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Die Magie der kleinen Dinge

Ein Maler sucht vergeblich nach günstigen Farben, Pinseln, Leinwänden. Gründet eine Firma. Und hört auf, Maler zu sein. Ein Künstler aber ist Wolfgang Boesner geblieben.




- Kürzlich hat Wolfgang Boesner wieder einen Kundenbrief verfasst. Immer wenn ein neuer Prospekt mit aktuellen Angeboten erscheint, schreibt Boesner auf, was ihn bewegt, interessiert, was ihm aufgefallen ist. Zum Beispiel, wie sich der Kunstmarkt verändert hat. Warum Kunst helfen kann, Krisen zu überwinden. Oder wie sich der Sommer auf die Kreativität von Künstlern auswirkt ("Sie schwimmen dann geradezu in einem Meer voller Ideen und Tatendrang"). Diesmal ging es um Hirnforschung.

"Gehirnforscher", beginnt Boesner, "wollen herausgefunden haben, dass auf den Menschen jede Sekunde viele Millionen Sinnesreize niederprasseln, selbst dann, wenn er abends dösend auf dem Sofa sitzt." Natürlich könne der Mensch davon nur wenig bewusst wahrnehmen oder verarbeiten. Weshalb der Großteil ins Unbewusste gelange. Und jetzt kommt es: Manchmal, so zitiert Boesner den US-amerikanischen Forscher Milton Fisher, "dringt aus dem verborgenen Erfahrungs- und Wissensschatz ein kleiner Fetzen ins Bewusstsein, dann haben wir eine Intuition". Wer als Künstler, so Boesners Fazit, "die Stimme der Intuition wahrnimmt, ... befördert vielleicht ... reines Gold zutage".

Mitte Oktober im Muttental. Boesner sitzt im Erdgeschoss der Boesner GmbH Holding + Innovations, Gewerkenstraße 2, Witten-Herbede. Es ist ein grauer Ziegelbau, drei Stockwerke, zwischen der Brill Gartengeräte GmbH und Holzland Wischmann. Nicht was man erwartet bei einem Unternehmen, das europaweit führend ist im Handel mit professionellem Künstlerbedarf, das geschätzt 100 Millionen Euro umsetzt mit 35 Niederlassungen in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz. Boesners Katalog umfasst zirka 26 000 Artikel auf mehr als 1600 Seiten. Der angeschlossene Verlag Ars Momentum verlegt unter anderem die Zeitschrift "Kunst & Material", zudem Kalender, Bücher, Ratgeber; "Die Mappe" etwa ist ein Kompendium der besten Bewerbungen an Kunstschulen. Dazu kommen Workshops und Vorträge für Künstler. Boesner, der Kaufmann, nennt Boesner, die Firma, einen "Ort zwischen Idee und Kunst".

Wenn etwa ein Maler eine Intuition verspürt und deshalb umgehend 20 Tuben Titan-Deckweiß von Mussini braucht oder Softpastelle von Sennelier, beispielsweise Vandyckviolett Nummer 405 - er fährt zu Boesner. Wenn ein Bildhauer seine Treibkeilgarnitur von Rodin oder seinen Hundsbeinmeißel zerschlissen hat, die Atelierstaffelei ersetzt werden muss, die Keilrahmen aus sind, das Zeichenpapier aufgebraucht ist, wenn die Intuition nach Bimsmörtel verlangt, nach Quarzsand, Strukturpaste, Siliconkautschuk, Ton, Keramik, Gel, Kleber, Klebeband - Boesner hat es. Natürlich auch die HSL-Profi-GS-Töpferscheibe für 1106,70 Euro inklusive Mehrwertsteuer.

Martina Kalbe, Mitglied der Geschäftsleitung, schätzt, dass von 40 000 professionellen bildenden Künstlern in Deutschland 90 Prozent bei Boesner einkaufen. Gerhard Richter etwa lässt in Köln shoppen, Neo Rauch kommt oft persönlich in die Spinnereistraße 7 in Leipzig, sein Atelier ist gleich gegenüber; und Jonathan Meese ging für einen Fernsehfilm eigens in Berlin zu Boesner. Kunstvereine und Schulen besorgen sich Tuschkästen, Pinsel, Papier. Therapeutische Einrichtungen brauchen Knetmasse und Malstifte. Galerien brauchen Rahmen. Zu Boesners Kunden gehören aber auch Grafiker, Designer, Architekten, Kunsthandwerker, Schriftsteller, Bühnenbildner, Gold- und Silberschmiede. Semiprofessionelle und Hobbykünstler sowieso. In jedem, hat Joseph Beuys mal sinngemäß gesagt, stecke ein Künstler. 2008 registrierte Boesner eine Million Kunden.

Wolfgang Boesner, randlose Brille, kurz gestutzter Vollbart, trägt ein Glencheckjackett in beruhigenden Brauntönen. Das Hemd bis zum obersten Knopf geschlossen, keine Krawatte. Typ zurückhaltender Mann, beinahe schüchtern. "Ich war", sagt Boesner, "ein introvertiertes Kind, bin am Bodensee aufgewachsen und habe die Natur dort intensiv wahrgenommen." Mit sieben fängt das Kind an zu malen, bis zum 18. Lebensjahr entstehen mehrere Tausend Bilder. Der Vater hat inzwischen in Bochum eine Vertretung für Elektroprodukte von Bosch. Boesner studiert Betriebswirtschaft, wird Diplomökonom; er beginnt ein Studium in Philosophie und Theologie, das er nicht abschließt. Stattdessen steigt er im Geschäft des Vaters ein, wird Verkaufsleiter. Rück blickend sagt Boesner: "Mir war sehr schnell bewusst, das ist nicht meine Welt, ich muss da raus."

Eine gute Idee, ein sorgfältiger Chef. Aber reicht das, um den Erfolg zu erklären?

Die Entscheidung fällt 1981. Boesner sagt: "Ich wusste, ich kann malen, ich kann mich durchsetzen, ich brauche nicht viel Geld zum Leben." Er mietet ein Studio, malt, lebt, wie er sagt, "am Existenzminimum". Umso ärgerlicher, dass es nicht nur eine logistische Herausforderung ist, Farben, Pinsel, Leinwände zu besorgen, sondern dass die Ware im Malerfachgeschäft oder Bastelladen teuer ist. Boesner fühlt sich in seiner künstlerischen Entwicklung behindert und denkt: "Es müsste eine Institution geben, alles in einem Haus zu fairen Preisen." Irgendwann trifft er auf einen Serienmaler, der aufgrund seines Materialverbrauchs günstige Einkaufsquellen kennt. Boesner spricht Künstler im Ruhrgebiet an, ob sie an Lieferungen interessiert wären; wenig später versorgt er 20.

Schöne Geschichte. Ein Mann hat eine Idee. Richtige Idee, richtiger Zeitpunkt. Die Idee füllt eine Nische, schließt die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot. Der Mann malt nun nicht mehr, er macht Runden durch die Ateliers, holt sich Tipps, Anregungen und Kontakte, werkelt nonstop. Er lässt sich nicht unterkriegen, als die Lieferanten ihn boykottieren wollen, weil er zunächst mit teilweise geringem Aufschlag weiterverkauft. "Es hieß, der macht die Preise kaputt, der muss weg." Doch Boesner geht nicht weg. Die Mengen, die er bestellt, werden immer größer. Die Lieferanten knicken ein. Jetzt ist Boesner im Geschäft. 1985 wird in Witten die erste Niederlassung eröffnet, 900 Quadrat meter Verkaufsfläche, damals der größte Laden dieser Art im Ruhrgebiet. 1986 holt er seinen Bruder Klaus ins Unternehmen, der sich später um EDV und Finanzen kümmert. 1987 öffnet in Köln die nächste Niederlassung. Forstinning bei München, Unterentfelden bei Zürich und Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart folgen.

Es ist aber nicht nur die Idee, die aus Boesner ein Millionengeschäft werden ließ. Es sind nicht nur der Fleiß, die Vision, das Engagement. Zum Gespräch hat Boesner einen Schnellhefter zusammengestellt. Auf fünf Seiten sind Daten, Fakten, Quellenangaben vermerkt, Kernsätze vorformuliert, Unternehmensziele vermerkt. Geduldig arbeitet er die Gliederung durch. Einmal hat der "Rheinische Merkur" angerufen, es ging um einen kleinen Artikel, keine hundert Zeilen. Das Telefonat dauerte zwei Stunden. Aber den großen Unterschied macht etwas ganz anderes. Boesner sagt, seine ursprüngliche Intention war nicht, Geld zu verdienen, sondern "solidarisch zu sein mit den Künstlern, ihnen zu helfen".

Künstler, Künstler, Künstler. Kaum ein Satz, in dem Boesner nicht von ihnen schwärmt. Es sind so viele Geschichten. Wie er dem damals schon legendären Emil Schumacher begegnete, der zu seinen ersten Kunden gehörte. Wie er Kunstwerke als Bezahlung annahm, wenn die Klientel klamm war. Im Katalog sind Arbeiten von bildenden Künstlern abgebildet, sie werden mit Porträtfotos und Zitaten präsentiert. Der Katalog ist keine simple Warenübersicht, er ist eine Huldigung, aufwendig fotografiert, angereichert mit Aufsätzen über Wert und Bedeutung eines Kunstwerkes oder eine poetische Einweisung in die Sinnlichkeit von Spachtelmasse. "Die Mystik des Sakralen", sagt der Aktionskünstler Hermann Nitsch in der aktuellen Ausgabe 2009/2010, "ist in allem und jedem und überall zu finden."

Mit Boesner und Kalbe im Wittener Laden. Martina Kalbe erzählt von ihrem Kunstgeschichtsstudium, wie sie mehr durch Zufall zu Boesner kam, in der Rahmenabteilung angefangen habe.

Sie erzählt, dass sich oft Künstler um einen Job bewerben würden, natürlich weil sie Geld bräuchten, aber immer auch, weil sie sich gern in den Läden aufhielten. Boesner streichelt unterdessen handgeschöpftes Papier im Regal. Baumwolle. Sie haben auch eines aus Seidelbast. Boesner: "Das ist in sich schon fast ein Kunstwerk." Demnächst wollen sie ein Papier aus Nepal probieren. Kalbe sagt: "Das ist ja durchaus eine kreative Geschichte hier, wir diskutieren Produkte, wir probieren, wir verwerfen, das macht den Reiz aus." Boesner deutet auf die Zeichenblöcke. "Wir haben die Einbände gestalten lassen, vorher waren die undekoriert, nicht schön." Bei den Specksteinen: "Poliert sieht er aus wie ein Edelstein, man sieht auf den ersten Blick gar nicht, was in dem Stein steckt."

Vorbei an den Aquarellfarben und Buntstiften zu einem Stand, der Repros von Fotografien auf Leinwänden anbietet. Boesner plaudert mit dem Kundenberater. In der Buchabteilung steht Era Freidzon, die Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie für Ars Momentum illustriert hat. Boesner plaudert mit ihr. Kalbe spricht währenddessen von Leidenschaft: "Die Menschen, die hier arbeiten, lieben, was sie tun." Schließlich im Café: An einem Tisch an der Wand sitzt eine Frau neben ihren Einkäufen. Boesner grüßt, das Gesicht kommt ihm bekannt vor. Eine Künstlerin. Man setzt sich dazu, bestellt Kaffee und Kuchen. Und schon ist Boesner in ein Gespräch über Malerei verstrickt. Das sind die Momente, in denen er wieder sein Büro vergisst und schon mal anhand eines Kaffeelöffels einen Diskurs über das Wesen der Kunst beginnt. Er fragt, ob er Arbeiten von ihr sehen könne. Die Künstlerin sagt, sie habe einen Ausstellungs katalog im Auto.

Andrea Behn wohnt und arbeitet in Witten-Herdecke, 20 Minuten mit dem Auto entfernt. Sie erinnert sich noch genau an ihren ersten Einkauf bei Boesner. Ein befreundeter Kollege hatte sie auf das Geschäft aufmerksam gemacht. Bis dahin malte sie mit Dispersionsfarben aus dem Baumarkt. Behn erinnert sich, wie Boesner hinter dem Verkaufstresen stand. Für jeden ein offenes Ohr. Stets freundlich, immer interessiert. Sie kaufte damals zum ersten Mal Acrylfarben von Lascaux aus der Schweiz. Bis heute ist sie dabei geblieben, bis heute sind Einkäufe bei Boesner kleine Feiertage. "Ich muss mich stets disziplinieren, nicht zu viel Geld auszugeben." Behns Schwäche sind Pinsel, etwa von Da Vinci, die sie oft nur kauft, um sie während der Arbeit im Atelier zu streicheln. Und wer Boesners Katalog gelesen hat, kann das schon verstehen. Für die teuersten Exemplare werden die ebenso feinen wie elastischen Haare des russischen Kolinsky-Rotmarders verarbeitet. Haar von Kolinsky-Rotmardern kostet mehr als Gold.

"Wir verkaufen keine Schrauben", sagt Michael Harnacke, "wir verkaufen einfach tolle Materialien, was Schöneres kann es nicht geben." Harnacke ist Geschäftsführer in Berlin-Marien felde. Der Weg zu seinem Büro führt durch eine hohe Halle, vorbei an Regalen und vollgepackten Paletten. Etwa 7500 Quadratmeter hat der Laden inklusive Werkstatt. Es muss wohl 1998 gewesen sein, Harnacke war 28, hatte eine kaufmännische Lehre in Witten hinter sich und erfahren, dass die vorgesehene Leiterin für die Berliner Dependance abgesprungen war. "Da bin ich abends noch rein zu Wolfgang und sagte, das würde mich interessieren." Die Wände in seinem Büro weißelte sein Vater, den Schreibtisch von Ikea baute er selbst zusammen und arbeitete anfangs sieben Tage die Woche, mitunter 90, 100 Stunden: "Ich habe sogar die Halle gekehrt."

So viel Engagement hat seinen Grund. Harnacke ist wie die meisten Niederlassungsleiter am Unternehmen beteiligt. Die Boesner GmbH Holding + Innovations hält in solchen Fällen 60 bis 70 Prozent der Anteile an einer Niederlassung. Witten bestimmt das Sortiment, kümmert sich um den Katalog, Marketing, Preiskalkulation, Artikelstammpflege und Expansion. Harnacke sagt: "Wir haben 99 Prozent aller Artikel aus dem Katalog auch im Laden, doch jede Niederlassung hat noch mal 5000 bis 8000 zusätzliche Artikel." Weshalb jeder Boesner eine persönliche Note hat. Frankfurt ist bekannt für seine Auswahl an Farben; Freiburg für seine Kompetenz bei Dru cken und Radierungen. "Mein Thema", so Harnacke, "sind Rahmen." 1200 Leisten hat er in Berlin-Marienfelde auf Lager, die Entwicklung der exklusiv für Boesner gefertigten Rahmen Uno, Duo und Edition geht auf ihn zurück; wie im Übrigen Innovationen des Sortiments meist aus den Niederlassungen kommen.

Inzwischen ist der deutsche Markt gut abgedeckt. Und was kommt jetzt?

Wer am Unternehmen beteiligt sei, glaubt Boesner, schaue nicht auf die Uhr, sei flexibel, motiviert und garantiere Stabilität. Und: "Uns kann in Zukunft wenig passieren, weil die Dynamik und die Verantwortung auf viele Schultern verteilt ist." Anders hätte Boesner seine dramatische Expansion seit 2000 wohl kaum umsetzen können. Vor neun Jahren hatten sie gerade mal acht Niederlassungen und 350 000 Kunden. "Nun", sagt Boesner, "ist der Markt in Deutschland gut abgedeckt." Harnacke: "Wir müssen jetzt anders fragen, wenn es weitergehen soll: Warum kennen uns außer den Profikünstlern noch so wenige Leute?" Berlin ist insofern Versuchsgelände. Die Niederlassung in Marienfelde folgt der klassischen Strategie: dezentraler, mit dem Auto bequem erreich barer Standort, weltweiter Einkauf, kompetente Beratung. Harnacke leitet aber auch zwei Niederlassungen im Stadtzentrum; eine im Prenzlauer Berg, eine in Charlottenburg. Das Kalkül: Boesner kommt näher zum Kunden, zur Hausfrau, zur Mutter, zur Laufkundschaft. Harnacke: "Wenn auf die etwas von unserer Idee überspringt, entsteht weiteres Wachstum von allein."

Wolfgang Boesner wird diese Entwicklung künftig etwas distanzierter begleiten. Er hat sich vor einigen Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, wie zuvor sein Bruder Klaus. Er ist wieder da, wo er angefangen hat. Wenn auch ungleich vermögender. Boesner hat sich in der Eifel ein Atelier gebaut, wo er wieder malen will. Als er jung war, ging es ihm mit seinen Bildern darum, "die Entwicklungsgeschichte der Erde einzufangen, den Moment, in dem sich das Ungeor dnete ordnet". Inzwischen sei er "freier geworden, das ist jetzt eine informelle, abstrakte Malerei, heute sind es eher Themen wie Existenz, Natur, Glück und die Magie der kleinen Dinge, die mich bewegen".

Wenn es nach Boesner geht, dann ist das ein Bedürfnis, das uns alle bewegt. "Wir stehen vor einer großen neuen Ära der Kunst, die uns alle betrifft. In unserer rezeptiven Denk-und Lebensweise konsumieren wir nur noch, wir nehmen nicht mehr teil, sind nicht mehr schöpferisch tätig, sondern nur noch Zuschauer. Wir atmen ein, ein, ein, aber nicht mehr aus." Dem Künstlerkalender 2009 hat er ein Zitat des Schweizer Malers und Bildhauers Jean Tinguely vorangestellt: "Atmet tief, lebt im Jetzt, lebt auf und in der Zeit. Für eine schöne und absolute Wirklichkeit."

Nur zu, jeder ist Künstler. Boesner, das Unternehmen, hilft. Und sei es nur mit seinem sogenannten Ateliertee Pai Mu Tan, laut Etikett mit "zart blumigem Aroma. Für Interaktion, Inspiration und sprudelnde Kreativität." -