Kalt ist die Hoffnung

Der Traum von der Unsterblichkeit ist so alt wie die Menschheit. Mit dem Ziel, ihn wahr zu machen, lassen Kryoniker sich bis auf Weiteres einfrieren.




- Wenn der Tod eintritt, kein Atmen mehr zu vernehmen und kein Pulsschlag mehr zu spüren ist und der aus leblosen Pupillen starrende Mensch sich leise in reine Materie verwandelt, gibt es eigentlich keinen Grund zur Eile. Trotzdem beginnt für Klaus Sames in diesem Moment der Wettlauf gegen die Zeit. Sobald ihn ein Arzt für tot erklärt hat, muss es schnell gehen.

"Leider wartet man in Deutschland, bis die ersten Leichenflecken auf der Haut erscheinen. Wertvolle Minuten gehen dadurch verloren", sagt Sames. Er steht, einen Schädel in den Händen, in seiner Zweizimmerwohnung in Senden, einer Kleinstadt bei Ulm. An den Wänden hängen Schaukästen mit aufgespießten Schmetterlingen und ausgestopfte Vögel. Der Schädel, sagt er, "gehört zu einem Homo erectus, einem Vorgänger des Neandertalers. Sein Gehirn war schon viel größer als bei den Schädeln der Menschenaffen, die dort drüben stehen. Ich habe ihn mir zum 70. Geburtstag gegönnt." Sames hat viele Jahre Anatomie an der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf gelehrt. Jetzt ist der Professor emeritiert. Lange graue Haare, schwarze Kleidung, Outdoor-Sandalen: ein klassischer Alt-68er. Und ein Rebell. Er rebelliert dagegen, dass mit seinem Tod sein Leben zu Ende sein soll.

Wenn es so weit ist, läuft hoffentlich alles nach Plan. Der Bestatter aus der Nachbarschaft sollte schon in den Startlöchern hocken. Hat der Arzt den klinischen Tod festgestellt, kriegt er das "go! ". Dann verfrachtet er Sames' Leichnam in eine Wanne, schüttet Eiswürfel darüber, füllt Wasser ein. Kurze Herzdruckmassage, damit soll das Blut noch einmal zirkulieren und das Gehirn mit Sauerstoff versorgen, glauben die Kryoniker. Ab zum nächsten Flughafen. Überführung in die USA, in einem mit Eiswasser gefüllten Zinksarg. Am Flughafen von Detroit hievt ein Bestatter mit einem Helfer den Sarg unverzüglich ins Auto und rast 40 Meilen ins Bestattungsinstitut von Clinton Township, einem schmucklosen Vorort von Detroit. Dort warten Ben Best und Andy Zawacki. Wie bei einer Not-Operation sägen sie Sames' Brustbein der Länge nach durch, klappen den Brustkorb auf. Schnell die Perfusionspumpe an die aufsteigende Hauptschlagader angelegt: Blut raus, Frostschutzmittel rein. Sie packen den Professor in Trockeneis und chauffieren ihn ins nahe gelegene Cryonics Institute. Die erste Hilfe für den Totgesagten ist abgeschlossen. Schrittweise wird er nun über fünf Tage auf die Lagertemperatur von minus 196 Grad Celsius gebracht. Die Reise von Sames endet in einem Thermosbehälter, gefüllt mit kaltem Stickstoff. Wie lange er dort bleiben wird, ist ungewiss. "Bis mich hoffentlich jemand aufweckt", sagt der Professor und grinst.

Die Kryoniker spielen auf Zeit. Und setzen auf den Fortschritt: Der werde die offenen Fragen klären

Klaus Sames, Ben Best und Andy Zawacki sind Kryoniker. Der Begriff kommt von kryos, dem griechischen Wort für Kälte. Die Kryoniker lassen sich unmittelbar nach dem Tod einfrieren, um möglichst viele Zellen in einer Art Kältestarre vor dem Verfall zu bewahren. Sie hoffen, dass die Wissenschaft irgendwann weit genug ist, sie ins Leben zurückzuholen. Das klingt nach Science-Fiction, und tatsächlich wirft die Tiefkühl-Konservierung von Menschen viele ungeklärte Fragen auf, wie selbst eingefleischte Kryoniker gestehen. Die drei wichtigsten lauten: Wie viel Leben trägt ein nach dem Tod eingefrorener Körper noch in sich? Wie kann man Menschen einfrieren, ohne dass erhebliche Frostschäden entstehen? Und wie reanimiert man sie?

Es ist heiß in Clinton Township. Schweiß auf allen Stirnen. "Dead End" kündigt ein Schild die Zufahrt in eine menschenleere Sackgasse an, die Mittagssonne prallt auf die mit Lamellen verhängten Fenster des braun verklinkerten Siebziger-Jahre-Bungalows. Hier ist der Sitz des Cryonics Institute. Drinnen ist es kühl. Im vorderen Teil des Gebäudes befindet sich der Bürotrakt: ein Arbeitsraum mit Computern und ein Konferenzraum, darin ein langer Tisch, ein altes Sofa, eine vergilbte Stehlampe. An den Wänden hängen Porträtfotos von Männern und Frauen unterschiedlichen Alters. "Einige unserer Patienten", erklärt Andy Zawacki. Hinten schließt sich eine Halle an. 14 weiße Tanks ragen hier 3,50 Meter in die Höhe. Vor einem dieser zylindrischen Bottiche stehen, einsortiert in nummerierte Holzfächer, frische Blumensträuße. "Die haben Angehörige unserer Patienten mitgebracht", sagt Zawacki.

Auf Eis gelegt: Fast 100 "Untote" warten in der Nähe von Detroit auf das ewige Leben

Patienten werden hier jene Menschen genannt, die kopfüber in den mit flüssigem Stickstoff gefüllten Tanks auf ihre Wiederbelebung warten. In den Augen der Kryoniker sind sie vorübergehend deanimiert, untot. 93 sind es derzeit. Der 94. wird jeden Moment erwartet, ein krebskranker alter Mann, der in einem New Yorker Krankenhaus im Sterben liegt. 1976 wurde das Cryonics Institute als Non-Profit-Organisation gegründet. Es ist neben Alcor in Arizona das weltweit größte Institut, das Menschen vollständig tieffriert. Offiziell ist es ein Friedhof. 803 Mitglieder hat das Cryonics Institute, knapp 600 aus den USA, 16 aus Deutschland. Menschen, die sich mit der gewöhnlichen Lebensspanne nicht zufriedengeben wollen.

Unsterblich zu sein, das ist der Ur-Traum der Menschheit. Er fasziniert seit jeher Geschichtenerzähler der unterschiedlichsten Kulturen, und aus ihm beziehen auch die Weltreligionen ihre Anziehungskraft. Denn die meisten Menschen ertragen den Gedanken nicht, irgendwann ganz und gar weg zu sein. Nicht mehr existent, nirgends. Ob Christen, Juden, Muslime, Buddhisten oder Hinduisten, ihr Glauben verheißt ihnen ein Leben nach dem Tod. Auch in der Philosophie Platons gibt es ewiges Leben - in Form der Seele, die schon vor der Entstehung des Körpers existierte und nach seiner Zerstörung fortleben wird. Fast alle diese Vorstellungen von Unsterblichkeit haben gemein, dass sie sich nicht auf den Körper beziehen. Nur die alten Ägypter und einige Völker Südamerikas glaubten, dass der Leichnam vor dem Verfall gerettet werden muss, damit die Seele weiterleben kann. Darum mumifizierten sie ihre Toten.

Was das Ziel angeht, befinden Kryoniker sich also in guter Gesellschaft. Der Weg dorthin führt ihrer Meinung nach allerdings nicht über den Glauben, sondern über die Wissenschaft. Der Anatomie-Professor Sames deutet in seiner Sendener Wohnung auf ein Regal, das vollgestopft ist mit Fachbüchern zur Pflanzen- und Tierwelt. "Davon will ich noch eine Menge lesen. Zudem möchte ich nicht verschwinden, bevor ich in einem Raumschiff in ein anderes Sonnensystem geflogen bin. Wie der Comic-Held Alpha Centurion." Der Professor lacht kurz laut auf, sagt vergnügt: "Ich könnte tausend Jahre auf einer Wiese liegen und in den Himmel schauen." Sames krault sich den grauen Vollbart. Lange habe er in der Altersforschung nach Wegen zur Lebensverlängerung gesucht. "Irgendwann ist mir aber klar geworden, dass man da höchstens 30 Jahre herausholen kann."

Hoffnung auf ein deutlich längeres Leben gibt ihm die Tatsache, dass die Kältekonservierung prinzipiell funktioniert. Der Stoffwechsel im Menschen werde mit jedem Grad, um das die Körpertemperatur verringert wird, um zehn Prozent reduziert. "Bei minus 196 Grad tut sich über Millionen von Jahren nichts." Auf diese Weise könne Leben zeitweise ausgesetzt werden, ohne es zu zerstören. Die Natur kennt das Prinzip: Der in Kanada lebende Waldfrosch fährt, eingefroren im Wasser, Herzschlag und Atmung einfach runter und reichert sein Blut mit Glukose an, eine Art körpereigenes Frostschutzmittel. Er ist dann quasi tot. Im Frühling aber taut er quicklebendig wieder auf. "Beneidenswert", findet Sames.

Für die Aussicht auf Unsterblichkeit sind die Gläubigen bereit, sehr viel zu geben

Dass die Kältekonservierung von Menschen ebenfalls zum Erfolg führt, beweist die Kryobiologie, eine Disziplin, die anders als die Kryonik den Status einer exakten Wissenschaft besitzt. Die Kryobiologen frieren seit vielen Jahren menschliche Ersatzstoffe wie Haut, Blut, Teile der Bauchspeicheldrüse und Herzklappen für Transplantationen routinemäßig ein. Längst leben zahlreiche Menschen unter uns, die einst als Embryos auf minus 196 Grad tiefgefroren waren. Zellgewebe so zu frieren, dass es nach dem Auftauen voll funktionsfähig ist, ist gang und gäbe.

Die sensiblen Prozeduren, einzelne Zellen und kleine Gewebeteile mit Kälte zu konservieren, sind in jahrzehntelanger Forschung mühsam entwickelt worden. Auf einen ganzen menschlichen Körper lassen sie sich nicht einfach übertragen. Sames weiß, dass in seinem Körper irreparable Gefrierschäden entstehen werden, wenn er einmal in dem weißen Tank liegt. Irreparabel nach dem heutigen Stand der Forschung. Kryoniker aber vertrauen dem Fortschritt. Der Amerikaner Robert Ettinger schrieb 1964: "Was immer uns heute tötet, früher oder später werden unsere Freunde in der Zukunft der Aufgabe gewachsen sein, uns wiederzubeleben und zu heilen." Ettinger ist der Begründer der Bewegung. Sein Buch ist die Bibel für all diejenigen, die dem Tod die Stirn bieten. Es heißt "Die Aussicht auf Unsterblichkeit".

Sames und seine Glaubensbrüder sind davon überzeugt, dass es irgendwann einen Forscher geben wird, der einen Weg findet, die Schäden zu beheben, die durch die Einfrierprozedur entstehen. Sie stellen sich vor, dass in Zukunft Nano-Roboter durch menschliche Blutbahnen kreisen, um zerstörte Zellen Atom für Atom wegzuräumen. Sie schließen nicht aus, dass die Stammzellenforschung früher oder später ganze Organe oder gar Körper klont. Deswegen beschäftigt es Leute wie Sames nicht, ob seine Niere matschig wird und die Äderchen unter seiner Haut platzen. "Das überlassen wir den kommenden Generationen." Überhaupt: Der Körper sei unwichtig. Ausschließlich auf das Gehirn komme es an, das müsse gut erhalten bleiben.

Der Berufs-Kryoniker Andy Zawacki ist ein aufgeschlossener Fremdenführer. Im Cryonics Institute erklimmt er gerade die Arbeitsbühne an einem der Stickstofftanks. Er gibt detailliert Auskunft, und für den Fotografen legt er sich bereitwillig in die Anlage, in der die Patienten heruntergekühlt werden. Er war bei fast allen Einfrierungen dabei. "Suspension" nennt er diesen Vorgang, vorübergehende Abmeldung. In den zylindrischen Tanks sei Platz für sechs Patienten, in dem großen rechteckigen dahinter sogar für 14. "Den habe ich selbst gebaut. Aus Fiberglas. Stabiler als Stahl ist das. Und drinnen ist Perlit für die Dämmung."

Zawacki arbeitet seit mehr als 23 Jahren hier. Damals hat er noch Elektrotechnik studiert, nur manchmal ausgeholfen. Inzwischen managt er gemeinsam mit Ben Best dieses Sanatorium der besonderen Art. Er prüft täglich, ob die Patienten bis zu den Zehen im Stickstoff schwimmen, pflegt E-Mail-Kontakt zu allen Mitgliedern. Wie fühlt man sich, tagtäglich umgeben von 93 tiefgekühlten Menschen, die man zwar nicht sieht, aber von denen man weiß, dass sie äußerlich unversehrt in den weißen Bottichen baumeln? "Darüber denke ich nicht nach", sagt er. "Ich mache hier so gut es geht, meinen Job." Plötzlich öffnet er den Deckel eines kleinen Edelstahltanks. Weißer Dampf wabert aus dem Behältnis, verbreitet Edgar-Wallace-Atmosphäre. "Hier lagern DNA-Proben und ein paar Haustiere", sagt Zawacki, "Unsere Patienten wollen ihre geliebten Tiere wiedersehen, wenn sie zurückkommen. Wir haben 20 Katzen, 15 Hunde, drei Papageien und einen Hamster."

Irgendwann wird auch Sames hier im Stickstoff baden. Er hat einen Verein gegründet, die Deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase. Bei ihren Treffen diskutieren die Mitglieder beispielsweise, wie sie das Geld für eine Herz-Lungen-Maschine zusammenkriegen. Stirbt einer von ihnen, könnten die anderen schon in Deutschland das Blut in seinem Kopf durch Frostschutzmittel ersetzen und den Verstorbenen in rund minus 80 Grad kaltes Trockeneis verpacken. Der Vorteil: Bei dieser Temperatur steht die biologische Uhr des Verfalls so gut wie still. Sames und seine Mitstreiter leisten zudem Aufklärungsarbeit. Sie instruieren Krankenhäuser, damit nach dem Herzstillstand keine Zeit vergeudet wird. Eines können sie aber nicht ändern: Die Endlagerung kryonischer Art bleibt hierzulande verboten. Sames hat daher einen Vertrag mit dem Cryonics Institute abgeschlossen. 28 000 Dollar hat er bezahlt - und sich so einen Platz in der eisigen Kälte der Stickstofftanks reserviert.

Bei minus 130 Grad erstarrt das Hirn. Ob es je wieder erwacht?

Von der großen Halle, in der die Patienten ruhen, führt eine Tür in den Trainingsraum. Umgeben von einer OP-Lampe, medizinischen Geräten, Sauerstoffflaschen und Kanistern übt Ben Best hier an einer Menschenattrappe aus Gummi die Herzdruckmassage. Vorbereitung für die Suspension des 94. Patienten. Best ist das Gegenstück zu Zawacki. Er geizt mit Worten. Misstrauisch blickt er aus dunklen Augen, die einen harten Kontrast zur Leichenblässe seines Gesichts bilden. Unentwegt studiert der Informatiker und Pharmazeut die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, grübelt über bessere Suspensions-Methoden. Im Internet hat er unzählige Aufsätze zur Kältekonservierung veröffentlicht, viele enthalten Formeln, Kurven, Tabellen.

Best beschäftigt vor allem eines: Wie kann man das Gehirn am besten konservieren? Denn im Gehirn, glauben Kryoniker, sitze das eigentliche Ich. Im Prinzip könne man auf den restlichen Körper verzichten, sagt der missmutige Best. Deswegen unterzieht er dieses Organ einer ganz besonderen Behandlung. "Wir vitrifizieren es", grummelt er. Dazu klemmen die beiden Institutsmanager die vom Herzen in den Beckenraum absteigende Hauptschlagader ab und pumpen Frostschutzmittel, ein selbst gebrautes Gemisch aus Ethylenglykol und Dimethylsulfoxid, in wachsender Konzentration in den Kopf. Schnell kühlen sie den Patienten auf minus 120 Grad. In den Adern wird dabei das Mittel immer dickflüssiger. Nach einer mehrstündigen Wartezeit, das gesamte Hirn ist jetzt gleichmäßig temperiert, setzen sie die Kühlung fort. Bei etwa minus 130 Grad erfolgt die Vitrifikation: Das Hirngewebe erstarrt glasartig. Die direkte Überführung der Zellen in einen amorphen Zustand soll im Hirn verhindern, was beim Einfrieren des restlichen Körpers unvermeidlich ist: die Bildung von zerstörerischen Eiskristallen im Zellinnern.

Auch seriöse Kryobiologen nutzen die Vitrifikation. Trotzdem distanzieren sie sich sehr deutlich von den Kryonikern. Abgesehen davon, dass sie die Wiederbelebung Verstorbener für Unfug halten, bemängeln sie die Verfahren, mit denen die Kryoniker menschliche Gehirne zu vitrifizieren versuchen. "So einfach ist das nicht", sagt Andreas Sputtek, Facharzt für Transfusionsmedizin an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und ehemaliger Präsident der internationalen Society for Cryobiology. "Nicht umsonst ist es bislang keinem Forscher gelungen, große Organe so zu konservieren, dass sie nach dem Auftauen wieder einsatzfähig sind." Das größte Problem: Jene Frostschutzmittel, die eine Kristallisation im Zellinnern verhindern können, sind zumeist hochtoxisch.

Der Amerikaner Gregory Fahy, ein weltweit bekannter Spezialist auf dem Gebiet der Vitrifikation von Organen, erweckte weltweit Aufsehen, als er erstmals von der erfolgreichen Transplantation einer Kaninchenniere berichtete, die er zuvor bei minus 130 Grad Celsius in glasartiger Erstarrung konserviert hatte. Die Niere sei intakt gewesen, vermeldete er. Der Haken: Keines seiner Versuchskaninchen hat das Wiedereinsetzen einer Niere länger als ein paar Stunden überlebt. Sie starben an einer Vergiftung durch das Frostschutzmittel, das freigesetzt wurde, als die Niere ihre Aktivität aufnahm. Sterben also auch die Patienten des Cryonics Institute spätestens nach dem Auftauen den Gifttod?

"Kann sein", sagt Robert Ettinger trocken, der Gründer des Cryonics Institute, der Vater der gesamten Bewegung, der Autor der Kryonik-Bibel. "Wir hoffen aber darauf, dass die vergifteten Zellen in Zukunft repariert werden können." Eine Einfamilienhaussiedlung in Clinton Township. Gemähter Rasen und Blumenbeete vor allen Häusern. Hier und da hängen amerikanische Flaggen in der windstillen Hitze schlaff von den Masten. Ettinger wohnt allein. Er ist inzwischen 90 und geht am Stock. Meist sitzt er auf seinem abgenutzten Sofa und liest, aktuell ist es das Buch "Einstein's Mistakes. The Human Failings of Genius" des amerikanischen Physikers Hans Ohanian. Als Kind hat Ettinger in dem Science-Fiction-Magazin "Amazing Stories" die Geschichte über einen tiefgefrorenen Menschen entdeckt, dessen Gehirn nach Jahrmillionen aufgetaut wird. Die Geschichte ließ ihn nicht mehr los.

Er studierte Physik und Mathematik, seine Überzeugung von der Konservierbarkeit des Menschen wuchs. Heute sagt er: "Natürlich gibt es keine Garantie. Wir wissen weder, wo unser Bewusstsein gespeichert ist, noch wie lange es nach Herzstillstand lebt. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass wir es mit unseren Methoden erhalten können."

Ettingers Mutter und seine beiden Ehefrauen baumeln bereits in den Stickstofftanks des Cryonics Institute. Er wird ihnen bald folgen. "Mein Bruder wollte auch immer konserviert werden. Als er im Sterben lag, wurde er jedoch depressiv und entschied sich anders." Ettingers blutunterlaufene Augen füllen sich mit Tränen. Trauriges Schweigen.

Dann fängt er sich und sagt einen Satz, der das gesamte Phänomen Kryonik erklärt. Er sagt: "Die anderen werde ich möglicherweise wiedersehen. Das lindert den Schmerz des Verlustes. Bei ihm aber gibt es keine Hoffnung. Er ist verloren. Für immer." -