Stephan A. Jansen im Interview über Utopien

Ist sie das nun, die große Krise des Kapitalismus? Hat die soziale Marktwirtschaft versagt? Sich überlebt? Oder ist alles nur ein wenig ins Straucheln geraten? Und wie kann es weitergehen? Ein Gespräch mit Stephan A. Jansen über grundsätzliche Fragen und realistische Utopien.




brand eins: Herr Jansen, spätestens seit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers steht das kapitalistische System unter Dauerbeschuss. Die Wirtschaft hat als Garant wachsenden Wohlstands versagt - und die Politik nimmt die Rolle des Retters ein.

Jansen: Das ist tatsächlich der größte Schaden. Mit der Krise ist das Systemvertrauen verloren gegangen. Nun suchen wir nach einer neuen Übersichtlichkeit. Aber die schlechte Nachricht ist: Die bekommen wir nie wieder. Auch der rettende Staat wird wieder schnell in die Misstrauensspirale geraten. Das System ist zu komplex. Und das Einzige, was dann hilft, ist Systemvertrauen, also das Vertrauen, dass wir uns auf die Kontrollen anderer verlassen können. Leider ist es genau damit erst einmal vorbei - in der Wirtschaft, aber auch in der Politik.

Hat es Systemvertrauen wirklich gegeben? Das Misstrauen gegenüber Kapitalismus und Markt ist doch hierzulande nie geschwunden.

Allein die Tatsache, dass wir einen Geldschein in die Hand nehmen, der nicht durch Gold gedeckt ist, spricht dafür. Kaum einer versteht das System der Geldwertstabilisierung wirklich, und dennoch vertrauen wir auf die Kaufkraft eines Papiers, dem die Gesellschaft einen Wert zuweist. Ich denke nicht, dass mehr als zehn Prozent der Deutschen die Mechanismen der Finanzmarktkontrolle kennen, aber sie hören von Rating-Agenturen, von einer Bafin. Und sie haben beim Überblättern des Wirtschaftsteils das Gefühl: Die Akteure untereinander, aber auch die Medien und die Wissenschaft beobachten genau, was da geschieht. Bis zum 15. September 2008. Seit der Lehman-Pleite wird den Beobachtern misstraut, egal, ob sie in Rating-Agenturen, Finanzministerien, Kreditversicherungen, Redaktionen oder in Universitäten sitzen.

Ist Misstrauen nicht auch ganz gesund?

In Universitäten und Redaktionen sind Misstrauen und Zweifel so etwas wie die Existenzberechtigung. Ein allgemeines, sich metastasenartig ausbreitendes Misstrauen ist jedoch ökonomisch ineffizient. Es hilft bei keiner Entscheidung, wenn wir allen Systembeteiligten misstrauen. Es führt nur zu weiteren Kontrollebenen - ohne das Grundproblem zu lösen: dass wir Entscheidungen treffen müssen unter der Bedingung von Unsicherheit und Komplexität. Und es kommt noch etwas dazu, ein latenter Überdruss am Kapitalismus. Die Generation, die heute in Entscheidungspositionen sitzt, kennt kein anderes System - und damit haben wir eine Situation, wie wir sie von Computerbetriebssystemen kennen: Alle nutzen Windows, aber kaum einer liebt es. So ist wohl auch unser Verhältnis zum Kapitalismus, bei dem ein Paradox hinzukommt. Er basiert auf Wettbewerb - und hat als System selbst keinen Wettbewerber mehr. Auf Alternativlosigkeit aber reagiert man immer mit Überdruss, allerdings nicht mit der produktiven Variante, sondern mit so einer Art resignativem, idealisierendem und folgenlosem Überdruss nach dem Motto: "Wir müssten es mal irgendwie anders machen."

Müssen wir ein anderes System erfinden, um die Marktwirtschaft wieder schätzen zu lernen?

Es könnte schon helfen, aufmerksamer zu werden -und genau das geschieht zurzeit. Wir haben es ja nicht mit dem Fall des Kapitalismus zu tun, eher mit einem Stolpern. Und das Stolpern ist eine Bewegung, die unverzüglich höchste Konzentration mobilisiert. Wo ist oben, wo ist unten, wie schaffe ich es, mich zu stabilisieren? Und vor allem: Wie schaffe ich es, halbwegs gut dabei auszusehen, wenn ich gerade eine öffentliche Treppe hochgehe? Wenn man dann wieder Fuß gefasst hat - ich schätze mal, das wird so in zwei Jahren der Fall sein -, dann blickt man zurück. Über was bin ich da eigentlich gestolpert? In jedem Fall läuft man nach dem Stolpern aufmerksamer weiter.

So mancher würde allerdings lieber die Treppe abbauen, als den Stolperstein zu suchen.

In solchen Phasen boomt natürlich der Markt für Alternativen und soziale Ideologien. Und es gehört zum immergleichen Spiel, dass die Pessimisten, allen voran die Marktkritiker, die Konjunkturgewinner auf dem Markt der Ängste sind. Wer schlechte Zeiten vorhersieht, ist immer auf der richtigen Seite - selbst wenn es besser kommt, lag es an der offenbar sich selbst zerstörenden Prophezeiung. Das ist eines der Kernprobleme der Prognostik, die Krise hat immer Konjunktur. Aber wir haben kein prognostisches Problem, sondern ein reales. Wer besetzt die Gegenposition? Das müssen die Unternehmer, die Manager, übrigens auch die Banker übernehmen. Und die sitzen dann in einem Meer von Schwarzsehern, die immer recht haben, und haben nur eine Chance: Sie müssen überzuversichtlich sein - sonst würden sie auch in den Markt der Krisenprognosen einsteigen.

Ihre Glaubwürdigkeit erhöht das nicht. Und dann haben all jene leichtes Spiel, die den Kapitalismus durch staatliche Eingriffe zu zähmen versuchen.

Wer glaubt, dass ein von einem zentralistischen Staat dirigierter Kapitalismus die Lösung ist, sollte sich den Weltmarktführer in dieser Disziplin ansehen. Das ist China.

Andere plädieren dafür, zu den Tugenden der sozialen Marktwirtschaft zurückzukehren.

Ich frage mich immer, was sie damit meinen. Denn wann sprechen wir vom Sozialen? Wenn es um Beziehungen geht. Und die beiden wesentlichen Beziehungsmuster sind Kooperation und Konkurrenz - also genau das, was das Handeln auf einem Markt bestimmt. Pointiert gefragt: Kann es überhaupt eine Marktwirtschaft geben, die nicht sozial ist?

Steckt in sozial nicht auch die stille Hoffnung, dass dadurch die Härten des Marktes abgefedert werden?

Sicherlich, das Wort hat eine implizite Gleichheits- und Gerechtigkeitsunterstellung. Sozial ist danach, was Arbeit schafft, Ausbeutung verhindert, vor dem individuellen Absturz bewahrt, also Umverteilungs- und Mindeststandards definiert -, deshalb sind Mindestlöhne so wichtig. Die hatte übrigens auch Alfred Müller-Armack in seinem 1946 veröffentlichten Büchlein "Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft" vorgesehen, obwohl sie eigentlich der Idee der Marktwirtschaft widersprechen.

Wieso?

Die Marktwirtschaft nutzt die dezentrale Intelligenz aller Marktteilnehmer, die ausgleicht, dass der Einzelne nur unvollständig informiert ist. Wer aber mit sozial verbindet, dass der Staat alle versorgt, der will automatisch mehr Zentralismus - denn Versorgung ist in dieser Vorstellung nur zentral zu steuern.

Das mag den Theoretiker schmerzen - aber in der Praxis nimmt der Wunsch nach Steuerung durch den Staat zu.

Ja, der gute alte John Maynard Keynes erlebt ein Revival, unglücklicherweise in einer Zeit, in der das alte, theoriegetriebene Koordinatensystem aus Keynesianismus und Monetarismus, also aus Sozialromantikern und stereotypisierten Neoliberalen, zu Recht nicht mehr funktioniert. Es wäre wohl an der Zeit, sich noch mal intensiver mit Keynes zu beschäftigen. Immerhin erlitt er 1937 einen Herzinfarkt, weil er sein auf 30 Millionen Pfund geschätztes Privatvermögen mit kreditfinanzierten Wertpapierkäufen und Termingeschäften verspekulierte. Vor allem aber sieht die Welt heute anders aus als 1937, vernetzter und voneinander abhängiger. Wenn heute Mittag weniger Handys bestellt werden, wird morgen Vormittag der Coltan-Abbau im Kongo stillgelegt - die globalen Netzreaktionen sind so unmittelbar, dass wir vorsichtig sein sollten mit der Idee, alles steuern zu können.

Dennoch ist sie in der Welt.

Der Wunsch nach Zentralismus hatte seine letzte Renaissance in den siebziger Jahren, da sind wir bei den Grenzen des Wachstums und bei der Ölkrise von 1973 - und einer der besten Phasen der Krisenmanagementliteratur. Mit jeder Krise kam die Idee dann wieder kurz hoch. Aber Zentralismus ist etwas, das nur in trivialen Systemen exzellent läuft - in komplexen Systemen ist die Dezentralität eindeutig überlegen.

Warum?

Der große Vorteil ist Redundanz. Das Gesamtsystem bricht nicht zusammen, wenn ein einzelnes Subsystem versagt. So arbeitet unser Gehirn, so arbeitet das Internet, und diesem Prinzip folgt ein funktionierender Markt. Man muss akzeptieren, dass ein komplexes System vergleichsweise ineffizient ist, wenn es auf Redundanz, Verdrängung und Kannibalisierung angelegt ist. Gesamtwirtschaftlich bleibt es dennoch überlegen, weil es die höchste Kapazität zur Verarbeitung von Informationen hat.

Von der Überlegenheit ist im Moment nicht viel zu spüren.

Von der Überlegenheit von Protektionismus und zentralistischer Verstaatlichung ebenso wenig. Wenn der Markt sich irrational, also atheoretisch verhält, dann kann das länger dauern, als man selbst zahlungsfähig bleibt - so hat Keynes 1920 die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe begründet. Allerdings war auch die auf Staatsverschuldung aufsetzende "Politik des billigen Geldes" ein staatlicher Eingriff, der dazu führte, dass die Liquiditätsvorsorge aus der Mode kam und Unternehmen heute unter einer zu geringen Liquidität und einer deutlich zu geringen Eigenkapitalquote leiden. Und die Frage ist, ob wir nun die Lösung des Marktes akzeptieren, also die Insolvenz. Oder ob wir der Krise mit weiteren staatlichen Anreizen begegnen, sie also mit jenem Mechanismus - einer erneuten "Politik des billigen Geldes" - zu therapieren versuchen, der sie ausgelöst hat.

Bleibt festzuhalten, dass das Marktmodell von Alfred Müller-Armack nicht lange gehalten hat.

Seine Idee der sozialen Marktwirtschaft ist nicht tot, es scheint eher eine Wiederbelebung im Original zu beobachten zu sein. Die Müller-Armack'sche Marktwirtschaft ist das Zusammenspiel aus Klein- und Mittelunternehmen, gern in Familienhand. Großunternehmen wurden bereits damals als Problem wahrgenommen. Deshalb hat Müller-Armack bewusst auf Wettbewerbsregulierung gesetzt. Großorganisationen seien nur gerechtfertigt, wenn es um netzbasierte Güter gehe - also etwa bei der Eisenbahn, der Telekommunikation oder der Post. Denn netzbasierte Güter brauchen eine bestimmte Organisationsgröße, und die muss finanziert werden.

Inzwischen gelten auch hohe Forschungsausgaben als Argument für Größe, etwa in der Pharmaindustrie.

Multinationale Großunternehmen waren tatsächlich von den Marktwirtschaftstheoretikern nicht vorgesehen. Ihr Entstehen hat mit der klassischen ökonomischen Theorie zu tun - danach brauchen wir große Organisationen, weil sie Skalierungsvorteile versprechen. Das ist eine nach wie vor so unabänderliche wie mutige These der Betriebswirtschaft, denn den sogenannten Economies of Scale stehen Diseconomies of Bureaucracies entgegen. Tatsächlich dauert der Streit um die optimale Betriebsgröße bis heute an, ganz schlicht, weil es sie nicht gibt. Es gibt nur die unternehmerische Entscheidung, groß werden zu wollen.

Sollte nicht genau da die Wettbewerbsregulierung einsetzen?

Bedingt. Das Problem ist der Konflikt zwischen Markt und Staat. Der Markt ist stark, wenn er, wie gesagt, die dezentrale Intelligenz vieler Mitspieler nutzt und daraus Verbindlichkeiten für alle entstehen. Kommt es dabei zu Verzerrungen, greift der Staat mit Wettbewerbsregulierung ein - allerdings ohne dezentrale Intelligenz.

Hätte sich der Markt nicht durchsetzen müssen, wenn er tatsächlich überlegen ist?

Der Markt ist ein dynamisches Modell, in dem Verbindlichkeiten immer wieder neu entstehen, weil alle Teilnehmer ständig dagegen an arbeiten. Im Grunde setzt man den Wettbewerb dafür ein, sich aus dem Wettbewerb herauszubewegen. Man arbeitet auf dem Markt gegen den Markt. Denn schließlich will man ihn übertreffen, besser sein, den Konkurrenten links liegen lassen, letztlich will man, dass er insolvent geht. Aber nun kommt die Großorganisation ins Spiel - sie löst den Wettbewerb hierarchisch auf.

Weil sie nicht mehr zu überwinden ist?

Nein, weil sie zu groß ist, um zu scheitern. Großunternehmen haben eine eigene Form der Zentralisierung von Märkten erzeugt, die gegen die Idee der sozialen Marktwirtschaft läuft. "Too big to fail", das ist der GAU der Marktpolitik. Warum müssen wir uns als Steuerzahler um einen Automobilhersteller kümmern, gegen den wir uns als Kunden bereits entschieden haben? Die Überlegenheit der Marktwirtschaft entsteht, weil sich Märkte dezentral bereinigen. Wenn aber das Scheitern, also die Insolvenz, nicht vorkommen darf, funktioniert das Prinzip nicht mehr. Die größte Krise der Marktwirtschaft ist, wenn der Staat keine Krise zulässt.

Der Staat kümmert sich, weil er Arbeitsplätze retten will.

Natürlich. Und es ist auch nicht schlecht, davon auszugehen, dass es wieder besser wird, und mit Kurzarbeit dafür zu sorgen, dass die Unternehmen Mitarbeiter halten können, die sie ohnehin in wenigen Monaten wieder dringlich benötigen. Ich bin - auch jenseits von Wahlkampfzeiten - ein Fan von Kurzarbeit, weil sie hilft, unterschiedliche Schwankungen von Absatz- und Arbeitsmärkten auszugleichen. Aber als Kunden und Steuerzahler haben wir auch ein Recht auf Insolvenz, wenn wir die Produkte eines Unternehmens nicht mehr wollen. Denn das verdiente Geld eines Unternehmens kommt nicht vom Kapitalmarkt und nicht vom Staat. Es kommt immer noch vom Kunden.

Aber der Staat verteilt es, in Wahlkampfzeiten besonders großzügig.

Das ist fatal. Und zeigt, dass wir ein Misstrauen gegenüber dem Selbstinteresse eines, zugegeben komplexen, Akteurs brauchen: dem Staat. Denn Vater Staat hat eine andere Systemlogik als ein Familienunternehmer. Der Staat löst aktuelle Probleme, indem er zukünftigen Generationen Probleme aufbürdet. Ein guter Unternehmer dagegen sieht sein Vermögen als das geliehene Erbe seiner Kinder. Darin steckt ein Anreiz, sich selbst zu bescheiden. Der Staat hat dazu keinen Anreiz, nur die Zinsen für die Staatsschulden erlegen ihm Grenzen auf.

Damit sind wir beim Status quo - der Wettbewerb funktioniert nicht mehr, und der Staat hat sich heillos verschuldet. Und nun?

Vielleicht müssen wir zunächst einmal das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft klären. Und uns fragen, was ein privates Wirtschaftsgut ist und was ein öffentliches Gut - was also durch den Staat produziert oder gewährleistet werden muss. Warum muss ein Stadtwerk städtisch sein, das Internet privat, der Omnibusverkehr und die Universität öffentlich - und der Kindergarten weitgehend privat? Das Problem dabei: Die Frage wird nicht sachlogisch entschieden, sondern durch politische Zuschreibung, die nicht immer frei von Eigeninteressen ist. Aber eine Diskussion darüber, was die Öffentlichkeit - und nicht die sie repräsentierenden Politiker - für relevant erachtet und was nicht, findet nicht statt. Stattdessen gibt es den paradoxen Wunsch des Bürgers: Ich möchte mehr vom Staat in besserer Qualität und gleichzeitig meine Steuern gesenkt bekommen.

In Wahlkampfzeiten kommt er damit erst einmal durch.

Aber jeder - selbst die FDP - ahnt, dass man nicht innerhalb von nur zwei Jahren die Staatsquote von 43 auf 49 Prozent hochjazzen, die Renten mit einem historischen Anstieg versehen und dann noch die Steuern senken kann. Das größte Problem aber ist, dass diese hohe Staatsquote kaum noch dazu verwendet werden kann, öffentliche Güter zu produzieren. Gut 60 Prozent der öffentlichen Ausgaben gehen für Zinsen, Tilgungen und Pensionen weg, also für Leistungen der Vergangenheit, und nur zehn Prozent für Bildung. Das produziert eine gewaltige Generationenungerechtigkeit. Also muss wieder Geld in die Kasse - und weil Sparen kaum noch hilft, bleibt nur die Privatisierung. Das war übrigens die bevorzugte Lösung von Rot-Grün in den neunziger Jahren. Ein weiterer Beleg dafür, dass unser bisheriges Koordinatensystem im Kapitalismus nicht taugt.

Aber inzwischen haben wir nicht mehr viel zu verkaufen.

Deshalb wird es Zeit für einen neuen Gesellschaftsvertrag und eine demokratische Debatte darüber, was wir staatlich und was privat produzieren und finanzieren wollen. Und welche Rolle wir dem Staat zuerkennen. Muss er die öffentlichen Güter selbst herstellen oder nur gewährleisten, dass sie dem Bürger verlässlich zur Verfügung stehen? Muss er für alle Unsicherheiten des Lebens vorsorgen - oder nur sicherstellen, dass wir es tun? Das sind Debatten, die in den neunziger Jahren in den sozialdemokratischen Ländern der Welt als Dritter Weg diskutiert wurden - nun ist die Sozialdemokratie selbst vom Weg abgekommen.

Selbst wenn es gelänge, eine solche Debatte zu organisieren - woran sollte sie sich orientieren?

An den privatisierbaren Renditen von Staatsleistungen. Nehmen wir Bildung. Da kann man sich etwa die private Rendite anschauen. Was hat der Einzelne davon, dass er bestimmte Bildungsleistungen nutzt? Der Besuch des Kindergartens erhöht nicht automatisch das spätere Einkommen. Bei einem Studium dagegen überwiegt der individuelle Vorteil, also müsste der private Trägeranteil bei Universitäten größer sein als der von Kindergärten. In Deutschland - als einzigem Land der Welt - ist es umgekehrt.

Warum sollte sich eine Gesellschaft auf eine solche Logik einlassen?

Das Bildungssystem ist heute so organisiert, dass es vor allem den Gebildeten zugute kommt. Der soziale Aufstieg durch Bildung ist ein nicht eingehaltenes Versprechen. Wenn aber die soziale Mobilität nicht funktioniert, steigt die Unzufriedenheit, das haben wir in einer Analyse jüngst nochmals belegen können: Die Zustimmung zu Demokratie und sozialer Marktwirtschaft weist eine signifikante Bildungsabhängigkeit auf - Studierende glauben daran, Modernisierungs- und damit Bildungsverlierer nicht. Aber auch die Marktwirtschaft kommt an ihre Grenzen, wenn sie nicht mehr darauf setzen kann, dass die Talente durchkommen. Denn das trocknet sie gerade in einer alternden Gesellschaft aus.

Wie soll ein so komplexes Problem demokratisch diskutiert werden?

Genau das ist eine Frage, die uns in der Forschung umtreibt - wie organisieren wir eine Debatte über die Arbeitsteilung von Staat und Wirtschaft? Wahlen und Parteien scheinen nicht die geeigneten Instrumente zu sein. Wenn aber die Demokratie eine Tochter des Wissens und mit Bildungsferneren tatsächlich schlechter zu leben ist, dann gibt es nur zwei Wege. Erstens, die Bildungsfinanzierung insgesamt zu erhöhen und in späteren Phasen stärker auf private Bildungsträger zu setzen, das heißt Studiengebühren, Wirtschaftsbeteiligung. Und zweitens, einen unternehmerischen Wettbewerb gegenüber öffentlichen Gütern zu ermöglichen. Dieser Wettbewerb hat längst begonnen. Sozialunternehmer, die Speerspitze des moralisierten Wirtschaftens, sind genau die Akteure, die sich nicht mit den Missständen und der Veränderungsgeschwindigkeit des Staates abfinden wollen. Übrigens setzen beide Ansätze auf kleine Einheiten sowie auf dezentrale Intelligenz und Finanzierung - und damit auf die ursprüngliche Idee der Müller-Armack'schen sozialen Marktwirtschaft.

Hat der Wähler nicht genau diese Fragen an seine Vertreter delegiert?

Aber ist er mit dem Ergebnis denn zufrieden? Die Nichtwähler jedenfalls sind es nicht und die politisch interessierten Jugendlichen erst recht nicht. Der Staat mischt sich ein, wenn Großunternehmen die Insolvenz droht - und lässt unzählige Kleinstunternehmen ungerührt und medial unbeobachtet pleitegehen. Warum? Weil das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft nicht geklärt ist und wir es in beiden Systemen mit unterschiedlichen Währungen zu tun haben. Die Währung im Wirtschaftssystem ist Einkommensmaximierung, die Währung im politischen System Stimmenmaximierung. Und wenn es um Stimmenmaximierung geht, zählen Zigtausende Opelarbeiter eben mehr.

Die Begründung ist Systemrelevanz.

Das halte ich für den absoluten Zauberbegriff, der alles legitimiert. Aber für das System eines Finanzmarktkapitalismus sind nur Banken systemrelevant - und selbst da lohnt es sich, genau hinzusehen. Ich glaube eher, dass die Automobilindustrie so relevant ist, weil uns in der Vergangenheit viele Schlüsselindustrien durch Pleiten oder durch Verkäufe ins Ausland verloren gegangen sind. Deshalb wird daran das System justiert, in der Hoffnung, wieder Vertrauen herzustellen. In dem Zusammenhang hat dann sogar die Abwrackprämie einen Sinn. Die ist so trivial, dass sie jeder versteht, dass jeder darüber reden, sie gut oder schlecht finden kann. Wenn das Systemvertrauen verloren gegangen ist, braucht man solche Simpelst-Unterscheidungen - selbst wenn sie lediglich das Wirtschaftswachstum in Korea fördern.

Das mag erst mal eine Ablenkung sein, aber das Vertrauen wird so sicher nicht wiederhergestellt.

In der Tat. Ich sehe drei Hausaufgaben, die wir erledigen müssen, wenn die soziale Marktwirtschaft wieder funktionieren soll:

___Wir müssen anerkennen, dass es immer eine Wechselwirkung zwischen Angst und Gier geben wird. Klassische Krisenkonjunkturen sind nicht zu vermeiden. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man vorsorgen und in guten Zeiten etwas zurücklegen, individuell und staatlich. Vorsorge ist eine nachsichtige Lebensführung, die auf die Maximierung der Versorgungslänge, nicht der Versorgungshöhe abstellt.

___Das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft hat ein gewaltiges Manko. Beim sozialen Aufstieg, also bei der Durchlässigkeit von unten nach oben, hat sie sich nicht bewährt. Das sorgt nicht nur für latente Unzufriedenheit - das sorgt auch dafür, dass sich aufstiegswillige Immigranten, die wir bereits in den kommenden Jahren dringend brauchen, von Deutschland fernhalten. Wir sind Verlierer im globalen Migrationsstrom.

___Ob die Marktwirtschaft funktioniert oder nicht, ist eine Frage der intelligenten Regulierung. Das ist eine echte Herausforderung, denn da hilft kein Moralisieren und kein wie auch immer verstandener Neoliberalismus. Es geht darum, den Egoismus durch eine nachvollziehbare Regulierung zu zivilisieren. Und dazu bedarf es der Betrachtung des Einzelfalls, weniger der Generalgesetzgebung.

Widerspricht das nicht der reinen Marktwirtschaftslehre?

Rein ist es nur in der Theorie. Und die fühlt sich momentan auch ziemlich schmutzig an - nicht nur wegen der Prognosefähigkeit, auch wegen der Pein, dass die sozial- und geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse an der Ökonomie doch eher abgeglitten sind.

Sicher ist, die ökonomische, politische wie rechtliche Theorie der Regulierung wird das interdisziplinäre Forschungsfeld der ersten Jahrhunderthälfte. Und am Ende wird kein "Handbuch für intelligente Regulierung" stehen, denn Regulierung muss dem Prinzip der offenen Innovation unterliegen. Das heißt auch: Die Regulierung der Finanzmärkte kann nicht von der Politik und der Wissenschaft betrieben werden. Software-Hersteller nehmen Hacker, Schlosshersteller nehmen Einbrecher als Partner.

Ist Regulierung Aufgabe des Staates, oder kann das auch der Markt?

Er kann und tut es auch. Nur wird dieser Selbstregulierung und Selbstreinigung misstraut. Das Internet hat beispielsweise immer wieder Quasimonopole geschliffen, weil es das Eigentumsprinzip infrage stellt: Ich muss Musik, Filme, Texte nicht besitzen, es reicht, wenn ich Zugriff darauf habe. Nur haben sich gerade im Internet wiederum Quasimonopole gebildet - stärker als je zuvor, wage ich zu behaupten. Der Markt findet aber auch Antworten auf den Umgang mit Überkapazitäten, die wir ständig produzieren. In ein paar Jahren wird es im Automobilmarkt den ersten intelligenten Wettbewerber geben, der Überkapazitäten anmietet und ohne eigene Werke Autos mit einer starken Marke baut. Aber wir sollten vorsichtig sein mit der alten Fantasie, dass sich der Markt schon selbst reguliert: Es gibt so einige außerökonomische Gründe, die dagegen sprechen.

Zum Beispiel?

Es gibt keine ökonomische Größenlogik. Kleine Unternehmen stehen meist besser da, sind produktiver, wirtschaftlicher. Aber Individuen haben entgegen der Theorie eben noch andere Ideen als Rationalität und Gleichgewicht. Der Markt produziert auch keine Gerechtigkeit, keine Schutzmechanismen - die Binnenlogik des Marktes ist es, gegen den Wettbewerber zu arbeiten. Der Soziologe Georg Simmel nannte es den "indirekten Kampf".

Und der Spannungsbogen, mit dem wir es zu tun haben, ist doppeltes Misstrauen. Dem Markt wird misstraut, dass er sich selbst reguliert - und dem Staat, dass er wirklich nur das regelt, was geregelt werden muss. Deshalb kommt es immer wieder zu Pendelbewegungen; das ist ein hochgradig dialektisches Prinzip.

So ist es, und so wird es bleiben?

Natürlich müssen wir immer an Optimierungen arbeiten. Es wäre allerdings eine Illusion, zu glauben, es gäbe das perfekte System. Aber wir können schon fragen, warum Innovationen so lange bis zur Marktreife brauchen. Und warum gescheiterte Projekte so lange brauchen, bis man sie beerdigen darf. Oder nehmen wir die Gewinnmaximierung: In der Betriebswirtschaft ist sie das Referenzmaß für Erfolg, das ist nicht verhandelbar. Aber man kann durchaus diskutieren, welche Art der Gewinnmaximierung man will. Für den Manager zählt die Höhe des Gewinns, der Unternehmer fragt, wie lang, also nachhaltig sein Gewinn ist. Das könnte eine vierte Aufgabe für die Marktwirtschaft sein, das Maß für Erfolg von der Höhe hin zur Beständigkeit des Gewinns zu verschieben. Dann ist die Dialektik auch besser zu ertragen.

Für dieses Ziel ließe sich wahrscheinlich eine breite Parteienkoalition gewinnen.

Da bin ich nicht so sicher, denn die Politik denkt selbst nicht in großen Zeitabständen. Das ist auch das Perfide an der Politik. Sie fordert die Orientierung an Langfristigkeit, kann sie aber selbst nicht halten. Sie denkt nur im Heute, weil die noch nicht geborene Generation nicht wählt. Nur deshalb kann sich eine Regierung auf Kosten der nächsten Generationen so immens verschulden.

Sehen Sie eine Lösung?

Ein verändertes Wahlrecht ist der erste Reflex. Eine Analyse der Demografie-Sensitivität von Politik der zweite. Die Auswanderung der nächsten Generation der dritte. Weniger apokalyptisch: Das Parteienspektrum wird sich ausdifferenzieren, Koalitionen werden schwieriger und damit inhaltsreicher, Sozialunternehmertum und die Einmischung von Stiftungen nehmen zu. ---