Schussfahrt

Als Skifahrer ist Marc Girardelli eine Legende. Als Unternehmer legte er erst einmal eine grandiose Pleite hin. Doch auf der Piste wie im Leben gilt für ihn: Aufgeben ist nicht.




- Marc Girardelli legt seinen Hubschrauber, Kennzeichen HB-ZJA, sanft in eine Linkskurve und bittet den Tower vom Flughafen Altenrhein um Landegenehmigung. Eben noch ist er über sein Haus am Schweizer Ufer des Bodensees geflogen, wo er in einer halben Stunde auf der Terrasse sitzen wird, mit dem prächtigen Blick auf den See, die Boote mit weißen Segeln und die österreichischen Berge.

Der Heli hob am Morgen in der Toskana ab, wo Girardelli wieder einmal einen Preis für seine außergewöhnliche Sportkarriere erhalten hatte. Die ging zwar schon vor 13 Jahren zu Ende, aber im internationalen Skisport zählt er immer noch zu den Allergrößten: 100-mal auf dem Siegerpodest, 46 Weltcup-Siege, 11 WM sowie zwei olympische Medaillen. Und, vermutlich ein Rekord für die Ewigkeit: fünfmal Sieger des Gesamtweltcups. Das machte ihn berühmt und reich. Nur Alberto Tomba, der italienische Lebemann und ewige Rivale aus den neunziger Jahren, konnte zwischen den Toren ähnlich hohe Gagen erwedeln.

Der Flug über die Alpen aus Italien bei bestem Wetter war problemlos. In Luzern landete Girardelli noch für ein Stündchen zwischen und traf sich mit einem Kunden, der erfreuliche Stückzahlen aus seiner aktuellen Skibekleidungskollektion bestellte.

Sein Hubschrauber, sein Haus, sein Unternehmen: "Hört sich pompöser an, als es ist", sagt Girardelli. Der dunkelblaue Hubschrauber, ein amerikanischer Robinson 44, ist eines der billigeren Modelle, gehört ihm nur zur Hälfte, fliegt mit Superbenzin von der Tankstelle und kostet "im Unterhalt im Jahr nicht mehr als ein Porsche Cayenne". Das Haus ist günstig gemietet und spärlich möbliert. Und die Modelinie ist noch im Aufbau und wirft derzeit kaum Gewinne ab.

Aber es ist ein guter Anfang, fast verblüffend, wenn man bedenkt, wie es dem erfolgsverwöhnten Skistar noch vor wenigen Jahren ging. Da war Marc Girardelli, unbemerkt von der Öffentlichkeit, pleite. Sein ganzes Geld war weg, seine Anteile und Immobilien - alles versenkt in einem ambitionierten Projekt: der weltgrößten Indoor-Skianlage in Bottrop, im Herzen des Ruhrgebiets. Auch mit einigem zeitlichen und emotionalen Abstand ist Girardelli überzeugt, dass das Geschäftsmodell "erstklassig war. Gescheitert ist es vor allem an mir, meiner Blauäugigkeit und Stümperhaftigkeit. Ich habe etwas gemacht, das ich nicht konnte. Dafür habe ich bitter bezahlt."

Schonungslose Selbstkritik und der Verzicht auf Larmoyanz und Schuldzuweisung sind eher selten bei gescheiterten Unternehmern, auch bei jenen, die mal Sportskanonen waren. Aber sie sind typisch für Girardelli. In seiner glanzvollen Athletenlaufbahn erlitt er zahlreiche Rückschläge, Niederlagen und Demütigungen. Viele hatten ihn immer wieder nach lebensbedrohlichen Verletzungen oder hartnäckigen Formtiefs abgeschrieben. Doch er kämpfte sich stets zurück. "Ich habe von klein auf gelernt, niemals aufzugeben. Das ist in meinen Genen. Auch wenn der Druck wie ein tonnenschwerer Ballast auf mir lag und mir manchmal die Kehle zugeschnürt hat." So konnte er auch den Total-Crash in Bottrop überstehen, "heil an Körper und Seele". Er habe ja nur sein Vermögen verloren und niemandem geschadet. "Mein guter Name hat nicht gelitten." Dieses Comeback nach der Geschäftspleite ist sein größter Sieg fernab der Steilhänge und Zielräume.

Marc Girardelli wurde 1963 in Lustenau in Vorarlberg geboren. Seine Eltern führten einen gut gehenden Stickereibetrieb. Vater Helmut trainierte seinen hochtalentierten Sohn. Marc war zwölf Jahre alt und galt als größte Nachwuchshoffnung des Österreichischen Skiverbandes, als Girardelli senior sich mit dessen Funktionären überwarf, die den eigenwilligen Trainervater ausbooten wollten. Fortan startete das Kind für Luxemburg, bis dato als Skination eher unbekannt. Die Staatsbürgerschaft erhielt Marc Girardelli 1987. "Meinen Wechsel haben damals natürlich meine Eltern entschieden. Aber ich bin bis heute überzeugt, dass sie richtig und in meinem Interesse gehandelt haben." Die Familie lebte weiterhin in der vertrauten Vorarlberger Umgebung, nur dass der Jungstar jetzt ohne Mannschaft trainierte. "Das war oft hart. Ich bin ja ein geselliger und kontaktfreudiger Mensch. Mir hat schon gelegentlich diese Kameradschaft in einem Team gefehlt, vor allem aber, mich mit Mannschaftskollegen im Training messen zu können."

Eigenbrötlerisch und ein wenig kauzig hielten sich die Girardellis, so wollte es der Alte, von den Mitbewerbern fern. Fast das ganze Jahr übten sie auf Hängen, die sie selbst präparieren und ausflaggen mussten. In großen Teams wie denen der Schweiz oder Österreichs gab es ein gutes Dutzend Handlanger, die den Läufern stets zu Diensten waren, von der Zeitnahme bis zur Skipräparierung. Während die anderen Teams abends zusammenhockten, machte Girardelli junior im Hotelkeller die Ski für das nächste Rennen fertig, aß allein oder mit seinem Vater zu Abend, bevor der um die Häuser zog. Oder er las Bücher und lernte im Fernstudium für das Abitur. Er büffelte auch im Auto auf der Rückbank, während Vater Girardelli kettenrauchend über verschneite Alpenpässe zum nächsten Weltcup-Ort steuerte. "Mir hat es nie etwas ausgemacht, einen 50-Kilo-Skisack zu schleppen oder meine Ski selbst zu präparieren. Das war mein Beruf, und den habe ich geliebt mit allen Facetten." Und an die Nikotinschwaden habe er sich "halt gewöhnt. Obwohl: Für einen Leistungssportler sind solche Atemluftbedingungen eher suboptimal."

15 Prozent Behinderung - und dennoch Sieger

Vater und Sohn Girardelli erwarben sich im alpinen Weltcup-Skizirkus, der im Winter von Europa über USA, Japan und Korea rund um den Globus reist, schnell den Ruf eines Duos Infernale. Der Junge wegen seiner Siege, der Alte wegen seiner Streitlust und der legendären Ausdauer beim Après-Ski. Nicht wenige in der Branche verglichen den Einzelgänger mit Steffi-Vater Peter Graf. Helmut Girardelli war selbst ein talentierter Läufer gewesen, bis ein unverschuldeter Unfall seine Karriere früh beendete. Bei einem Abfahrtsrennen am Arlberg querte eine Touristin unachtsam die abgesperrte Skipiste. Girardelli konnte nicht mehr ausweichen. Die Frau starb bei dem Zusammenprall. Seinem Sohn hat er nie ein Wort von der Tragödie erzählt, "ich weiß das alles nur von meiner Mutter".

Mit 20 Jahren hatte Marc Girardelli seinen ers ten schweren Unfall. Bei einem Abfahrtslauf im kanadischen Lake Louise stürzte er kurz vor dem Ziel, "es war ein dummer Konzentrationsfehler". Girardellis linkes Knie hatte sich bei Tempo 110 um 360 Grad verdreht und war so kaputt, wie es der Kniespezialist Richard Steadman aus Vail (Colorado) vorher und später nie wieder erlebt hatte. Girardellis Versicherung taxierte die Verletzung auf eine 15-prozentige Behinderung und zahlte freiwil lig. Dafür kaufte sich der Teilinvalide ein Hotel am Bödele, hoch über dem vorarlbergischen Dornbirn. Mit der Karriere schien es vorbei, das bittere Ende eines Skigenies. Aber schon eine Saison später kämpfte er sich zurück und gewann zum Staunen der Fachwelt schon wieder Weltcup-Rennen. "Mich trieben damals nicht nur Leidenschaft und Ehrgeiz an, sondern auch Verantwortung. Ich war ja schließlich der Großverdiener in der Familie. Von meinem materiellen Erfolg haben auch meine Eltern und die beiden jüngeren Geschwister mitgelebt. Das fand ich so in Ordnung, schließlich haben meine Eltern auch viel Geld in meine Ausbildung investiert. Ich bin ein dankbarer Sohn."

Ein schönes Vermögen - und eine schlechte Idee

Seine beste Zeit sollte erst kommen. Ausrüster- und Werbeverträge brachten immer mehr Geld und Siegprämien. Aber ebenso regelmäßig wurde Marc Girardelli durch schwere Verletzungen wieder zurückgeworfen. "Ich lag so oft im Krankenhaus und bin aus Vollnarkosen aufgewacht, dass ich mir bei einem Medizinstudium die ersten vier Semester glatt ersparen könnte."

Der besessene Trainingseifer und der Raubbau am Körper forderten schließlich ihren Tribut. 1996, schon im Spätherbst seiner Karriere, gewann Girardelli in der spanischen Sierra Nevada die letzte seiner Weltmeister-Medaillen. Was seine Konkurrenten nicht wussten: Da war er schon öfter in der Reha als auf den Pisten. Seine Gelenke schmerzten so sehr, dass er sich "wie ein Greis" über Treppen schleppte, "und auch das nur, wenn ein Geländer dran war". Als ein läppischer gebrochener Zehennagel nicht mehr heilen wollte, wusste er, "dass mein geschundener Körper nicht mehr regeneriert und es jetzt endgültig aus ist. Blöderweise hatte ich keinen Plan B."

Girardelli war 33 Jahre alt. Er hatte Abitur. Er sprach Englisch und Französisch fließend und Italienisch gut. Er hatte Geld: "Mehr als genug, um nie wieder arbeiten zu müssen." Er hatte praktisch sein ganzes Leben nichts anderes gemacht, als sich mit Auto-bahn-Richtgeschwindigkeit über steile Eishänge zu stürzen. Girardelli suchte eine neue Herausforderung. Er wurde Geschäftsmann, auch abseits der Pisten wieder im Team mit dem Senior. "Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, etwas allein auf die Beine zu stellen, und hätte mich wohl auch nicht getraut. Die Überredungskünste meines Vaters haben auch auf mich immer gewirkt. Und wir hatten zusammen immer Erfolg gehabt."

Vater und Sohn Girardelli hatten auch eine Idee, die ziemlich gut klang. Sie wollten Pilsner Urquell nach China verkaufen, einem Markt mit ein paar Hundert Millionen durstiger Kehlen. Sie verschifften fünf Container Bier nach Hongkong und flogen nach Schanghai. Dort stiegen sie im Ritz Carlton ab und suchten nach Partnern und Vertriebswegen im Riesenreich. Das dauerte, schon mangels Sprach- und Ortskenntnissen. Derweil vergammelte die halbe Ladung in Hongkong, weil sie ungekühlt in der prallen Sonne Asiens lagerte. Aus dem Geschäft wurde nichts. Der finanzielle Schaden hielt sich in Grenzen. Ein Chinese im Ritz Carlton fragte die beiden, ob sie sich schon einmal überlegt hätten, eine Skihalle in China zu bauen. Das wäre doch ein Supergeschäft.

Zurück in Europa, studierten die Girardellis den Markt für tiefgekühlte Indoor-Hallen. Die gab es in Europa, in Dubai, sogar in Florida, und sie liefen nicht schlecht. Vater Girardelli machte sich nach Den Haag auf und sah sich dort eine solche Skihalle an. Er kehrte zurück und war begeistert. Der Sohn wollte wissen, wie die wohl den Schnee produzieren. Gute Frage. Die hatte der Senior aber vergessen und flog noch einmal.

Jetzt wäre für die beiden ein günstiger Moment gewesen, die noch junge zweite Karriere abzubremsen und ihre Befähigungen als Geschäftsleute kritisch zu hinterfragen. Und für Marc, das komplizierte Verhältnis zu seinem Übervater neu zu ordnen. Davor hatte der Filius jedoch mehr Angst als vor der berüchtigten Streif-Abfahrtsstrecke in Kitzbühel. "Mein Vater trat immer sehr souverän auf, Kompromisse mit ihm gab es nicht. Zweifel oder Kritik hätten den totalen Bruch mit ihm bedeutet. Den scheute ich, weil auch die ganze Familie darunter gelitten hätte. Außerdem vertraute ich seiner wirtschaftlichen Erfahrung."

Es wäre damals auch besser gewesen, hätte Girardelli statt auf seinen Vater auf Heimo gehört. Heimo ist ein guter Freund und erfolgreicher Vermögensberater in Vaduz. "Lass die Finger von der Skihalle", riet er, "das geht nicht gut, das könnt ihr nicht." Marc hörte nicht auf Heimo, und so landeten die Girardellis im Ruhrgebiet. Dort hatte die Ruhrkohle AG bereits Pläne für eine Indoor-Halle. Es gab auch eine Mut machende Studie von Hamburger Unternehmensberatern: ein potenzieller Markt mit sechs Millionen Nordrhein-Westfalen, dazu die skiverrückten Niederländer gleich hinter der Grenze. Girardelli fand eine Familie aus Bremerhaven, die als Investoren mit einstiegen. Sie besorgten auch einen Kredit der Sparkasse Bremerhaven. Das verrentete Sportidol war nun Mehrheits gesellschafter der Alpincenter GmbH und erwarb eine Abraumhalde am Stadtrand von Bottrop, 30 Hektar groß, bezahlte dafür fünf Millionen Mark und kam erst später darauf, dass das Grundstück auch deutlich billiger zu erwerben gewesen wäre: "Aber wir haben schlecht verhandelt, weil wir so schnell wie möglich kaufen wollten. Das galt auch für meine Partner, die meine Entscheidungen immer mitgetragen haben."

Auf der Halde entstand die Indoor-Halle, gleich die weltweit größte: 640 Meter lang und 30 Meter breit. Riesige Kühlmaschinen im Bauch des Monstrums konnten in 24 Stunden 40 Kubik meter Schnee produzieren. Dazu kamen drei urige Restaurants mit zünftigem Hüttenzauber. Durch immer schärfere Feuerschutzauflagen etwa für den Skilift und die Forderung der Bochumer Verkehrsbehörde, zusätzliche Ampelanlagen und extra Parkbuchten für Busse zu errichten, stiegen die Kosten weit höher als geplant, auf etwa 30 Millionen Euro. Erst später schwante Girar delli, dass die Anlage viel zu groß und teuer geplant war.

Im Frühjahr 2001 ging es los, nach drei Jahren wollte man schwarze Zahlen schreiben. Zur Eröffnung erschien ein Journalist vom "Stadtblatt Bottrop". Da wurde Girardelli klar, dass er einem weiteren Denkfehler erlegen war: "Ich dachte, dass mein Name auch im Ruhrgebiet eine gewisse Strahlkraft haben würde. Aber die konnten mit mir nix anfangen." Oft hörte er in der Heimat von Schalke und Borussia ein freundliches: "Wat, Sie sind mal Ski gelaufen? Dat is ja interessant."

Es gab Tage, da war die Halle mit Skifahrern und Snowboardern voll, und abends lagen 100 000 Euro in der Kasse. Und es gab Tage, im Sommer auch Wochen, in denen die 800 Paar Leihski und 300 Snowboards, im Tagespreis von zunächst 20 Euro inbegriffen, nie nass wurden. Die Alpincenter-Betreiber bauten darauf, dass die Halle gerade in verregneten Sommern die Kunden anzieht. Aber die Sommer 2002 und 2003 waren ungewöhnlich heiß. Marc Girardelli, der sich in einem alten Bergmannshaus eingemietet hatte, konstatierte: "Bottrop ist halt wie Palm Beach."

Da hatte er sich schon einen gewissen Galgenhumor ange eignet, denn es ging so ziemlich alles schief. Mal war der Lift ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft kaputt, dann streikten die Eismaschinen, und Schmelzwasser gluckerte über den Hang. Geschäftsführer Girardelli war jeden Tag zwölf Stunden in der Halle und kümmerte sich um die Gäste und die zeitweise 100 Mitarbeiter. Ein Gehalt hat sich der Mehrheitseigner nie ausgezahlt. Im Gegenteil: Er musste immer wieder neues Kapital bereitstellen, wenn die Kasse wieder einmal leer war. Erst vom Festgeldkonto, dann verkaufte er seine Häuser in der Schweiz (das Hotel am Bödele war mittlerweile abgebrannt) und trennte sich von lukrativen Beteiligungen in der Karibik. "Ich habe immer nur nachgeschossen. Was ein Businessplan oder eine Bilanz ist, war mir eher fremd. Ernsthaftes Controlling sowieso. Es gab zu viel Schlendrian."

Girardelli war ein Chef zum Liebhaben, mit dem Betriebsrat hatte er nie Probleme: "Ich war viel zu nachgiebig und blauäugig und bemerkte gar nicht, wie mich einige Mitarbeiter dreist beschissen. Ich war aber auch ein leichtes Opfer." Mal verschwanden nagelneue Fernseher und Videogeräte. Mal erwischte er Angestellte, die für die Restaurants angeliefertes Fleisch in Koffern wegtrugen, oder Kellner, die Bestellungen nicht bonierten.

Dann blieben die ersten Rechnungen unbezahlt, immer mehr Lieferanten klagten ihre Forderungen ein. Girardelli und seine Bremerhavener Partner suchten neuen Investoren, und er suchte einen Nachfolger als Geschäftsführer. Der trat 2003 an, Girardelli lockte ihn: "Wenn du den Laden wieder auf Vordermann bringst, schenke ich dir eine meiner Weltmeister-Medaillen."

Ein Jahr später waren die Finanzen weitgehend geordnet und alle Forderungen beglichen. Das kostete Girardelli eine Gold medaille und seine letzten Vermögenswerte. Die niederländische Hotelkette van der Valk übernahm die Skihalle und betreibt sie seither mit Gewinn. "Ich war jetzt total blank, hatte aber eine saubere Weste. Keiner konnte sagen, der Girardelli hat Schulden hinterlassen." Seine Bilanz, beruflich wie persönlich, war zu diesem Zeitpunkt niederschmetternd. Als Unternehmer hatte er versagt. Seine Eltern hatten sich getrennt, und Vater Helmut, der zeitwei lig als Aufsichtsratsvorsitzender in Bottrop mitmischte, zog sich von seinen Sprösslingen zurück und lebt jetzt allein im Kanton Appenzell. Der begeisterte Familienmensch Marc Girardelli sah seine zwei eigenen Kinder aus zwei vernachlässigten Beziehungen in Vorarlberg nur selten, das Verhältnis zu den Müttern war schwierig. 2004 sah es nicht gut aus für die Skilegende.

Wäre da nicht Andrea gewesen. Er hatte sie schon zu Beginn seines Umzugs nach Bottrop kennengelernt, in der Kneipe ihrer Eltern gegenüber dem städtischen Bauamt, wo er häufig zu tun hatte. Die Steuerberaterin "war das Beste, was mir je passiert ist". Sie arbeitete im Alpincenter mit, zog sich dann aber zurück, als sie die Misswirtschaft erkannte. "Ohne sie und ihre beinharte Kritik an meinem Geschäftsstil", erinnert sich Girardelli, "hätte ich sicher noch mehr falsch gemacht." Andrea blieb auch bei ihm, als er blank war. Sie heirateten 2005 in einem romantischen Schloss am Attersee und bekamen zwei Töchter. Helmut Girardelli kam nicht. Auch seine Enkel hat er bis heute nicht sehen wollen. Er hatte die Entscheidung getroffen, vor der sich sein Ältester gedrückt hatte. "Mein Vater konnte wohl nicht ertragen, dass er die Kontrolle über mich verloren hatte. Schlecht für ihn, gut für uns." Die Hochzeit konnte sich Girardelli leisten, weil er seit seinem Ausstieg beim Alpincenter wieder Geld verdiente: "Ich habe beschlossen, künftig nur noch Sachen zu machen, die ich kann."

Zum Beispiel Skifahren. Girardelli organisiert Sommer-Trainingscamps für Jugendliche und Erwachsene oder Firmen-Skitage in St. Moritz oder Ischgl für Unternehmen wie Barclays. Er ist gut gebucht bei Finanzunternehmen, wo er autobiografische Vorträge über "Scheitern als Chance" hält, "denn da bin ich hochkompetent". Die Geschäfte gehen gut, zumal Girardelli im persön lichen Umgang bescheiden und völlig unprätentiös wirkt.

Bei seinem Neustart kommen ihm sein ungebrochener Ruhm in der Skiszene und ein Netzwerk zugute, das er sich in seiner aktiven Zeit rund um den Globus geschaffen hatte. Er duzt sich mit deutschen Ministerpräsidenten und Chefs von Dax-Unternehmen, ohne damit zu prahlen. Er ist sich nicht zu schade, für schwer reiche Freunde gegen gutes Honorar den Skilehrer zu machen. Girardelli beriet erst den Deutschen Skiverband und derzeit den bulgarischen, der von einem skiverrückten Oligarchen finanziert wird. Er half mit seinen Kontakten zu internationalen Sportorganisationen entscheidend mit, vergangenes Jahr erstmals ein Damenrennen des Skiweltcups ins bulgarische Bansko zu holen. Während der Welt-cup-Saison arbeitet er für Sky Italia als Kommentator und schreibt Kolumnen für die "Vorarlberger Nachrichten".

Die meiste Zeit widmet er jedoch seinem ambitioniertesten Geschäftsprojekt. Mit einem alten Kumpel aus Schulzeiten in Lus tenau vertreibt er seit fünf Jahren eine eigene Skimodelinie für Kinder und Erwachsene. Die Textilien lassen sie in China produzieren, "wo die Fertigung, wenn man sich beharrlich kümmert, mittlerweile so gut ist wie in Europa". Der Partner managt Produktion und Finanzen, Girardelli den Verkauf. Der Helikopter spart Zeit und Geld bei der Akquise "und macht keinen schlechten Eindruck auf potenzielle Kunden". Girardelli musste erfahren, dass ihm sein Name zwar gelegentlich Türen öffnet, "aber wenn die Qualität nicht stimmt, nutzt das gar nichts".

Er schwärmt bei Präsentationen seiner Kollektion überzeugend vom "Top-Design", dem "erstklassigen Preis" und den Vorteilen "geklebter Nähte gegenüber genähten, weil diese moderne Technik gerade bei wasserdichten Materialien viel besser ist". Man könnte meinen, Girardelli habe sein Leben lang nichts anderes gemacht, als Mode zu verkaufen. In die Modelinie hat er einen Teil seiner Ersparnisse gesteckt, obwohl er weiß, wie hart umkämpft und riskant der Markt ist. "Aber mein Produkt stimmt."

So sicher ist er sich diesmal, dass er für seine Familie, die noch in Bottrop lebt, demnächst ein Haus am schweizerischen Rheinufer baut, mit Platz für weiteren Nachwuchs. Und ganz wichtig: Girardelli hat seinen Freund Heimo in Vaduz besucht, ihm das Geschäftsmodell erklärt, Chancen und Risiken aufgezeigt und um dessen Meinung gebeten: "Der Heimo hat sich alles gründlich angeschaut und dann gesagt: Mach es, diesmal wird es klappen."-