Alles Banane

Originalität ist keine Voraussetzung für Erfolg. Konsequenz und Hartnäckigkeit schon. Das zeigt die Geschichte des Künstlers und Selbstvermarkters Thomas Baumgärtel.




- Eigentlich liebe er Nacht- und Nebelaktionen, aber bei einem Projekt wie diesem sei das nicht machbar. Dann zählt Thomas Baumgärtel andächtig, als bestaune er selbst, was er diesmal losgetreten hat, die Fakten auf. Zehn Tonnen wiegt allein die Unterkonstruktion, dreieinhalb Tonnen die 30 Meter lange Stahl skulptur. Und das alles in 65 Meter Höhe, auf einem stillgelegten Hochofen der Phoenix-Hütte in Dortmund. Eine Viertelmillion Euro koste das Projekt. Das könne sich die Stadt nicht leisten, er werde es auf eigene Faust stemmen - über seinen Bilderverkauf und mithilfe von Sponsoren. "Ein Kraftakt", sagt Baumgärtel. "Aber als Künstler suchst du halt immer die perfekte Ausdrucksform."

Wie die aussehen soll, lässt sich als Skizze in seinem Atelier bereits bestaunen. Eine Fotomontage zeigt den Hochofen, und von der höchsten Stelle des Trumms aus Stahl prangt leuchtend gelb eine riesige Banane. Nächstes Jahr im Sommer, wenn das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird, soll die Idee Wirklichkeit sein. Baumgär tel deutet auf die Montage und sagt mit einem Lächeln etwas, das wie eine These klingt, die er schon viele Male ausprobiert hat: "Das Projekt verkörpert den Strukturwandel des Ruhrgebiets von einer Industrieregion zu einer Stätte der Kunst und Natur. Der Hochofen steht für das Ruhrgebiet, die Banane für die Kunst. Eine perfekte Symbiose."

Eine Banane als Kunstmetapher - man könnte meinen, da mache sich jemand lustig über das Kulturgehabe im Revier und anderswo. Doch in Baumgärtels Atelier auf einem alten Fabrik gelände in Köln-Nippes wird die Ernsthaftigkeit seines Unterfangens deutlich: Bananen allüberall. Die Halle, die ihm als Büro und Archiv dient, wird beherrscht von 150 Bananengraffiti, Baumgärtels "bildhaftem Tagebuch". Eine BSE-Banane gehört dazu, eine Fußballbanane, eine Euro-Banane und auch eine aus zwei Bananen geformte Vagina. Eine herumstehende Leiter ist ebenso mit Bananen besprüht wie ein Rollkoffer in der Ecke des Raumes.

Der 49-Jährige arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit dem immer gleichen Motiv. Er hat sich mit Bananen einen Namen gemacht. Seine Bilder verkaufen sich gut. Galeristen wie Ricarda Fox aus Mühlheim loben sie, "weil sie so schön unkompliziert und lustig sind und zum Gespräch über das Wesen von Kunst anregen". Auch in Dortmund freut man sich schon auf die Frucht auf dem Hochofen. "Aufgrund der Haushaltssituation können wir keine neuen Projekte finanziell anschieben, aber wir werden das natürlich mit allen anderen Kräften, die wir haben, unterstützen, also durch Kontakte, durch Öffentlichkeitsarbeit, durch Werbung", sagt ein Kulturverantwortlicher der Stadt.

Baumgärtels Banane ist ein Lehrstück über den Aufbau einer Marke. Es beginnt im Jahr 1986. Noch während des Studiums der Freien Kunst und der Psychologie in Köln bastelt Baumgärtel eine Schablone und beginnt im Dunkel der Nächte, eine Banane neben die Eingänge von Orten zu sprühen, in denen Kunst gezeigt wird. Die Aktion erregt schnell Aufsehen. "Wer ist der Bananensprayer?", rätselt die Presse. Einige Galeristen erstatten Anzeige, andere entfernen die Banane wieder, einer bedankt sich im "Kölner Stadt-Anzeiger" beim anonymen Sprayer. Eines Nachts, als Baumgärtel das Museum Ludwig mit der Banane versieht, wird er in flagranti erwischt. "Künstler verhaftet - er macht weiter", meldet am nächsten Tag der "Express".

Für Künstler und Manager gilt: Erfolgreiche Marken machen unfrei

Baumgärtel dehnt seine Aktion auf andere deutsche Städte aus, später auch auf Metropolen in der ganzen Welt. Und ganz allmäh lich verändern sich die Reaktionen. Die anfänglich überwiegende Empörung weicht einem neugierigen Interesse, dann offener Zustimmung. "Suchen Sie sich bitte einen schönen Platz für Ihre Banane aus. Ich bin schon jetzt gespannt, Ihr Zeichen an unserem Hause zu sehen", fordert 1989 der Direktor des Museums Ludwig den Sprayer auf. In den folgenden Jahren erbitten immer mehr Galeristen von Baumgärtel die Kennzeichnung mit der Banane, die sich auf diese Weise als inoffizielles Logo der Kunstszene durchsetzt. Mehr noch: In den unterschiedlichsten Variationen findet sie den Weg in die Ausstellungsräume hinein, gilt plötzlich selbst als Kunst.

Für Peter Pirck, Mitbegründer der Brandmeyer Markenberatung, ist Baumgärtels Banane "ein Paradebeispiel für gute Markenführung". Der Künstler habe sich sein Publikum auf eine Weise gesucht, die Pirck an die Einführung von Marken wie Beck's Gold und Bionade erinnert. Bevor diese klassisch beworben wurden, tauchten sie zunächst im Getränkesortiment angesagter Groß-stadt-Bars auf. Das Image der Orte färbt laut Pirck auf das Produkt ab: Aus einem Bier und einer Limonade werde so ein Szenegetränk, aus einer gesprayten Banane ein Kunstobjekt. Als besonders wirksam erweisen sich Baumgärtels Aktionen in ausländischen Metropolen. In den Medien wird in der Folge immer wieder betont, dass es sich um einen internationalen Künstler handele, dessen Banane sogar am Guggenheim-Museum in New York zu sehen sei.

Damit das Publikum ein Produkt wahrnimmt und weiter propagiert, muss es laut Markenberater Pirck den Menschen inte ressanten Erzählstoff bieten. Aus diesem Grund würden in der Werbung die Besonderheiten des Produkts inszeniert und drama tisiert. Krombacher etwa wirbt mit seinem besonderen "Felsquell wasser", das aus dem Pils "eine Perle der Natur" mache.

Nicht viel anders zu bewerten ist es, wenn Baumgärtel seiner Banane einen künstlerischen Sinn zuschreibt und über die Medien verbreitet. In einer seiner Pressemitteilungen heißt es: "Das Projekt ist ein psychologischer Projektionstest in der Kunst. So wie die Galerien und Museen mit der Banane umgehen, gehen sie auch mit der Kunst um."

Baumgärtel war nicht der Erste, der auf die Banane kam: Andy Warhol verwendete die Südfrucht bereits 1966. Das schadete Baumgärtel nicht, im Gegenteil. Denn die Verbindung bietet Stoff, den Kunstkritiker dankbar aufgreifen, wie beispiel haft die Worte von Klaus Flemming zeigen. Der sagte einmal: "Mit der vereinzelt auf die Fassaden von Ausstellungshäusern gesprayten Banane knüpft Baumgärtel entwicklungsgeschichtlich bei Andy Warhol an. Geschaffen für das Cover einer Langspielplatte von The Velvet Underground, hatte Warhol der Banane zu künstlerischen Weihen verholfen, indem er eine Verbindung herstellte, die der Ratio spottet. Baumgärtel hat nicht nur ein künst lerisches Element wieder aufleben lassen, sondern diesem in einem anderen Kontext eine eigene Bedeutung gegeben."

Pirck zufolge hat der Kunstexperte hier die Funktion eines Mittlers zwischen Produkt und Konsument. "Er ist für den Markenaufbau ungeheuer wichtig - vergleichbar mit einem Zahnarzt, der seinen Patienten eine bestimmte Zahnpasta empfiehlt." Eine weitere Möglichkeit, mit wenig Aufwand Erzählstoff zu schaffen, ist die Kultivierung von Legenden. Exemplarisch betreibt dies der Notizbuchhersteller Moleskine, der behauptet, Persönlichkeiten wie Ernest Hemingway und Pablo Picasso hätten die schwarzen Notizbücher benutzt (vgl. auch brand eins 02/2008, "Das ungeschriebene Buch").

Baumgärtel geht ähnlich vor, indem er immer wieder von seinem Erweckungserlebnis erzählt. Das geht so: 1983 leistet der damals 23-jährige Baumgärtel Zivildienst im katholischen Krankenhaus seiner Heimatstadt Rheinberg. Eines Tages findet er ein von der Wand gefallenes Kruzifix. Spontan hängt Baumgärtel das heil gebliebene Kreuz wieder auf und ersetzt den zerbrochenen Jesus durch seine Frühstücksbanane. Die Schalen breitet er wie Arme aus, das Fruchtfleisch stellt den Körper dar. Die Patienten hätten daraufhin laut gelacht, die im Krankenhaus beschäftigten Ordensschwestern hingegen vor Entsetzen geschrien. "In diesem Moment wusste ich, dass ich Kunst studieren will."

Besonders wichtig beim Aufbau einer Marke ist laut Pirck die Wiederholung. Eine erfolgreiche Marke mache unfrei, ihr Stil dürfe nicht wirklich verändert werden. Stattdessen müsse sie immer wieder in immer neuen Varianten inszeniert werden.

Genau das tut Baumgärtel seit 20 Jahren. Dabei hat er fast nichts ausgelassen: von der provokativen Aktion bis zur plaka tiven Installation. Er hat Fassaden besprüht, die Banane in alte Ölgemälde integriert und in seiner "Pointillismus"-Phase aus winzigen aufgesprühten Bananen knallige Stillleben komponiert. Besonders spektakulär war eine Performance im August 1998: Anlässlich des 750. Jubiläums des Kölner Doms hat er dessen Hauptportal in einer Blitzaktion mit einer riesigen, vier Tonnen schweren Bananenskulptur versperrt. Eindrucksvolle Bilder von dieser Aktion gingen wenig später durch die Medien.

Ist das alles Kalkül? Betreibt Baumgärtel mit seiner Banane bewusst Markenpflege?

Er antwortet nicht direkt: "Ich interessiere mich für den wahrnehmungspsychologischen Aspekt der Kunst. Die Banane ist nur ein Werkzeug, mit dem ich Wirkung provozieren will." Baumgärtel hat es sich auf dem Sofa in der Büro- und Archivhalle seines Ateliers gemütlich gemacht. Vor ihm auf dem Tisch steht eine Schale mit frischen Bananen. Und was immer er einem sagt: Zum ständigen Lächeln und dem rheinischen Tonfall will keine seiner ernsthaften Auskünfte passen.

Irgendwann erzählt er, dass er auch andere Kunst mache. Ohne Banane. Dass es aber schwierig sei, dies den Leuten zu vermitteln. Neulich habe er einem Galeristen vorgeschlagen, in einer Ausstellung mal die anderen Bilder zu zeigen. "Aber das wollte er nicht. Er wollte nur Bananen." -