Zwei Millionen in zwei Minuten

Für die Auktionshäuser Christie's und Sotheby's geht es um mehr als das Verkaufen von Kunst. Es geht um das Verkaufen zu Höchstpreisen. Einblicke in das Geschäft mit absolutem Luxus in Zeiten der Krise.




- Es passiert heute Abend. Es wird sich so abspielen, wie es seit mehr als zwei Jahrhunderten Tradition ist. Ein Saal, ein Pult, ein Bild - und der kleine Hammer. Zwischen 19.20 Uhr und 19.30 Uhr schlägt er zu. "Dann ist der Kippenberger verkauft", sagt Andreas Rumbler vom Auktionshaus Christie's. "Sie müssen heute Abend entscheiden, wie viel Ihnen dieses Bild wert ist", fährt er fort. Er stützt die Unterarme auf den Tisch, beugt sich nach vorn und spricht eindringlich weiter: "Es ist Ihr Geld. Niemand kann Ihnen sagen, was der faire Wert für dieses Gemälde ist. Aber Sie haben allerhand Gerüchte gehört. Kippenberger ist über jeden Zweifel erhaben, ein Zeitdokument, museumswürdig - einer der einflussreichsten Sammler der Welt verkauft das Bild." Rumbler lehnt sich wieder zurück, macht eine Pause und fügt wie beiläufig an: "Sie müssen sich entscheiden. Jetzt. Spätestens 19.30 Uhr ist er verkauft! Und sicherlich für mehr als nur eine Million Pfund."

Der Mann hat ohne Zweifel Talent. Andreas Rumblers Vorfüh rung galt der Frage, was den Reiz einer Auktion ausmache. Rumbler demonstriert Eloquenz, Charisma und Seriosität. Er arbeitet seit zwölf Jahren für Christie's. Auf seiner Visitenkarte steht: Director 19th and 20th Century Art. Rumbler schürt mit seinen Kollegen die Aufregung, bevor der Hammer fällt. Sein Arbeitgeber lebt von dieser immer wieder neu arrangierten Eskalation.

In drei Stunden wird oben im Saal das Bild "Paris Bar" von Martin Kippenberger verkauft. Schätzpreis: 800 000 bis 1 200 000 Pfund. Doch es geht hier um mehr als das reine Verkaufen: "Wir erzielen Höchstpreise", sagt Rumbler. Darum dreht sich alles. Mit Höchstpreisen rühmen sich auf dem Kunstmarkt die Auktionatoren, die Verkäufer und sogar die Käufer. Höchstpreise ernten im Saal Applaus. Mit hohen Preisen steigt die Nachfrage. Das wies der Ökonom Thorstein Veblen schon 1899 nach. Der sogenannte Veblen-Effekt wirkt leider auch umgekehrt, nach unten.

Damit Kippenbergers Bild heute einen Höchstpreis erzielt, haben an die hundert Personen im Auftrag von Christie's über Monate Galeristen, Museumsleiter und Sammler in aller Welt besucht. Das Bild wurde begutachtet, geschätzt, gewogen. Kataloge wurden verschickt, Gerüchte gestreut, Andeutungen gemacht. "Alle Personen, die in dieser Welt Interesse an einem Kippenberger haben könnten, sitzen heute Abend hier im Saal, bieten per Telefon oder online mit", erzählt Rumbler. Einige dieser potenziellen Käufer hätten ohne Christie's wohl nicht einmal gewusst, dass sie Interesse an einem Kippenberger haben könnten. Der Preis für das Bild wird um 19.23 Uhr alle Erwartungen übertreffen. Die Leute im Saal werden applaudieren. Für einen Kippenberger wohlgemerkt, den Kippenberger nicht selbst malte, sondern malen ließ - für 1000 Mark. Bis 2004 hing das Bild noch in einer Berliner Kneipe. Willkommen auf dem Kunstmarkt.

London im Oktober 2009. An diesem 16. Tag des Monats kann man sich den Kunstmarkt als eine feine Gesellschaft vorstellen, die bei einer atemberaubenden Freiluft-Party von einem Unwetter erwischt wurde und nun unter den wenigen Unterständen dicht gedrängt ausharrt, dass es vorüberzieht. Und kaum ist der Schauer vorbei, stecken die Ersten auch schon ihre Ärmel prüfend ins Freie und schielen vorsichtig gen Himmel, ob es sich denn schon aufklart, man sich wieder herauswagen kann, zurück ans Büfett. Der Kippenberger ist an diesem Abend auch so etwas wie der Wetterfrosch einer Branche, die auf das nächste Hochpreisgebiet wartet.

Der Hai fault

Vor genau 13 Monaten, am 16. September 2008, hatte die Kunstwelt noch geglaubt, Unwetter könnten ihr nichts anhaben.

An jenem Tag startete man im Hause Sotheby's, seit zweieinhalb Jahrhunderten Dauerkonkurrent von Christie's, eine der größten Auktionen seiner Geschichte. Unter dem Titel "Beautiful Inside My Head Forever" stellte Damien Hirst, der King of Art, 223 seiner Werke zum Verkauf. Ein Ereignis, nur noch vergleich bar mit den Olympischen Spielen. Allein die Marketingkosten dieses Events betrugen 3,7 Millionen Dollar. Am Morgen des ersten Auktionstages tickerte die Meldung der Insolvenz von Lehman Brothers durch die Medien. Die Welt stand unter Schock, die Auktion vor einem grandiosen Erfolg.

An diesem ersten Tag wurden 70 Millionen Pfund umgesetzt, mehr als je zuvor bei der Versteigerung eines einzelnen Künstlers. Bis dahin lag der Rekord bei 32 Millionen Dollar, erreicht 1993 mit dem Verkauf von 88 Werken von Pablo Picasso. Hirst soll nach der Versteigerung gesagt haben: "Der Kunstmarkt ist größer, als irgendjemand weiß. Die Zukunft sieht für alle gut aus." Er verkaufte unter anderem einen in Formaldehyd eingelegten Hai für 9,5 Millionen Pfund, einen vergoldeten und eingelegten Bullen für mehr als zehn Millionen Pfund (beide Tiere waren echt). Der englische "Guardian" rief wenig später das Ende der Kunst aus und degradierte sie zum "Dekor des ökonomischen Irrwitzes".

Der Hai wechselte relativ schnell ins Stadium der Verwesung und konnte sich bald kaum noch sehen lassen. Das Geschäft der Auktionshäuser ebenso wenig. Um sie wie um die Zukunft sah es auf einmal gar nicht gut, sondern wie der faulende Hai ziemlich übel aus.

Obwohl der Kunstmarkt eine Welt für sich ist - Sotheby's taxiert ihn per anno auf zirka 27 Milliarden Dollar -, so teilt er mit der Wirtschaft doch den gleichen Himmel, Sonnenschein wie Schlechtwetterwolken. Den Kunstmarkt definiert Andreas Rumbler als "eine Projektion der wirtschaftlichen Entwicklung in der Zukunft". Krise ist daher auch auf dem Kunstmarkt kein schönes Wort. Nur merkte man das 2008 erst mit drei Monaten Verspätung. Bei der Krise des Jahres 2001 dauerte es noch ein gutes Jahr, bis sie auf die Kunstbranche durchschlug.

So mancher Autobauer würde das eigene Leiden heute relativieren, angesichts eines Einnahmerückgangs beim Auktionshaus Sotheby's um fast 90 Prozent im ersten Halbjahr 2009. Im Jahr zuvor setzte man noch mehr als fünf Milliarden Dollar um - und sprach da schon von einer Krise. Der Wert der Aktien rauschte mit in den Keller und schlug bei einem 20-Jahres-Tief auf. Derzeit ist das Unternehmen noch 715 Millionen Euro wert. Bei Christie's sanken die Einnahmen um die Hälfte. Phillips de Pury, wenngleich abgeschlagen, Dritter im Bunde der großen Auktionshäuser, verzeichnete im gleichen Zeitraum nur 60 Millionen Dollar Umsatz Verkaufserlöse. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 292 Millionen Dollar gewesen. Nach der Statistik der Londoner Firma ArtTactic, die Kunstverkäufe weltweit analysiert, sank allein das Marktvolumen für zeitgenössische Kunst um 80 Prozent. Gerade dieses Genre hatte in den Jahren zuvor noch einen wahnwitzigen Boom ausgelöst. Steht es also schlecht um die Kunst?

Die Antwort darauf ist paradox. Dirk Boll, Jurist und Europa-Direktor bei Christie's International, konstruiert in seinem Buch "Kunst ist käuflich" unterhaltsam den Zusammenhang zwischen dem Kunstmarkt und dem Rest der Wirtschaft. Demnach führen steigende Börsenkurse zu höheren Preisen für Gemälde und Skulpturen, da Spekulationsgewinne den Luxuskonsum anheizen. Sinkende Börsenkurse haben aber ebenfalls steigende Preise für Kunst zur Folge, da das Geld nun in Sachwerte wie Öl auf Leinwand flüchtet.

Der Unterschied zwischen beiden Entwicklungen besteht da rin, dass zu Zeiten boomender Wirtschaft viele Leute einfach alles kaufen, vor allem zeitgenössische Werke - was dafür sorgt, dass Künstler sie in großer Zahl produzieren. In schlechten Zeiten zählt ausgesuchte Qualität, alte Meister etwa oder chinesische Vasen, denn diese Werke sind naturgemäß limitiert, weil ihre Produzenten alle schon tot sind. Viel bedeutsamer ist allerdings, dass bei Sonnenschein Kunstbesitzer auch verkaufen und bei dunklen Wolken eben nicht.

An potenziellen Käufern besteht kein Mangel. Sie stehen förmlich Schlange; die Schwierigkeit für die Auktionshäuser besteht darin, noch etwas zum Verkaufen aufzutreiben. Die Sammler hocken derzeit auf ihren Sachwerten, während die Käufer nach anerkannten Kunstwerken gieren. Sie kaufen nur nicht mehr jeden eingelegten Aal, nur weil Kunst draufsteht. Der zeitgenössische Markt ist tot, das, was es dort gibt, will keiner, und das, was man will, gibt es nicht. Es hängt weiter an den Wänden der Sammler, weil derzeit keine Höchstpreise zu erzielen sind. So schlecht, dass sie verkaufen müssten, geht es den wenigsten. So gut, weiterhin alles nach Lust und Laune zu kaufen, leider auch nicht. Die Antwort der Auktionshäuser auf diese Situation liegt zwischen Abwarten und Lego-Bausteinen. Wir bleiben zunächst beim Abwarten und kommen zurück zu Martin Kippenberger.

Abwarten

Die Limousinen-Dichte in der King Street hat zugenommen. Die Interessenten, darunter viele Asiaten, Araber und Russen, betreten das Auktionshaus von Christie's. Wohlgekleidete Männer gehen forschen Schrittes in den Saal wie zu einem Wettkampf, gefolgt von oft blonden Damen. Bevor man sich einen Platz sucht, gilt es, gesehen zu werden. Winken. Kopfnicken. Richtig Wich tige erkennt man daran, dass Mitarbeiterinnen von Christie's ihnen Sitzplätze und Lächeln offerieren. Der Saal füllt sich. Viele sind gekommen. Wer hinten steht, kommt nur, um zu gucken. Hinten stehen viele.

Dass die Sitzenden nicht um ein paar Millionen Pfund verlegen sind, haben die willigen Bieter zuvor durch eine Bankauskunft belegt. Bis zu 10 000 Pfund können per Kreditkarte beglichen werden. Bargeld wird leider nicht angenommen, der Fiskus will es den Leuten mit Schwarzgeld nicht zu einfach machen. Rechts im Saal steht ein langer Tresen ähnlich einer Sektbar, nur dass hier sehr viele Telefone in Reih und Glied stehen, über die Mitarbeiter Gebote aus mehr als 40 Ländern entgegennehmen werden.

Andreas Rumbler sagt: "Der Kunstmarkt war noch nie so global wie heute. Wir sind in der glücklichen Lage, durch immer mehr Reiche in aller Welt immer neue Käufer-Märkte zu erschließen." Der Markt sei zwar immer noch vergleichsweise klein, aber das Potenzial von vermögenden Käufern "gigantisch". Die großen Auktionshäuser schätzen, dass sich zwischen 1988 und 2008 die Zahl der Bieter verzwanzigfachte.

Die steigende Nachfrage kommt vor allem aus China, Indien, Süd-Korea, dem Nahen Osten, den GUS-Staaten und Südamerika. Vor zehn Jahren hätte niemand geglaubt, dass Abu Dhabi Museen für alte Malerei eröffnet, Chinesen Andy Warhol und die Russen wie verrückt Jeff Koons kaufen oder der russische Milliar där Roman Abramowitsch eine neue Freundin haben würde, die in Moskau eine Galerie aufbaut, wie man sie sonst nur in New York findet, und dafür nun ein paar Bilder braucht. Christie's versteigerte 2008 mehr als 10 000 Exponate. Darunter auch Wohnzimmerschränke, alte Weine und vielleicht eine Insel im Pazifik, letztlich verkaufte das Haus aber tagtäglich irgendwo in der Welt ein paar Kunstwerke. Und die sind gegenwärtig knapp.

Man hat aber auch schon ganz andere Krisen überstanden, seit ein gewisser James Christie vor knapp 250 Jahren in der ers ten Versteigerung der Firmengeschichte für Bilder, Bücher und Weine insgesamt 76 Pfund, 16 Shilling und 6 Pence umsetzte. 1778 verkaufte Christie die erste Kunstsammlung. Katharina die Große erwarb für 40 000 Pfund die Kollektion von Sir Robert Walpole. Seinerzeit eine sagenhafte Summe, mit welcher der Grundstein für die heutige Sammlung der Eremitage in Sankt Petersburg gelegt wurde. Danach folgten Kriege und Wirtschaftskrisen reich an der Zahl. Etliche befeuerten den Markt eher, als dass sie ihn beeinträchtigten. Wie etwa die zehn Jahre zwischen 1980 und 1990, als die Preise für impressionistische Bilder um fast 1000 Prozent stiegen, weil neureiche Japaner für Monet und Kollegen eine Vorliebe entwickelt hatten.

So oder so, Christie's gibt es immer noch, den Kunstmarkt auch. Wenn das Wetter gut ist, feiert man; regnet es, stellt man sich unter und wartet ab.

Zum Beispiel indem man sich "etwas verhaltener" gibt, wie Rumbler es ausdrückt. Weniger Auktionen, dünnere Kataloge, niedrigere Preis-Limits. Letzteres, damit die Verkaufspreise zumin dest über den Schätzwerten liegen, wenn schon keine Höchstpreise zu erzielen sind. Verhalten zu sein, bedeutet an diesem Wochenende in London, dass Sotheby's nur eine Nachmittagsauktion von gut 300 Werken durchführt, Christie's am gleichen Abend 63 Verkäufe tätigt und Phillips de Pury am nächsten Abend noch mal knapp 200 Stücke versteigert. Vor zwei Jahren hätte es noch an jedem Tag zwei Auktionen gegeben, und zwar in jedem der Häuser.

Die Laune im Saal ist gut. Die ersten Lose gehen geschwind über den Tisch, keine sieben Minuten dauert es, da ist die erste Million umgesetzt, schon beim fünften Bild wird die Millionengrenze für ein Einzelwerk geknackt. Der erste Beifall. Von Krise keine Spur, die Gebote eilen in Zehn- bis Hunderttausender-Schritten nach oben, man vergisst mitunter, dass es sich hier um richtiges Geld dreht. Kunstjournalisten notieren die Preise artig wie Sportjournalisten Torchancen beim Fußball. Es bieten Sammler, Galeristen oder Museumsleiter gegeneinander, die einen kühl kalkulierend, um ihrer Sammlung wegen, andere aus Leidenschaft.

Die meisten sind sehr vermögende Menschen, die sich gemeinhin einfach kaufen, was sie haben wollen. Hier nun müssen sie sich mit anderen darum streiten. Rumbler nennt das "Atmosphäre". Die ist wichtig, damit sich die Bietgefechte entwickeln. Die Reihenfolge der zu versteigernden Stücke wird daher aufmerk sam wie bei Songs auf einem Musikalbum ausgetüftelt. Was zum Anfüttern, was Schnelles, was Langsames, der Hit und zwischendurch ein paar weniger gute Stücke, die nicht so auffallen. Um 19.23 Uhr ist der Top-Hit gelaufen. Binnen zwei Minuten treiben die Münchener Sammlerin Ingvild Goetz, die New Yorker Kunsthändler Jeffrey Deitch und Tony Shafrazi sowie drei anonyme Telefonbieter das Bild "Paris Bar" auf mehr als zwei Millionen Pfund. Es ist der zweithöchste Preis, der jemals für einen Kippenberger bezahlt wurde. Ein Raunen geht durch den Saal, dann Applaus. Wer den Zuschlag bekam, wird nicht veröffentlicht. Es heißt, das Bild wurde nach New York verschifft. Christie's partizipiert mit einem Anteil von 17 Prozent am Kaufpreis, und in Berlin-Reinickendorf schaltet ein gewisser Götz Valien nach der Versteigerung das Internet ab. Er hatte den gerade verkauften Kippenberger 1992 gemalt. Er hatte das Bild sogar zweimal gemalt.

Kippenberger

Nur eine Woche nach dem Verkauf verbreitete der "Spiegel" eine illustre Geschichte darüber, dass Martin Kippenbergers "Paris Bar" bereits Gegenstand vieler Handelsgeschäfte war. Das Bild hing ein Jahrzehnt in der "Paris Bar", der Promi-Kneipe aus den goldenen Zeiten des Berliner Westens. Kippenberger erhielt hier auf Lebens zeit Freigetränke und kostenloses Essen, er zahlte dafür in Bildern. Er war ein Bohemien, lebte von genialen Momenten und Provokation (vgl. dazu auch brand eins 12/2009, "Heiße Ware"). Im Sommer 1992 hängte er seine eigene Bildersammlung in die Bar. Er fotografierte die leere Bar mit diesen Bildern seiner Freunde und beauftragte Götz Valien, die Szene fotorealistisch nachzumalen. Der hatte altmeisterliche Techniken an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien studiert. Für den Auftrag benötigte er eine Woche und bekam 1000 Mark. 1993 bat das Centre Pompidou um dieses Bild als Leihgabe, Kippenberger wollte das Original aber in der Kneipe belassen, spitzte das Projekt zu, indem er Valien ein zweites "Paris Bar" malen ließ. Das Original "Paris Bar" wurde nun Bestandteil des zweiten "Paris Bar".

1997 verstarb Kippenberger. 2004 verkaufte der Wirt das Bild für 700 000 Euro. Die Bar hat ihre besten Zeiten gesehen. Der Markt für Kippenbergers Werke hingegen kam jetzt erst so richtig in Fahrt.

"Paris Bar" kann als Zeitdokument betrachtet werden, schließlich tanzten im betreffenden Lokal schon Madonna und Iris Berben. Es ist museumswürdig, denn es hing im Centre Pompidou. Dass Kippenberger an diesem Kippenberger keinen Pinselstrich rührte, stört die Kunstwelt nicht. Rembrandt hatte auch seine Werkstätten, in der andere seine Bilder malten.

Zwölf Jahre nach seinem Tod ist Kippenberger daher einer der teuersten deutschen Künstler der Nachkriegszeit. Woran auch ein gewisser Charles Saatchi nicht unbedeutenden Anteil hat. Durch ihn wurde "Paris Bar" Ware bei weiteren Handelsgeschäften. Zunächst kaufte Saatchi das Bild für seine Sammlung.

Saatchi

Während die Branche auf bessere Zeiten wartet, fährt Charles Saatchi mit dem Taxi durch das Londoner East End und klappert kleine Galerien ab. Seine Werbefirma Saatchi & Saatchi war in den achtziger Jahren die größte der Welt. Heute gilt Saatchi als einer der einflussreichsten Kunstsammler überhaupt. Er gibt keine Interviews, es umweht ihn eine fast heilige Aura. Jüngst veröffentlichte er ein Buch unter dem Titel "Mein Name ist Charles Saatchi und ich bin Artoholic". Saatchi betreibt eine Galerie von immensen Ausmaßen, in der gewaltige Bilder oder Installationen aus Cola-Dosen und alten Socken zu bestaunen sind.

Der Wert solcher Ware bemisst sich bei einer Auktion nicht nur am Werk an sich und dem Künstler, sondern auch daran, wer sie verkauft. Was Saatchi verkauft, gilt per se als wichtig. Das ist für das Erzielen von Höchstpreisen eine gute Voraussetzung.

Stößt Saatchi auf einen interessanten Künstler, kann es sein, dass er über Dritte einen Großteil seiner Werke kauft. Das nennt man "Positionen aufbauen". Ist dies geschehen, taucht das Gerücht auf, Saatchi sammle diesen Künstler. Die Szene wird hellhörig. Was der Saatchi sammelt, ist gut und weckt Begehrlichkeiten. Dann ist auch meist der Moment nicht mehr fern, dass Saatchi mit diesen Bildern bei einem Auktionshaus aufkreuzt. So baute er die "young british artists" zur Marke auf. Später waren es junge Chinesen, Deutsche und eben Kippenberger. Zwei der Werke Kippenbergers aus Saatchis Sammlung verkaufte Chris tie's an diesem 16. Oktober für mehr als drei Millionen Euro. Als Wetterfrosch verspricht Kippenberger damit baldige Aufheiterung am Kunstmarkt.

War noch was? Allerdings: die Lego-Bausteine.

Lego

Während die großen Häuser Sotheby's und Christie's, die 90 Prozent des Marktes dominieren, die Zahl ihrer Auktionen reduzieren und dünnere Kataloge drucken, macht es das kleine Haus Phillips de Pury umgekehrt. Phillips drängelt im Unwetter nicht zu den anderen unter den Unterstand, um abzuwarten, sondern lädt zur Pool-Party im Dauerregen. Statt mit weniger, versucht es Phillips in der Krise mit noch mehr Auktionen für zeitgenössische Kunst und neigt dabei zum Sarkasmus.

18 zusätzliche Auktionen stehen bis zum Sommer 2011 im Kalender. In jedem Monat stürzt man sich im Wechsel zwischen London und New York trotzig auf das Segment, das derzeit alle in der Krise sehen. Phillips de Pury setzt auf Motto-Auktionen zu Themen wie Jetzt, Film, Sex oder Schwarz-Weiß, verbunden mit Party und DJ-Sound. Künstler, die zuvor noch nie auf Auktionen verkauft wurden, sollen präsentiert werden.

Phillips Vize-Chef Thierry Nataf sagt: "Wir wollen Kunst verfügbar machen. Einen neuen Geschmack entwickeln, Show und Entertainment und damit junge Leute für Kunst begeistern." Nataf sieht in seinem violetten Trainingsanzug aus wie der Bowlingspieler Jesus aus dem Film "Big Lebowski". Er spricht schnell, trinkt permanent Coca-Cola light und wirkt sehr aktiv. Er betrachtet Kunst als Einrichtungsgegenstand. Etwa Mario Minales "Red Blue Lego Chair", einen Liegestuhl aus Lego-Steinen, unte rer Schätzwert 32 800 Pfund. Anton Skorubsky Kandinskys Selbstporträt mit dem Titel "Ich möchte kein russischer Künstler sein, ich möchte ein chinesischer Künstler sein" steht mit 16 450 Pfund im Katalog. Noch etwas billiger ist ein mit Kunstdiamanten besetzter Schädel im Angebot: Die "For the laugh of God" genannte Skulptur von Thomas Fuss geht mit 9860 Pfund ins Rennen und ist eine Parodie auf Damien Hirsts "For the Love of God", ein mit echten Edelsteinen besetzter Schädel, den eine Investoren gruppe für 100 Millionen Pfund erworben haben soll.

Phillips de Pury gilt als unkonventionell, so ist es jedenfalls aus dem Jahr 1796 überliefert. Das Image pflegt man seit zwei Jahrhunderten, verkaufte schon für Napoleon und ist heute Pflegekind der russischen Mercury Group. Der Luxuskonzern hatte sich pünktlich zum einsetzenden Unwetter im Oktober 2008 für 60 Millionen Dollar eingekauft. Nataf sagt: "Kunst ist der ultimative Luxus. Wenn Sie alles haben, Autos, Häuser, Schmuck - dann bleibt nur die Kunst. Die Kunst ist das Licht dieser Welt."

Das Licht dieser Welt sind an diesem Abend auch hier Werke von Kippenberger. "Staubsauger auf Plexiglas" oder ein Minimüllcontainer (80 000 bis 120 000 Pfund). Nataf schwört: "It's the time for Kippenberger. He is in the air." Er atmet tief durch die Nase, als könnte er es riechen. In der Auktion geht das alles über den Tisch. Nicht zu Höchstpreisen, aber immerhin. Es geht um die Show. Der Auktionator mümmelt lächelnd in Richtung einer Fraktion Chinesen: "You have thousand more, it's yours." Die Chinesen haben tausend mehr. Verkauft. Eilig verlassen vier Chinesen den Saal, wie eine offizielle Delegation die Frankfurter Buchmesse.

Die Abend-Auktion endete mit Einnahmen von 4,1 Millionen Pfund.-