Die interessante Frage

„Wird der größte Künstler des 21. Jahrhunderts eine Maschine sein?“

- Kunst entsteht im Auge des Betrachters, heißt es. Die Geschichte der Putzfrau, die 1986 das von Joseph Beuys gestaltete Kunstwerk "Fettecke" wegwischte, illustriert das. Aber werden sich Betrachter, zumal fachkundige, jemals dazu herablassen, das Werk einer Maschine als Kunst anzuerkennen? Ein Beispiel:




Fragende empfangende Automaten
Die Automaten, jene wie es nun sei,
Sie fragen fast immer geschickt!
Sie empfangen!
Welch dümmliches Träumen!
Automaten!
Fragende Automaten gewaltig und schön.

Den obigen Text habe ich mithilfe des Programms Poetron des Informatikers Günter Gehl erstellt. Er klingt vielleicht ein wenig wie der Versuch eines Amateurlyrikers, aber die meisten Menschen kämen wohl nicht auf die Idee, dass er von einer Maschine erstellt wurde.

Doch ist das überhaupt Kunst? Und wenn ja: Wer ist der Künstler? Und was ist das eigentlich, Kunst? Einige notwendige Eigenschaften eines Kunstwerkes ziehen sich durch alle Definitionen:

- Kunst ist intentional, das heißt: Der Künstler verbindet mit dem Schaffen irgendeine bewusste oder unbewusste Absicht. Ein rein zufällig entstandenes Werk kann nicht Kunst sein.

- Kunst ist nicht ausschließlich zweck orientiert. Der ergonomisch geformte Holzgriff eines Messers ist kein Kunstwerk, eine Schnitzerei darauf vielleicht schon.

- Kunst erfüllt einen ästhetischen Anspruch, was hier nicht mit schön gleichzusetzen ist. Ein bewusst hässlich gestaltetes Kunstwerk unterliegt dennoch einer ästhe tischen Bewertung, sowohl durch den Betrachter als auch durch den Künstler.

Nach diesen Kriterien kann man das obige Gedicht durchaus als Kunst bezeichnen, doch nicht der Computer, sondern der Programmierer ist der Künstler. Die Maschine befolgt lediglich seine Befehle, wählt zufällig aus einer langen Liste von Wörtern einige aus und setzt diese nach bestimmten Regeln zusammen.

Poetron bestätigt das Vorurteil der meisten Menschen gegenüber Computern: Sie folgen blind den Anweisungen der Programmierer, haben keine eigenen Absichten und können nicht kreativ sein. Doch diese Sichtweise ist naiv.

In den Anfangstagen der Computerentwicklung galt das Schachspiel als der heilige Gral bei der Schaffung künstlicher Intelligenz. Als 1996 der Computer Deep Blue den amtierenden Schachweltmeister schlug, beeilte man sich, die Definition von Intelligenz neu zu fassen - und zwar so, dass Maschinen diese Hürde möglichst lange nicht überspringen konnten.

Die Vorstellung, Maschinen könnten denken wie wir, ist uns unheimlich - auch deshalb, weil sich die Rechengeschwindig keit von Maschinen etwa alle zwei Jahre verdoppelt. Im Jahr 2050 wird ein gewöhnlicher Computer eine Million Mal so leistungsfähig sein wie heute. Folgt man der Argumentation des Zukunftsforschers Raymond Kurzweil, werden Computer dann die Leistungsfähigkeit eines menschlichen Gehirns längst übertroffen haben.

Aber werden diese Maschinen auch in der Lage sein, intentional zu handeln? Werden sie Bilder, Melodien und Texte bewerten können? Werden sie etwas fühlen können, wenn sie ein Sonett von William Shakespeare hören?

Prinzipiell gibt es keinen Grund, warum sie das nicht können sollten. Man kann bereits heute in neuronalen Netzen die Funktionsweise des menschlichen Gehirns simulieren, wenn auch solche Netze bei Weitem noch nicht die Komplexität echter Gehirne erreichen. Es ist ohne Weiteres möglich, Maschinen das Streben nach einem bestimmten Gemütszustand einzuprogrammieren.

Wer das für einen faulen Trick hält, möge sich vergegenwärtigen, dass auch wir Menschen einem genetisch vorgegebenen Programm folgen, das uns genau sagt, was wir als angenehm empfinden und was nicht. Und auch das ästhe tische Empfinden ist simulierbar. Schon heute sind neuronale Netze etwa in der Lage, harmonische Melodien von Zufallsgeklimper zu unterscheiden. Der Schöpfer des Programms Poetron schrieb ein Programm namens Metricalizer, das Metrik und Rhythmus eines Textes analysieren und ihn so auf seine lyrische Eignung hin bewerten kann.

Womit wir wieder beim Auge des Betrachters wären. Ließe man von hundert Kunstprofessoren den größten Künstler des 20. Jahrhunderts wählen, gäbe es vermutlich heftigen Streit. Vielleicht verständigte man sich am Ende per Mehrheits beschluss auf jemanden wie Pablo Picasso, und vermutlich verließen einige Anwesende unter Protest den Raum.

Es ist höchst fraglich, ob sich eine Jury aus Kunstexperten jemals dazu herablassen wird, das Werk einer Maschine als große Kunst anzuerkennen, geschweige denn, es über die Werke aller menschlichen Künstler zu stellen. Man darf sogar bezweifeln, ob wir überhaupt in der Lage wären, die Kunst einer wirklich genialen Maschine zu verstehen. Denn die Botschaft der Kunst hat immer auch mit der Erfahrungswelt des Künstlers und des Betrachters zu tun. Je unterschiedlicher diese sind, desto weniger versteht man das Werk.

Wird der größte Künstler des 21. Jahrhunderts also eine Maschine sein? Das wird darauf ankommen, wen man fragt.

Ein Computer würde vielleicht antworten: "Fragende Automaten gewaltig und schön." -