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The Right Stuff

Vor 40 Jahren landete Apollo 11 auf dem Mond. Danach schien im Weltraum kein Platz mehr zu sein für große Träume. Ein Irrtum.




- 20. Juli 1969, 20.17 Uhr UTC, Neil Armstrong schaltet seinen Rechner ab. Die Fehlermeldungen am Monitor nerven ihn und Buzz Aldrin, der neben ihm im engen Cockpit des Lunar Excursion Module (LEM) sitzt. Die letzten Meter bis zum Mond sind Handarbeit. Eigentlich sind die beiden Astronauten froh darüber, dass der Computer spinnt. Freiheit ist, wenn man es selbst schafft. Gut 390 000 Kilometer entfernt in Houston /Texas hört man, wie Armstrong "Contact Light" funkt. Das ist die Vollzugsmeldung. Das LEM, "Eagle" getauft, ist gelandet. Und jetzt?

Kein Abenteuer des 20. Jahrhunderts hat mehr Menschen in seinen Bann gezogen als der achttägige Ausflug der Herren Armstrong, Aldrin und Michael Collins (der mit der Apollo-Kommando-Kapsel im Mondorbit blieb) zum Erdtrabanten. Nur rund 21 Stunden waren Armstrong und Aldrin auf dem unfreundlichen Brocken, aber jede Sekunde davon wurde auf der Erde von Millionen Menschen neugierig verfolgt. Wo immer es auf der Welt Fernseher und Radios gab, saßen die Leute gebannt davor und hörten die Funkdialoge zwischen der Mission Control in Houston und den drei Raumfahrern. Mit etwas mehr als 21 Kilo Mondgestein im Gepäck flogen die drei dann heim, mussten 17 Tage in Quarantäne verbringen und wurden danach auf Konfettiparaden präsentiert. Super. Aber nun?

Im April 1961 begannen die Vorbereitungen für das größte Abenteuer der Menschheitsgeschichte - so durfte man damals, in den Sechzigern, die Apollo-Mission noch nennen. John F. Kennedy hatte in seinem berühmten Memorandum an den Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson die Dringlichkeit einer Landung auf dem Mond klargemacht und kurz darauf die amerikanische Nation auf das Ziel eingeschworen. Und natürlich war das auch Propaganda, eine Aktion im Namen des Kalten Krieges, der zu dieser Zeit ziemlich heiß geworden war.

Die Russen hatten in der Raumfahrt die Nase vorn, hatten mit dem Sputnik 1957 und Juri Gagarin - dem ersten Menschen im Erdorbit - 1961 ganz klar gezeigt, dass sie die Supermacht waren, die den Weltraum für sich beanspruchte. Die Amerikaner hingegen waren mit ihrem Mercury-Programm immer hinten dran. "Unsere explodieren immer", schrieb Tom Wolfe sich den Frust der ganzen Nation von der Seele. Klar, der Wettlauf zum Mond war eine Frage des Prestiges, eine Sache, die im psychologischen Krieg der Weltanschauungen enorm punkten konnte. Am 20. Juli 1969 war das geklärt. Die Amerikaner, lange Zeit den Russen scheinbar hoffnungslos unterlegen, hatten gewonnen, flogen zum Mond und zurück, und als sie wieder auf dem Boden der Tatsachen ankamen, in ihrer Welt unten, fragten sich die Leute nur: Und nun? Wie geht's weiter?

Es heißt, Fragen macht schlau, das ist grundsätzlich richtig, aber manchmal ist es auch grundfalsch, nämlich dann, wenn man gar keine Antwort hören will.

Die Menschen sahen eine kleine blauweiße Kugel im All, die von den Kameras der Apollo-Mission gefilmt worden war. Einige waren ganz und gar hingerissen von diesem Anblick. Die Erde ist ein schöner Planet. Aber nicht wenige erschraken furchtbar. Sie hatten offensichtlich bis zu diesem 20. Juli 1969 nicht begriffen, dass sie auf einem belanglosen Kügelchen mitten im Weltall ihren Geschäften nachgingen. Ihre Sicherheiten, ihre Gefühle, Sehnsüchte und Träume hingen buchstäblich im Nichts, im All. Der Planet war hübsch, aber rundum war es rabenschwarz, saukalt (-270 Grad), und irgendwo flackerten Lichtpunkte, ferne Sterne, auf denen es auch nicht gemütlich war. Grenzenlos, sagten einige; trostlos, raunten andere. Und so ungewohnt.

Da draußen gab es keine Budgetdebatte, keine Kriege, keinen Wahlkampf, keine Sozialversicherungssysteme. Die Kamera von Apollo 11 machte klar, wie die Welt wirklich aussah. Und es war so, wie der russische Kosmonaut Juri Gagarin 1961 vermeldet hatte: kein Gott, nirgends. Ein gewaltiger Sprung für die Menschheit? Das erschien nun vielen als Sprung ins kalte Wasser.

So war das nicht geplant. Die Raumfahrer hatten mit etwas anderem gerechnet. Darauf, dass die Daheimgebliebenen stolz wären auf das, was Armstong "einen gewaltigen Sprung für die Menschheit" nannte. Ganz pragmatisch. Der Mondflug war eine optimistische Operation. Die Landung würde, so meinte man, enorme moralische Zinsen abwerfen. Mut für die Welt. Seht her, wir können unsere Grenzen überwinden. Wir sind in der Lage, durch Denken und Mut über unseren Schatten zu springen. Wenn das möglich war, was konnte noch unmöglich bleiben? Jeder Traum war erfüllbar. Es waren unternehmerische, menschliche Gedanken. Sie trafen auf die Ängste von geborenen Zuschauern.

Der Wohlstandspessimismus sah bald schon nicht mehr die drei Menschen im All, die ihre Grenzen überwunden hatten und Mut machen sollten, sondern eine schutzlose Welt. Die von tausend Kompromissen, Eifersucht, Angst, Neid, Wohlstandsverwahrlosung und Trägheit geplagten Erdlinge sahen zum Himmel und fragten: Und jetzt? Was nun? Was haben wir jetzt davon? So ist es oft, wenn große Träume in Erfüllung gehen. Was kann jetzt noch kommen?

Niemand interessierte sich mehr für die weiteren Mondmissionen. Unten machten sich die Stubenhocker und Pessimisten breit. Sie hatten ihre Grenzen längst gefunden. Andere sollten gefälligst ihre Existenzängste teilen. Alle redeten nun nur mehr vom "verletzlichen Planeten", säuselten von der "verwundbaren Welt" - und meinten doch immer nur ihre Angst, nach draußen zu gehen. Viel zu wenige sagen seither, dass sie sich darauf freuen, weiter zu gehen, auch mal nach draußen, statt mit ängstlichen Leuten und ihren kleinen Neurosen in der Stube hocken zu bleiben. Wir sind zum Mond geflogen, aber dann hat uns der Mut verlassen. Ohne den aber lässt sich auch auf Erden nichts richten.

Wer nicht zum Mond will, träumt auch auf der Erde nicht. Stubenhocker pennen nur

Statt der großen Träume wurden Albträume populär. Vor diesem Hintergrundrauschen einer unsicheren Welt erschien vielen die Apollo-Mission als Betrug. Wie beschämend muss es tatsächlich sein, wenn man auf der Welt so gar nichts gebacken kriegt und dann drei Leuten dabei zusieht, wie sie auf dem Mond herumspringen. Planetenrettung hingegen ist ein sicheres Geschäft. So landete der Adler am 20. Juli 1969 auch in einem Kuckucksnest.

Nun kann man die verletzliche Erde schlecht fragen, ob und falls ja von wem sie gerettet werden will. Planeten reden nicht das ist ein Glück für die Leute, die sich um alles und jeden kümmern außer um ihren eigenen Kram. Psychologen würden von einer Verschwörungstheorie reden, dem Stichwort also, das man via Google am häufigsten findet, wenn man nach Apollo 11 sucht. Denn was nicht sein darf, kann nicht sein. Es gibt unzählige Theorien darüber, dass die Mondlandung ein Betrug war. Nur eine Theorie ist nicht dabei: Sie ist nicht populär. Es ist die Theorie über die Verschwörungstheorie, wenn jemand einen großen Traum hat. Denn nicht die Technik hakt, nicht die Zeitpläne, auch nicht das Geld. Es ist der kleine Blick zu kleiner Menschen, die große Träume zerplatzen lassen. Blaise Pascal hat einmal gesagt, dass alles Unheil von "einer einzigen Ursache" herrühre, nämlich "dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können". Dem kann man hinzufügen, dass immer die falschen Leute auf den Mond geschossen werden.

Die Apollo-11-Mission war - um in der Diktion der Planetenretter zu bleiben - nachhaltig, wahrscheinlich eine der nachhaltigsten Menschheitsaktionen überhaupt. Der Nasa-Mann Michael Griffin hat das vor vier Jahren sehr schön auf den Punkt gebracht: Das Ziel der Raumfahrtmissionen sei nicht allein wissenschaftliche Erkenntnis. Auf lange Sicht "kann eine planetengebundene Spezies nicht überleben ... Wenn der Mensch Hunderttausende oder Millionen Jahre überdauern will, müssen wir unbedingt andere Planeten besiedeln." In den Ohren der Kuckuckskinder mag das schrecklich klingen. Kolonialismus. Größenwahn. Weltraumeroberung. Planetenretter bleiben lieber schön zu Hause. Stubenhocker zweifeln immer.

Dort freilich bleibt auch nichts so, wie es ist.

Als man noch vom Weltraum träumen durfte, erdachte der amerikanische Physiker Freeman Dyson etwas, was heutigen Generationen unglaublich vorkommt - und dennoch ihr Leben bestimmt. Die "Dyson-Sphäre", 1960 zum ersten Mal als Modell publiziert, sah ein vollständig autonomes und von der Energie ihres Zentralgestirns lebendes Sonnensystem vor. Die Sonne ist der gewaltigste Energielieferant, aber die allermeiste Kraft verpufft sinnlos in den Weiten des Weltalls. Konsequenterweise muss man also eine kugelförmige Konstruktion erdenken, die den Energieverlust minimiert - eine Art Sonnenhülle oder Sphäre. In Dysons Modell bestand diese Sphäre aus einem Schwarm von Solarkollektoren, die die Sonne umkreisen sollten. Für Dyson war sein Modell streng logisch. Falls es "da draußen" intelligentes, hoch entwickeltes Leben in anderen Sonnensystemen geben sollte, hätten unsere galaktischen Nachbarn mit Sicherheit ein solches System entwickelt. Aliens, so es sie gibt, denken sicher nachhaltig - das bedeutet so viel wie: Sie werden alle Techniken, die ihnen nützen, auch nutzen.

Dysons Ideen der solaren Energieautonomie bilden die geistige Grundlage aller nachhaltigen Energiekonzepte. Dahinter verbirgt sich, wie bei der Reise auf den Mond, eine wichtige Logik, die Zukunftslogik. Auch wenn wir es heute nicht können, wir strengen uns an, um es zu schaffen. Weil es richtig ist, weil es uns schlauer macht, weil es uns Antworten gibt - vielleicht. Aus diesem Stoff sind die Träume wirklich, ganz pragmatisch also. Wer auf den Mond will, hat eine bessere Welt im Blick.

Aber wer nicht zum Mond will und weiter, der wird auch auf der Erde nichts wollen. Wer von weniger träumt, schläft nur. -

"The Right Stuff" ist die Geschichte der Piloten des Mercury-Projektes, aus dem das Mondflugprogramm Apollo hervorging. Tom Wolfe hat diese Geschichte aufgeschrieben, 1983 wurde sie von Philip Kaufman verfilmt.