Alles auf Anfang

Die meisten Isländer begreifen den Kollaps ihres Landes nur langsam. Doch einige suchen schon nach der Zukunft.




-Leicht schwanken die Baukräne im Wind, der kalt vom Nordatlantik in die Stadt weht. Eigentlich sollte die Konzerthalle im Dezember ihre Premiere feiern. Das Gebäude sollte für Reykjavík das werden, was das Opernhaus für Sydney ist, ein Wahrzeichen für das neue Island. Nun aber ruhen die Arbeiten, seit Monaten schon. Gegenüber, auf der anderen Seite des alten Hafenbeckens, staunen die ersten Sommertouristen über die dunkelroten Würfel in der Auslage des Fischimbisses "Sea-Baron". Frischer Minkwal am Spieß für 1500 Kronen, umgerechnet rund zehn Euro und damit billiger als Lachs, der 1800 Kronen kostet. Gerade erst hat die Fischereibehörde die Fangquoten für den kommerziellen Walfang wieder erhöht. Auch Kabeljau wollen die Isländer dieses Jahr mehr fischen. Reflexartig greifen sie auch in dieser Krise auf ihre traditionellen Ressourcen zurück. Doch der Fisch allein kann es diesmal nicht richten. Zu groß ist der Schaden, den die drei Pleitebanken Kaupthing, Glitnir und Landsbanki angerichtet haben.

Das Land steht vor großen Fragen: Wer wollen wir sein? Wovon wollen wir leben?

Pleite ist längst auch das Outlet für Luxusmöbel, gleich neben dem "Sea-Baron". In den Hallen, in denen vor einem Jahr noch italienische Designersofas gegen Ratenkredit feilgeboten wurden, hat Gudjón Már Gudjónsson eine Pingpong-Platte und einen Tischkicker aufstellen lassen. Ein paar Studenten bearbeiten den Kicker, weswegen Gudjónsson die Stimme heben muss, als er sagt: "Wir müssen in Island unsere ganze Festplatte formatieren, alles neu installieren."

Wegen solcher Sätze ist der jungenhafte 37-Jährige, den alle nur Gudjón nennen, ein gefragter Mann in Reykjavík. 200 Mails beantwortet er jeden Tag und geht auch spätabends noch an sein Handy. Im Januar hat er das Ministry of Ideas gegründet, eine Initiative, in der man sich über Islands Zukunft Gedanken macht. Hugmyndahus haben sie das ehemalige Möbelgeschäft getauft, Haus der Ideen. Studenten betreiben hier ein Fernsehstudio, Gründerseminare und Workshops werden gegeben. Und jeden Samstag versammeln sich bis zu 200 Bürger aus allen Generationen, Branchen und Gesellschaftsschichten, um darüber zu diskutieren, wie es weitergehen soll mit Island. Auch an Ostern und am Pfingstwochenende haben sie sich getroffen, sogar während der in Island sehr beliebte Eurovision Song Contest lief. Gudjónsson nennt die Treffen den "Puls des neuen Islands".

Neulich war selbst Dagur B. Eggertson da, der Vizepräsident der sozialdemokratischen Partei, den viele schon für den nächsten Premierminister halten. Die Politik ist neugierig geworden auf das, was die Professoren, Künstler, Unternehmer, Designer und Farmer zu sagen haben, die Antworten zu finden hoffen auf die Fragen, die vermutlich die meisten der 320 000 Isländer beschäftigen: Wer wollen wir sein? Nach welchen Werten wollen wir leben? Und vor allem, wovon sollen wir leben, jetzt, wo unsere Banken pleite sind und der Staat verschuldet ist?

Es sind Menschen, die sich von ihrer ehemaligen Elite betrogen fühlen und in ihrem nationalen Selbstverständnis tief getroffen sind. Menschen, die damit leben lernen müssen, dass Island von einem der reichsten Länder der Welt zum Empfänger internationaler Hilfsgelder geworden ist. Noch 2008 stand Island im Human Development Index der Vereinten Nationen auf Platz eins. Nicht einmal ein Jahr später ist die Wirtschaft um rund zehn Prozent geschrumpft. Die isländische Krone ist um 80 Prozent gefallen, der Import zusammengebrochen, an der Börse haben die dort notierten Unternehmen 90 Prozent ihres Wertes eingebüßt, die Inflation schnellte nach oben. 28 000 Haushalte hatten ihre Eigenheime wegen niedrigerer Zinsen in Yen, Schweizer Franken oder Dollar finanziert und sind nach dem Wertverlust der Krone nun ebenso überschuldet wie der Staat, der die drei Pleitebanken und deren Schulden im In- und Ausland übernehmen musste.

Island braucht frisches Kapital. Und dafür muss das Land mehr produzieren als nur Fisch und billige Energie, um mehr exportieren zu können und um ausländische Investitionen anzulocken.

Zwar ist die Fischindustrie mit einem Exportanteil von rund 30 Prozent immer noch die wichtigste Einnahmequelle, aber keine Wachstumsbranche. Und industriell ist Wachstum nur möglich, wenn Island es schafft, neue Branchen dank seiner niedrigen Energiekosten zu ködern. Denn schon länger regt sich unter den Isländern Protest gegen noch mehr Staudämme und Wasserkraftwerke, die das Land für Aluminiumproduzenten wie den US-Konzern Alcoa baut. Künftig sollen lieber Solar-Firmen ihre Module auf der Insel produzieren. Und die staatliche Invest in Iceland Agency hofft auf 50 Prozent Wachstum bei IT-Unternehmen, die auf der Insel ihre Server und Datacenter ansiedeln.

Island ist immer noch dabei, aufzuwachen. Als es anfing, im Herbst, da waren sie einfach nur wütend über die Maßlosigkeit der Banker. Über die Unfähigkeit der Regierung, die sich in den vergangenen zehn Jahren eilfertig den Gesetzen des freien Marktes unterworfen hat und die Finanzindustrie so lange gewähren ließ, bis sie das Zehnfache dessen an Schulden aufgetürmt hatte, was die gesamte isländische Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres erwirtschaftet. Im Winter postierten sich die Bürger zu Tausenden vor dem Parlamentsgebäude, um mit Kochgeschirr klappernd die Volksvertreter aus dem Amt zu jagen. Es war das erste Mal seit 1949, dass die Isländer gegen ihre Regierung demonstrierten. Damals ging es gegen die Nato.

Für die meisten Isländer beginnt nun die Suche nach dem richtigen Weg. So allmählich dämmert ihnen, dass sie sich lange Zeit viel zu sicher gefühlt haben. Keiner wollte die Kreditblase wahrhaben. Wie auch, wenn sogar der isländische Wirtschaftsrat kurz vor dem Crash noch schrieb, Island sei den anderen nordischen Staaten weit voraus? "Die wenigen, die davor warnten, wurden als Neider und Querulanten verspottet oder gleich für verrückt erklärt", sagt Halldór Gudmundsson, Autor des Buches "Wir sind alle Isländer". Während des Booms gab es keine Gegenbewegung, weil es allen gut ging. "Alle dachten, wir seien endlich raus aus der Geschichte, hätten die Pest und die Vulkanausbrüche hinter uns gelassen", sagt der Schriftsteller.

Selbst ist der Isländer: Stricken wird Mode. Und Fahrradfahren auch

Reykjavík ist das Zentrum der Krise; in der Hauptstadt leben zwei Drittel aller Isländer. Der Kollaps hat das Gesicht der Stadt verändert. Fast in jeder Straße zeugen Bauruinen vom Größenwahn der vergangenen Jahre. Aber mit dem Sommer kehrt so langsam das Leben zurück. Auf der Einkaufsstraße Laugavegur, Reykjavíks Flaniermeile, ziehen jetzt einheimische Designer und Künstler in die leer stehenden Geschäfte. Sie verkaufen T-Shirts, die Island mit einer Bananenrepublik vergleichen. Der Süßigkeitenladen Vinberid präsentiert seinen neuen karamellisierten Rhabarber-Lolly, der gemeinsam von Bauern und Designern entwickelt wurde. Anbieter von Strick-Kursen können sich vor Anfragen kaum retten. Und der einzige Fahrradladen verkauft mehr Zweiräder als je zuvor.

Die Maßvollen und Bescheidenen hat der Crash zu Gewinnern gemacht. Auf den Straßen und in den Cafés trifft man viele, die sogar erleichtert sind, dass der Boom endlich vorbei ist. "Wir haben die Ohrfeige verdient", sagen sie und bezeichnen die Phase des scheinbar unbegrenzten Wachstums als "zu egoistisch" oder "eine verrückte Zeit". Von mehr Gemeinschaft ist plötzlich die Rede und einer Besinnung auf die wahren Werte des Lebens. Man sieht Menschen, die Bücher wie "The Last Capitalist" lesen. Als die Neomarxisten Antonio Negri und Michael Hardt einen Vortrag über "Revolution, Marxismus und radikale Veränderungen" an der Universität halten, müssen die Veranstalter im Auditorium zusätzliche Stühle aufstellen. Auch zum Dalai Lama pilgerten Hunderte.

Island soll auf moderne Technik setzen. Und Vorbild sein für die Welt

Das Land pendelt zwischen Auflösung und jenem pragmatischen Optimismus, der für viele Isländer typisch zu sein scheint. Aber in ganz besonderem Maße für Gudjón Már Gudjónsson. Islands größtes Kapital seien die Isländer selbst, sagt er. "Wir sind fleißig, gut ausgebildet und technikaffin. Wir sind über Mobilfunk und Breitband alle miteinander vernetzt, acht von zehn Isländern nutzen Facebook."

Und überhaupt sei es doch ein Vorteil, dass Island ein so kleines Land sei. "So sind wir viel flexibler und können Dinge ausprobieren, die in Deutschland nie machbar wären", sagt Gudjónsson. So gebe es in Island nur 100 Tankstellen: Es würde nicht viel kosten, ganz Island auf Elektroautos umzurüsten.

Ginge es nach ihm, sollte sich Island zu einem Land der Ideen wandeln. In vielen Sitzungen, Facebook-Diskussionen und Umfragen bei Schulkindern, deren Eltern und Großeltern hat das Ministry of Ideas Lösungen und allerhand Vorschläge gesammelt. Im Juni haben sie die Puzzlestücke zu einer großen Vision für ein neues Island zusammengefügt. Sie tauften sie den Renaissance-Plan. Die Urheber wollen Island in ein Innovationslabor verwandeln, Erdwärme und die reichlich vorhandene Wasserkraft für den Aufbau kleiner und mittelgroßer Unternehmen in der grünen Bio-, Nano-, Gen- und Informationstechnik nutzen. " Je größer die Krise, desto größer ist die Chance für radikalen Wandel", sagt Gudjónsson. "Die isländische Möglichkeit" haben sie diese Idee in einem offenen Brief an die G20-Konferenz genannt und eine "Inspiration für ein neues Weltmodell".

Im Haus der Ideen hat sein neues Island schon begonnen. Nichts ist fertig hier. Überall stehen Umzugskartons, auf den Schreibtischen leere Dosen, an den Decken hängen noch Girlanden von der letzten Party. Ein Teil der von der Universität Reykjavík und der Kunstakademie subventionierten Räume ist für junge Unternehmen reserviert, die hier ein paar Monate lang an ihrer Geschäftsidee feilen können. Die IT-Firma Clara, die Gründung eines 22-jährigen Marketing-Managers, bewertet Marken im Internet. Die Plattform Skuggathing.is experimentiert mit direkter Demokratie. Und auf Iminnovation.org können Jungunternehmer ihre Erfahrungen miteinander austauschen. Studenten der Universität Reykjavík arbeiten an diesen Projekten mit, die Stadt zahlt ihnen ein kleines Gehalt. Sonst bekommt hier keiner Geld für seine Arbeit. Auch Gudjónsson nicht. Zwischen all den jungen Leuten wirkt er mit seinen ausgefransten Jeans wie einer von ihnen. Sein Ministerium hat in einem Manifest die unentgeltliche Arbeit aller Beteiligten zur Bedingung gemacht, "eine Art Open-Source-Projekt wie bei Linux und Apple", sagt Gudjónsson. "Bezahlte Jobs haben wir noch keine geschaffen, aber wir inspirieren die jungen Leute."

Die meisten, die hierherkommen, haben gerade die Universität abgeschlossen. Früher hätten sie vielleicht bei einer der drei Banken angefangen. Hier lernen sie, Businesspläne zu schreiben und Web-Seiten zu programmieren. Und das ist allemal besser, als darauf zu hoffen, dass der neuen Regierung etwas einfällt.

Die Koalition aus Sozialdemokraten und Linksgrünen hat keine Zeit für Visionen und erst recht kein Geld. Schließlich drücken den Staat fast fünf Billionen Kronen Schulden (knapp 30 Milliarden Euro), mehr als das Doppelte des Bruttoinlandsproduktes. Und 60 Prozent davon sind Schulden in fremden Währungen. Also müssen Regierung und Zentralbank um jeden Preis die isländische Krone stabilisieren, zumal der Staat in den kommenden zwei Jahren ein Fünftel seiner Ausgaben einsparen muss. Sonst bewilligt der Internationale Währungsfonds (IWF) nicht die zweite Rate des Hilfskredits über insgesamt 2,1 Milliarden Dollar. Auch die Debatte über einen Beitritt Islands in die Europäische Union zieht sich in die Länge, weil sich die Regierungsparteien nicht einigen können, ob und zu welchen Bedingungen man die Verhandlungen mit Brüssel aufnehmen soll. Die Sozialdemokraten sind dafür, die Linksgrünen dagegen. Dabei haben sich in den letzten Umfragen fast 70 Prozent der Isländer für einen Beitritt ausgesprochen.

Die Regierung reagiert nach Schema F - sie erhöht die Steuern auf Tabak und Alkohol

Bis heute warten die Isländer vergeblich darauf, dass die Verantwortlichen der Krise zur Rechenschaft gezogen werden. Und Anfang Juni haben sie ihre Kochtöpfe und Pfannen wieder hervorgeholt und mit ihren wertlos gewordenen Münzen geworfen. Sie protestieren gegen die Vereinbarung über die sogenannten "Icesave"-Konten, die die isländische Regierung mit Großbritannien und den Niederlanden abgeschlossen hat, weil sie weitere 3,6 Milliarden Euro Schulden für den Staat bedeuten.

Kurz zuvor kündigte die Regierung an, die Steuern für Alkohol, Tabak und Benzin zu erhöhen. Dabei haben die Isländer auf Ideen der neuen Regierung gehofft, den Anstieg der Arbeitslosigkeit irgendwie zu stoppen. Keinen Job zu haben ist etwas, das sie nicht kennen. Bevor der frühere Premierminister Geir Haarde am 6. Oktober den Bankrott des Landes mit den Worten "Gott segne Island" offiziell verkündete, arbeitete fast jeder im Land. Mittlerweile sind mehr als 18 000 Isländer arbeitslos, die Quote ist auf zehn Prozent gestiegen. Und es werden jeden Monat mehr.

"Dabei sind wir Isländer, was wir arbeiten", sagt Vilborg Oddsdottir, Sozialarbeiterin der Hilfsorganisation Icelandic Church Aid. Das Büro der Hilfsorganisation liegt im Souterrain einer modernen protestantischen Kirche, wie sie typisch ist für Island. Die Shoppingmall Kringlan ist gleich nebenan. Reykjavík sieht hier aus wie ein riesiges Gewerbegebiet, eine von Ausfallstraßen zerschnittene Ansammlung von Autohändlern und Baumärkten. Relikte aus der Zeit, als die Isländer noch unbekümmert ihr Geld ausgaben.

Seit sechs Jahren arbeitet Oddsdottir für Icelandic Church Aid. "Früher haben wir uns noch um die Kinder in Afrika gekümmert", sagt sie. Ihr langes weißblondes Haar trägt sie offen, die Lider hat sie sich eisblau geschminkt. "Damals kamen nur ab und an ein paar Leute, die vorübergehend Hilfe brauchten. Drogenabhängige oder alleinerziehende Mütter. Jetzt sind es vor allem Arbeitslose." Im April 2008 seien nur vier Menschen ohne Arbeit in ihr Büro gekommen, dieses Jahr klingelten 200 an ihrer Tür. Es sind vor allem die 20- bis 40-Jährigen, die erst ihren Job verloren haben und jetzt nicht mehr wissen, wie sie die Raten für das Haus oder das Auto bezahlen sollen.

Die Mittelklasse hält sich noch über Wasser. Und verkauft ihre Habseligkeiten via Ebay

Jeden Hilfsbedürftigen hat sie in einer Datenbank vermerkt. Vilborg Oddsdottir zeigt ein Diagramm mit einer roten Kurve, die schon anstieg, bevor das Land im Herbst kollabierte. Schon bei der routinemäßigen Kontrolle der Kontoauszüge sei ihr damals aufgefallen, dass viele nie eine Kreditkarte oder einen Überziehungskredit hätten bekommen dürfen, weil sie ihre Schulden auch ohne die Krise nicht hätten zurückzahlen können. "Aber die Banken haben den Kunden die Kreditkarten einfach unaufgefordert zugeschickt", sagt sie. Jetzt kommen die Empfänger dieser Briefe zu ihr, um einen Gutschein zu beantragen, damit sie im Supermarkt das Nötigste einkaufen können, oder einfach nur, um mit jemandem zu reden.

"Als Nächstes ist die Mittelklasse dran", sagt Oddsdottir. "Die haben noch Reserven, mehr Dinge, die sie bei Ebay verkaufen können." Oder sie verlassen gleich das Land, um in Kanada oder Skandinavien Arbeit zu suchen. Seit Anfang des Jahres ist jeden Tag mindestens eine Familie ausgewandert. Laut einer Umfrage von Capacent Gallup kurz nach dem Crash kann sich die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen vorstellen, ihre Heimat zu verlassen. "Wenn das Geld früher knapp wurde", sagt sie, "haben wir einfach mehr gearbeitet, einen zweiten oder dritten Job angenommen. Das geht jetzt nicht mehr."

"Ich weiß, wie es ist, sein Gesicht zu verlieren", sagt Gudjónsson. "Aber auch, dass aus Scheitern ein Neuanfang entstehen kann." Im Alter von 14 Jahren gründete er sein erstes Unternehmen, die Software-Firma CR Software, die er bald schon in CR International umtaufte. Mit 18 brach er die Schule ab, um den Spieleanbieter Oz Communications zu gründen, den Nokia im vergangenen Jahr kaufte.

Mit 27 war Gudjónsson einer der reichsten Isländer. Er sei mit einem Mercedes-Benz durch Reykjavík gefahren und habe sich ein Haus gekauft, das viel zu groß gewesen sei. "Nach dem Crash der New Economy 2001 ist uns bei Oz das Geld ausgegangen", sagt er. Er musste die Mehrheit abgeben, und 2003 waren seine Anteile nichts mehr wert. Anfangs habe er die Münzen zusammensammeln müssen, um seiner Familie Hotdogs kaufen zu können. Heute sei er - und muss ganz kurz überlegen - "definitiv kein Millionär mehr". Er habe gelernt, dass Zufriedenheit nichts mit Geld zu tun hat.

Arm ist er dennoch nicht. Gudjónsson ist heute Chef der Telekommunikationsfirma Industria, die Highspeed-Breitband mit Fernsehpaketen verbindet, hält Anteile an drei Telekommunikationsfirmen in Großbritannien, Irland und Island und berät den nachhaltigen Björk-Fonds der isländischen Investmentfirma Audur Capital. "Wir brauchen mehr Standbeine für unsere Wirtschaft", sagt Gudjónsson. Er gestikuliert viel, wenn er von seinen Plänen erzählt, und dann zeigt er aus dem Fenster auf das vierstöckige Gebäude, das die alten Lagerhallen überragt und den "Sea-Baron". "CCP", sagt er, "das war mal die Multimedia-Abteilung von Oz."

CCP steht für Crowd Control Productions und entwickelt Online-Spiele. Den meisten Umsatz bringt dem Unternehmen das Sience-Fiction-Spektakel "Eve Online". Die Spieler fliegen mit Raumschiffen in ferne Galaxien und gründen dort Unternehmen, sie handeln mit Rohstoffen und führen deshalb Kriege. Dafür überweisen sie monatlich 15 Euro nach Island. In der wirklichen Welt ist CCP die einzige Firma in Island, das alle seine Mitarbeiter in Euro bezahlt. Kein Wunder, dass jeder dort arbeiten will. Auf drei Etagen verteilen sich die Mitarbeiter inzwischen.

In einem Glaskasten im vierten Stock sitzt Hilmar Veigar Petursson an seinem Schreibtisch. Er ist der Herrscher über Eve Online, Chef von CCP. Wie alle hier trägt er die Uniform, ein schwarzes Polo-Shirt. Seine roten Haare und die mit Sommersprossen übersäten Unterarme verraten seine irischen Wurzeln. Petursson blättert in einer Präsentation und sucht das Diagramm, das das Wachstum abbildet. "1997 gegründet, zur Jahrtausendwende 16 Mitarbeiter, heute 450 - in Europa, Asien und den USA. Mehr arbeiten im neuen Alcoa-Werk in Reydarfjordur auch nicht", sagt er. Nach jedem Update gingen die Spielerzahlen nach oben. 341 148 sind es inzwischen - allein im Mai habe CCP deshalb rund fünf Millionen Euro eingenommen. "Und dabei stellen wir nur die Infrastruktur", sagt Petursson. Die Eve-Online-Spieler sind aktive Bürger. "In Eve stecken 400 000 Mannjahre, in den Pyramiden Ägyptens nur 250 000." Sie haben einen eigenen Fernsehsender, eine Radiostation und ein People-Magazin aufgebaut. Einmal im Jahr treffen sie sich in Reykjavík zum Fan-Fest. Und 2008 hatten sie bei Eve ihre eigene Wirtschaftskrise, weil einige Spieler herausgefunden hatten, wie sich die Rohstoffpreise manipulieren ließen.

Die Fischerei steht für Islands Vergangenheit. Steht Eve Online für seine Zukunft?

Petursson zögert erst, Analogien zwischen der Finanzkrise Islands und der in Eve Online herzustellen. "In beiden Welten haben die Menschen die Schlupflöcher in den Regeln ausgenutzt. Aber wem gibt man dafür die Schuld?" Sein Chefökonom Eyjolfur Gudmundsson, früher Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Arkureyri, sagt: "Wenn unser Spiel kaputt ist, dann ist das nicht die Schuld der Spieler. Wir hatten einen Programmierfehler. Also mussten wir ihn reparieren."

Er zieht einen Entwurf für das Vorwort des aktuellen Fan-Magazins "Eon" aus seiner Tasche. "Gib den Leuten die Chance, ihren Träumen zu folgen, und sie werden ihre Probleme lösen", steht da und: "Vertrauen ist die wichtigste Währung, ohne die es keinen Handel gibt." Die isländischen Politiker müssten jetzt den Fehler im System beheben und einen stabilen und transparenten Rahmen schaffen. "Den Rest erledigen die Isländer."

Bei CCP nennen sie Gudjónsson noch immer den Paten, obwohl er jetzt in dieser Garage gegenüber hockt. So auch an diesem ersten Sonnabend im Juni. Das 22. Treffen des Ministry of Ideas findet erstmals draußen in der Sonne statt, weil das Wetter so schön ist.

Wie jedes Jahr um diese Zeit tobt in der Straße das traditionelle Hafenfest, ein Spaß vor allem für die Kinder. Ehrfürchtig streichen sie über die schuppige Haut der Mönchsfische, der kleinen Haie und der anderen Fischsorten, die das Meer an diesem Morgen hergegeben hat. Die wenigsten von ihnen werden in der Fischindustrie arbeiten. Nur noch drei Prozent der Isländer arbeiten heute auf den Trawlern und in den Verarbeitungsfabriken. Aber wenn Island nur 30 Unternehmen wie CCP hätte, nähmen allein sie so viel Geld ein wie heute die gesamte Fischindustrie.-