Zukunft nach Plan

Es ist noch gar nicht lange her, da tobte in Ruanda ein bestialischer Völkermord. Heute will die Regierung aus dem Bauernstaat ein Hightech-Land machen. Eine Geschichte von realistischen Träumern.




- Immer wieder zieht es Paul Barera in die Kirche. Das ist in diesem Fall kein Gotteshaus, sondern ein Gebeinhaus, in dem sich die Knochen bis zur Decke stapeln. Knochen liegen vor dem Altar, im Chor, auf den Bänken. Die Skelett-Teile sind sortiert: Oberschenkel, Ellen und Schädel. Fast jeder der Köpfe zeigt Spuren von Machetenhieben oder Lanzenstichen. In einen wurde der Name Patrice eingraviert; der Rest bleibt anonym. Welcher der Schädel von seinen Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen stammen könnte, weiß Paul Barera nicht. Er weiß nur, dass auch sie bei dem Massaker in der Kirche von Nyamata ermordet wurden, bei dem im April vor 15 Jahren mehr als 6000 Menschen ihr Leben verloren.

"Auch Ruanda hätte wie Somalia als Staatsruine enden können", sagt Barera. Was sich in dem zentralafrikanischen Kleinstaat während des Völkermords abspielte, hatte die Welt zuvor noch nicht gesehen: Innerhalb von drei Monaten wurden auf bestialische Weise mehr als 800 000 Menschen umgebracht - erschlagen, lebendig begraben, aufgespießt, in Latrinen ertränkt. Angehörige der Hutu-Mehrheit jagten die Tutsi-Minderheit. Nach 90 Tagen hatte die Ruandische Patriotische Front die Schlächter zwar aus dem Land gejagt, doch noch Jahre danach war Ruanda praktisch im Kriegszustand. Hutu kämpften gegen Tutsi, bis in den benachbarten Kongo verfolgte die ruandische Armee die Beteiligten an dem Genozid. Es herrschten Chaos und Gewalt, denn Kriege enden selten im Frieden. "Es sah ganz danach aus, als ob wir hier die Hölle auf Erden hätten", sagt Barera.

Trotzdem kehrte der zwei Meter große Tutsi kurz nach dem gigantischen Blutvergießen wieder in die Heimat seiner Vorfahren zurück. Seine Eltern waren bereits 1959, während der ersten ruandischen Massaker, in den Ostkongo geflüchtet - doch nachdem die vertriebenen Völkermörder, allesamt Hutus, dort auftauchten, wurde es für seine Familie zu gefährlich. Paul siedelte mit seiner Mutter nach Ruanda um, beendete die Schule, ging zur Universität - und ist heute einer der Hoffnungsträger seines Landes. "Ein Juwel", sagt ein Regierungsmitglied in der Hauptstadt Kigali.

Barera glaubt an die Zukunft von Ruanda, das sich mithilfe moderner Technik schnell ins 21. Jahrhundert katapultieren will. Der junge Mann hat an der Elite-Universität Kist (Kigali Institute for Science and Technology) Personalmanagement studiert und mehrere Computerkurse belegt. Seine Abschlussarbeit trug den Titel "Telekommunikation und Entwicklung", später baute er auf dem Land Internetzentren mit angeschlossenen Ausbildungseinrichtungen für Computerneulinge. Vor zwei Jahren öffnete Barera sein eigenes Zentrum in der Provinzstadt Nyamata, rund 50 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kigali. Das Café ist ein ruhiger Ort mit Tischen unter Strohdächern, einem Restaurant, einer Satellitenantenne und einem Dutzend Rechnern. "Hier habe ich meinen Traum verwirklicht und helfe zugleich beim Wiederaufbau unseres Landes."

Sein kleines Zentrum ist Teil eines ambitionierten Vorhabens, das sich NICI-2010 Plan (National Information and Communication Infrastructure) nennt. Barera klickt auf seinem Laptop eine Datei an. Dort steht: "Ein integrierter, informations- und kommunikationstechnisch getriebener sozio-ökonomischer Entwicklungsplan für Ruanda". Auf die sperrige Erklärung folgen 352 Seiten, mit unzähligen Buchstaben, Zahlen und Grafiken, auf denen in umständlichen Projektmanager-Worten eine ambitionierte Verwandlung beschrieben wird: von einem kaputten afrikanischen Hinterweltlerstaat zu einem hochmodernen Land der Cyber-Ära. Es ist eines der waghalsigsten und ehrgeizigsten gesellschaftlichen Projekte der Gegenwart.

Romain Murenzi war einst Physikprofessor in Brüssel und Atlanta, heute sitzt er als Wissenschaftsminister in seinem Büro im Urugwiro-Dorf, dem weiträumigen Amtssitz des Staatspräsidenten am Stadtrand von Kigali. Hier trafen sich Ende der neunziger Jahre die Vertrauten des einstigen Befreiungsführers der Patriotischen Front und heutigen Staatschefs Paul Kagame, um über die Zukunft ihres gerade erst aus dem Völkermord auferstehenden Landes zu beraten. "Unser Ausgangspunkt war düster", sagt der Minister. "Ruanda galt als eines der aussichtslosesten Länder der Welt."

Noch immer machen dem Kleinstaat, der nur etwas größer als Mecklenburg-Vorpommern ist, die sozialen und politischen Verwerfungen zu schaffen. Auch die Wirtschaft liegt am Boden, und erschwerend kommt hinzu, dass die einstige deutsche Kolonie das am dichtesten besiedelte Land Afrikas ist. Die Bevölkerung, derzeit rund zehn Millionen Menschen, wächst jährlich um 3,2 Prozent. Dabei geben die Ackerböden der Agrarnation schon heute nicht genügend Lebensmittel her. Das Land verfügt kaum über Rohstoffe, nur etwas Zinn und Erdgas wurden bislang gefunden. Schließlich hat der zentralafrikanische Staat keinen Zugang zum Meer, noch nicht einmal eine Eisenbahnlinie haben die Kolonialherren hinterlassen. "Das alles klingt nach einem hoffnungslosen Fall", resümiert Wissenschaftsminister Murenzi. "Uns blieb nichts anderes übrig, als einen mutigen Plan zu machen."

So kann man es ausdrücken. Innerhalb von 20 Jahren soll Ruanda zu einer hochmodernen Hightech-Nation aufgepäppelt werden, beschlossen die Strategen und entwarfen eine weitere Blaupause: die Vision 2020. Sie umreißt in wesentlich breiteren Zügen als NICI-2010 den Traum von Ruanda als einem afrikanischen Singapur. "So wie sich der fernöstliche Stadtstaat einst zum Handelszentrum Asiens entwickelte, wollen wir das elektronische Nervenzentrum von Afrika werden", sagt Murenzi. Den beiden Entwürfen ist gemein, dass sie in der Informationstechnik die große Chance für Ruanda sehen. "Sie ermöglicht es uns, ganze Entwicklungsphasen zu überspringen und in wenigen Jahren zu erreichen, wofür andere Nationen mehrere Jahrzehnte brauchten", sagt Murenzi. In der Physik würden solche Entwicklungen "nicht linear" genannt: "Man muss das wie eine Schockwelle sehen, einen technologischen Tsunami."

Nkubito Bakuramutsa ist Chef der Ruandischen Entwicklungsorganisation. Gäste empfängt er im zweiten Stock eines neu errichteten Glaspalastes am Rand der Hauptstadt. In den Großraumbüros stehen Stühle und Tische mit Computern vor kahlen Wänden, auf schmückende Accessoires legt die Belegschaft keinen Wert. Vor den Computerschirmen sitzen junge Afrikaner, neben ihnen nur wenig ältere persönliche Trainer aus Südkorea, Malaysia oder Indien, die dem Land bei seinem Riesensprung in die Zukunft helfen sollen. "Wir sind einzigartig in der Welt", sagt Bakuramutsa. "Noch kein anderes Land hat versucht, aus einem rückständigen Bauernstaat eine Wissensgesellschaft zu machen."

Bakuramutsa wurde vor 37 Jahren als Sohn eines exilierten ruandischen Professors geboren. Er verbrachte die ersten Jahre seines Lebens in Westafrika, später zog er in die USA. Dort studierte er Computertechnik und schaffte es bis zum Manager bei Hewlett-Packard. Vor zwei Jahren wurde er dann in ein ihm völlig unbekanntes Land gerufen: nach Ruanda, in die Heimat seiner Eltern. "Für mich war das die große Chance, etwas wirklich Einmaliges zu tun", sagt Bakuramutsa.

Derzeit ist der Mann mit den wachen Augen damit beschäftigt, in dem 26 000 Quadratkilometer großen Land ein Netz aus Glasfaserkabeln zu verlegen. Insgesamt 6000 Kilometer der schnellen Leitungen sollen in den kommenden zwei Jahren auch entlegene Dörfer mit dem Internet verbinden. Damit wäre Ruanda allen anderen afrikanischen Staaten tatsächlich um Längen voraus. Als Mitarbeiter holte sich Bakuramutsa den in Großbritannien und in den USA ausgebildeten Malaysier Sashi Sivam. Der hat bereits für Malaysia und den Iran einen nationalen Rahmenplan für E-Commerce und E-Governance entworfen. In Ruanda führte Sivam in seinen ersten zwei Jahren einen elektronisch lesbaren Personalausweis ein, mit dem man bald auch einkaufen und Geld abheben können soll. Sivam kann die Pro-Kopf-Einkommen sämtlicher Staaten der Welt aufsagen. Er rechnet vor, dass ein durchschnittlicher Singapurer vor der Unabhängigkeit des ostasiatischen Landes 1965 kaum mehr als 200 US-Dollar im Jahr verdiente - gegenwärtig sind es fast 34 000 US-Dollar. Diesen neuen Reichtum verdankt der Stadtstaat der Idee, seinen Hafen zum Umschlagplatz für den gesamten europäisch-fernöstlichen Seehandel zu machen.

So schnell kann es gehen: Der Fortschritt wird gebremst - von Stromausfällen

Wenn es Singapur gelang, aus einer Idee plus Fleiß und Effizienz dermaßen Kapital zu schlagen, warum sollte Ruanda nicht mit etwas Ähnlichem erfolgreich sein, fragt Sivam. Sein Ziel, das Pro-Kopf-Einkommen des Landes von gegenwärtig kaum mehr als 300 US-Dollar auf 900 US-Dollar in zehn Jahren zu verdreifachen, sei keinesfalls unrealistisch.

Eigentlich hätte Sashi Sivam gern einen einzigen integrierten Projektmanagement-Plan entworfen, in dem sämtliche 186 Vorgaben des NICI-Plans mit den verschiedenen Phasen ihrer Umsetzung detailliert aufgelistet sind. Doch eine solche Präzision überstieg dann doch die Möglichkeiten der ruandischen Planer. "Es gibt bislang keinen einzigen professionellen Projektmanager in Ruanda", klagt Sivam. So konzentriert er sich auf einzelne Vorhaben wie die Computerisierung der Regierungsarbeit. Schon heute liegen bei den Kabinettsitzungen in Kigali weder Papier noch Aktenordner auf dem Tisch. Gearbeitet wird an fest installierten Laptops. Schon bald sollen sämtliche Ministerien ohne Papier funktionieren. Solche Erfahrungen könnten später auch kommerziell verwertet werden, glaubt Sivam. Sämtliche 52 afrikanischen Staaten seien ein ausgezeichneter Markt für in Ruanda entwickelte IT-Anwendungen. "Wir werden statt Waren Ideen verkaufen", kündigt er an.

Visionen wie diese klingen in der Kleinstadt Nyamata bislang noch sehr utopisch. Paul Bareras Satellitenschüssel empfängt schon seit Monaten keine Signale mehr aus dem Weltall. Die Computer taugen nur noch zum Briefetippen. Das Modem ist kaputt und die Reparatur für den Internetcafé-Betreiber viel zu teuer. Daher wartet Barera, bis das Glasfaserkabel auch in seinem Dorf angekommen ist, was noch Monate dauern kann.

Dass die Einwohner von Nyamata unterdessen den Zugang zum Internet schmerzlich vermissten, wäre eine Übertreibung. Denn nach den Ergebnissen einer Volkszählung kann fast die Hälfte von ihnen weder lesen noch schreiben, nur wenige sprechen etwas Französisch, fast keiner ist des Englischen mächtig. Musa Kayiranga ist eine Ausnahme. Er ist der Vorzeigekunde von Barera. Der Mann ist ein traditioneller Heiler, der - solange Pauls Internetkabine noch online war - sein Wissen über Heilkräuter und Rezepte mit Medizinmännern im Kongo und in Madagaskar austauschte. "Mir hat das Internet eine ganz neue Welt eröffnet", sagt er. Seit das Modem streikt, nimmt er wenigstens Pauls Hardware in Anspruch und druckt die Etiketten für seine Medizinflaschen aus.

Ein erschwinglicher Zugang zum Internet würde der Bevölkerung des Provinzstädtchens sehr viele Möglichkeiten eröffnen, sagt Barera. Schon während der kurzen Online-Zeit hätten sich Schneiderinnen Schnittmuster für neue Modelle aus dem Netz besorgt, Farmer fragten die Preise für Mais und Kaffee ab und konnten nicht mehr von den Zwischenhändlern über den Tisch gezogen werden. Wenn bald auch die Schulen verkabelt seien, böte das E-Learning ganz neue Chancen, glaubt Barera. Nyamatas Ärzte könnten dann selbst knifflige Eingriffe mit telemedizinischer Hilfe aus dem Ausland vornehmen, und bald ließen sich sämtliche Geldgeschäfte übers Netz abwickeln. "Ich bin überzeugt, dass wir vor einer regelrechten Revolution stehen", sagt Barera. "Wir müssen nur gewappnet sein."

Dazu müssen die Menschen vor allem zügig lesen und schreiben lernen. Tatsächlich scheut die Regierung keine Anstrengungen, die Bevölkerung in die kostenlosen Schulen zu locken. Die Zahl der Grundschüler hat sich in den vergangenen zehn Jahren von 940 000 auf zwei Millionen mehr als verdoppelt, die Zahl der Studenten schoss sogar um mehr als das Zwölffache, von 3000 auf mehr als 40 000, in die Höhe.

Bareras Beitrag zur nationalen Bildungskampagne sind Computerkurse. Da inzwischen alle wissen, dass sie ohne EDV-Kenntnisse keinen Job bekommen, drücken bei ihm viele die Schulbank. Allerdings wird der Unterricht regelmäßig abgesagt, weil immer wieder der Strom ausfällt.

Wohl auch deshalb wird selbst in der Mensa des Kist noch immer auf Holzfeuern gekocht. Während seine Mitarbeiter gerade dabei sind, das Brennmaterial zur Zubereitung des Mittagessens zu hacken, freut sich der in Nigeria geborene Professor und Kist-Rektor Abraham Ogwu darüber, dass man seine Bildungseinrichtung eine Elite-Universität nennt. "Wir wollen schon in den nächsten Jahren den Anschluss an das globale Wissensdorf geschafft haben", sagt der in Schottland habilitierte Werkstoffwissenschaftler. In ihrer elfjährigen Geschichte hat die Hochschule bereits mehr als 6000 junge Ruander zu Ingenieuren und Technikern ausgebildet. Und zwar alle auf Englisch, der neuen Amtssprache des Landes.

Denn die Regierung hat jüngst verfügt, dass künftig von der Sekundarstufe an statt auf Französisch nur noch auf Englisch unterrichtet werden soll, was mit der Dominanz der Sprache im Internet begründet wurde. Das Dekret stieß vor allem unter der älteren Bevölkerung auf wenig Gegenliebe. Doch der Rektor Ogwu hält es für eine weise Entscheidung. Da zumindest die gebildeten Ruander weiterhin neben Kinyarwanda und Swahili auch Französisch sprächen, wüchsen deren Kinder jetzt sogar viersprachig auf. "Ein riesiger Vorteil im globalen Wettbewerb der Wissensgesellschaften", sagt er. Bei der Etablierung von Callcentern, der Entwicklung von Computerspielen oder Software-Programmen sei Ruanda seinen Nachbarn damit immer einen Schritt voraus.

Eine Entwicklungsdiktatur - aber eine, die im Westen angesehen ist

Nicht weit vom Kasernen-Gelände der Universität entfernt liegt ein ärmliches Wohnviertel mit brüchigen Steinhäuschen an einem Hang. Hier soll bald die City von Kigali aus dem Boden gestampft werden, das neue Finanzzentrum der Stadt. Die Pläne für das hochmoderne Viertel mit Wolkenkratzern, Fußgängerzonen und Grünanlagen hat das Stadtplanungsbüro Surbana gezeichnet, das bereits Singapur sein futuristisches Aussehen verlieh. Die fernöstliche Metropole dient auch Kigalis Bürgermeisterin Aisa Kirabo zur Orientierung. "Es gibt dort wunderschöne Ecken", schwärmt die in Uganda und Australien ausgebildete Sozialwissenschaftlerin.

Kigali ist schon heute eine Ausnahme in Afrika. Der 1907 von dem deutschen Verwalter Richard Kandt gegründeten Siedlung wurde kürzlich als erster Stadt des Kontinents der World-Habitat-Preis verliehen. Es gibt gepflegte Parks, die Straßen sind so sauber wie in Schwäbisch Hall, der Verkehr fließt geordnet und wird von unbestechlichen Polizisten geregelt. Und überall in der Stadt wird gebaut. Allerdings erfuhr Kigalis Erste-Welt-Traum jüngst einen schweren Dämpfer. Wegen der Finanzkrise strich Dubai World, der globale Investitionsarm der Vereinigten Arabischen Emirate, sein 250 Millionen Dollar teures Ruanda-Programm zusammen - darunter den Bau von Apartment-Siedlungen, eines Fünfsternehotels sowie mehrerer Luxus-Lodges in den Nationalparks des Landes.

Trotzdem hält Bürgermeisterin Kirabo an ihren Plänen fest. In zehn Jahren sollen 30 Prozent aller Ruander in Städten wohnen, statt wie bis vor Kurzem noch fünf Prozent. Immer wieder werden in Kigali Slumviertel abgerissen, um Platz für moderne Wohnungen oder verspiegelte Büroblocks zu schaffen. Stets werden dabei die betroffenen Bewohner miteinbezogen, versichert Kirabo: "Wir wollen ja keine Stadt nur für die Reichen schaffen."

Als Beispiel für eine gelungene Umsiedlung nennt die Bürgermeisterin den Stadtteil Batsinda, eines ihrer Lieblingsviertel in Kigali. Doch was die Stadtchefin an der neuen Trabantensiedlung so lobenswert findet, wird auch bei genauerem Augenschein nicht deutlich. Das knapp 20 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums gelegene Batsinda mit seinen endlosen Reihen identischer Häuschen hat den Charme einer ostdeutschen Plattenbausiedlung. Nora Mukanhusi, Besitzerin einer der geklonten Unterkünfte, macht aus ihrem Unmut keinen Hehl. "Hier ist niemand glücklich", sagt die 68-jährige Mutter von sieben Kindern. "Viel lieber wären wir in unseren alten Häuschen in der Stadt geblieben."

Dennoch hält sich Nora Mukanhusi, wie andere Modernisierungsopfer auch, mit grundsätzlicher Kritik am großen Plan der Regierung zurück, was an der Tatsache liegen mag, dass offene Opposition in Ruanda als Spalterei verpönt ist und bestraft werden kann. Einwände gegen die Vision vom afrikanischen Singapur werden höchstens im Ausland laut. Skeptiker werfen dort Präsident Kagame vor, mit seinen "größenwahnsinnigen" Träumen völlig unrealistische Erwartungen zu schüren. "Das ganze Projekt basiert auf einer gefährlichen Selbstüberschätzung", sagt Alexander Stroh, Ruanda-Experte am Hamburger Institut für Afrika-Studien. "Eine kleine Elite versucht hier, eine von oben verordnete Entwicklung durchzupauken."

Mit dem Vorwurf, keinen Widerspruch zu dulden und lediglich die Interessen einer aus dem Exil zurückgekehrten Tutsi-Elite zu verfolgen, sieht sich der Präsident Kagame immer wieder konfrontiert. Tatsächlich kann sich Ruanda höchstens auf dem Papier eine Mehrparteiendemokratie nennen. Wahlen werden von dem Präsidenten manipuliert. So sorgt er für klare Verhältnisse. Landeskenner Stroh bezeichnet das politische System eine "Entwicklungsdiktatur". Doch Kagame pflegt seinen fürsorglich-autoritären Führungsstil mit dem Hinweis zu rechtfertigen, das ethnisch noch immer tief gespaltene Land sei für offenen Schlagabtausch und rein nummerische Mehrheitsentscheidungen nach dem Vorbild stabiler westlicher Demokratien noch nicht reif.

Auch die Tatsache, dass es vor allem aus dem Exil zurückgekehrte Tutsis sind, die Ruanda in die postmoderne Wissensgesellschaft führen sollen, kann kaum dem Präsidenten angelastet werden. Schließlich ist es nicht Kagame zuzuschreiben, dass seit der Unabhängigkeit Ruandas Tausende von Tutsis aus dem Land vertrieben wurden, die während des Exils die Chance nutzten, sich zu global denkenden Experten ausbilden zu lassen. "Jede Revolution braucht ihre Fahnenträger", sagt Nkubito Bakuramutsa, der Entwicklungsratschef. "Warum sollten wir auf dieses Kapital verzichten?"

In vielen westlichen Hauptstädten scheint man diese Einschätzung zu teilen. Paul Kagame gilt in Washington, London und Berlin als charismatischer Visionär. Zu seinen Beratern zählen der einstige US-Präsident Bill Clinton und der frühere britische Premierminister Tony Blair, der Ruanda jüngst als "afrikanischen Modellstaat" pries.

Organisationen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) bewilligen dem Land großzügig Kredite. Jahr für Jahr kann Ruanda mit Wachstumsraten von mehr als fünf Prozent aufwarten. Und die Gebernationen, die sich ihrer Tatenlosigkeit während des Völkermords schämen, belohnen das Land mit Millionen von Entwicklungshilfegeldern. Derzeit wird gut ein Drittel des mehr als eine Milliarde Dollar umfassenden Staatshaushalts direkt aus dem Ausland finanziert.

Dabei ist es selbst für die leidenschaftlichsten Visionäre unter den modernen Planern noch nicht ausgemacht, dass ihre Träume einmal Realität werden. Der ehemalige Computermanager Bakuramutsa weiß, dass eine Mehrheit der ruandischen Bevölkerung die Absichten der Elite eher skeptisch verfolgt, während im benachbarten Kongo noch immer Zigtausende von Hutu-Milizionären lungern, die in den vergangenen 15 Jahren nichts anderes getan haben, als sich an fremden Bodenschätzen zu bereichern und wehrlose Zivilisten zu misshandeln. "Wenn wir es nicht schaffen, die tiefen Gräben in unserer Gesellschaft zu überwinden, kann unsere Revolution schrecklich schiefgehen", sagt er. Noch immer ist die Furcht lebendig, dass sich Ruandas blutige Geschichte der Völkermorde weiter fortsetzen könnte.

Erste Erfolge wie das anhaltend hohe Wirtschaftswachstum, eine gewisse Stabilität und die hohe Einschulungsquote machen den Visionären allerdings Mut. "Selbst wenn wir zunächst nur 70 Prozent unserer Ziele erreichen sollten", sagt Bakuramutsa, "werden unsere Errungenschaften das ganze Land grundsätzlich verändern und schließlich auch die Skeptiker überzeugen." Dasselbe Motiv, das einst die Singapurer zu ihrem Triumph antrieb, werde auch die Ruander beflügeln, davon ist der Malaysier Sashi Sivam überzeugt: "Sie hatten gar keine andere Wahl, als wirklich großartig zu sein." -