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Die Rätsel-Familie

Seit vier Jahrzehnten gibt es Christian Bienerts Sendung im Radio. Es geht um Melodien, Interpreten, Komponisten - und um ein Gemeinschaftsgefühl. Die Geschichte einer Institution, die viel mehr ist als nur eine Rate-Show.




-Sonntags, 10.15 Uhr in Deutschland. Der Kaffee ist gebrüht, das Ei gekocht. Bei mehreren Tausend Menschen liegen auf dem Frühstückstisch Zettel und Stift bereit. Aus dem Radio erklingt die getragene Melodie von "Around the world", gespielt von Victor Young. Und dann dringt eine Stimme aus dem Äther, weich und voll, ein wenig onkelhaft und trotzdem jung. "Guten Morgen, einen freundlichen Sonntagmorgen Ihnen, liebe Rätselfreunde", spricht Christian Bienert. "Schön, dass Sie wieder dabei sind bei unserem kleinen Ratespiel. Melodien erraten, Stimmen erkennen - wenn Sie mitspielen möchten, ich freu' mich."

So klingt es seit 44 Jahren. Das Sonntagsrätsel ist neben der Übertragung des Gottesdienstes eine der ältesten Radiosendungen Deutschlands. Sie hat Programmreformen überlebt und eine Senderfusion - und hat sich kaum verändert. Jeden Sonntag spielt Bienert sechs oder sieben Melodien, die Hörer müssen den Interpreten erraten, den Komponisten, den Titel oder ganze Liedzeilen.

Einzelne Buchstaben daraus ergeben das Lösungswort: "Kürbis" etwa oder "Ferkel". Das kann man dann auf eine Postkarte schreiben, sie an Bienert schicken und ein Buch, eine CD oder eine Musikkassette gewinnen. Jede Woche erreichen den Moderator bis zu 2000 Zuschriften.

Das Sonntagsrätsel ist ein Anachronismus. Und deshalb eines der erfolgreichsten Formate im deutschen Radio. Zusammengestellt aus den Schätzen des Schallarchivs, moderiert von einer Therapeutenstimme mit einem Duktus wie aus einem Hans-Moser-Film. An diesem Sonntag beginnt Bienert mit einer Dixie-land-Version von "Das Wandern ist des Müllers Lust", macht weiter mit "Komm lieber Mai", spielt einen kruden Song des Kabarettisten Wolfgang Neuss. Einem Rocker der Divine Comedy folgt Rudolf Schock mit einem Lied aus dem "Freischütz", das Finale bestreitet Nancy Sinatra mit "These boots are made for walking". Es gehe, so Bienert, "alles, was melodiös ist".

Für seine Hörer ist das Sonntagsrätsel wie das Hochamt in der Kirche, für Christian Bienert ist es sein Lebenswerk. "Ich bin das Sonntagsrätsel", sagt der 61-Jährige. Er hat in seinem Berufsleben nie etwas anderes gemacht. Seit 40 Jahren sucht er die Musik aus und schreibt die Moderationen, seit 22 Jahren sitzt er vor dem Mikrofon. "Ich will Freude bereiten, und damit meine ich es ernst. Das merken die Leute. Vielleicht ist das der Schlüssel zum Erfolg."

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das Sonntagsrätsel nie ein großer Erfolg werden sollte. Dass es seinen eigenen Stil entwickeln konnte und sich der Erfolg eher nebenbei einstellte. Dass es sich seine Hörer nicht suchen musste, sondern von ihnen gefunden wurde.

Am 7. März 1965 herrscht der Kalte Krieg, die Mauer steht, und Kultur ist eine Waffe. Der Rias ("Rundfunk im amerikanischen Sektor") sendet aus Westberlin, da moderiert Hans Rosenthal das erste Sonntagsrätsel. Dieser quirlige Hans Dampf, der später mit "Dalli Dalli" berühmt werden wird. Das Sonntagsrätsel aber soll damals nur ein kleiner Reichweitentest sein, für eine neue Sendeanlage im bayerischen Hof. Mal sehen, wer sich zurückmeldet, denken die Senderverantwortlichen, dann wissen wir, wo man uns hört. Es melden sich DDR-Bürger, mitunter auf dem Umweg über ihre Westverwandten. Mission erfüllt, entscheidet man beim Rias, das Sonntagsrätsel bleibt im Programm.

Christian Bienert ist damals Student in Berlin.

Germanistik und Jura hat er auf dem Stundenplan, doch er langweilt sich, schmeißt die Ausbildung und braucht Geld. Hans Rosenthal kennt er schon von Kind auf. Bienerts Vater ist Komponist und Teil einer Berliner Nachkriegs-Clique aus Radioleuten und Kabarettisten. Bereits als Junge hört Bienert die Platten von Cole Porter und George Gershwin. Ab 1969 schreibt er für Rosenthal Texte und sucht Musik aus. Für Rosenthal ist das Sonntagsrätsel nur eine Sendung von vielen. "Ich habe für ihn die Kohlen geschippt", erinnert sich Bienert. Er steigt voll beim Rias ein, übernimmt die Aufnahmeleitung für verschiedene Sendungen, moderiert hier und da eine kleine Musikschau.

Und er merkt: Er kann etwas bewirken, mit damals oft seichten Melodien; mit den Worten, die er Hans Rosenthal in den Mund legt. Zwar stammen mehr als 90 Prozent der Hörerpost aus Westberlin, doch auch die Ostberliner schreiben. Das ist nicht ohne Risiko, gilt der Rias der Staatssicherheit doch als Feindsender. Deshalb fangen Spitzel die Briefe ab und notieren dies in der Bürgerakte der Absender. Also richtet der Rias eine Tarnadresse ein: Michaela Wegener, Torgauer Straße 45, Berlin. "Die Leute haben sich so stark mit uns identifiziert", sagt Bienert. "Die sind nach der Wende nach Berlin gefahren, um Michaela Blumen und Stollen zu bringen. Dabei gab es die doch gar nicht."

Ein kleines Ratespiel von 27 Minuten und solch eine Wirkung. "Unterhaltung kommt eben nur scheinbar so harmlos daher", sagt Bienert. Das Sonntagsrätsel, meint er, sei schon damals mehr als ein Rätsel gewesen. "Die Ostdeutschen wollten einfach dazugehören. Der Westen, Freiheit - bei uns konnten sie ein Teil davon sein." Denn das Sonntagsrätsel durchbrach das übliche Radioschema: Der Sender sendet, der Hörer hört. Bienert aber wollte immer auch Empfänger sein. "Hörer sind einzelne Menschen, und so muss man auch mit ihnen umgehen."

Christian Bienert ist ein unscheinbar wirkender Mann. Er trägt schwarze Slipper, eine sandfarbene Stoffhose und eine tropfenförmige Brille, die unter Jugendlichen durchaus als retro durchgehen würde. "All das, was einen Star ausmacht, das bin ich nicht", sagt er. Auch zur Begrüßung sagt er zu seinem Gast: "Ich freu' mich." Ob privat oder auf Sendung, Bienert ist Bienert. Seine Sprache, sein Tonfall, all das ist nicht antrainiert. So erreicht er ein breites Publikum: Rentner, junge Familien. Neulich wollte eine 16-Jährige mit ihm Kaffee trinken. "Ich bin einfach so", sagt er, "und das hören die Leute."

Es ist der 10. Februar 1987, als Hans Rosenthal stirbt. Drei Tage später moderiert Christian Bienert zum ersten Mal das Sonntagsrätsel. "Es wird nie wieder eine Sendung von und mit Hans Rosenthal geben", spricht er, "aber wer Hans kannte, der wusste, sein Motto war: The show must go on. Deshalb wollen wir ihm zu Gedenken diese kleine Sendung weiterführen. Es wäre sehr schön, wenn Sie uns dabei helfen." Bienert wirkt noch heute tief bewegt, wenn er davon erzählt.

Sein Büro im Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz ist winzig, der Tisch übersät mit Papieren. Überall stapeln sich Hörerpostkarten, Faxe, E-Mail-Ausdrucke, Tonbänder und Musiklexika. Gerade erst hat er den Raum bezogen, mit 210 Pappkartons, sie lagern auf dem Flur. Bienert kann nichts wegwerfen. Er würde ja seine eigene Geschichte entsorgen.

Auch wenn es Bienert niemals so sagen würde: Mit Rosenthals Tod bekommt er die Chance auf etwas Eigenes. Bienert sagt: "Ich wollte die Sendung immer nur behüten vor Lieblosigkeit." Behutsam beginnt er, Kleinigkeiten zu ändern, "aber nur dann, wenn ich mich selbst unwohl gefühlt habe". Mit der Zeit legt er immer weniger Schlager auf, dafür mehr Eric Clapton, Steppenwolf oder U2. "Geschmack", meint Bienert, "ist doch pure Demokratie. Ich mache hier keine Musikkritik, und ich lasse mich nicht aufhalten von Genres oder Moden." Er spielt selbst die vordergründig haarsträubendsten Lieder mit Überzeugung, und der Hörer spürt: Ja, da ist was. Auch mir darf das gefallen. Neulich hat Bienert sogar Peter Kraus gespielt, obwohl er den Wohnzimmer-Rock-'n'-Roller persönlich viel zu flach findet. "Aber er hat so vielen Leuten Freude bereitet, und darum geht es schließlich. Das Sonntagsrätsel ist größtmögliche Freiheit."

Bienert hat zwei Persönlichkeiten: musikalisch Anarchist, in der Moderation Traditionalist. "Gnädige Frau" ist für ihn keine Marotte, "gottlob" nein. Er berauscht sich an Worten. Er spricht in seiner Sendung von "Postabsendern" statt Adressen, von "Fluggeräten" statt Flugzeugen, von "Personenvereinzelungsautomaten", dem ursprünglichen Ausdruck für Drehtüren. "Sprache transportiert doch viel mehr als Information, Humor zum Beispiel." Für den Musikliebhaber haben auch Worte eine Melodie, der man mit Liebe begegnen soll. "Oh du schöne Peruanerin, ick kauf' 'ne Kuh und tu' dir in den Kaffee Sahne 'rin" - bei solchen Reimen geht Bienert das Herz auf.

Glaubt man den heute gängigen Regeln fürs Radio, dürfte das Sonntagsrätsel nur etwas für Randgruppen sein. Auch Bienert war sich am Anfang nicht sicher, ob er mit der Sendung eine Zukunft haben würde, mit dem großen Rosenthal als Vorgänger. Bis 1989 die Wende kam, und die Zuschriften mit dem Lastwagen angeliefert wurden. Im September 1989 erreichten ihn 12 000 Postkarten, davon 500 aus der DDR. Im März 1990 waren es 355 000, davon 330 000 aus dem Osten.

Bienert stellte Studenten an, die die Kartons sichteten. Er las nicht nur Lösungsworte, sondern ganze Lebensgeschichten und die dringende Bitte: "Melden Sie sich zurück." Er entwarf 20 Musterbriefe und schrieb auch persönlich, tagelang, nächtelang. Er kam kaum zum Essen. Er las in seiner Sendung aus den Briefen vor, und er lernte eine wichtige Lektion: "Es geht gar nicht um das Rätsel selbst, sondern darum, dass die Menschen miteinander reden. Das ist mein Ziel für diese Sendung, aber das hat sich erst damals so klar ergeben. Ich will etwas wie eine Familie schaffen, ich will die vielen Einzelnen verknüpfen, nicht mit mir, sondern untereinander. Dieses Rätsel ist nur der Anlass, schöne Dinge zu tun. Gemeinsam zu frühstücken, nach dem Rätsel mit den Eltern über die Lösung telefonieren, neue Musik kennenzulernen."

An Bienert scheitert jede ausgefeilte Mediaanalyse. Rund 420 000 Menschen am Tag hören Deutschlandradio Kultur. Das ist nicht viel für eine nationale Welle. Aber das Sonntagsrätsel hat einen festen Hörerstamm. Bienert macht Quote, weil er zeitlose Grundbedürfnisse bedient: "Treue, Verlässlichkeit, Herzblut, Freundschaft und Ehrlichkeit. Darum sollte es doch in jedem Geschäft gehen. Auch gute Werbung funktioniert nur über Persönlichkeit. Meine Hörer sind für mich keine Freunde, aber auch keine Kunden. Sie sind Partner."

Deshalb spielt er Musik, die es woanders nicht mehr zu hören gibt, wo das Format dem Hörer seinen Geschmack diktiert, der vor allem einseitig zu sein hat. Oper, Rock, Chanson, Evergreen - in dieser eigentümlichen Mischung gibt es das nur bei Christian Bienert. Er traut seinen Hörern etwas zu. Und seine Rätsel sind nicht schwer, "denn es geht nicht um Wettbewerb, sondern um das Gefühl für jeden Hörer, Teil einer Gemeinschaft zu sein". Deshalb liest er noch heute jede Zuschrift, die mehr enthält als nur das Lösungswort. Er erzählt davon in seiner Sendung, sodass sich die Hörer darin spiegeln können und Lust bekommen, ebenfalls zu schreiben. Und er schreibt zurück, ruft an. Rund 50 Hörer bekommen jede Woche eine Antwort. Die Entwicklungshelferin in Pakistan, die Sehnsucht hat nach dem Kurfürstendamm und das Sonntagsrätsel im Internet hört. Die Ehefrau, die für ihren querschnittgelähmten Mann jede Woche miträt. Der Mann, der jede Sendung aufnimmt für sein persönliches Schallarchiv. Die Dame, die so gern einen Mitschnitt des "Couplets vom Nachtgespenst" hätte.

Ruhe und Respekt machen das Sonntagsrätsel unverwechselbar

Bienert hat es geschafft, aus Hörern Sender zu machen, denen er zuhört. Er nimmt sich Zeit in der Sendung, spricht langsam, atmet hörbar. Er klingt wie ein Vertrauter, nicht wie ein austauschbarer Radiomann. Er ist so höflich, dass er sogar seine Armbanduhr zehn Minuten vorgestellt hat, damit er auch im Privatleben auf keinen Fall jemals zu spät kommt. "Ich bin die Sympathiebrücke", sagt Bienert. "Ich muss für Harmonie sorgen, ohne mich anzubiedern. Wenn das altmodisch ist, soll mir das recht sein."

So wie seinen Hörern, denen er ins Leben dringt. In einem privaten Sonntagsrätsel-Blog sammeln sie Bienerts Sprüche und die Rätselantworten, erstellen eine ewige Playlist - die Seite verzeichnete seit Januar 2008 mehr als 26 000 Besucher. Da gibt es den Herrn, der sich aus den Rätselantworten im Laufe der Jahre sein persönliches Musiklexikon zusammengestellt hat. Es gibt Rategemeinschaften, die sich über drei Straßen, drei Orte oder drei Länder erstrecken; Menschen also, die einander verbunden bleiben, weil es mit dem Sonntagsrätsel einen Anlass gibt, miteinander zu telefonieren. "Die Sendung hat nicht deshalb Erfolg, weil sie Kultur hat", meint Bienert, "sondern weil sie eine Bindung schafft." Diese Bindung beruht nicht auf einem flotten Claim. Sie ist harte Arbeit, und sie hat Bienert kaum Raum gelassen für ein Leben neben dem Sonntagsrätsel. Bei jedem Gespräch horcht er nach Worten, die einen Rätselbegriff abgeben könnten. Er rast hin und her zwischen dem Sender und seiner Plattensammlung zu Hause, zu Vinyl, Schellack, Tonband. Bienert hat keine Kinder, aber seit 15 Jahren eine Freundin - seine ehemalige Kollegin in der Sonntagsrätselredaktion, die wie ehedem nur aus ihm und einer Sekretärin besteht. Doch zugleich ist das Sonntagsrätsel mit seinen Hörern wie ein Kokon, der ihn beschützt. Vor der Formatreform, als man seine Sendung in Häppchen gehackt über zwei Stunden ausdehnen wollte. Vor der Fusion des Rias mit dem DDR-Überbleibsel Deutschlandsender Kultur zum heutigen Deutschlandradio Kultur, 1994 - als die Hörer wütende Protestbriefe schrieben und dafür sorgten, dass das Sonntagsrätsel als einzige Sendung das Ende des Rias überlebte. "Ich habe immer von einem Job geträumt, der mir Spaß macht und der mich nicht vor allzu große Schwierigkeiten stellt", sagt Bienert. "Ich habe null Ehrgeiz, eigentlich."

Auch das ist ein Glück für das Sonntagsrätsel. Denn es braucht Ruhe, um sich zu entfalten. Bienert hat nie daran gedacht, grundsätzlich etwas an dieser Sendung zu verändern. "Es genügt mir, etwas Gutes zu übernehmen. Ich hatte Glück, aber ich habe mich dann um dieses Glück gekümmert und die Sendung zu dem ausgebaut, was sie heute ist: ein Kreis für Menschen, eine Runde. Ich habe Leuten Musik nahegebracht, die sie normalerweise niemals hören würden. Generationen reden deshalb miteinander. Ich habe Liebe hineingesteckt und gesiegt, ohne zu kämpfen. Ich finde, das reicht."

Bienert ist kein einsamer Mensch in einem abgedunkelten Studio. Da ist die Musik, dieser Schatz, den er niemals vollständig wird heben können. Da sind seine Hörer vor den Radios, deren Leben sich mit jeder Postkarte in sein eigenes Leben schleicht. Er braucht sie, und sie brauchen ihn, diesen uneitlen Herrn, der sich sonntags freundlich mit an den Frühstückstisch setzt.

Christian Bienert sagt, sein Leben sei doch eher ein kleines. Keine anderen Städte, keine Karriere, keine materiellen Reichtümer. Nichts, womit man vor anderen glänzen könnte. Nur eine kleine Unterhaltungssendung bei einem kleinen Sender. Vielleicht fällt noch eine Best-of-CD ab. Ist das nicht ein bisschen wenig? "Unterhaltung ist, wenn es keiner merkt und es allen gut geht", sagt er. Ein paradiesischer Zustand. Bienert schafft ihn jede Woche, für Tausende von Menschen. Es gibt nicht viele andere, die das von sich behaupten können. -

Das Sonntagsrätsel Deutschlandradio Kultur
Sonntags, 10.15 Uhr
www.sonntagsraetsel.de