Das System New York

Leo König ist ein Außenseiter in der Kunstszene von Manhattan - allein schon, weil er über sie geredet hat. Ob er dennoch dazugehört? Wer weiß das schon, in einer Welt, die von Mysterien lebt.




- Dienstag, 27. Oktober. Leo Koenig Inc., 545 West, 23rd Street, New York. Im hinteren Raum werden die Wände gestrichen, vorn stehen aufgeschnittene Pappkartons. Die Bilder für Nicole Eisenmans Ausstellung sind da. Zu denen, die bereits ausgepackt sind, gehört das Gemälde "The Triumph of Poverty". Wobei Eisenman den Triumph der Armut vor einem amerikanischen Durchschnittseigenheim illustriert. Im Vordergrund ein ramponiertes Auto, in dem eine nackte, entstellte Frau sitzt, ihr Körper ist bedeckt mit Flicken; flankiert wird sie von einem gelbgesichtigen Alten mit heruntergelassenen Hosen, einem Rattenfänger, einem Mann mit nach außen gestülpten leeren Taschen, einem schwarzen Kind mit Hungerbauch.

Leo König, 32, steht und schaut. Er trägt ein maßgeschneidertes helles Hemd, eine beigefarbene, ebenfalls maßgeschneiderte Hose, feiner Stoff, karamellfarbene Schuhe. Er ist ein großer, schlanker Mann mit einem für sein Alter jungenhaften Gesicht. "Faszinierend", sagt König, "wie sie total in ihrer Psyche vertieft ist." Sie, Eisenman, die in New York eine passable Fangemeinde hat, ist Königs wohl renommierteste Künstlerin. Kritiker beschei nigen ihr Witz und "visuelle Eloquenz". Diesmal verbreiten die Arbeiten auch eine Aura von Elend, Rat- und Sprachlosigkeit. Beklemmend die Düsternis auf zwei Gemälden, die Menschen in einem Gartenlokal zeigen. Es ist Abend, Lichterschlangen an den Bäumen, Düsternis in den Gesichtern. König sagt: "Man ahnt das Unheil." Gesellschaft im Gartenlokal, das gab es schon mal. War das nicht Manet? "Renoir", ruft die Assistentin hinter dem Tresen, "La Moulin de la Galette, Musée d'Orsay."

Mäandern zwischen Kunst. Philosophieren über Kunst. König mag das. Inzwischen jongliert er mit Namen. Dieses Bild für einen Sammler. Dieses für einen anderen guten Kunden. Dieses für ein Museum. König erzählt, die Hälfte sei schon verkauft, was etwa 200 000 Dollar einbringen wird. Nicht, dass er jetzt nervös werden würde. Vater Kaspar, einer von Europas wichtigsten Ausstellungsmachern, ist Direktor des Museum Ludwig in Köln. Mutter Ilka ist Kunstbuchhändlerin. Onkel Walther ist Kunstbuchverleger. Mit Kunst und Künstlern ist Leo König groß geworden. Er sah zu, wie A. R. Penck bei ihnen daheim auf dem Klavier herumhämmerte, mit Georg Baselitz fing er Aale, und wenn sie im Wohnzimmer Fußball spielten, markierte schon mal eine Arbeit von Gerhard Richter das Tor. Als König mit 20 Jahren nach New York ging, vermittelte ihm sein Vater Praktika bei renommierten Galeristen. "Der Kaspar", sagt König, "wird am Freitag auch da sein." Am Freitag ist Vernissage. König sagt: "Der Abend wird super."

New York gilt als Metropole des internationalen Kunstge schäftes. Nirgendwo sonst wurde nach dem Zweiten Weltkrieg so viel Kunstgeschichte geschrieben. Immer noch gilt: Wer in dieser Branche eine Rolle spielen will, muss sich an New York orientieren. Erst recht, wer Kunst kaufen will. Das liegt nicht zuletzt an den Auktionshäusern Sotheby's und Christie's, die vor fast 30 Jahren die Kunst entmystifizierten und vom Dünkel der Bourgeoisie befreiten. Das erweiterte ihre Käuferschicht. Und spätestens als New Economy, Internet-Boom und Globalisierung Milliarden von Dollar in die Wall Street schwemmten, wurde Kunst zum sozialen Event, zum Bestandteil von Party- und Konsumkultur. Judith Ben-hamou-Huet schreibt in ihrem Buch "The Worth of Art": "Auf dem modernen Kunstmarkt ist Platz für jeden, für jeden Stil, jede Sensibilität, Nationalität, vorausgesetzt, sie kann mit Geld untermauert werden." Oder wie Ben Hunter sagt: "Eine Symbiose aus Geld, Ego und Glamour - nichts passt besser zu New York."

Er sitzt an der Bar des Restaurants Cookshop, nicht weit von Königs Galerie. Er trägt Anzug und Krawatte, "ein geschäftlicher Termin", entschuldigt er sich, er habe die Kundin zum ersten Mal getroffen. Hunter war in Westchester, nördlich von New York. Wo die Reichen wohnen. Die Kundin ist mit einem Investmentbanker verheiratet, hat vier kleine Kinder, ein 2500 Quadratmeter großes Haus und "viele leere Wände". Hunter hat schon im College angefangen, Kunst zu sammeln, er hat über Kunst geschrieben, er kennt sich aus. Jetzt lebt er davon. "Mal ehrlich, wer sich nicht auskennt, für den kann der Markt schon einschüchternd sein." Wo kaufen? Messe oder Galerie? Was kaufen? Klassische Moderne, zeitgenössische Werke oder doch gleich Fotografie? Eine mittelmäßige Arbeit von einem renommierten Künstler oder eine sehr gute Arbeit von einem unbekannten Künstler?

Egal, wie die Antworten ausfallen, an New Yorks Galeristen kommen Leute wie Hunter nicht vorbei. Galeristen sind die vielleicht wichtigste Säule des Kunstgeschäftes. Sie sind Mittler zwischen Künstler und Käufer, gewissermaßen die Türsteher der Branche. Nur ein Künstler, der eine Plattform erhält, hat - mit wenigen Ausnahmen - eine Chance, ins Blickfeld der Kritiker zu geraten, der Kuratoren von öffentlichen, privaten Museen oder großen Sammlungen. Deren Expertise wiederum beeinflusst die Reputation des Künstlers, den Wert seiner Arbeiten und die Nachfrage. "Sagen wir mal so", sagt Hunter, "das ist die Theorie. In der Praxis weiß keiner, wer genau was macht, es ist eine Art Aktienmarkt, allerdings nicht reguliert." Zumindest eines weiß jeder: Kunsthändler nehmen von ihren Künstlern 50 Prozent.

Fragt man Leo König, warum er geworden ist, was er ist, sagt er: "Mit Kunsthandel hatte meine Familie nie etwas zu tun, das war unbespieltes Pflaster. Vielmehr hat der Kaspar eher keine hohe Meinung von ihm." König sagt, er sei da 1998 irgendwie reingerutscht. Er war 21, wohnte in Brooklyn. Eines Abends trank er dort mit einem litauischen Künstler, man freundete sich an. Als er erzählte, er würde gern ein Restaurant eröffnen, sagte der Litauer: "Besser eine Galerie." König mietete eine Garage um die Ecke in Williamsburg. Die erste Ausstellung, eine Installation des Litauers, transportierten sie in Plastiktüten mit dem Fahrrad.

Jeder in der Szene kennt die Geschichte, sie wurde hundertfach erzählt, dutzendfach publiziert. Das Magazin "Talk" ernannte ihn schon 1998 zum "neuen König der Kunstwelt", Sammler kürten ihn zum legitimen Nachfolger von Leo Castelli. Keiner kapierte zwar so genau warum, aber er bekam jede Menge Aufmerksamkeit. Erst recht, nachdem das Magazin "The New Yorker" im Oktober 2005 ein zehnseitiges Epos über ihn brachte. Titel: "Salesman."

Der Artikel schlug ein wie eine Bombe. Denn König plau derte darin freimütig über die Branche und ihre Eigenheiten. Ein Händler, erfuhr der Leser, verkaufe selbstverständlich nicht an jeden Interessenten; nicht jede Arbeit und auch nicht an den, der zuerst komme. Ein Händler versuche vielmehr, die Arbeiten seiner Künstler möglichst geschickt auf Käufer zu verteilen, die dem Ruf des Künstlers und der Galerie nutzen. Nur Reputation bringt Geld. Ein Rabatt für einen angesehenen Sammler, ein Geschenk an ein berühmtes Museum ist profitabler als ein Verkauf zu überzogenen Preisen an einen Laien, der die Arbeit womöglich vier Wochen später wieder verscherbelt. Und das wären nur ein paar Regeln des sogenannten Primary Market, dem Geschäft mit Künstlern, die an die Galerie gebunden sind.

Chelsea ist das künstlerische Herz: Nur wer hier seine Galerie hat, gehört dazu

Interessanterweise hat dieser Markt bei den meisten Galerien längst nicht mehr Priorität. Es ist der sogenannte Secondary Market, auf dem die großen Summen bewegt werden. Dort ist alles möglich: Käufe und Verkäufe von Kunstwerken, egal, woher sie kommen, am Künstler, am Galeristen vorbei, Dreiecksgeschäfte, Vermittlungen zwischen Interessenten. Es ist ein Dschungel, geprägt von Tricks und üppigen Gewinnmargen. In "Salesman" erzählt König von einem millionenschweren Coup mit einem Sammler namens Andrew Hall. König: "Ganz Chelsea beschwerte sich: 'Wie kannst du das nur erzählen!'"

Chelsea war einmal ein Industrieviertel. Es liegt am östlichen Ufer des Hudson River. In den vergangenen zwei Jahrzehnten entstand dort die potenteste Quadratmeile des internationalen Kunstmarktes. Straßenweise fulminante Glasfronten, die Räume dahinter so hoch wie Kathedralen, Wände weißer als weiß. Dort residiert die Aristokratie des Geschäfts. Barbara Gladstone. Marian Goodman. Matthew Marks. David Zwirner. Marianne Boesky. Dort hängt und steht zum Verkauf, was Rang und Preis hat. Dort stauen sich bei Vernissagen die Limousinen, drängen sich die Passanten. Im Mittelpunkt des Trubels ein Name: Gagosian. Larry Gagosian ist einer der berühmtesten Kunsthändler der Welt. Er hat sie alle. Die Lebenden: Koons, Hirst, Ruscha, Serra, Twombly. Die Toten: Bacon, Basquiat, Hopper, Picasso, Warhol. "Art Review" wählte ihn kürzlich zum fünftwichtigsten Menschen der Kunstwelt; er unterhält zehn Galerien in Asien, Europa und den USA, darunter drei in New York, seine jährlichen Umsätze werden auf mehrere Hundert Millionen Dollar geschätzt.

Neulich hat die "New York Times" wieder über ihn berichtet. Der erste Satz: "Bei einer Vernissage ... vor ein paar Wochen trug Larry Gagosian einen dunklen Anzug und einen Ausdruck im Gesicht, der sagte: 'Keine Fragen'." Das passt zu dem Mann, der seit fast zehn Jahren kein Interview mehr gegeben hat. Es passt aber auch zum New Yorker Kunstmarkt, zu dem neben Narzissmus und mitunter Größenwahn auch Geheimniskrämerei gehören. Der Autor der "New York Times" berichtet, schon beim Namen Gagosian legten die Angerufenen wieder auf. Für die Recherche zu diesem Text blieben Anfragen an die Kunsthändler Gladstone, Marks und Zwirner sowie das Museum P.S.1 unbeantwortet. Auch keine Rückmeldung der Kunstkritikerin Roberta Smith von der "New York Times". Der Autor des Textes über König im "New Yorker" teilte mit, er habe von der Branche leider keine Ahnung. Die PR-Chefin des Museum of Modern Art (MoMA) sagte am Telefon: "Wir haben mit dem Kunstmarkt nichts zu tun."

Nun ist das New Yorker Kunstgeschäft aber auch durchdrungen von Neid, Spott und übler Nachrede. Weshalb gerade über Larry Gagosian allerlei Gerüchte kursieren. Man munkelt, der Mann mit dem markanten Silberschopf, der als Posterverkäufer in Los Angeles angefangen hat, werbe Künstler mit obszönen Apanagen ab; er lasse bei Auktionen die Werke seiner Künstler kaufen, um die Preise zu manipulieren; er bezahle Museen für Retrospektiven seiner Künstler, um ihren Marktwert zu steigern; er sei kaltherzig, obsessiv und respektlos.

Angeblich macht Gagosian, wenn er Sammler in ihren Wohnungen besucht, Polaroids von ihren Kunstwerken. Mit diesen Fotos, heißt es, gehe er zu potenziellen Käufern, um deren Angebote einzuholen. Gagosians Credo laute: Alles ist käuflich. Alles ist verkäuflich. Alles ist eine Frage des Preises. Der Galerist David Zwirner erzählte der "Times", er habe praktisch jede erdenkliche Geschichte über Gagosian gehört: "Das FBI ist hinter ihm her; er hat 200 Millionen Dollar Schulden; seine Firma muss dichtmachen; er wird von russischen Mobstern erschossen." Zwirner wollte nicht ausschließen, dass Gagosian diese Gerüchte selbst in Umlauf gebracht hat.

Louise Neri hat das auch gelesen. Sie sagt jetzt erst mal nichts dazu. Neri, groß, schlank, schwarz gekleidet, ist eine der Direktorinnen bei Gagosian. Sie ist in Neuseeland geboren; Vater Inder, Mutter Britin. Für ihre Odyssee durch die Kunstwelt und wie sie nach New York kam ist an dieser Stelle nicht ausreichend Platz. Jedenfalls kann sie so kenntnisreich und dauerhaft referieren, dass der Besucher kaum eine Frage los wird. Neri hält die Galeristen in Chelsea, inklusive ihres Chefs, für die "wahren Philanthropen der Kunstwelt". 110 000 Besucher bei Gagosians Picasso-Ausstellung.

Wo außer bei Gagosian habe man zuletzt eine Warhol-Retrospektive gesehen? Sie seien schneller als jedes Museum. Experten sagten, auch besser. Und das für freien Eintritt, während das MoMA 20 Dollar nehme. Neri sagt: "Larry ist eben ein besonderer Charakter, er hat ein phänomenales Auge." Dass Gagosian mit seinen Methoden die Branche revolutionierte und deren Umsatz hochtrieb, bestreiten nicht einmal seine Feinde. Aber ist er letztlich, wie ein New Yorker Kunstkritiker sagte, nicht doch "ein Hai, eine Fressmaschine"?"

"Es ist eine Wunschvorstellung", sagt Josephine Meckseper, "dass der Kunstmarkt humaner sei oder sich an Idealen orientieren würde." Warum sollte ausgerechnet diese Branche nicht kapitalistisch funktionieren?, fragt Meckseper, deren Schwarz-Weiß-Bilder und kühl konzipierte Installationen rund um die Welt ausgestellt werden. Wenngleich ihre Persiflagen auf die amerikanische Politik und Konsumsucht eher in Museen Platz finden als in Galerien. "Der New Yorker Markt ist klein", so Meckseper, "umso härter ist der Konkurrenzkampf." Und er steht unter Druck.

Vor zehn Jahren, erzählt Neri, habe es weltweit zehn Biennalen gegeben, heute seien es 110. Überall boomen die Kunstmessen. Inzwischen gilt auch Berlin als Sehnsuchtsort für Künstler aus aller Welt. New Yorks Vormachtstellung war schon stabiler. Als Folge der Finanzkrise ist das Geschäft im Sommer dramatisch zurückgegangen. Auktionshäuser erzielten nur noch die Hälfte der Umsätze aus den Vorjahren. Galerien mussten Angestellte entlassen, Künstler ziehen lassen. "Jeder", schreibt die "New York Times", "ist verwundbar.

"Deshalb müsste man sich eigentlich Sorgen machen um Leo König. Er hat überwiegend mit jungen, noch nicht oder erst wenig etablierten Künstlern gearbeitet. Er hat mit ihnen gelebt, gefeiert, getrunken, was seinem Ansehen nicht immer gutgetan hat. Er sagt, seine wilde Zeit sei längst vorbei, er bestreite jetzt Triathlon-Wettkämpfe. Doch die Auswahl seiner Künstler folgt immer noch keinem nachvollziehbaren kaufmännischen Kalkül. So wie bei der Malerin Kelli Williams, einer kleinen Frau, die früher Bankangestellte war und mit zinnoberrot gefärbten Haaren vor einem steht.

Ein eisiger Wind pfeift durch die Straßen von Ditmas Park, einer Gegend in Brooklyn, in der keine Reichen wohnen und man lange läuft auf der Suche nach einem Café. Williams bestellt eine Cola, sagt ungefragt: "Ich bin ein bisschen daneben." Bevor sie König traf, hatte sie in fünf Jahren sechs Bilder gemalt und nie eines verkauft. Ihre kleinformatigen Gemälde weisen verstörende, sexistische bis pornografische Details auf. König findet sie "phänomenal" und zahlt ihr ein monatliches Fixum. Obwohl er nicht weiß, wie es mit ihr weitergeht, nicht einmal, wie viele Werke sie produziert; obwohl er anderweitig mehr Geld machen könnte.

Also, der Hall-Deal, über den sich alle in Chelsea aufregten. Es geht um den Maler Georg Baselitz, seine Sammlung zeitgenössischer deutscher Werke und sein Schloss in Derneburg in Niedersachen. Wie gesagt, König kennt Baselitz von Kindesbeinen an. Irgendwann erfährt König, dass Baselitz seine Sammlung, 120 Werke (König: "Darunter mindestens vier, fünf absolute Meisterwerke") verkaufen will. Zu dieser Zeit trifft er auf Andrew Hall, einen Briten, Chef einer Firma, die mit Rohstoffen handelt. Öl, Gas. Hall sammelt deutsche Maler, liebt Penck, Baselitz. Kurzum, König verkauft ihm erst einige Pencks und arrangiert dann einen Besuch in Derneburg. Hall kauft die Sammlung. Hall kauft später das Schloss, das nun zum Museum umgebaut wird. Was Hall bezahlte, was König verdiente, weiß bis heute keiner. Auch nicht Larry Gagosian, Baselitz' US-Galerist, der nicht involviert war. Hall sagte einmal zu König: "Ich weiß nicht, ob ich der größte Idiot bin oder du der größte Salesman von New York."

Gute Frage. Aber vielleicht ist das System König nur deshalb so schwer zu verstehen, weil es nicht marktkonform ist, inklusive Königs Offenheit. Jeder Dealer ist anders, jeder hat eine Qualität. König hat viele. Er hat durch seine Familie erstklassige Kontakte, die ihm auf dem Secondary Market viel Geld einbringen. Er hat Chuzpe. Er hat Ehrgeiz, den er gut mit Charme überspielen kann. Und er mag Geld. Er spricht nicht zu oft darüber, wenn aber, dann mit einer sanften Erregung in der Stimme. So wie er früher keine Eskapade ausließ, "um meine Identität zu finden, ich musste letztlich nur meine Unsicherheiten überspielen", so hat er nie eine Chance ausgelassen, mit Künstlern Erfahrungen zu machen.

Nehmen wir Ouattara Watts, einen Ivorer. Ouattara war schon 1993 auf der Biennale in Venedig, stellte 1995 bei Gagosian aus, in seiner Biografie stehen das Whitney Museum of American Art in New York und die Documenta 11 in Kassel. Er gilt als einer der am höchsten gehandelten lebenden afrikanischen Künstler. König zeigte seine Arbeiten 2002, obwohl Ouattara, damals auf eine Rückkehr zu Gagosian spekulierte, jedenfalls auf einen Händler wartete, der seinen Platz in der Kunstgeschichte mehr zementieren kann als König. "Ich habe ihn gut verkauft", sagt der heute. "Ich habe ihn an deutsche Sammler vermittelt, das ist mein Job. Und den mache ich mittlerweile mit Seriosität und Ruhe."

Freitag, 30. Oktober. Roberta Smith schreibt in der "New York Times" über die Werkschau des Schweizer Künstlers Urs Fischer. Auf der nächsten Seite ein Vorbericht auf die Auktion "Zeitgenössische Kunst" bei Sotheby's, darunter ein Warhol, Selbstporträt in Rot und Violett, Schätzwert ein bis eineinhalb Millionen Dollar. Es gibt eine schöne Story zu dem Bild. Warhol hat es einer Sekretärin geschenkt für ihre unentgeltliche Arbeit in der Factory. Wieder eine Seite weiter werden vier Ausstellungen empfohlen. Nicole Eisenman bei Leo Koenig, Inc. ist nicht dabei. Es heißt, seit dem Artikel im "New Yorker" würde König von den etablierten Gazetten ignoriert. Es gibt in der "New York Times" auch keinen Hinweis auf die Gala der Guggenheim Foundation, die am Abend zuvor ihren First Annual Art Award verlieh. Für die beste Soloshow einer Galerie wurde Gagosian ausgezeichnet. Kaspar König erhielt einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Wie man hört, soll das Steak zu durch gewesen sein.

Es ist 17 Uhr, als Leo König in seine Galerie kommt. Im Büro zieht er ein Kostüm an, in dem er aussieht wie Heinrich VI II. nach einer Trennkostdiät. König hat auch Freunde und Bekannte aufgefordert, sich zu verkleiden, ein Gag zu Halloween. Eine Stunde später steht König gut gelaunt zwischen Elfen, Bienen, Vampiren. Lizzy, seine Direktorin geht als Nonne, es gibt einige dramatische Dekolletés und Flaschenbier aus zwei großen Gummiwannen.

Die Galerie ist voll, worüber auch die Künstlerin froh ist. Sie trägt ein weißes T-Shirt und auf dem Kopf eine Pappkrone. Ihr Vater Shelley, ein freundlicher älterer Herr und bekannter New Yorker Therapeut, sagt, er müsse sich zwar erst Notizen machen, aber das Bild mit den nackten androgynen Figuren tauge wohl für eine Psychoanalyse. Ein gewisser Peter Sempel, der einen Film über die deutschen Maler Jonathan Meese und Daniel Richter produziert, fragt König vor laufender Videokamera, was er von ihnen halte. König: "Zwei sehr gute Künstler."

Um 21 Uhr beginnt das Essen für geladene Gäste in einem Nebenraum. König hält eine Rede zu Ehren von Eisenman. Er erinnert sie daran, dass er sie kurz nach seiner Ankunft in New York 1998 auf einer Party getroffen habe. "Wir mochten uns sofort, ich dachte: Wow, hier ist meine erste amerikanische Freundin." Inzwischen ist auch Vater Kaspar eingetroffen. Er trägt eine grüne Perücke, eine rote Hose und ein Kissen im Schritt. Es gibt Gulasch. Es gibt Wein, allerdings keine Weingläser. Leo König hat sich erst seinen Sammlern gewidmet, jetzt führt er die kleine niederländische Künstlerin Lily van der Stokker herum. Sie ist bekannt für ihre poppigen, blumigen Wandgemälde. König erzählt aufgeregt, dass Lily nächsten September bei ihm ausstellen werde. Als sein Künstler Tom Sanford das hört, sagt er: "September? Hast du jetzt meinen Termin weggegeben?" König: "September warst du? Ach, vielleicht gebe ich dir den Termin wieder zurück." Und dann lachen beide.

Hubert Neumann, der von seinem Vater eine umfangreiche Sammlung geerbt hat und zu Königs besten Kunden gehört, hat im ominösen Artikel im "New Yorker" gesagt: "Über den Kunstmarkt gibt es so viele Geschichten wie Menschen in ihm. Alle laufen wie Ameisen in der Kunstwelt herum und glauben, sie verstehen, was profund ist, aber sie können es nicht verstehen, weil die Kunst flüchtig ist, kurzlebig." Man bedenke, so Neumann, es gebe in jeder Generation vielleicht fünf, sechs große Künstler, der Rest werde langfristig zu Staub. Die wichtigste Erkenntnis, so Neumann: Es sei alles Geschwätz, und was andere sagten, sei meist falsch. Mit anderen Worten: Man müsse sich auf sich selbst verlassen, machen, was man selbst für richtig halte. Als Künstler, als Sammler. So gesehen sei König etwas Besonderes in dieser Szene, in der jeder irgendwas sein möchte und nicht wisse was. "Leo nicht", sagt Neumann, "Leo ist Leo."-