Falten, knicken, produzieren

Mit Origami lassen sich schöne Muster falten. Aber auch Fahrradhelme, Airbags und Rednerpulte. Erstaunlich, dass es 1500 Jahre gedauert hat, ehe die Papierkunst auch in der Industrie ankam.




- Ein Fahrradhelm kann Leben retten. Doch oft benutzen ihn die Radler nicht, weil er nach der Fahrt im Büro oder in der Bar schlecht zu verstauen ist. Johannes Mühlig-Hofmann hat dieses Problem mit einem Klick gelöst: Bei seinem Helm genügt ein Knopfdruck, und die Außenschale aus einem neuen, unbrech baren Verbundwerkstoff passt auch ins Mappenfach des Schreibtischs. Kabuto nennt er diese Erfindung, so wie die Samurai einst ihre Helme nannten. Die Technik, die den Kabuto stabilisiert und flach macht wie einen Pfannkuchen, geht auf Origami zurück.

Mehr als 1500 Jahre ist die traditionelle japanische Faltkunst alt, und langsam setzt sie sich auch in der Industrie in Europa durch. Mit Origami kann man aus einem einfachen Blatt Papier etwas Besonderes zaubern. Durch verschiedene Techniken kann man Dinge transformieren, sie größer oder kleiner werden lassen, ohne sie zu zerstören. "Es ist faszinierend, wie eine runde Faltung immer zu einer Überwölbung der dahinter liegenden Fläche und so zu einer großen Stabilität führt", sagt Mühlig-Hofmann. Für Origami begeisterte er sich während eines Auslandssemesters in Japan. Dort sah er kleine Briefchen, die kunstvoll gefaltet wurden, und große papierene Schiebetüren - und er beschloss, für seine anstehende Diplomarbeit nicht den Computer zu benutzen, sondern seine Hände. Zurück an der Darmstädter Hochschule für Gestaltung, entdeckte er das sogenannte Curved Folding, die runde Faltung. Ein paar Hundert Versuche, einen Geistesblitz und 30 Prototypen später wusste Mühlig-Hofmann, was er damit anstellen würde: einen Helm bauen.

Dieser Helm verhalf seinem Erfinder nicht nur zu einem Industriedesigner-Diplom. Mühlig-Hofmann platzierte seinen Kabuto auch unter den ersten zehn deutschen Einsendungen beim James Dyson Award 2009, einem mit rund 22 000 Euro dotierten Preis für industrielle Lösungen. Neben seiner Forschungs assistenz an der Universität arbeitet er seither an verschiedenen Produkten für die hessische Designerschmiede Formart Indus trial Design. Und inzwischen will sogar ein deutscher Metallverar beiter den Kabuto in Serie herstellen.

Neu an diesem Helm ist auch sein Inneres. Ein Polsternetz passt sich der Kopfform an und füllt sich, wie eine Thermorest-Matte, von selbst mit Luft. "Noch feilen wir am idealen Material", sagt Mühlig-Hofmann. Das Problem dabei: ein solches Material gibt es bislang nicht, es muss sowohl flexibel als auch stabil sein. Also tüftelt der Industriedesigner mit geschenkten Proben vom Gummiwerk Kraiburg an der richtigen Mischung. Aktuell ist es Silikon mit einem thermoplastischen Elastomer. So heißt ein neuer Verbundwerkstoff, der stabil wie Karbon, bei Stoßbelastungen aber trotzdem flexibel ist. "Man merkt, an dieser Stelle ist der Kabuto noch eine Vision", sagt sein Entwickler. Eine Vision, die aber bald auch die Köpfe von Wintersportlern, Kletterern oder Skatern schützen könnte.

Längst sind es nicht nur einzelne Erfinder, die mit Origami tüfteln. Vor ein paar Jahren stand der hessische Autozulieferer EASi vor einem Problem: Wie berechnet man die Falten beim Öffnen eines Airbag? Die Antwort: mit Origami-Mathematik. Dabei wird die Oberfläche des Luftsacks in viele kleine Dreiecke unterteilt. Durch Falt-Algorithmen gelingt es, die optimale Öffnung entlang der Dreieckskanten zu berechnen. Damit konnte EASi die AirbagÖffnung normieren. "Doch heute", sagt Geschäftsführer Rainer Hoffmann, "ist die exakte Standardisierung nicht mehr nötig." Durch moderne Produktionstechnik ist das Endergebnis ohnehin gleich. Zum Packen werden Airbags inzwischen einfach zusammengeschoben.

Dafür weiß Hoffmann von einem anderen Vorteil der Faltkunst zu berichten: Verbindungsarten wie Schweißen, Nieten, Schrauben oder Kleben könnten dank Origami bald eingespart werden. "Die Falttechnik zeigt uns, wie man komplexe Bauteile aus einem einzigen Stück fertigen kann", sagt Hoffmann. Bei Plexiglas etwa erspart man sich kostspielige Spritzgussformen, wenn man das Material mit einem Laser erhitzt und dann wie Papier faltet. Der deutsche Erfinder Wolf-Dietrich Hannecke stellt so Rednerpulte und Möbel aus einem Stück Plexiglas her. Durch seine Cut 'n-Fold-Technik spare er 150 000 bis 200 000 Euro, behauptet er. So viel würde die Spritzgussform zur Herstellung eines Pultes kosten.

Bei der Serienfertigung von Autos könnte man gar auf ein ganzes Presswerk verzichten, sagt Chris Bangle, Designchef von BMW, womit sich zeigt, wie weit das "oru" (falten) sich bereits von seinem "kami" (Papier) entfernt hat. Großes Poten zial für Industrie-Origami sieht der Ingenieur Rainer Hoffmann auch in der Unterhaltungselektronik, etwa bei Handy- und Computergehäusen.

Die Welt ist voller Falten man muss sie nur sehen wollen

Mit Origami lässt sich viel Geld sparen. Aber warum hat es sich dann noch nicht längst durchgesetzt? "Ich denke, der technisch industrielle Bereich hat sich damit einfach noch nicht richtig beschäftigt", sagt Hofmann.

Einer, der dies tut, ist Paul Jackson. Auf seine Visitenkarte hat sich der Brite die Berufsbezeichnung "Papier-Ingenieur" drucken lassen. Ob Notebook, Campinggeschirr oder Faltrad: "Wenn industrielle Entwickler vor hochkomplexen Faltproblemen stehen, dann rufen sie mich an", sagt er. Schon seit 1983 lebt er davon, Unternehmen wie Nike, JVC oder Citroën bei Faltfragen zu beraten. Zu seinen Lösungen muss er allerdings schweigen. "Sie stecken oft in kleinen Details, die man nicht gleich erkennt", sagt er.

Was immer Jackson in den Sinn kommt: Es geht um Falten. Ob er einen Vogel sieht, der seine Flügel durch Falten stabilisiert und anlegt; ausgestreckte Finger, die zur Faust gefaltet werden; oder ob er an die tektonischen Platten denkt, auf denen ganze Kontinente liegen. "Selbst unser Gehirn ist gefaltet", sagt Jackson.

So erhöht es seine neuronale Leistung. Für ihn ist Origami die Vereinfachung des komplizierten Lebens. Das Falten von Figuren haben wir unter Kontrolle, sagt er. Die Techniken, die unser Leben bestimmen, nicht. Bei Origami ahne man, wie Dinge funktionieren könnten.

Doch auch wenn sich Jackson viel mit technischen Fragen beschäftigt, so ist er doch ein Künstler geblieben. Seine Falt skulpturen wurden schon in vielen Museen und Galerien ausgestellt. Sogar Musik machte er aus Blättern. Aus 100 gesampelten Papiergeräuschen mixte er Songs, in denen gerissen, geknüllt und gewedelt wird.

Vom industriellen Nutzen geht es zurück in die Kunst

Sein ehemaliger Professor an der Londoner Slade School of Art war schockiert von dem in seinen Augen simplen und irrelevanten Gefalte seines damaligen Studenten. "Das war der Grund, mit all meinem Videozeug und meiner Malerei aufzuhören und ernsthaft Papier zu falten", sagt er. Ende der siebziger Jahre beschäftigte sich kaum einer mit den Falttechniken - und Jackson wollte das ändern. Er wurde ein Origami-Rebell.

Heute unterrichtet er Design in Tel Aviv und Jerusalem. Seine Frau Miri Golan therapiert übrigens mithilfe von Origami schwer verhaltensauffällige Schüler. "Beim Falten spüren sie nicht, dass sie eigentlich eine Therapie machen", sagt sie. "Sie freuen sich über ihre schnellen Erfolge." Mit diesem speziellen Kunstunterricht wird das logische Denken ebenso geschult wie die motorischen Fähigkeiten und die Sprache entwickelt. Durch Miri Golan ist Origami an 40 Schulen Israels als Wahlfach etabliert, sodass mittlerweile Tausende Schüler die Kunst des Origami lernen und erleben.

Wobei die Art zu falten eine höchst individuelle Sache ist. Viele Origami-Anwender denken sich zuerst einen Plan aus, wie ihr Papiergebilde aussehen soll, und machen sich dann schematisch an die Arbeit. Jacksons Maxime ist eine andere: "Ich möchte es fließen lassen." Wer immer alles unter Kontrolle haben wolle, der ersticke den kreativen Prozess, bei dem spontan wunderbare Dinge entstehen. Doch im Gegensatz zur Malerei gibt es in der Faltkunst etwas, an das man sich halten muss: Regeln, die bestimmen, was man darf und was nicht. Das reizt natürlich Menschen, die Sicherheit suchen. "Einige Falter kommen auf Origami, weil sie einfach nicht scheitern wollen", sagt Jackson. Aber andere verlieben sich geradezu in diese Systematik der Falten, die selbst Hochkomplexes radikal vereinfachen kann. Es gebe sehr viele gute Falter, sagt Jackson, aber nur wenige Origami-Künstler.

Die Kunst beginnt da, wo es aufhört, nachfaltbar zu werden.

Dort, wo aus leeren Klopapierrollen lebendige Gesichter entstehen.-