Der ultimative Kick

Die meisten Menschen träumen im Schlaf. Einigen wenigen ist das klar. Sie führen Regie in ihrem persönlichen Kopfkino. Eine fantastische Gabe.




- Daniel Erlacher spielt in der Küche seiner Eltern Basketball. Er wirft einen Korb nach dem anderen. Basketball? In der Küche? Das ist wohl ein Traum, denkt sich der Sportstudent. Und entschließt sich zu einem Realitätstest: Aus dem Fenster springen und fliegen - das funktioniert ganz sicher nur im Traum. Gedacht, getan. Er schwebt mühelos durch die Luft, betrachtet die Welt aus der Vogelperspektive - und ist darüber ganz aus dem Häuschen. Dies ist sein erster Klartraum: Ein Traum, in dem er nicht nur weiß, dass er träumt, sondern auch selbst Regie führt und die Hauptrolle spielt. Wochenlang hat er versucht, sich mit verschiedenen Techniken in diesen Zustand zu versetzen, und nun hat es zum ersten Mal geklappt.

Ein tolles Erlebnis - und tolle Aussichten. Denn die Gabe, bewusst zu träumen, könnte man nutzen, überlegt sich Erlacher. Menschen mit dieser Fähigkeit könnten sich in jede erdenkliche Situation versetzen und so fürs wirkliche Leben üben. Zum Beispiel fürs nächste Basketballspiel. Das Thema lässt Erlacher seit seinem ersten Klartraum vor rund elf Jahren nicht mehr los. Sowohl in seiner Magister- als auch in seiner preisgekrönten Doktorarbeit beschäftigt er sich mit dem Phänomen. Er gibt mit dem Traumforscher Michael Schredl vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit eine Zeitschrift zum Thema heraus und betreibt die Internet-Seite Klartraum.de. Mittlerweile ist der 36-Jährige Akademischer Rat am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg, wo er sich mit dem Thema "Schlaf und Sport" habilitiert.

Im dortigen Schlaflabor spricht er betont nüchtern über seine Leidenschaft, den Klartraum. In der akademischen Welt gilt das Phänomen bei nicht wenigen als esoterischer Humbug. Bei luziden Träumen handele es sich in Wahrheit um Tagträume oder Fantastereien, sagen Skeptiker. Erlacher dachte ebenso, als ihm während seiner Studienzeit ein Buch zum Thema von Stephen LaBerge, damals Psychologieprofessor an der Stanford University in Kalifornien, in die Hände fiel. "Alles Hokuspokus", war sich Erlacher bei der Lektüre sicher. Bis er seine erste eigene bewusste Traumreise erlebte.

Und andere Klarträumer, unter anderem bei einem Forschungsaufenthalt in Stanford, wissenschaftlich untersuchte.Das ist möglich, weil sich durch Messung der Gehirnströme objektiv feststellen lässt, ob jemand schläft. Und weil trainierte Klarträumer lernen können, Signale aus ihrem Reich der Träume zu senden. Erlacher führt das anhand einer Aufzeichnung aus seinem Labor vor. Eine Probandin rollt, sobald ihr bewusst wird, dass sie träumt, unter den geschlossenen Lidern die Augen jeweils zweimal nach links und rechts. Diese Bewegungen werden mit einem sogenannten Elektrookulogramm registriert und heben sich deutlich von den sonst unregelmäßigen Ausschlägen ab.

Nach diesem Startsignal soll die junge Frau eine einfache Aufgabe im Traum ausführen: erst 10, dann 20, dann 30 Schritte gehen. Sie beginnt in ihrer Vorstellung damit, gerät aus dem Takt und signalisiert durch eine vierfache Augenbewegung, dass sie von vorn beginnt. Nach einer Zeit, die etwa der Schrittfolge im wachen Zustand entspricht, rollt sie die Augen je sechsmal: das Zeichen, dass die Aufgabe beendet ist. Nun wird sie geweckt und notiert schnell die Erinnerung an ihren Klartraum, bevor der verblassen kann.

Erlacher und andere Forscher haben solche Versuche vielfach durchgeführt und dabei unter anderem beobachtet, dass bei Übungen im bewussten Traumzustand jene Gehirnregionen aktiviert werden, die auch im Wachen dafür zuständig sind. Der Psychologieprofessor Michael Schredl beschreibt den Wachtraum "als eine Art Probehandeln. Dabei spielt man eine bestimmte Situation nicht nur gedanklich durch, sondern erlebt sie sehr intensiv in seiner Vorstellung." Daher liegt die Idee nahe, die Technik ähnlich wie mentales Training - zur Perfektion etwa sportlicher Leistung zu nutzen.

Am Anfang ist die Frage: Träume ich?

Erlacher schwärmt vom "Klartraum als perfekter Simulation, zu der kein Hochleistungscomputer in der Lage wäre". Bei einem Experiment leitete er Klarträumer dazu an, mit einer Münze eine zwei Meter entfernte Tasse zu treffen und dies im Schlaf zu üben. Die Leistungen seien nach dem Traumtraining deutlich besser gewesen. Spitzensportler konnte er allerdings noch nicht für die exotische Technik gewinnen oder gar im Schlaf zu olympischem Gold führen. Einer, der diese Methode exzessiv betrieben hat, ist der 1998 verstorbene Frankfurter Psychologe und ambitionierte Sportler Paul Tholey, der eigenen Berichten zufolge Tausende Klarträume hatte. Die nutzte er systematisch zum Training und brachte es noch im reifen Alter von 40 Jahren zu Höchstleistungen unter anderem beim Skate- und Snowboard-Fahren. "Überschläge mit Schraube oder mehrfache Salti", sagte er einmal, "übt man am besten im Traum."

Klarträumer nutzen ihre Begabung - einer von Daniel Erlacher durchgeführten Online-Befragung zufolge - für alle möglichen Zwecke. Etwa gegen Albträume, wie eine Frau berichtet: "Ich habe immer wieder geträumt, im Aufzug stecken zu bleiben. In einem Klartraum bin ich einfach durch die Türen und Wände rausgegangen." Oder um Probleme zu lösen, wie ein Bauingenieur, der angab, im Schlaf ein Fundament mit unüblicher Bewehrung konstruiert zu haben. "Auf der Baustelle", erinnert er sich, "musste ich es dem Eisenleger persönlich erklären. Aber es hat funktioniert, und es war faszinierend, das Ding aus meinem Traum in echt zu sehen." Schriftsteller berichten davon, dass sie im Schlaf mit ihren Figuren diskutieren, Maler und Musiker, dass sie ihre Werke im Schlaf vorproduzieren.

Die meisten Klarträumer wollen ihren Arbeitstag aber nicht in die Nacht verlängern, sondern einfach nur Spaß haben. Sex spielt in bewussten Träumen der Studie zufolge eine ebenso große Rolle wie in unbewussten. Gern heben die Leute auch ab.

"Immer wieder fliegen", notierte eine Frau. "Aus dem Stand springen und über den Dächern schweben, in mehrere Hundert Meter Höhe steigen und die Erdkrümmung bewundern. Auf Straßen wie mit Siebenmeilenstiefeln entlangschweben. Und sobald ich merke, dass ich meine Füße nicht mehr richtig vom Boden kriege, ist das Aufwachen nur Sekunden entfernt."

Zu solchen Eskapaden ist allerdings nur eine Minderheit fähig. Bei einer repräsentativen Studie in Österreich gaben 26 Prozent der Befragten an, schon mal einen Klartraum gehabt zu haben. Was vermutlich auch etwas mit unserem modernen Lebensstil zu tun hat, wie Michael Schredl erklärt: "Nur sehr wenige Menschen sind unter Stress dazu in der Lage. Entspannung ist eine wichtige Voraussetzung für luzide Träume."

Immerhin lässt sich mit Tricks nachhelfen. Einer besteht darin, sich regelmäßig - auch wenn dies albern scheinen mag - die Frage zu stellen, ob man träumt oder wach ist: In der Hoffnung, dass diese Routine im Traum dazu führt, ihn als solchen zu erkennen. Man kann sich auch sechs bis siebeneinhalb Stunden nach dem Einschlafen in einer traumträchtigen REM-Phase wecken lassen (REM steht für "rapid eye movement", also eine Schlafphase, in der es zu schnellen, unwillkürlichen Augenbewegungen kommt). Dann gilt es, sich das eben Geträumte gut einzuprägen ("Ich fuhr mit einem Feuerwehrauto") und nach einer gewissen Zeit wieder einzuschlummern. Wenn der geträumte Inhalt wieder auftaucht, sollte der Groschen fallen: "Ah, wieder das Feuerwehrauto - ich träume also! "

Dies ist der erste Schritt, um sich eine eigene Traumwelt zu erschaffen und zu tun, was man schon immer mal tun wollte. "Die meisten Menschen", sagt Schredl, "erleben Klarträume als überaus positiv. Sie vermitteln ihnen einen regelrechten Kick." Und falls sie doch einmal unangenehm sein sollten, gibt es dem Psychologen Paul Tholey zufolge eine sichere Methode, den Alb zu beenden: Wenn man einen Gegenstand längere Zeit fixiert, wacht man auf. Möglicherweise, so seine Erklärung, verträgt sich der starre Blick nicht mit den regelmäßigen Augenbewegungen im REM-Schlaf und führt deshalb zum Erwachen.

Bewusste Träume erscheinen als ideales Abenteuer, ganz ohne Risiko und Nebenwirkungen. Menschen diese Erfahrung zu vermitteln könnte ein schönes Geschäft sein. Der ehemalige Stanford-Professor LaBerge versucht das mit einer Nova Dreamer genannten Schlafbrille. Das Gerät erfasst mit Sensoren die traumträchtigen REM-Phasen und sendet dann ein Lichtsignal aus - das den Schläfer zu der Erkenntnis bringen soll, dass er träumt. Bei einigen Menschen klappt es, bei den meisten (wie dem Autor dieses Textes) nicht. Erlacher hat in seinem Schlaflabor sowohl mit Blinklicht als auch mit dem Vibrationsalarm eines Handys versucht, Träumern auf die Sprünge zu helfen, und scheiterte damit in der Mehrzahl der Fälle. Stattdessen verarbeiteten die Versuchspersonen die Signale unbewusst in ihren Träumen, wie einer, der sich wegen der Vibration in einer ratternden S-Bahn wähnte.

Wer warum Träume bewusst wahrnehmen kann, ist noch ein Rätsel. Diese Gabe scheint jedenfalls nicht mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften oder intellektuellen Fähigkeiten zusammenzuhängen. Die Klarträumer, die Erlacher und seine Kollegen untersuchen, kommen aus ganz unterschiedlichen Generationen, Schichten und Berufen. Fest steht zumindest, dass Frauen, die ohnehin intensiver träumen als Männer, häufiger darunter sind, ebenso Menschen, die neuen Erfahrungen grundsätzlich positiv gegenüberstehen.

Besteht bei den Reisen in ganz andere Welten nicht die Gefahr, die Realität aus den Augen zu verlieren? "Im Gegenteil", sagt Erlacher. "Klarträume schärfen das Bewusstsein." Auch die Sorge, das bewusste Träumen könnte Menschen überanstrengen, sei unbegründet. Statistisch gesehen, sind nach Auskunft von Michael Schredl weniger als ein Prozent der Träume luzide, versierte Klarträumer bringen es auf 6,5 Prozent. Es bleiben also noch genug "normale" Träume, um die Aufgaben zu erfüllen, die ihnen von manchen Forschern zugeschrieben werden. Denn bis heute ist die zentrale Frage unbeantwortet, warum wir überhaupt träumen. Hat das psychische Erleben während des Schlafes eine wichtige Funktion? Oder ist es ein unnützes Abfallprodukt des Gehirns? Darüber streitet sich die Wissenschaft.

Das Phänomen des Klartraums könnte helfen, mehr darüber zu erfahren. Und Einblicke in das faszinierendste menschliche Organ zu gewinnen, das nie schläft. "Der Wachtraum", so Schredl, "eröffnet uns Einblicke in Sphären des Bewusstseins, die uns normalerweise nicht zugänglich sind." Deshalb sind er und seine Kollegen dankbar für Menschen, die Einblicke in ihr Kopfkino geben. Einer, der regelmäßig zu Daniel Erlacher ins Schlaflabor kommt und pro Nacht bis zu drei Klarträume hat, ist Manager in einem namhaften Konzern. Um in seinem Unternehmen nicht als Spinner verlacht zu werden, besteht er auf Anonymität. Der Mann habe, so berichtet Erlacher, "alles erlebt, was es im Traum zu erleben gibt. Langsam wird ihm die Sache schon langweilig." -