Schaut, wie cool ich bin!

Sperrige Kunst hat oft eine ganz handfeste Funktion: Sie demonstriert Macht. Und hält die Untertanen auf Distanz.




- Starke Symbole der Macht repräsentieren diese nie nur, sondern dienen auch dazu, sie zu legitimieren oder sogar zu steigern. Gerade bildende Kunst spielte dabei immer wieder eine wichtige Rolle. So wurden etwa am Hof von Franz I. in den 1530er Jahren Künstler damit beauftragt, vieldeutige und verschlüsselte Werke zu schaffen. Besucher sollten damit gezielt intellektuell überfordert werden. Und so war es das Privileg des Königs, seine Kunstschätze zu interpretieren, um auf diese Weise seine Überlegenheit zu beweisen und seine herausgehobene Stellung zu rechtfertigen.

In der westdeutschen Politik war man nach 1945 für einige Jahrzehnte sehr vorsichtig mit starken Symbolen. Man inszenierte sich lieber im Flair des Privaten, so erinnerte etwa Konrad Adenauers Arbeitszimmer an ein bürgerliches Wohnzimmer. Auch sofern sie sich mit Kunst beschäftigten, setzten Politiker dieses Interesse lange Zeit nicht ein, um sich zu schmücken oder um damit gar die eigene Macht zu überhöhen.

Erst Gerhard Schröder ließ in großem Stil bildende Kunst und vor allem auch Künstler wie Markus Lüpertz oder Jörg Immendorff für sich sprechen. Parallel zu seiner politischen Karriere absolvierte er eine als Kunstkenner, lernte nach und nach, bildende Kunst geschickt einzusetzen, um sich zu inszenieren. So suchte Schröder vor allem durch die Freundschaft zu Immendorff, der ihn sogar auf Staatsbesuchen begleitete, eine Nähe zum oppositionellen Potenzial moderner Kunst - die, der Idee der Avantgarde verpflichtet, politische Utopien propagiert, aber ebenso Werte wie Risikofreude oder Entschlossenheit sowie moralische Integrität verkörpern will. Erst recht verriet die Inszenierung seines Arbeits zimmers im Berliner Kanzleramt mit Georg Baselitz' Gemälde "Fingermalerei III - Adler", das ein staatliches Hoheitssymbol auf dem Kopf stehend zeigt, ein Selbstverständnis Schröders, das eher dem eines Oppositions- als dem eines Regierungspolitikers entspricht. Oder sollte auf diese Weise suggeriert werden, dass man auf dem langen Marsch durch die Institutionen den eigenen Ansprüchen treu geblieben war?

So sehr sich darin immerhin eine linksgerichtete Mentalität bekunden mochte, so überraschend ist Schröders Identifikation mit der bildenden Kunst andererseits vor dem Hintergrund der Geschichte der SPD und Arbeiterbewegung. Immerhin waren beide traditionell dem Medium des Wortes als primärem Medium der Kritik und Agitation verbunden, das vielen Menschen zudem leicht und kostengünstig zugänglich gemacht werden kann. Der Zugang zur bildenden Kunst hingegen war immer limitiert, diese also fest mit den besitzenden Klassen assoziiert. Ferner war die politische Linke eher protestantisch und daher bilderskeptisch und auch insofern eher dem Wort verpflichtet - man denke nur an Willy Brandts legendäre Nähe zu vielen Schriftstellern. Schrö ders Identifikation mit der bildenden Kunst stellt also einen Traditions bruch innerhalb der Linken dar, womit er seiner Klientel ähnlich viel zumutete wie mit der Agenda 2010. Immerhin blieb er sei ner politischen Heimat insofern treu, als er sich zwar als Kunst kenner, nie aber als Kunstbesitzer präsentierte.

Dies dagegen tut Guido Westerwelle seit einigen Jahren. Er tritt als Sammler auf und lässt gern wissen, dass die Werke, mit denen er sich ablichten lässt, von ihm selbst entdeckt und erworben wurden. Kunst gerät hier zum Attribut eines gehobenen Lifestyle, aber auch zum Zeichen besonderer Passioniertheit. Dabei entsteht ein engeres Verhältnis des Künstlers zum Sammler; Ersterer kann im Extremfall sogar zum Dienstleister in der Tradition eines Hofkünstlers werden. So lud Westerwelle eigens Fotografen ein, die festhalten sollten, wie Norbert Bisky zu ihm ins Büro kam, um seine Bilder aufzuhängen. Undenkbar, dass Baselitz einen ähnlichen Dienst bei Schröder verrichtet hätte.

Ungewöhnlich ist Westerwelles Engagement für Kunst fer ner, weil er zu einer Minderheit gehört, die auf gegenständliche Malerei setzt. Das ist nicht ohne Risiko. Während abstrakte Kunst vieles offen lässt und oft nur signalhaft - ja so pauschal-unverbindlich wie ein Parteitags-Slogan ein Bekenntnis zu Moderne und Fortschritt darstellt - und ganz allgemein einen gebildeten Geschmack suggerieren soll, muss, wer sich mit Figürlichem umgibt, damit rechnen, direkt damit in Beziehung gebracht zu werden. Ein Gewehr oder verfallene Häuser auf einem Gemälde bekommen im Nu einen Symbolcharakter, der zu Ungunsten des Betreffenden ausgelegt werden kann.

Dass auf vielen Bildern Westerwelles unheimliche, abgründige, latent aggressive Sujets dominieren, hat noch einen weiteren Effekt. So fühlt sich davon befremdet, wer von der Kunst eine gewisse Wärme erwartet, und erst recht, wer angesichts eigener Schwächen oder Niederlagen eigentlich eher Trost und Ablenkung sucht. Anstrengende Kunst ruft bei Außenstehenden Unterlegenheitsgefühle hervor - und lässt dafür denjenigen, der sich damit umgibt, umso cooler und stärker erscheinen. Wie Franz I. durch souveränen Umgang mit Unverständlichem brillierte, so schüchtert Westerwelle ein, weil er sich mit Werken identifiziert, die eine große Mehrheit ratlos macht. Auf diese Weise werden rätselhafte Kunstwerke zu Siegeszeichen und exklusiven Trophäen: zu Beweisen dafür, dass der Sammler ein herausragendes Maß an Stärke und Vitalität besitzt.

Kunst wirkt dann distanzierend und autoritätssteigernd, wenn sie gegen das Geschmacksempfinden der meisten Menschen verstößt. Diese neigen dazu, den Fehler bei sich zu suchen, sich also für zu ungebildet oder zu unempfänglich - für unterlegen - zu halten. Unternehmer oder Manager können das noch besser als Politiker ausnützen, dürfen sie doch stärker auf Gesten des Exklusiven setzen. Sie können Kunst daher ausdrücklich dazu verwenden, eigene Überlegenheit zu demonstrieren, wobei sich erst recht Verwandtschaften zu höfischen Inszenierungsformen ergeben. So gehen in den Zentralen großer Unternehmen Architektur und Kunst oft eine Symbiose wie ehedem in einem Schloss ein, was nicht nur zeigen soll, dass man vermögend, sondern auch weit von jeglicher Durchschnittlichkeit entfernt ist. Gern wird außerdem mit Formen des Erhabenen gearbeitet, die gegenüber Besuchern, zum Teil aber sogar gegenüber den eigenen Mitarbeitern überwältigend wirken sollen.

In Branchen, die keine fotogenen Produkte herstellen, eignet sich die Kunst zudem als Accessoire, das nicht nur die Autorität der damit abgebildeten Personen erhöhen kann, sondern ebenso als Symbol für das jeweilige Unternehmen dient. Sie soll so ener getisch wirken, dass ein Stromkonzern sich gut davon repräsentiert fühlen kann. Oder so geheimnisvoll, dass sie die Diskretion einer Bank zu beglaubigen vermag.

Neben dieser Image-Pflege ist es üblich geworden, Kunst auch strategisch und mit Blick auf das Klima innerhalb eines Unterneh mens einzusetzen. Gern wird sie dann als kreativitätssteigernder Faktor oder Medium besserer Kommunikation, gar als Vorbote globalisierender Dynamiken gepriesen. Man glaubt, sie helfe den Mitarbeitern dabei, Komplexität zu bewältigen oder mit Unbe kanntem fertig zu werden. Mit ihr, so wird suggeriert, lasse sich die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen - und damit noch auf ganz andere Weise die eigene Macht steigern.-