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Das Jugoslawien-Syndrom

Dies ist die Geschichte eines Bildes dreier Staatspräsidenten, die keine sind. Und dreier Alternativen zum Irrsinn des Nationalismus.




-Lovro Artukovic´ wollte ein "repräsentatives Porträt" gewöhnlicher Leute malen. Deswegen saßen alle seine Freunde in dem Berliner Restaurant. Der Maler hatte die Szene penibel arrangiert. Malerei, sagt er, sei ein altes Medium, das beim Betrachter Assoziationen wecke zu ähnlichen, bereits gesehenen Darstellungen. So entstehe eine Verbindung zwischen dem Bild, das wir sehen, und dem, das wir in Erinnerung haben.

Dieses andere Bild, das sie in Berlin im Gedächtnis hatten, wurde nicht gemalt, sondern vielfach fotografiert und gefilmt. Am 14. Dezember 1995 saßen Slobodan Milosevic´, Alija Izetbegovic´ und Franjo Tudjman in Paris an einem Tisch. Hinter ihnen standen sechs Personen und grinsten oberlehrerhaft: Helmut Kohl, Jacques Chirac, Felipe Gonzales, Victor Chernomyrdin, Bill Clinton und John Major. Sie blickten hinab auf drei alte Männer mit versteinerten Mienen, die ein wenige Wochen zuvor im amerikanischen Dayton ausgehandeltes Friedensabkommen unterschrieben. Und damit einen von ihnen selbst begonnenen Krieg beendeten.

Die Auseinandersetzungen auf dem Balkan forderten etwa 100 000 Tote. Mehr als 1,1 Millionen Ex-Jugoslawen flüchteten nach Deutschland. Sie hatten mehrere Identitäten im Gepäck, mussten sich auch in der Fremde entscheiden, wer sie waren und auf welcher Seite sie standen. Einigen von ihnen hat Lovro Artukovic´ ein Denkmal gemalt. Es trägt den Titel: Unterzeichnung der Deklaration über den Anschluss von Westherzegowina und Popovo Polje an die Republik Kroatien (Wer hat das Bier bestellt?).

Drei Staatspräsidenten, die keine sind, verhandeln über einen Krieg, mit dem sie nichts zu tun haben wollten - oder nicht durften.

Miso

Zu dem Zeitpunkt, als der echte Slobodan Milosevic´ mürrisch neben seinen Erzfeinden das Dayton-Abkommen unterzeichnete, arbeitete Miodrag Laskovic´, genannt Miso, gemeinsam mit Serben, Kroaten, Bosniern und Kosovo-Albanern auf Berliner Baustellen. Nach Papieren wurde damals nicht gefragt, Berlin sollte schnell und billig eine richtige Hauptstadt werden. Während seine Verwandten zu Hause mit ihren Feinden einen Krieg ausfochten, baute er mit den Verwandten der "Feinde" seiner Verwandten den Potsdamer Platz. Dort waren sie nicht Kosovo-Albaner, Serben, Kroaten oder Bosnier, sondern Schwarzarbeiter.

Laskovic´ war bis zu diesem Moment schon Jugoslawe, kein Jugoslawe, Kroate, Zigeuner, Serbe, Verräter und irgendwie auch doch wieder Jugoslawe gewesen. Und irregulär in Deutschland war er auch. Genau genommen ist er das bis heute. "Die guten Zeiten der Schwarzarbeit sind vorbei", sagt er. Die großen Bauten sind gebaut, Berlin ist eine richtige Hauptstadt, und die Behörden können wieder pingelig nach richtigen Papieren schauen. Deshalb mussten Schwarzarbeiter ohne Papiere auf Gelegenheitsarbeit ohne Papiere umsatteln.

"Während des Krieges lebten wir in Berlin in Saus und Braus", sagt Laskovi c´. 100 Mark und mehr verdienten sie am Tag, nach der Schwarzarbeit setzten sie sich ins Taxi, fuhren in ein Restaurant, setzten sich in ein Taxi, fuhren in eine Bar. "Wir waren immer in Bewegung", sagt er und weiß, dass sie damals die ganze Zeit weggelaufen sind: vor der Frage, wer man ist und auf welcher Seite man steht.

Heute ist er ein ruhiger Mensch, groß gewachsen, schlaksig. Laskovic´ sagt, er fühle sich mittlerweile als Serbe, der Jugoslawien toll fand. Deutschen gegenüber stellt er sich als Jugoslawe vor. Er hat auch noch einen jugoslawischen Pass, dazu einen kroatischen, ist aber auch serbischer Staatsbürger, nur deutsche Papiere hat er keine. Als Jugoslawien zerfiel, lebte er von einem Tag auf den anderen in Kroatien. Auf einmal kam die Frage, wer man ist, und er hörte von seiner Mutter, er sei Serbe. Damals war er richtig wütend, dass ihm das bis dahin niemand gesagt hatte. Heute ist er dankbar, da er so vom Gift des Hasses verschont blieb. Die Freunde nannten ihn fortan aus Spaß Zigeuner; Kroaten nennen alle Serben Zigeuner. Bis 1991 aus dem Jux Ernst wurde und Laskovic´ den Einberufungsbefehl für die kroatische Armee erhielt - um gegen die Zigeuner in den Krieg zu ziehen.

Da hatte er die Wahl, mit seinen Freunden gegen seine Landsleute zu kämpfen oder mit seinen Landsleuten gegen seine Freunde. Stattdessen floh er nach Serbien, tauchte in Bars und im Nachtleben unter. Wenige Wochen später verschwand er nach Deutschland. Er ging auf den Bau statt in den Krieg und half Kroaten, Bosniern und Kosovo-Albanern in Berlin, ebenfalls einen Job zu finden. Für die Serben zu Hause war er ein Verräter. In Berlin hat Laskovic´ viele Freunde, die Flüchtlinge waren wie er. Sie sitzen zusammen, quer durch die Nationalitäten, und streiten in Kneipen und Restaurants über Politik und den Krieg; tanzen dann gemeinsam zu Balkan-Beats, feiern wie im Rausch zur allen vertrauten jugoslawischen Folklore.

An solch einem Abend traf er den Maler Lovro Artukovic´, der die Idee hatte, ein Bild mit Leuten wie ihm zu malen. Miso fragte er, ob er Milosevic´ sein wollte.

Wo der Krieg begann - Erklärungsversuch I: in den Köpfen?

Montenegriner sind faul. Bosnier sind dumm. Kroaten sind selbstzufriedene Provinzler. Slowenen sind Weicheier. Serben sind Lügner. Kosovo-Albaner sind unterentwickelt. Mazedonier sind suspekt und verkaufen Paprika. Herzegowiner sind überhaupt die Schlimmsten von allen. Auf dem Balkan beruht die eigene Identität zum Großteil auf Vorurteilen gegenüber den Nachbarn. Die Politiker, vor allem kommunistische Kader der regionalen Parlamente, schürten Anfang der neunziger Jahre mithilfe der Medien diesen Nationalismus. Mark Thompson, Autor des Buches "Forging War", verfolgte diesen Medienkrieg in Ex-Jugoslawien: "Es war unglaublich banal. Durch ein paar epische Historienfilme und regelmäßige Hassreden sahen sich bald alle Republiken voneinander bedroht und in der Opferrolle." Das ging so weit, dass das serbische Fernsehen in der Hauptnachrichtensendung Horoskope verlas, die dem serbischen Volk eine glorreiche Zukunft verhießen. Die Medien in Kroatien behaupteten, es handele sich um die älteste Nation Europas. Bizarr auch der Fall von Ljubco Georgievski: Der einstige Premier Mazedoniens und radikale Nationalist agitierte Jugoslawen damals zu unabhängigen Mazedoniern und hat mittlerweile die bulgarische Staatsbürgerschaft angenommen. Von Bulgarien aus predigt er nun, die Mazedonier seien Bulgaren, und propagiert eine Angliederung Mazedoniens an Bulgarien. Viele Mazedonier wären tatsächlich gern Bulgaren - dann wären sie nämlich in der EU.

Lovro

Ein Goldfisch schwimmt in einer Metallwanne. Lovro Artukovic´ sagt grinsend, sein Vormieter habe den bei einem Empfang in einer Botschaft geklaut. Aus welcher, weiß er nicht. Der Maler arbeitet in einem Atelier in Berlin-Kreuzberg, es sieht so aus, als lebte er hier auch.

Artukovic´ sagt, er möge keine Kroaten. Er ist Kroate, wäre aber lieber Amerikaner, Deutscher oder Spanier, weil diese Identitäten zu einem Maler besser passten. Kroaten gingen allenfalls als Fußballer durch, aber doch nicht als Künstler. Er hielt sich für einen guten Maler, als er im Jahr 2001 nach Deutschland kam. Doch die Deutschen hätten in ihm nur einen Kroaten gesehen. "Als Künstler bekam ein Kroate hier nur Aufmerksamkeit, wenn er etwas über den Krieg machte." Artukovic´ war im Krieg. Schon in Friedenszeiten hatte er in der Armee die Spannung zwischen den Nationalitäten erlebt. Soldaten mit serbischer oder albanischer Herkunft wollten nicht mit ihm anstoßen, wenn er mal wieder Schnaps besorgt hatte.

Der Maler ist verwandt mit dem kroatischen Kriegsverbrecher Andrija Artukovic´, der im Zweiten Weltkrieg als Vasall Hitlers den Massenmord an Hunderttausenden Serben, Juden und Zigeunern vorbereitete. Er säte damit den Hass, der die Serben 1991 gegen die Kroaten aufmarschieren ließ, legte in gewisser Hinsicht also den Grundstein dafür, dass Lovro Artukovic´ 1991 in den Krieg gegen Serbien ziehen musste. Der Maler sagt, er fühle sich schuldig, künstlerisch nichts gegen diesen Krieg getan zu haben. Er hockt in seinem Atelier, trinkt einen Schluck Bier, nimmt einen Zug von seiner Zigarette. "Das Bild war ein Weg, diese Scheiße mit dem Krieg für mich zu lösen."

Die "Unterzeichnung der Deklaration über den Anschluss von Westherzegowina und Popovo Polje an die Republik Kroatien (Wer hat das Bier bestellt?)" hat er in Berlin gemalt, weil in Kroatien das geistige Leben mit Politik vollgepumpt und kein Platz mehr für Malerei sei. Er hat es in einer Kneipe gemalt, weil die nationalistische Partei des Franjo Tudjman auch in einer Kneipe gegründet wurde. Und er wählte das Dayton-Abkommen als Vorlage, weil es so absurd sei, dass drei alte Herren auf dem Balkan einen Krieg anzettelten und dann in die USA und nach Frankreich reisen mussten, um ihn wieder zu beenden. Da hätten sie genauso gut in eine Kneipe nach Berlin fahren können. Ein Jahr lang malte er an dem drei mal fünf Meter großen Gemälde. Immer wieder trafen sich seine Freunde dafür in dem Restaurant, nahmen ihre Plätze ein, als Milosevic´, Izetbegovic´, Tudjman und die Staffage um sie herum.

Das Problem auf dem Balkan sei, sagt der Künstler, dass die einzelnen Teilrepubliken erst lernen müssten, wie winzig sie sind. "Wir sind zu winzig, als dass wir so wichtig oder von der ganzen Welt bedroht sein könnten, wie wir es immer behaupten." Artukovic´ hofft, dass sein Bild eines Tages in einer kroatischen Galerie hängen wird. Es gehört heute einem kroatischen Privatsammler.

Wo der Krieg begann - Erklärungsversuch II: in den Stadien?

"Allen Fans von Dinamo, für die der Krieg am 13. 5.1990 im Mak-simir-Stadion begonnen hat und mit der Hingabe ihres Lebens am Altar der Heimat Kroatien endete." Dieser Satz steht noch immer auf einem Denkmal neben dem Maksimir-Stadion. Es ist den "Bad Blue Boys" gewidmet, den fanatischen Anhängern von Dinamo Zagreb. Für viele kroatische und serbische Fans begann der Krieg an diesem 13. Mai 1990, als es vor der Partie zwischen Dinamo Zagreb (Kroatien) und Roter Stern Belgrad (Serbien) zu Ausschreitungen kam. Noch vor Spielbeginn gingen die beiden Fangruppen aufeinander los. Die kroatischen Hooligans griffen zudem die Polizei an, die als serbisch galt. Zagrebs Spieler Zvonimir Boban wurde an diesem Tag durch einen Karatesprung berühmt, mit dem er einen Polizisten attackierte. Er war dazu extra vom Feld gelaufen und erwischte ausgerechnet einen der wenigen bosnischen Polizisten. Das Spiel wurde nach Ende der Auseinandersetzungen nicht mehr angepfiffen, das Stadion war eine Ruine. Aus den Hooligan-Gruppierungen rekrutierten sich im Krieg die rüdesten Einheiten. Sie zogen mit den Emblemen ihrer Vereine in die Schlacht.

Esad Babacic´, slowenischer Poet, hat das Phänomen Fußball oft beschrieben. Er sieht den Beginn des Krieges in Italien, wo Jugoslawien bei der Weltmeisterschaft 1990 im Viertelfinale nach Elfmeterschießen an Argentinien scheiterte. "Da spürten viele, dass nun etwas Böses passieren würde", sagt Babacic´. Das jugoslawische Team galt damals als eines der talentiertesten der Welt. "Wir waren Fatalisten, zu emotional, zu romantisch, wir hatten so lange gewartet, um an die Spitze der Welt zu kommen. Wir hielten uns in diesem Jahr für die besten Fußballer der Welt, alle glaubten daran, und dann scheiterten wir doch", beschreibt Babacic´ eine Stimmung, die sich den Jugoslawen unheilvoll aufs Gemüt legen sollte.

Mime

"Lovro hat die ganze Szene gebaut bis ins Detail, wo wir hingucken, wie unsere Füße stehen", sagt Mirsad Mujanovi c´, genannt Mime. Er ist auf dem Bild Präsident Izetbegovi c´, sitzt neben Tudjman und nennt seine Biografie eine klassische Flüchtlingsgeschichte. Als 15-Jähriger erlebte er, wie Serben seine Heimatstadt Sarajewo belagerten. Bosnische Paramilitärs brachten Waffen in die Stadt, der Jugendliche fühlte sich zu den Kämpfern hingezogen.

"Ich wollte kämpfen", sagt er heute. "Es war Selbstverteidigung, wir wurden bedroht." Er spricht davon, wie soundso viele Millimetergeschosse in der Altstadt von Sarajewo einschlugen und die Einwohner der multikulturellen Stadt von da an begriffen, dass sie nun alle Bosnier waren und die Serben ihr gemeinsamer Feind. Bis dahin hatte sich Mujanov ic´ als Jugoslawe gefühlt, war als Titos Pionier aufgewachsen und fasziniert von den Partisanen. Eines Tages, während der Angriffe auf Sarajewo, sah ihn sein Vater mit einem Gewehr in der Hand. Der Vater schickte Sohn und Mutter daraufhin nach Deutschland. Der Junior war wütend, wollte kämpfen. Heute ist ihm das peinlich. Er arbeitet jetzt in Berlin in einer Edel-Confiserie und trägt Schürze, weißes Hemd und weiße Handschuhe.

Seine erste Station in Deutschland war Frankfurt am Main.

Dort trafen die Kriegsflüchtlinge 1992 auf die alteingesessenen jugoslawischen Gastarbeiter, die den aufblühenden Nationalismus ihrer lange verlassenen Heimatregionen nach Deutschland übernommen hatten. "Die alten Gastarbeiter pumpten mit Hass und Schwachsinn ihre Köpfe auf, wie Bodybuilder ihre Muskeln", sagt Mujanovi c´. Es gab nun kroatische, serbische und bosnische Klubs in der Stadt, die Jugendlichen gingen abends getrennt aus, aber morgens gemeinsam in die Schule.

Nach seinem Schulabschluss hatte er fest vor, nach Bosnien zurückzukehren. Er wollte dort Jura studieren, etwas bewegen. Außerdem hatte er eine Kamera gekauft, ohne zu wissen, wofür eigentlich. Nachdem der echte Izetbegovi c´ das Dayton-Abkommen unterzeichnet hatte, unterschrieben die deutschen Behörden die Abschiebungsunterlagen für den Mann, der später auf dem Bild seinen Platz einnehmen sollte. Bosnien war ab diesem Tag offiziell wieder sicher, nur war sich Mujanovi c´ nicht mehr so sicher, ob er wirklich nach Bosnien zurückwollte.

Er heiratete, zog nach Berlin, und als seine Frau, eine Ethnologin, ihn fragte, welchem Volk er auf dem Balkan eigentlich angehöre, wusste er nicht mehr, was er antworten sollte. Er hat jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und geht jeden Freitag in die Moschee.

Wo der Krieg begann - Erklärungsversuch III: in der Wirtschaft?

Für den slowenischen Wirtschaftswissenschaftler JoÏe Mencinger war der Zerfall Jugoslawiens nur der logische "Notausgang" aus dem ökonomischen Auseinanderdriften der verschiedenen Teilrepubliken. Als Ausgangspunkt nennt er den wirtschaftlichen Niedergang Ende der achtziger Jahre. Als Folge stellte die slowenische Teilrepublik 1990 die Zahlung der föderalen Steuern nach Belgrad ein - wie sich bald herausstellte, waren die Nachbarn auch längst auf diese Idee gekommen.

Die Teilrepubliken begannen, selbst Geld zu drucken, erhoben eigene Zölle und Gebühren für Waren aus den Nachbarrepubliken. Das Ende Jugoslawiens war dann das Resultat einer simplen Kosten-Nutzen-Rechnung. "Der potenzielle Gewinn einer Teilung überwog aus Sicht der Teilrepubliken die damit einhergehenden ökonomischen wie sozialen Kosten", sagt Mencinger.

Genau genommen nahm das jugoslawische Dilemma bereits 1980 mit dem Tod von Tito seinen Anfang. Es fehlte ein Nachfolger, weshalb die sechs Führer der Teilrepubliken gemeinsam Titos Platz einnahmen. Im halbjährlichen Rhythmus wechselte unter ihnen die Präsidentschaft: ein Prozedere, das vielen in der EU bekannt vorkommen wird. Mencinger verortet in dieser Konstellation ein Phänomen, das er als "Jugoslawien-Syndrom" beschreibt: "Unter der ökonomischen Stagnation litten alle Teilrepubliken, und überall wollten die Menschen einen Schuldigen haben." Da zeigte jeder mit dem Finger auf den anderen, und die Menschen glaubten fortan, für all ihre Unbill sei allein der Nachbar verantwortlich. Eine Atmosphäre, die in Verbindung mit der Rezession einen fruchtbaren Acker für den aufkeimenden Nationalismus bot.

Ero

Er sieht aus wie eine dieser aberwitzigen Figuren aus den Balkanfilmen von Emir Kusturica. Schnauzbart, karierte Detektivmütze und große Sonnenbrille. Fehlt nur noch der typische Goldzahn. "Wollte ich mir machen lassen", sagt Ermin Behri c´, genannt Ero. Seine Freundin hatte aber etwas dagegen; sie ist Designerin.

Behric´ kann eine schillernde Berufskarriere vorweisen. Er war "Desinfekteur" in jugoslawischen Hotels, Buchverkäufer, Parkplatzkassierer, Maler, Fabrikarbeiter, Lkw-Fahrer und DJ - dies ist nur eine kleine Auswahl. 1990 gelangte er mit einer Theatergruppe nach Berlin, wollte sich um ein Schauspielstudium bemühen. Hielt sich ein Jahr über Wasser - und dann war auf einmal Krieg. Er sah die Bilder im Fernsehen und wollte zurück, "meinen Kumpels helfen, unser Land verteidigen". Seine Freunde in Berlin sagten, das bringe doch nichts. Er packte die Koffer, packte sie wieder aus, packte wieder ein, packte wieder aus.

Irgendwann erkannte er: "Scheiße, wenn du in den Krieg ziehst, musst du Leute umbringen." Dafür sei er nicht geboren, fand Behric´ und blieb in Berlin. Putzte Treppenhäuser und Wohnungen, wusch Teller in Restaurants und hatte eines Tages sein eigenes Lokal. Dort sollte der verhinderte Schauspieler und Sohn zweier bosnischer Gastarbeiter eines Tages ausgerechnet Franjo Tudjman spielen, den ultranationalistischen Staatschef Kroatiens.

Behric´ fühlte sich immer als Jugoslawe. Als er kein Jugoslawe mehr sein konnte, dachte er, er sei Kroate. Er hatte einen kroatischen Pass, aber einen falschen Namen. Mit seinem Namen konnte er nur Bosnier sein, Kroaten heißen nicht so. Heute sagt er: "Ich bin beim Fußball Kroate oder Deutscher. Wenn Deutschland gegen Kroatien spielt, eher Kroate. Beim Musikgeschmack bin ich Bosnier und emotional Berliner, weil ich hier lebe."

Sein Restaurant wurde Anlaufpunkt vieler Ex-Jugos. Wegen der traditionellen Balkanmusik, die dort gespielt wurde, war es bald so beliebt, dass am Wochenende die Tische beiseitegeschoben wurden und Ex-Jugos und Deutsche tobten, bis der Boden wackelte. "Hier kam wieder zusammen, was sich zu Hause auseinanderdefiniert hatte", sagt der Wirt.

Das Unglaublichste am Krieg war für ihn das Massaker von Srebrenica. Dass keine fünf Monate vor dem Friedensabkommen mehr als 8000 Männer vor laufenden Kameras und den Augen der UN-Truppen hingerichtet werden konnten. Wie konnte so etwas passieren? Kurz darauf fliegen eines Tages drei Präsidenten in eine Stadt namens Dayton. Eine Stadt, von der bis dahin auf dem Balkan noch nie jemand etwas gehört hatte. Und dann ist Frieden.

"Die ganze Welt muss uns für bekloppt halten", sagt Behric´.

Dayton nennt er "Kneipen-Politik. Als hätten die drei Präsidenten in einer Kneipe zu viel Bier getrunken, sich dann gegenseitig aufs Maul gehauen und mussten nun deswegen vor Gericht." Das hätte man auch alles bei ihm im Lokal erledigen können. Er schüttelt den Kopf, kippt einen Espresso und sagt: "Und kaum ist Frieden, machen wir verdammten Jugos auch schon wieder Witze. Das ist so typisch für den Balkan, dass man über jeden Scheiß auch noch Witze machen muss." -

Literatur: Mark Thompson: Forging War - The War in Serbia, Croatia, Bosnia and Hercegovina (nicht mehr erhältlich) V. P. Gagnon: The Myth of Ethnic War - Serbia and Croatia in the 1990s; Cornell University Press, 2006; 240 Seiten; 17,95 Dollar Rüdiger Rossig: Ex-Jugos - Junge MigrantInnen aus Jugoslawien und seinen Nachfolgestaaten in Deutschland. Archiv der Jugendkulturen, 2006; 171 Seiten; 20 Euro