Schottisches Englisch - Deutsch

Das kleine Wirtschaftswörterbuch – Übung 18:
Über Kurzbrote und vorsichtige Formulare-Mischer




Das Besondere an Schotten ist, dass man sie nicht versteht. Das behaupten zumindest die Nichtschotten im britischen Empire. Schotten erklären dies ungeniert damit, dass allein sie ein akkurates Englisch sprechen. Oder, wie sie es nennen: inglis.

[inglis] | Englisch, das (meint den schottischen Dialekt, den niemand versteht, mit Ausnahme der Schotten)
Anstatt inglis sagt man auch einfach: scots. [scots] | Schottisch, das (meint auch den Dialekt, den immer noch niemand versteht, mit Ausnahme der Schotten)
Obwohl sie keiner versteht, sind die Schotten sehr stolz auf sich und alles Schottische. Das Problem ist, dass es gar nicht meh r so viel Schottisches gibt, jedenfalls nicht in der Wirtschaft. Die wird zu großen Teilen, wie etwa die Software-Branche, von Firmenzentralen im Ausland gemanagt. Sogar etliche der urschottischen Whisky-Destillen gehören Konzernen aus Japan, Kanada oder den USA. Die ausländischen Besitzer sind aber sehr clever darin, die Produkte dennoch sehr schottisch aussehen zu lassen. Sie ziehen ihnen einfach einen Schottenrock über. [to put a kilt on] | wörtlich: einen Schottenrock überziehen (meint: Unternehmen und Produkte äußerlich zu verschotten)
Auf den Produkt-Labels wimmelt es daher von Schotten-Karos, Hochland-Hügeln, Dudelsäcken und Kilts. Eine Branche allerdings, die nicht nur schottisch aussieht, sondern auch seit drei Jahrhunderten erfolgreich in schottischer Hand lag, war d as Bankwesen. Doch auch hier gerieten die wichtigsten Player in jüngster Zeit unter Fremdherrschaft, und zwar ausgerechnet unter die der Sassennach. [Sassennach] | Engländer, die (abgeleitet vom Englischen: Saxons)
Zu den Engländern pflegen die Schotten nicht erst seit dem Film „Braveheart“ eine treue Antipathie. Nicht auszudenken also die Schmach, dass inzwischen selbst die noch unlängst so stolze Royal Bank of Scotland (RBS) von London aus geleitet wird. Sie wurde teilverstaatlicht und jetzt zerschlagen, nachdem sie sich finanziell übernommen und an abenteuerlichen Übernahmen verschluckt hatte, was Milliardenverluste verursachte, die man bawbees nennt. [bawbees] | Kleingeld, das (schottische Entsprechung für "Peanuts"; wird gern verwendet, wenn großes Geld verloren geht)
Diese bawbees erreichten bei der RBS, vor der Finanzkrise die fünftgrößte Bank der Welt, historische Dimensionen: Die 24 Milliarden Pfund im Jahr 2008 waren der höchste Fehlbetrag in Großbritanniens Wirtschaftsgeschichte. Dass ausgerechnet Schotten diesen Rekord aufstellten, ist komisch, denn eigentlich gelten sie in geschäftlichen Dingen als sehr canny. [canny] | vorsichtig
Die erste Regel in der schottischen Wirtschaft lautet daher auch: [ca' canny] | sei vorsichtig
Ein guter Kaufmann ist ein: [canny chiel] | vorsichtiger Mensch (gleichbedeutend mit: kompetenter Mensch)
Es heißt aber auch, dass Schotten in der einen Hand die Bibel und in der anderen immer ein Glas Whisky halten. Dennoch sollte, wer mit Schotten Geschäfte machen will, nicht mit überschwänglicher Begeisterung bei seinen dortigen Partnern rechnen. Die werden sich, während man eine tolle Idee vorträgt, vielleicht nur gelangweilt zuraunen: [kent his father] | wörtlich: ich kenne seinen Vater (abgeleitet aus dem Englischen von: I knew his father)
Eine Bemerkung, die viele gar nicht erst verstehen werden (siehe auch: inglis) oder – falls doch – nicht kapieren. Woher sollte mein Gegenüber meinen Vater kennen? Aber es dreht sich natürlich nicht um den Vater, sondern bedeutet einfach: „Kenn' ich schon.“ Neue Ideen erfahren damit gemeinhin eine unaufgeregte Ablehnung. Mit dieser [canniness] | allgemeine Vorsicht, die
wird unter anderem der eklatante Mangel an Start-ups erklärt. Die Zahl der Firmengründungen dümpelt aktuell mit zirka drei pro 1000 Einwohner weit unter dem jährlichen Durchschnitt in Großbritannien (fünf pro 1000 Einwohner). Dabei haben sich Schotten als große Entrepreneurs hervorgetan, man denke nur an James Watt oder Alexander Graham Bell. Beide sind allerdings auch Beispiele dafür, dass schottische Ideen gemeinhin im Ausland versilbert werden. Die [emigration] | Auswanderung, die
gilt als große Sorge. Derzeit arbeiten mehr Schotten außerhalb als innerhalb Schottlands. Die „Bravehearts“ trifft man nur noch selten in den Highlands an, aber häufig in Übersee oder Asien. Bezeichnenderweise wurde der entsprechende Film größtenteils in Irland gedreht. Dort war man weniger vorsichtig, sich zu einer Filmförderung durchzuringen. Die Schotten hatten da Bedenken. Sie gelten auch als Formulare-Mischer. [paper-shufflers] | wörtlich: Formulare-Mischer, die (meint: Bürokraten, die)
Fast jeder vierte Beschäftigte arbeitet inzwischen im öffentlichen Sektor. Schotten sind in der Wirtschaft also weniger tollküh n und entschlossen, als es das Klischee vom Braveheart vermuten lässt. Das wirkliche Image der Schotten wird heute von einem unscheinbaren Stück Gebäck besser verdeutlicht: dem Kurzbrot. [shortbread] | Kurzbrot, das (meint: Kekse, die)
Es ist ein Mürbeteig gewordenes Stück Identität für Schotten. Zumal seine Produktion auch fest in schottischer Hand liegt. In der Zeit von Österreichs EU-Präsidentschaft 2006 stand „shortbread“ in der Ausstellung „Café Europa“ sogar für ganz Großbritannien. Schottland zeigt sich als kleiner butterfarbener Keks, ziemlich mürbe und trocken. ---