Zimmer frei, bis der Bagger kommt

Gesucht: Platz für Hunderte von Existenzgründern, billig, zentral gelegen, mit netten Nachbarn. Gefunden: Die Raumaufzeit GmbH in Stuttgart.




- Von einem Diplom-Ingenieur und Architekten wie Alexander Matthies sollte man erwarten, dass er davon träumt, aufregend Neues zu entwerfen und zu bauen. Doch Matthies will nicht. Der 37-Jährige sucht vielmehr alte, heruntergekommene Objekte, denen bald die Abrissbirne droht; Gebäude, aus deren Decken die Kabel baumeln und Vergangenheit müffelt. Er handelt mit dem Eigentümer eine bescheidene Pacht aus, parzelliert die Immobilie und vermietet sie als Raum auf Zeit.

Strukturwandel und moderne Stadtentwicklung sorgen dafür, dass es an solchen Bauten nicht fehlt. Matthies hat Stuttgart für sich entdeckt und eine ideale Zielgruppe: Durch Zwischennutzung auf begrenzte Zeit gibt er alten Häusern neuen Sinn und erschließt Räume für junge Existenzgründer, die sich erproben wollen. Leuten, die eine Geschäftsidee, aber noch kaum Kunden haben; die sich wegen knapper Budgets nur Billigmieten leisten können und Büros, die man leicht wieder los wird.

Gebäude, die für alle anderen uninteressant sind, wecken in Matthies die kreative Energie. "Es reizt mich, die Qualität von Objekten zu entdecken, damit zu arbeiten und sie nach einiger Zeit wieder zu verlassen", sagt er. 2006 fand er solch ein Objekt und verfiel dessen Charme. Die ehemalige Bundesbahndirektion in der Heilbronner Straße 7 trägt heute den Namen H7 und ist sein erstes Existenzgründerzentrum. Das Sandsteingebäude, im Jahre 1913 erbaut, mit imposantem Entree und repräsentativer Treppengalerie, hohen Sprossenfenstern, endlosen Fluren und im Innenhof mit altem Baumbestand wirkt nicht gerade wie eine Startrampe für Gründer.

Das Objekt im Besitz der Immobiliengesellschaft Vivico stand wegen der Pläne, den Stuttgarter Hauptbahnhof für eine schnellere IC E-Anbindung zu untertunneln, mehr als ein Jahr leer, und so konnten Matthies und seine Geschäftspartnerin Marie-Luise Flint vor drei Jahren 6000 Quadratmeter Bürofläche günstig mieten. Bis Ende 2009 oder auch etwas länger dürfen sie bleiben. Anfangs erschien das riskant, denn sie wussten nicht, wie viele Mieter sich melden würden. Als kurz darauf eine Warteliste nötig wurde, ahnten sie, wie groß der Bedarf wirklich war.

Mittlerweile haben 200 Existenzgründer im H7 ihre Schreibtische aufgebaut und 85 Mietverträge unterschrieben: Grafiker, Werber, PR-Leute, Journalisten oder Fotografen arbeiten Tür an Tür. Die kleinsten Zimmer mit zwölf Quadratmetern und Inter-net-Anschluss gibt es schon für 110 Euro Warmmiete im Monat. Als weiteres Plus für die Zwischennutzer gelten allen gemeinsam zugängliche Besprechungsräume und ein Concierge in der Eingangshalle, der Besucher empfängt, eingehende Post annimmt und bei Abwesenheit der Mieter das Telefon bedient.

In dem riesigen Gebäude, das zuvor nur der Disco Rocker 33 und dem Kulturverein Dialekt e. V. Unterschlupf geboten hatte, ist neues Leben eingezogen. Mittlerweile gibt es auch einen Frisör, ein Café, ein Mode-Label und eine Galerie. Durch die Wände hört man die Telefone der Nachbarn klingeln; die Türen stehen meist offen; für ein spontanes Brainstorming ist immer jemand bereit. Im Sommer steht ein Diwan im Innenhof - für Leute, die mit dem Laptop gern draußen sitzen. Der Vermieter weiß, worauf es seiner Klientel ankommt. Alexander Matthies hat solche Projekte schon während des Studiums in Dresden erlebt, als er mit Freunden kleine Ladenlokale mietete und seine Studienkollegen in alten Fabriketagen wohnten. Im Rückblick sagt er: "Für mich war immer klar, dass ich selbstständig sein und etwas Eigenes auf die Beine stellen wollte."

Matthies ist es gelungen, die richtigen Leute unter einem Dach zu versammeln. Er reagiert nachsichtig, wenn mal die Miete nicht gezahlt wird, weil ein Auftrag ausblieb. Und er ist strategisch denkender Unternehmer, wenn er mit Immobilienbesitzern verhandelt oder Beziehungen zur Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart pflegt. Mittlerweile hat er ein weiteres Existenzgründerzentrum eröffnet. In der Heusteigstraße leuchtet ein Neon-Logo mit vier bunten Sternen: das "4 Sterne", ironische Anspielung auf ein Hotel mit entsprechendem Service, dabei ist das Gebäude mit der Ausstrahlung einer Behörde aus den siebziger Jahren stark sanierungsbedürftig. Man merkt Matthies die Lust an, für solche Objekte temporäre "Images" und "Konzepte" zu finden.

Mit beiden Häusern bringt er es auf 250 Mieter und 133 Firmen. Was ihn im Büro der H7 Raumaufzeit GmbH zu einer kleinen Rechnung motiviert: "Wenn die alle einigermaßen verdienen und ihre 2500 Euro im Monat einfahren, müssten im Jahr um die vier Millionen Umsatz zusammenkommen."

Matthies ist sicher: Die Idee hat Zukunft. Deswegen sucht er nicht mehr nur in Stuttgart. Er hat gelernt, wie groß ein Objekt sein muss, damit die Kosten auf viele Schultern verteilt werden können. Ein guter Ort, sagt er, zeichne sich durch "Urbanität" aus, sei "am Puls der Zeit" und "an Stadt, Verkehr und Leben angeschlossen". Dass zwei seiner Mieterinnen schon Aufträge eines berühmten Pariser Luxuskaufhauses haben, beweist, wie man auch in kleinen Räumen über sich hinauswachsen kann. -

Kontakt: www.h7-raumaufzeit.de, Telefon: 07 11/50 545 13