnen weniger Jahre bezahlt machen. " Jeder von uns", sagt er, "hat heute die Wahl, ob er weiterhin die Heizung aufdrehen und sein Geld für Energie-Importe nach Russland oder Saudi-Arabien überweisen will. Oder ob er eine Doppelverglasung einbauen lassen und damit europäischen Handwerkern Arbeit geben, in der EU für Wirtschaftswachstum sorgen und langfristig viel Geld sparen will. Das ist nicht nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern auch der Wettbewerbsfähigkeit. Das kann in der EU zu Millionen neuen Jobs führen."

Und weil das so ist, hat sich Tarradellas Chef, der EU-Energiekommissar Andris Piebalgs, diese EU-Direktive ausgedacht.

Sie heißt "Anordnung zur Durchführung der Richtlinie 2005/32/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates im Hinblick auf die Festlegung von Ökodesign-Anforderungen an nicht gerichtete Haushaltslampen" und ist in Deutschland als das Glühbirnenverbot bekannt. In Wirklichkeit ist sie Teil eines gigantischen Maßnahmenpakets namens "Action Plan for Energy Efficiency", mit dem die Europäische Union bis zum Jahr 2020 gewaltige 20 Prozent Energie einsparen will.

Mit diesem Ziel vor Augen nehmen Piebalgs' Fachleute derzeit unter anderem Computer, Waschmaschinen und Klimaanlagen unter die Lupe, auf der Suche nach Einsparpotenzialen. Insgesamt 14 Produktgruppen haben sich die Ermittler vorgenommen. Die effizientesten Modelle dürfen bleiben, das ist ihre Logik, die ineffizienten müssen verschwinden. Und als Erstes hat es eben die Glühlampe getroffen.

Sie ist, was die Klimaveränderung betrifft, Täter und Opfer zugleich. Darin ähnelt sie dem Menschen. Und vielleicht erklärt das die aufgeregten Reaktionen.

"Verstehen Sie uns nicht falsch", fährt Tarradellas fort, "wir schreiben niemandem etwas vor. Wir fördern auch keine Energiesparlampen. Wir promoten gar nichts. Wenn Sie LEDs möchten, nehmen Sie LEDs. Wenn Sie ein romantisches Dinner planen, wählen Sie meinetwegen das warme Licht einer Halogenlampe. Das Einzige, was Sie in Zukunft nicht mehr nehmen können, ist ein ineffizientes Leuchtmittel, das zu einem großen Teil Wärme statt Licht erzeugt."

Mit dieser Logik weiß sich Tarradellas weltweit in bester Gesellschaft. In Australien, Neuseeland, Kanada, Irland und Kalifornien ist der Abschied von der Glühlampe ebenfalls beschlossene Sache. In Panama verschenkt die Regierung im Zuge der sogenannten Operación Bombillo sechs Millionen Sparlampen an die Bevölkerung. Auf Norderney hat der Bürgermeister gleich die ganze Insel zur glühlampenfreien Zone erklärt. Am New Yorker Broadway tauschen Musical-Theater im Zuge der Initiative "Broadway Goes Green" 10 000 Glüh- gegen Energiesparlampen aus. Landesweit sollen die birnenförmigen Brennkörper in den USA ab 2012 entfernt werden. Auf der ganzen Welt wird die Glühlampe immer unpopulärer.

Überhaupt, sagt Tarradellas, sei der ganze Streit seiner Meinung nach nur eine Scheindebatte, angezettelt von einigen Medien und Mitgliedern des Europäischen Parlaments. "Wir sind viel in Europa unterwegs, und nirgendwo hat es Demonstrationen für die Glühlampe gegeben. Es hat auch niemand Steine nach uns geworfen. Die Europäer stehen hinter uns."

Zumindest in Deutschland können der Energiekommissar und sein Sprecher nicht allzu häufig unterwegs gewesen sein. Hierzulande boomt die Nachfrage nach Glühlampen wie selten zuvor. Seit Bekanntgabe des Glühlampenverbots verkaufen die Baumarktriesen Praktiker und Max Bahr doppelt so viele 100-Watt-Lampen wie im Vorjahr. Der Konkurrent Hornbach meldet zweistellige Umsatzzuwächse bei allen Glühlampentypen.

Die Deutschen stehen treuer zur Birne, als es einem Energiekommissar recht sein kann.

Eine neue Sicht der Dinge

Auch bei Katja Winkelmann melden sich dieser Tage immer wieder ratlose Kunden. Winkelmann, 42, ist Lichtplanerin. Sie stattet Privatwohnungen, Büros, Hotels und Verwaltungen wie die neue Unilever-Zentrale in der Hamburger Hafencity mit passender Beleuchtung aus. Durch die Atelierfenster ihres Bürolofts im Hamburger Schanzenviertel fällt ein helles, brillantes Frühlingsnachmittagslicht. Von Zeit zu Zeit klingelt das Telefon. Was, wollen Kunden von ihr wissen, sollen wir denn nun machen? Hamstern? Umsteigen? Uns mit Energiesparleuchten eindecken? Oder der Glühlampe treu bleiben?

Anders gefragt: Was fesselt Menschen an einem ineffizienten, teuren, überholten Relikt aus dem 19. Jahrhundert?

Statt zu antworten, zieht Winkelmann die Vorhänge zu. Platziert eine Plastikkiste voller Energiesparlampen, LEDs und Glühlampen auf dem Konferenzraumtisch. Schaltet das Licht aus und bringt ihren Laptop auf Präsentationsmodus.

Als Erstes erscheint auf ihrem Bildschirm eine Art breit gewalzter Regenbogen mit Blau- und Grüntönen auf der linken und Gelb-, Orange- und warmen Rottönen auf der rechten Seite. "Das", erklärt Winkelmann, "ist das Farbspektrum des Sonnenlichts. Jenes Farbspektrum, an das unser Organismus seit Hunderttausenden von Jahren gewöhnt ist."

Auf einer zweiten Folie sind noch immer dieselben Farben präsent, wenngleich die Blau- und Grüntöne schwächer, dafür die warmen Gelb- und Rottöne stärker leuchten. "Halogen- und Glühlampen sind Brennkörper genau wie die Sonne, nur dass sie kein Gas, sondern einen Draht verbrennen. Ihr Farbspektrum entspricht daher zu fast hundert Prozent dem des Tageslichts."

Das bedeutet: Das warme, natürliche Licht der Glühlampe steht auch für vertraute Heimat. Es zeigt uns die Welt, wie wir sie kennen.

Auf Katja Winkelmanns dritter Präsentationsfolie ist plötzlich ein ganz anderes Bild zu sehen, eine Art bunter City-Skyline mit vielen blauen und grünen Türmen, ein paar gelben und einem einsamen roten Turm am rechten Bildrand. Zwischen den Türmen sind weite Leerflächen. "Energiesparleuchten greifen sich lediglich einige Spitzen aus dem Farbspektrum heraus. Dazwischen fallen viele Farbnuancen einfach weg", erläutert die Lichtplanerin.

Während man noch darüber nachdenkt, ob das nicht lediglich ein Luxusproblem für Lichtplaner ist, fingert sie bereits eine Energiesparlampe Marke Osram aus ihrem Kasten. "Farben, die dieses Licht nicht enthält, kann unser Auge auch nicht erkennen. Sie existieren für uns einfach nicht mehr." Zwar bieten Hersteller mittlerweile "warmweiße" Energiesparlampen an, deren Farbspektrum sie um Gelb und Rot ergänzt haben. Aber die Lücken zwischen ihnen bleiben.

Das limitierte Licht der Sparlampe, folgert Winkelmann, macht uns ein Stück weit blind für die Realität. Lässt uns die Welt auf neue Weise sehen. Eindimensionaler. Kälter. Farbloser.

Im Kleinen kennt diesen Effekt jeder, der einmal in einer leuchtstofflampenerhellten Boutique einen grünen Pullover gekauft und draußen, bei Tageslicht, festgestellt hat, dass die Neuerwerbung in Wirklichkeit braun ist. Im Großen steht der Kampf ums Licht damit für eine buchstäblich andere Weltsicht: So, wie wir die Welt beleuchten, sehen wir sie auch. Und so, wie wir sie sehen, leben wir in ihr.

Aus Experimenten weiß man beispielsweise, dass sich der Tagesrhythmus von Menschen, die vom Tageslicht abgeschnitten sind, nach einiger Zeit unmerklich verschiebt. Tageslicht ist der Taktgeber des menschlichen Organismus. Es steuert unsere innere Uhr, indem es beispielsweise den Pegel des Glückshormons Serotonin dosiert.

Wie intensiv Farbtemperatur und -intensität unsere Stimmung und Aufmerksamkeit beeinflussen, haben kürzlich Mediziner der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf herausgefunden. Die Forscher hatten mehrere Klassenräume in Hamburger Schulen mit sogenannten dynamischen Lichtsystemen ausgestattet. Dabei konnten die Lehrer das Licht per Fernbedienung auf "Aktivieren", "Beruhigen" oder "konzentriertes Arbeiten" einstellen. Ergebnis: Schalteten sie bei Stillarbeit auf "beruhigendes" Licht, sank die motorische Unruhe der Schüler auf ein Viertel. Tippten sie auf "Aktivieren", beschleunigte sich die Lesegeschwindigkeit um mehr als ein Drittel. Bei "konzentriertem Arbeiten" nahm die Fehlerhäufigkeit im Vergleich zu Schülern, die unter gewohntem Klassenzimmerlicht arbeiteten, um fast 45 Prozent ab. Jetzt sollen mehrere Hamburger Schulen mit dynamischem Licht ausgestattet werden.

Der hohe Blauanteil im Licht vieler Energiesparleuchten hingegen, fürchtet Dieter Kunz, Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Berliner Charité, unterdrücke die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Im schlimmsten Fall gerate die innere Uhr aus dem Takt, was auf Dauer zu Herzerkrankungen und Depressionen führen könne. Ingo Maurer sieht die Zukunft noch düsterer: Der Leuchtendesigner prophezeit für den Fall, dass sich das "tote" Licht der Energiesparlampen durchsetze, einen "Boom für Psychiater".

So komplex wie die Wirkung des Lichts, so umstritten sind allerdings auch all diese Prognosen. Katja Winkelmann rät ihren Kunden, zur Sicherheit einfach auf Halogenlampen mit Schraubsockel umzusteigen. Die sparten im Vergleich zur Glühlampe zwar lediglich 30 Prozent Energie, erzeugten dafür aber ein wärmeres, natürlicheres Licht als Energiesparlampen. Und wer wirklich etwas für die Umwelt tun wolle, solle sein Kunstlicht dimmen (was den Stromverbrauch erheblich senkt) und seine Energie von einem Ökostromanbieter beziehen. "Die wenigsten wissen ja, dass eine Energiesparlampe bei ihrer Herstellung fünf- bis zehnmal so viel Energie verbraucht wie eine Glühlampe. Bei Licht betrachtet, ist das Ganze ein riesiges Konjunkturprogramm für die Hersteller."

Sie redet sich in Rage. Vielleicht ist es die Aufregung. Das Thema verfolgt sie jetzt seit Monaten, jedenfalls gleitet ihr die Energiesparleuchte aus der Hand. Zerplatzt auf dem schwarzen Bürofußboden zu einem Häufchen grauen Staubs, Scherben und einem platinenbestückten Plastiksockel. Sofort springt die Lichtplanerin auf, reißt die Fenster auf, fegt die Scherben zusammen und schüttet sie sorgsam in einen Müllsack, als hantiere sie mit hochradioaktivem Abfall. "Das hier", sagt sie, während sie den Müllsack zuknotet, "kommt jetzt zum Sondermüll."

Gut fürs Klima, giftig für die Umwelt

Tatsächlich dürfen Energiesparlampen laut Gesetz nicht im Hausmüll landen, weil jede zwei bis fünf Milligramm Quecksilber enthält - ein extrem leitfähiges, aber hochgiftiges Schwermetall, für das Lampenentwickler bislang keinen Ersatz finden konnten. Bereits heute sind im Ladenpreis jeder Energiesparlampe 16 Cent Entsorgungsgebühr enthalten. Dennoch landen nach Schätzungen von Osram-Chef Goetzeler etwa 60 Prozent der in Deutschland verkauften Energiesparlampen in Mülleimern, Verbrennungsanlagen oder sonstwo. Rechnet man diese Recycling-Quote auf die EU hoch, gelangen so rund 340 bis 860 Kilogramm eines Schwermetalls in die Umwelt, von dem ein einziges Milligramm ausreicht, um 5300 Liter Trinkwasser zu verseuchen.* Jahr für Jahr. Mit dem Segen der EU.

Dabei hatte die EU-Kommission den Einsatz des silbrigweißen Elements erst kürzlich flächendeckend verboten. "Quecksilber und seine Verbindungen sind hochgiftig für Menschen, Ökosysteme und wild lebende Tiere", warnten die Fachleute der EU-Kommission in ihrer Begründung. "Hohe Dosen können für den Menschen tödlich sein, aber auch relativ niedrige Mengen können bereits ernsthafte Entwicklungsstörungen des Nervensystems verursachen."

Seit April 2009 dürfen in der EU keine Fieberthermometer und keine Barometer mit Quecksilber mehr verkauft werden. Energiesparlampen schon. Denn aus Sicht der EU-Beamten sind sie das kleinere Übel.

Die Begründung: Obwohl die Alternative Glühlampe kein einziges Milligramm Schwermetall enthält, verursacht sie ein noch viel größeres Quecksilberproblem. Denn auch Kraftwerke, die Kohle zur Stromerzeugung verbrennen, blasen das Schwermetall in die Luft. Wird nun eine Energiespar- statt einer Glühlampe an ein Netz gehängt, das mit Kohlestrom gespeist wird, sinkt - wie ein Wissenschaftlerteam der Yale University errechnet hat - der Quecksilberausstoß insgesamt. Denn die Energiesparlampe spart Strom und damit Kohle.

Diese Rechnung geht allerdings nur dann auf, wenn die Herstellerangaben zu Lebensdauer und Stromverbrauch der Energiesparlampen tatsächlich stimmen. Auch deshalb birgt Wolfgang Herters Test eine derartige Sprengkraft.

Außerdem setzen die EU-Mitgliedsstaaten ganz unterschiedlich viel Kohle zur Stromerzeugung ein. In Polen, wo 92 Prozent der Elektrizität aus Kohlekraftwerken stammen, fällt die Ökobilanz ein und derselben Lampe daher ganz anders aus als in Deutschland mit 42 Prozent Kohlestrom oder Frankreich mit gerade mal vier Prozent. Die Yale-Forscher wollen ihre Quecksilberbilanz denn auch nicht als Freifahrtschein für Energiesparlampen verstanden wissen. "Wir können", schreiben sie, "uns nicht abhängig von giftigen Materialien machen."

Und so macht ein flüchtiges silbrigweißes Element die Entscheidung ums Licht noch einmal komplizierter. Selbst wenn die Umstellung bereits in vollem Gange ist.

Ein Glühlampenveteran nimmt Abschied

"Klack", "klack", "klack" machen die Glasröhren, jede einen guten Meter lang, sobald sie gummigepolstert in die Maschine rollen. Dort werden sie erhitzt, in spargellange Stücke geschnitten, auf Förderbändern weitertransportiert, beschichtet, im sogenannten "hot kiss" zweier Gasflammen zu Lampenbögen zusammengelötet, mit Elektroden injiziert und auf einen Sockel mit Vorschaltgerät gepropft. Keine halbe Stunde dauert es, bis aus einer Glasröhre eine Energiesparlampe geworden ist.

20 Millionen Energiesparlampen jährlich laufen auf diese Weise im Augsburger Osram-Werk vom Band. Das Werk arbeitet rund um die Uhr im Dreischichtbetrieb, und es ist gut möglich, dass die Arbeiter in Zukunft noch einen Zahn zulegen müssen. Osrams Marktforscher rechnen damit, dass mit Inkrafttreten des Glühlampenverbots die Nachfrage nach Energiesparlampen jedes Jahr um 16 Prozent wächst.

Noch fertigen ihre Kollegen im nordrhein-westfälischen Wipperfürth, im französischen Molsheim und in Nove Zamky in der Slowakei Osram-Glühlampen für den europäischen Markt. Dort hat sich wegen des aktuellen Glühlampen-Booms die eigentlich längst geplante Drosselung der Produktion noch einmal verzögert. Spätestens in drei Jahren aber ist Schluss. Bis dahin sollen die Fertigungsstraßen auf Halogenlampenbau umgestellt und die 800 Mitarbeiter umgeschult sein.

Für Osram bedeutet das einen großen Abschied - etwa so, als würde bei einem Autohersteller der letzte Wagen mit Verbrennungsmotor vom Band rollen. Wenn in drei Jahren die letzte Glühlampe aus einer Osram-Maschine fällt, kappt das Unternehmen Wurzeln, die mehr als 120 Jahre und bis zu Emil Rathenau zurückreichen.

Der Maschinenbauingenieur und Unternehmer hatte 1882 dem Erfinder Thomas Alva Edison die Rechte zur wirtschaftlichen Nutzung der Glühlampe für Deutschland abgekauft. Rathenaus Deutsche Edison-Gesellschaft, die später in Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft umgetauft und unter dem Kürzel AEG weltberühmt wurde, gründete 1919 zusammen mit Werner von Siemens und anderen Beteiligten eine eigene Glühlampentochter. Ihr Name Osram ist ein Kunstwort aus den Glühwendel-Materialien Osmium und Wolfram. Zu ihrem Erkennungszeichen bestimmte die Osram GmbH, die 1978 komplett von Siemens übernommen wurde, eine leuchtendweiße Glühlampe auf orangefarbenem Grund. Das ist, von wenigen Veränderungen abgesehen, bis heute so geblieben.

Mit anderen Worten: Osram ist Glühlampe. Und umgekehrt. Mittlerweile aber, sagt Osram-Chef Martin Goetzeler, denke seine Firma über eine Änderung ihres Logos nach. Nur noch fünf Prozent seines 4,6-Milliarden-Euro-Umsatzes macht der Konzern, der im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis des Bundespräsidenten ausgezeichnet wurde, mit den Glühlampen. 60 Prozent steuern hingegen die "energieeffizienten" Leuchtkörper bei, zu denen Goetzeler auch die Energiesparlampen zählt. Die wurden 1985 von Osram-Technikern überhaupt erst für den Hausgebrauch tauglich gemacht, indem sie die vormals externen Vorschaltgeräte in die Lampensockel integrierten. Von Osram stammt auch die Marketing-Idee, die korrekte, aber nüchterne Bezeichnung "Kompaktleuchtstofflampe" gegen den programmatischen Begriff "Energiesparlampe" auszutauschen.

Genützt hat es ihr wenig.

Heute, fast ein Vierteljahrhundert nach ihrer Markteinführung, kaufen die Europäer immer noch sechsmal so viel Glühlampen wie Energiesparlampen. Im vergangenen Jahr stagnierte der Umsatz mit den vermeintlichen Sparwundern sogar. Christian Schraft zweifelt in solchen Momenten manchmal an der Weisheit der Konsumenten.

Verbraucher haben die Wahl, aber selten Ahnung

"Wir versuchen seit 20 Jahren, den Menschen energiesparende Beleuchtung nahezubringen", sinniert der Leiter des Geschäftsbereichs Consumer Lighting bei Osram. "Aber wenn man sieht, in welch aberwitzigen Mengen sie immer noch Glühlampen kaufen, muss man sagen: Es hat nicht gereicht."

Die interessanteren Wachstumsraten erwartet Schraft ohnehin bei den Lichtemittierenden Dioden, kurz: LED. Noch leuchten sie überwiegend in Ampeln oder Scheinwerfern von Autos. Der niederländische Osram-Konkurrent Philips hat in den vergangenen Jahren rund vier Milliarden Euro in die Übernahme von LED-Spezialfirmen investiert. Und auf Schrafts Schreibtisch liegt bereits der Prototyp einer ersten LED-Lampe für den Hausgebrauch.

Die neue Osram Parathom, wie sie zu Ehren Thomas Edisons getauft wurde, wandelt Strom direkt in Licht um, verbraucht nur acht Watt, ist flexibel einsetzbar, völlig unschädlich und extrem lange einsatzfähig. Und auch wenn Schraft es nie so sagen würde: Verglichen mit ihr sind Energiesparlampen nur eine Not- und Übergangslösung. Allerdings ist die LED-Variante teuer: Zwischen 30 und 40 Euro werden die neuen Parathoms kosten, wenn sie im Sommer dieses Jahres in die Geschäfte kommen.

"Nach unseren Berechnungen wird sie aber mindestens 25 Jahre lang halten", sagt Schraft. "Das bedeutet: Ihr Preis zahlt sich über die Stromersparnis mehrfach wieder aus. Und das muss man bei der Entscheidung natürlich berücksichtigen." Theoretisch jedenfalls.

Praktisch weiß auch Osrams oberster Lampenmanager, dass sich Kunden im Schnitt ganze 20 bis 60 Sekunden Zeit nehmen, bevor sie zu einer Lampe greifen. "Licht ist ein No-Interest-Produkt", bedauert Schraft. "Wir sprechen beim Lampenkauf auch von , distress purchases'. Das heißt: Man beschäftigt sich nur mit dem Thema, wenn gerade irgendetwas nicht funktioniert. Und sonst gar nicht."

Das ist der tiefere Grund, warum die EU-Kommission den Europäern jetzt per Lampenbann die Entscheidung abnimmt. In einer Zeit, da sich Verbraucher um Riester- und Rürup-Rente, die rechtzeitige Früherkennung von Darmkrebs, den ökologischen Footprint von Lebensmitteln oder den Kohlendioxidausstoß ihres nächsten Autos kümmern sollen, kann sich niemand auch noch über das richtige Leuchtmittel allzu viele Gedanken machen.

Deshalb knipst die EU ihren Bürgern kurzerhand die Glühlampen aus. Auch wenn sie in ihrem Bemühen, die Luft reinzuhalten, mit quecksilberhaltigen Energiesparleuchten am Boden gleich das nächste Umweltproblem schafft. Und auch wenn die vermeintlich energiesparenden Alternativen mitunter von zweifelhafter Qualität sind.

Das wiederum bedeutet, dass in der Post-Glühlampen-Ära viele Europäer ganz ähnliche Erfahrungen machen werden wie Wolfgang Herter, der Lichttester, hoch oben im Norden im Wilhelmshavener PZT-Labor.

Dort läuft, knapp 14 Monate nach seinem Start, der Energiesparlampentest ununterbrochen weiter. Bis zum Herbst, wenn Herters Prüflinge 12 000 Stunden durchgestrahlt haben, wird der Ingenieur weiterhin jeden Morgen und jeden Abend nach ihnen schauen. Zu notieren gibt es für ihn inzwischen nur noch wenig. Von den 32 Lampen, die er vor gut einem Jahr in die Fassungen gedreht hatte, funktionieren nach 9000 Stunden Dauertest gerade noch sechs. Im Schaltzyklus glimmt sogar nur noch ein einziges Schlusslicht. Eine Halogenlampe.-

* Vorausgesetzt, von den jährlich etwa 300 Millionen verkauften Energiesparlampen würden - wie in Deutschland - 40 Prozent recycelt. Tatsächlich sind die Recycling-Quoten in den Ländern der EU sehr unterschiedlich.