Lizenz zum Parken

Ideen zu verwirklichen ist harte Arbeit? Nicht unbedingt. Manchmal reicht es, wenn ein Erfinder einfach nur bastelt und auf die richtigen Leute trifft so entstand Skyline Parking.




- Hätte es im Januar 2004 in Taipeh nicht tagelang geregnet, wäre Frido Stutz, 55, vermutlich niemals auf die Idee gekommen, ein Parkhaus zu entwickeln. Dann wäre er vielleicht über den Shilin-Nachtmarkt geschlendert oder hätte den Bao-An-Tempel besucht. Stattdessen saß Stutz in seinem Zimmer fest, starrte aus dem Fenster und langweilte sich, bis ihm der ungewöhnliche Bau direkt hinter seinem Hotel auffiel.

In dem Parkhaus wurde mit einem Paternostersystem Auto für Auto einfach nach oben gehoben und abgestellt. Es gab keine Auffahrtsrampen, keine kniffligen Kurven, keine Personenaufzüge. Toll, dachte Stutz beim Zuschauen. Und im nächsten Moment: Aber das muss doch schneller gehen und noch platzsparender.

Fünf Jahre später steht Frido Stutz in der Sonne von Oberwangen bei Bern, er hat die Sonnenbrille ins mittellange graue Haar geschoben und lächelt. Er präsentiert seinen Mitarbeitern und Investoren das fertige Kernstück seines Parkhauses: den Car Parking Robot. Dabei hatte Stutz bis vor Kurzem mit Parkhäusern genauso viel oder so wenig zu tun wie jeder andere Autofahrer auch. Hauptberuflich ist er Frachtpilot bei einer luxemburgischen Fluggesellschaft. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Eigentlich spricht alles dagegen, dass einer wie er mit Mitte 50 zum Gründer wird. Ausschließlich sportlicher Ehrgeiz habe ihn am Anfang getrieben, sagt Stutz: Die Lust am Kniffeln, am Entwickeln, der Spaß, aus einer fixen Idee eine konkrete zu machen. Und jetzt steht da ein Prototyp, mit dem er nie gerechnet hätte. Aber vielleicht ist es manchmal besser, Dinge nicht zu planen, sondern einfach zu machen.

Als er anfängt, hat er ein Ziel: Stutz will ein System finden, bei dem die Parkplätze möglichst wenig Raum einnehmen. Und schnell soll es gehen, wenn die Fahrzeuge im Turm verstaut werden. "Irgendwann hatte ich dann ein fertiges Konzept", sagt er und ist selbst davon überrascht, dass in einer milliardenschweren Branche wie der Parkindustrie überhaupt noch Platz ist für einen Zufallserfinder wie ihn. "Dann dachte ich: Es wäre doch interessant, ein Patent anzumelden, mit ein bisschen Glück kann man das ja vielleicht verkaufen." Sein erstes Patent schreibt er mithilfe von Ratgeberliteratur selbst, spezialisierte Anwälte wären zu teuer. 40 Seiten dick ist der Antrag, den er im Oktober 2004 einreicht und mit dem die Geschichte seiner Firma, der Skyline Parking AG, beginnt.

Am Tag der Premiere in Oberwangen klemmt die Mechanik, weil die Sperrholzplatten, auf denen der Prototoyp provisorisch montiert ist, durch den Regen der vergangenen Tage aufgeweicht sind. Vor der Fabrikhalle der Gilgen Logistics AG, dessen Chef Jakob Gilgen das Gerät konstruiert hat, steht ein roter VW Golf, daneben eine flache Konstruktion, die wie ein übergroßes Fitnessgerät aussieht: der Car Parking Robot, der das Auto im Parkhaus ein- und wieder ausparken soll.

Am Ende funktioniert es dann doch: Die Arme fahren mit lautem Geratter unter das Fahrzeug, greifen die Räder, heben das Auto an und ziehen es über eine Rampe. In der 3-D-Animation auf der Homepage der Firma läuft das schnell, glatt und geräuschlos ab. Beim Prototypen sieht man noch die Ketten, die Schrauben, den Stahl. Es gehört schon ein wenig Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass dieses Ding pro Stunde mehrere Dutzend Autos in die passende Parklücke bugsieren soll.

Die Ideen von Stutz sind die zentralen Elemente dieses Parkhauses: Die Autos sollen kreisrund um ein Doppel-Lift-System angeordnet werden. Diese Lifts rotieren um die eigene Achse, damit die Autos beim Hochfahren schon in die richtige Position gedreht werden können. In die Lifts hinein- und wieder hinaustransportiert werden sollen die Autos von den Car Parking Robots. Zudem wird der Wagen beim Einfahren automatisch vermessen, sodass ein kleiner Polo nicht auf einem Platz abgestellt wird, auf den ein bulliger Volvo passt. Dank des Lifts soll dieses Parkhaus gerade einmal ein Viertel der Fläche eines gewöhnlichen Parkhauses benötigen, verspricht Stutz. Umweltfreundlicher sei es obendrein, da das Auto ohne eigene Motorkraft zum Parkplatz gelangt, und auch Einbrüche und Parkdellen seien kein Thema mehr, weil niemand Zugang zu den Fahrzeugen habe.

Automatische Parkhäuser? Die Experten sind skeptisch. Gerhard Trost-Heutmekers, Geschäftsführer der European Parking Association, erinnert sich an einen starken Trend Mitte und Ende der neunziger Jahre: "Da gab es viele Anbieter, vor allem aus der Regalfördertechnik." Viel Papier sei beschrieben worden, Parkhäuser wurden jedoch keine gebaut. "Das Thema ist nicht mehr so aktuell, soweit es automatische Parkhäuser betrifft, die der Öffentlichkeit wie konventionelle Parkhäuser und Tiefgaragen zur Verfügung stehen. Die automatischen Parkhäuser, die es gibt, sind größtenteils für den privaten Bereich, für einen geschlossenen Nutzerkreis, wo der Nutzer meist in der Anwendung erfahren ist", sagt er. Ähnliches erfährt man bei Apcoa, dem europaweit größten Anbieter von Parkplätzen. Die Akzeptanz der Nutzer sei einfach zu gering. Wer wolle schon sein Auto einer Maschine überlassen, ohne zu wissen, wo es dann genau abgestellt wird?

Stutz hingegen ist optimistisch. "Ich weiß noch, als ich mein Auto das erste Mal in eine Waschanlage gegeben habe. Da dachte ich auch noch: Hoffentlich kommt es heil wieder raus. Aber mittlerweile ist das doch ganz normal geworden. So kann es auch mit dem automatischen Parken werden." Außerdem, so Stutz, konzentriere man sich eh mehr auf asiatische und osteuropäische Metropolen, dort, wo die Grundstückspreise so hoch sind, dass sich eine teurere, aber dafür platzsparende Parklösung rechnet und es schon allerhand automatische Parkhäuser gebe. Stutz ist überzeugt, mit seiner Idee im Trend zu liegen. Mehr als 60 Millionen Neuwagen würden pro Jahr weltweit gefertigt, heißt es in einem Paper von Skyline Parking - der Bedarf an Parkplätzen steige, der innerstädtische Raum werde immer knapper. Und teurer.

Wenige Stunden nach der Präsentation sitzt Stutz in Winterthur, 150 Kilometer von Oberwangen entfernt, in seinem Büro. Es gehört der MSM-Gruppe, die sich auf die Zusammenarbeit mit Start-ups spezialisiert hat, andere Gründer haben ihren Schreibtisch direkt gegenüber von Stutz aufgebaut. Links und rechts hängen Urkunden und stehen Pokale der Wettbewerbe, die sein Konzept schon gewonnen hat. Wenn man ihm glauben kann, ging nach der Patentanmeldung alles ganz einfach. Die Teilnahme an einem Wettbewerb der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich und einer internationalen Unternehmensberatung wirft als Belohnung kostenloses Coaching ab: Auf einmal hat Stutz einen Patentanwalt, einen Marketingmanager und einen Ingenieur an der Hand. Kurz danach spricht er einen Professor der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur (ZHAW) an, der sich für das Projekt begeistert und vorschlägt, es bei der KTI, der Förderagentur für Innovation der Schweizerischen Eidgenossenschaft, anzumelden. Das klappt, und der Erfinder ist wieder einen Schritt weiter.

Wer genug hat vom allgemeinen Wehklagen, dass Initiativgeist nicht gefördert werde, sollte sich einfach für eine halbe Stunde mit Frido Stutz zum Plaudern treffen. "Die Unterstützung von Gründern ist wirklich phänomenal. Wir haben so viel Begleitung, Know-how und auch Mittel zur Verfügung gestellt bekommen. Ohne diese Hilfe wäre das alles niemals möglich gewesen. Ich habe zum Beispiel gerade einen zweijährigen berufsbegleitenden Lehrgang für Unternehmer an der Universität St. Gallen angefangen, der mir über die KTI kostenlos angeboten wurde", sagt Frido Stutz.

Felix Bagdasarjanz leitet bei der KTI das Expertenteam Ingenieurwissenschaften und hat Skyline Parking als Förderprojekt betreut. "Wenn man mit Partnern wie Herrn Stutz zusammenarbeitet, die in diesem Feld neu sind, ist jeder Tag für Überraschungen gut. Es gab bei uns schon Diskussionen, ob wir das Projekt überhaupt machen wollen. Einige hielten das für eine Schnapsidee. Aber am Ende waren wir überzeugt, dass es sich um eine innovative Lösung handelt, die sich gegen die Konkurrenz durchsetzen kann", sagt er.

Durch die KTI kommt auch der Kontakt zum Unternehmer und Konstrukteur Jakob Gilgen zustande, der etwa eine Million Schweizer Franken beisteuert und den Car Parking Robot entwickelt. "Das war schon eine interessante Kombination", sagt Bagdasarjanz. "Stutz als etwas chaotischer Erfinder, der sehr dynamisch zur Sache geht und ständig mit neuen Ideen ankommt. Dazu Jakob Gilgen, ein Patron der alten Schule, der genaue Vorstellungen hat, wie so ein Projekt auszusehen hat. Und als dritter Partner die Hochschule, die genau, sauber und systematisch arbeitet. Aber am Ende hat es geklappt." Das liege vor allem daran, dass Stutz einer sei, der sich nicht entmutigen lasse. "Wenn es Rückschläge gab, hat er trotzdem immer weitergemacht - obwohl er kein Fachmann ist", sagt Bagdasarjanz. "Wenn er Glück hat, ist es bei ihm in jedem Fall das Glück des Tüchtigen."

Kurz nach dem Einstieg von Gilgen ist Frido Stutz im Skiurlaub, als sein Handy klingelt und ihn eine Frau in gebrochenem Deutsch anspricht. Es ist die Vorsitzende eines Zusammenschlusses südkoreanischer Geschäftsleute in der Schweiz, und sie hat Interessenten für Stutz' Parkhaus. Nach einigen Gesprächen unterschreibt der Erfinder einen Vertrag mit einer zur LG-Gruppe gehörenden Tochterfirma. "Die haben jetzt die Lizenz für den kompletten koreanischen und japanischen Markt, aber an jedem gebauten Parkplatz verdienen wir 1000 Dollar und zusätzlich noch eine jährliche Basisgebühr von 100 000 Dollar, bevor das erste Parkhaus gebaut wird."

Mit diesem Geld will Stutz seinen Parkautomaten weiterentwickeln und internationale Patente anmelden. Seinen eigentlichen Job gibt er, genau wie seine Mitstreiter, nicht auf. Stutz, der nach eigenen Schätzungen bislang zwischen 100 000 und 150 000 Schweizer Franken in die AG gesteckt hat, sitzt weiterhin im Cockpit von Frachtjets, sein Kompagnon Martin Ruesch, der den Businessplan geschrieben hat, ist weiter bei der Universität St. Gallen beschäftigt, und sein technischer Projektleiter Andreas Schlegel arbeitet ebenfalls nach wie vor in seiner eigenen Firma. "Ich will die Personalkosten für Skyline Parking niedrig halten", sagt Stutz, "damit möglichst viel Geld in die Entwicklung fließt. Mein Job verzögert den Aufbau des Unternehmens ja nicht, im Gegenteil: Bevor ich losfliege, sehe ich immer nach, ob es aus der Region schon Anfragen gab, und kann dann neue Kontakte vor Ort knüpfen. Und wenn ich ein paar Tage irgendwo auf den nächsten Einsatz warte, ob in Südamerika oder Südostasien, kann ich die Zeit bestens nutzen, um weiterzuarbeiten - ich brauche nur einen Laptop und einen Internetanschluss."

Derzeit arbeitet die Skyline Parking AG vor allem daran, Investoren zu finden. In einer ersten Runde wurden bereits Anteile für 550 000 Franken gezeichnet. "In der nächsten Runde werben wir nochmals eine Million ein, dann in der dritten weitere zwei Millionen", sagt Stutz. Am Anfang sei die Investorensuche ein wenig schleppend verlaufen, aber wenn die ersten einmal gezeichnet hätten, sei es nach seiner Erfahrung einfach, weitere Investoren zu überzeugen.

Wie hätten Sie Ihr Parkhaus gern? In Form von Bausteinen oder als Lizenz?

Geld verdienen will Stutz künftig mit zwei unterschiedlichen Konzepten: zum einen durch den Verkauf der einzelnen Bausteine wie des Car Parking Robot, des neuartigen Aufzugs oder des Steuerungssystems; zum anderen über Lizenzgeschäfte. Im Jahr 2011, so hat er mit seinen Mitarbeitern errechnet, wird Skyline Parking einen Gewinn von 9,2 Millionen Schweizer Franken vor Zinsen und Steuern erwirtschaften, 2012 sollen es mehr als 42 Millionen Franken sein. Anfragen gibt es bislang vor allem aus der Schweiz, den USA, Indien und Singapur. Gerade ist ein in Dubai ansässiges Unternehmen eingestiegen, das sich um den Vertrieb kümmern und Skyline Parking auf internationalen Parkplatz-Messen vertreten will. Einen neuen, größeren Industriepartner hat Stutz auch gefunden, ein Schweizer Unternehmen mit mehr als 7000 Mitarbeitern, das sowohl Geld als auch technisches Wissen einbringen soll und zudem über ein weltweites Vertriebs- und Servicenetzwerk verfügt, über das Skyline seine Schlüsselkomponenten verkaufen und die Anlagen warten lassen könnte.

Auf dem Gelände des neuen Industriepartners, dessen Namen Stutz noch nicht verraten mag, soll nun endlich auch das erste komplette Parkhaus gebaut werden. Im Sommer 2010 wird es, so hofft Stutz, fertig sein. Nicht mehr als 60 Sekunden soll es dann dauern, bis ein Auto vom Roboter auf seinen Stellplatz gewuchtet wird und der Roboter wieder unten ist, um das nächste zu greifen. Das wäre vermutlich schnell genug, um die Konkurrenz abzuhängen. "Ich wollte eigentlich nur die Patentanmeldung schaffen und das Patent dann mit ein bisschen Glück verkaufen. Aber es hat sich eine so starke Eigendynamik entwickelt, dass ich gar keine Wahl hatte", sagt Frido Stutz und lächelt. "Ich habe eigentlich nie gedacht, dass ich einmal eine richtige Anlage sehen würde, die ich selbst entwickelt habe." -