Fernsehserie „Kunst & Krempel“

Öl-Schinken, Biedermeier-Möbel, Madonnen und allerlei Talmi - das sind die Hauptdarsteller bei "Kunst & Krempel". Die Sendung läuft seit fast einem Vierteljahrhundert im Bayerischen Fernsehen. Und ist das amüsanteste Kunst-Seminar der Republik. Eine Hommage.




- In der festlich ausgeleuchteten Kirche des Schlosses Bad Homburg tritt auf: ein älteres Ehepaar mit eiförmigem Schmuckstück. Sie platzieren es auf dem Experten-Tisch vor Carl Ludwig Fuchs, Kunsthistoriker am Kurzpfälzischen Museum in Heidelberg, und Haidrun Wietler, Sachverständige für Schmuck und Silber aus Mannheim. Fuchs, der eine auffällige Brosche am Sakko trägt, bemerkt launig, dass "Ostern eigentlich schon vorbei ist". Dann dürfen die Besitzer die Geschichte ihres Parfüm-Eies erzählen. Das habe sie, schwäbelt die Frau, von ihrer Tante bekommen, "die es wiederum von einem befreundeten Arzt geerbt hat". Ihr Mann sekundiert, dass die Preziose " Joséphine, der Gemahlin von Napoleon, gehört haben soll. Meine Frau wurde schon öfter gehänselt, als sie ihren Bekannten davon berichtete."

Fuchs zieht eine Grimasse: "Sie werden weiter gehänselt werden." Dann lacht er herzlich und klärt das betreten blickende Paar auf. "Das ist ein Geschenk, das junge Herren jungen Damen machen durften, ohne sie zu kompromittieren. Ein modisches, nichts sagendes, nichts kostendes Teil." Das Ei wird in Großaufnahme gezeigt: Oben ist es mit einem Vogel verziert. "Ich denke, das mit Napoleon kommt wegen dem Vieh da drauf - das ist kein Adler, sondern eine Taube. Die Taube des Heiligen Geistes, der über dem Osterei schwebt." Fuchs drückt auf den Vogel, das Ei öffnet sich, darin befinden sich zwei Parfüm-Flakons. Der Experte datiert den "modischen Zierrat", der nur in Metall gearbeitet und noch nicht einmal echt vergoldet sei, auf 1880 bis 1890 - "da waren schon die Urenkel von Joséphine am Leben".

Woraufhin sich die Sachverständige Wietler tröstend einschaltet. Napoleons Gattin habe immerhin so ähnliche, wenn auch viel edlere Gegenstände besessen und damit eine Mode begründet, die letztlich zur Produktion des schlichten Teils geführt habe.

Dessen Wert taxiert sie auf 150 bis 250 Euro. "Aber freuen tun Sie sich trotzdem! ", befiehlt Fuchs. Der Mann antwortet brav "Jawohl! " und verschwindet mit Frau und Ei aus dem Bild.

Des Krempel-Besitzers Leid ist des Zuschauers Freud. Schadenfreude ist eines der Motive, diese Sendung zu sehen, in der jeder seine echten oder vermeintlichen Kunststücke von Kennern unter die Lupe nehmen lassen kann. Egal, ob Schmuck, Skulpturen, Gemälde, Möbel, Porzellan, Militaria (ohne NS-Zeit) oder neuerdings Design: Für jedes Gebiet gibt es ausgewiesene Fachleute, die das jeweilige Objekt unter die Lupe nehmen. Und - das ist natürlich der Höhepunkt einer jeden Vorstellung - taxieren.

Deshalb schaut gern ein bürgerlich-konservatives Publikum zu, das selbst etwas in der heimischen Vitrine hat, über dessen kunstgeschichtlichen und pekuniären Wert es gern Genaueres wüsste. Außerdem gibt es eine wachsende Zahl Fans, für die Kunst & Krempel Kult ist - nicht zuletzt dank des exaltierten Herrn Fuchs. So bringt es die Sendung, die samstags von 19.45 bis 20.15 Uhr im Bayerischen Fernsehen gegen das Top-Spiel der Fußball-Bundesliga in der Sportschau und die Tagesschau läuft, im Schnitt auf knapp eine Milllion Zuschauer und in Bayern auf einen Marktanteil von elf Prozent.

Das ist bemerkenswert, denn Kunst & Krempel ist ein Bildungsprogramm. Die Experten, allesamt keine Medienprofis und mit echtem Engagement bei der Sache, leiten allerlei Wissenswertes aus den Gegenständen ab. Sie vermitteln wie nebenbei Kunst- und Zeitgeschichte, die sich in kleinen Dingen spiegelt. Der Zuschauer erfährt am Beispiel zweier fröhlicher Barock-Engel "mit schönen kinderspeckigen Wölbungen" etwa, dass diese dem Gläubigen am Altar demonstrieren sollten, welche Gefühle er zu empfinden hatte. Oder über Auguste Viktoria, die Gemahlin von Wilhelm II., dass diese einen Hofbeamtenapparat eigens dafür unterhielt, verdiente Untertanen mit Geschenkbroschen zu beglücken. Der Frau mit Hut, die ein solches Stück besitzt, teilt der Kunsthistoriker Fuchs noch mit, dass die Kaiserin wegen ihrer Nähe zum Klerus als "Kirchen-Guste" bezeichnet wurde was die Dame sichtlich empört.

Immer wieder werden auch Fälschungen, wie mit Ölfarbe übermalte Drucke, entlarvt. Und ab und zu gibt es eine echte Sensation: So tauchte bei Kunst & Krempel das verschollen geglaubte Gemälde "Ansicht vom Rathaus zu Breslau" des Romantikers Eduard Gaertner auf. Es wurde auf 500 000 Euro geschätzt.

Vor allem aber lässt sich an der Sendung das Verhältnis der Menschen zur Kunst studieren. Da gibt es etwa den Typus des Bescheidwissers wie jenen Herrn in Cordsakko und kariertem Hemd, der eine Skulptur der leidenden Mutter Maria mitbringt, die er in den siebziger Jahren in New York erworben hat. Er ist felsenfest überzeugt, dass sie von dem berühmten bayerischen Rokoko-Bildhauer Ignaz Günther stammt. Bis ihn die Experten darüber belehren, dass er keine Skulptur, sondern ein Tonbildwerk besitzt - und Günther nie mit Ton gearbeitet hat. Vermutlich stamme das Stück von Giuseppe Mazza, Terrakotta-Bildner aus Bologna (Wert: 10 000 bis 15 000 Euro).

Sympathischer sind die Naiven und Unbedarften wie jene Frau, die Essen auf Rädern ausfährt und eines Tages von einem Kunden in einer Aldi-Tüte einen Besteckkasten geschenkt bekam. Sie erfährt, dass dies ein "Aussteuerkasten" ist. "Die Suppenkelle verweist ins Österreich der k.u.k.-Zeit", schwärmt die Fachfrau Wietler und schätzt den Wert des großzügigen Geschenks auf 1500 bis 2000 Euro.

In der Sendung tritt eine Spezies auf, die im TV sonst eher selten gefragt wird: echte Fachleute

Kunst & Krempel ist selbst ein Schatzkästlein, eine TV-Antiquität. Die Macher vertrauen ganz auf den Inhalt; es gibt kein Casting, keine Moderatoren oder Prominenten, keine optischen Mätzchen, hektischen Kamerafahrten und schnellen Schnitte. Stattdessen lange, ruhige Einstellungen. Die Gäste - die nie mit Namen vorgestellt werden, um sie vor Dieben zu schützen - dürfen ausreden. Den Experten kann man beim Denken zusehen; sie nehmen die Kunst und den Krempel erst kurz vor der Aufzeichnung rasch in Augenschein. Und sie unterscheiden sich durch wirkliches Wissen wohltuend von all den Pseudo-Experten, die sonst ihr Unwesen im Fernsehen treiben.

"Wir sind alle Fachidioten", sagt Franziska Dessauer lachend. In der Sendung ist die Münchener Sachverständige unter anderem für Uhren und historisches Spielzeug zuständig. Ihr und ihren Kollegen macht der Job sichtlich Spaß. Beiläufig erzählt sie, dass sie bei der Kunstmesse Salzburg jüngst "von einem entzückenden Mädchen mit der Bemerkung angesprochen wurde: , Sie sind übrigens schuld, dass ich Kunstgeschichte studiert habe'". Die junge Frau habe Kunst & Krempel immer mit der geliebten Großtante geschaut und Feuer gefangen. "So beeinflussen wir tatsächlich Leben! "

Der Redaktionsleiter Ronald Köhler freut sich über eine der erfolgreichsten Sendungen des Bayerischen Fernsehens (Vorbild ist die seit 1977 ausgestrahlte Antiques Roadshow der BBC), die er behutsam pflegt. "Wir haben die Sendung nur in homöopathischen Dosen verändert." Die dramatischste Neuerung ist die Aufnahme des Themengebiets Design, das neue Zuschauerkreise erschließen soll. Nun werden also auch moderne Objekte präsentiert, die das stockkonservative Stammpublikum für fragwürdig, wenn nicht gar für Schund hält. Auf die Einschaltquote hat es sich nicht negativ ausgewirkt.

Apropos Schund: Angesichts mancher Objekte, die von ihren stolzen Besitzern vorgeführt werden, sei, so Köhler, auch therapeutisches Feingefühl gefragt. Der Schlüsselsatz laute in solchen Fällen: "Ein sehr dekoratives Stück! " -

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