Der Traum des Falken

Seit drei Jahrzehnten versuchen sich die Menschen von Damanhur als neues Volk. Sie proben eine bessere Art von Ökonomie und Gesellschaft. Ein Beispiel, dass ein anderes Leben - zumindest ein Geschäft mit dem Glauben daran - möglich ist.




- Dieser Ort. Zwei tektonische Platten, die hier aufeinandertreffen und genau an dieser Stelle 300 Millionen Jahre altes Mylonit an die Erdoberfläche drücken. Das magische Kristall, das die physische Energie der Welt transportiert. In diese Ader hinein gruben die Damanhurianer mit einfachen Werkzeugen eine unterirdische Tempelanlage. Im Innern eines "leuchtenden Knotens" breiten sich die "Tempel der Menschheit" auf 8500 Quadratmetern über drei Etagen aus. Präzise dem Verlauf der "synchronischen Linien" angepasst, den großen Energieströmen, die den Erdball durchziehen und eine Verbindung zum Universum bedeuten - auf denen Ideen, Gedanken und Träume reisen. Der perfekte Ort, um ein neues Volk zu gründen.

So lehrt es der Falke.

50 Kilometer nördlich von Turin zeigt sich das Piemont dösend und wellig. Enge Straßen kurven durch die kleinen Dörfer des Valchiusella-Tals, und wenn das Wetter klar ist, erfreut man sich am Anblick schneebedeckter Alpengipfel.

Sonst gibt es nicht viel zu sehen.

Zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Anwesen der Föderation Damanhur sind unauffällig über die Weiler im Tal verstreut. Damanhur ist eine der größten alternativen Gemeinschaften der Welt. Ihr jährliches Bruttosozialprodukt beträgt nach eigenen Angaben 25 Millionen Euro. Die Damanhurianer leben in sogenannten Nukleos, meist mit 20 Erwachsenen und fünf Kindern in einem Haus. Jeder Nukleo hat eine bestimmte Aufgabe, betreibt Bio-Landwirtschaft, ein Hotel, ist verantwortlich für die Tempel oder auf ökologisches Bauen spezialisiert. 612 Bürger sollen hier leben. Sie haben ihre bürgerlichen Namen abgelegt, sich jeweils nach einem Tier und einer Pflanze benannt. Zählt man die Besucher mit, sind es womöglich mehr als 1000 Leute. Genug, um unterirdische Tempel zu bauen und eine Mikroökonomie zu unterhalten. Beides basiert auf dem gleichen Prinzip: Es braucht einen Traum - und genügend Menschen, die an ihn glauben.

Dass es Damanhur überhaupt gibt, davon nahmen die Leute im Tal erst 1992 Notiz. Damals hatte ein Ex-Damanhurianer der Polizei etwas von den unterirdischen Tempeln erzählt. Mehr als zwei Jahrzehnte waren die Bauten der Öffentlichkeit und den Behörden verborgen geblieben. Inzwischen zahlen Tausende esoterisch angehauchte Touristen aus aller Welt 50 Euro und mehr, um die Anlage zu besichtigen. Die Tempel haben Damanhur berühmt gemacht. Es wurde ein esoterisches Disneyland.

Der Fahrstuhl ruckelt nach unten. Ameise und Makakenäffchen führen uns im "Tempel der Menschheit" einen engen Gang entlang. Er mündet in einen kathedralartigen Raum: satte Farben an Wänden und der Kuppel, exorbitante Bildergeschichten, die wie ein psychedelischer Traum oder ein gemaltes Halleluja aussehen. Ein menschengroßes Zwitterwesen, Drachen, Männer, Frauen, das Gute, das Böse - und überall lachende Menschen. Sie tragen die Gesichter der Bewohner von Damanhur, sind im ersten Raum noch Mitwirkende bei der Entstehung der Menschheit und im nächsten bereits angekommen in einer Utopie, wie der Falke sie erträumt hat.

Er ließ sie diese Tempel bauen, diese Bilder malen, gab ihnen diese märchenhafte Geschichte: eine grelle Collage aus esoterischer Fantasie, Science-Fiction, Häppchen aus Religionen und Historie - vereinigt zu einem bunten Absurdum, das Ameise voll Ehrfurcht "unsere Philosophie" nennt. Auch sie ist an einer der Wände zu sehen. Ameise war Königin in Damanhur. Sie öffnet eine Geheimtür. Surrend entfaltet sich eine versteckte Treppe. Ein neuer Gang, ein neuer Raum. Dort angekommen, geht die Geheimtür plötzlich nicht wieder auf. 70 Meter tief unter der Erde ist das kein schönes Gefühl.

"Damanhur (Dorf von Horus) ist eine Stadt in Unterägypten, liegt 160 km nordwestlich von Kairo, inmitten des westlichen Nil deltas. Im Alten Ägypten war die Stadt Hauptstadt des 7. Nome von A-ment von Unterägypten. Die Stadt ist heute Bischofssitz. Die Bevölkerungszahl im Jahr 2008 betrug 247074." So steht es in Wikipedia.

Den Namen Föderation Damanhur - damit ist kein Rechtsstatus verbunden - hat sich der Falke ausgedacht. Er bezeichnet sich als Nachfahre des Gottes Horus und hat in drei Jahrzehnten eine Gemeinschaft geschaffen, deren Anhänger mit dem "Credito" über eine eigene Währung verfügen, ihre Wirtschaft "ethisch" nennen und die Art des Zusammenlebens ein "Spiel". Die Ehe wird in Damanhur nur für ein Jahr versprochen. Die Bewohner unterhalten einen eigenen Sicherheitsdienst, eine Schule und eine Universität, die unter anderem Zeitreisen lehrt. Nach mehreren Kursen sollen es Talente bis nach Atlantis schaffen. Bizarre Heilmethoden werden praktiziert, auch selbst ausgedachte spirituelle Zeremonien. Man besitzt ein Orakel, aber auch große Expertise zu ökologischem Bauen oder erneuerbaren Energien und keltert sogar einen Bio-Chianti aus eigenem Anbau.

In vielen Ländern ist die Föderation Damanhur über sogenannte Center vertreten. Abgesandte der Kommune sind auf Veranstaltungen der Vereinten Nationen über Öko-Häuser ebenso anzutreffen wie beim Vortragsabend zu "musizierenden Pflanzen" in Erfurt. Im Selbstverständnis der Bewohner gilt Damanhur als "Labor der Menschheit", in dem man probt, wovon viele träumen: ein neues Leben in einer neuen Gesellschaft.

Etwas vollkommen Neues

Ein wohlfeiles Anliegen, um das Konkurrenz ausgebrochen ist. Tausende Kommunen mit kommunistischen, ökologischen, Frieden stiftenden, esoterischen oder freiheitsliebenden Utopien buhlen um Aussteiger (oder Spenden) in aller Welt. Allein das "Handbuch deutscher Kommunen" fasst 200 Seiten. Das weltweite Register im Internet listet bereits unter dem Buchstaben A eine kaum noch überschaubare Auswahl. Die Frage ist, warum von diesen vielen Versuchen gesellschaftlich kaum mehr hängen geblie ben ist als obskure Ausflüge in die Spiritualität, einiges Leid in Sekten und ein leicht erregter Gedanke an freie Liebe.

War das schon alles? Kommt da noch was? Der Kultursoziologe und Unternehmensberater Eike Gebhardt, er studierte Gemeinschaften in aller Welt, beobachtet immerhin, dass seit der Jahrtausendwende das Interesse an Kommunen zunimmt. Alternative Lebensweisen haben wieder mal Konjunktur.

In Damanhur wird dazu seit 30 Jahren geforscht. Forschen, vor allem aber Resultate - das werden wir noch lernen - sind wichtig für das Verwirklichen von Träumen. Vor allem, wenn es darum geht, ein neues Volk zu gründen. Dieses Damanhur nennen viele Leute im Tal allerdings eine typische Sekte. Die meisten wollen nicht darüber sprechen. Oder sie verlangen, dass man ihre Namen nicht nennt. Sie haben Angst. Einige von denen, die in Damanhur lebten, behaupten, Oberto Airaudi sei durch sein neues Volk zum Millionär geworden. So heißt der Falke mit bürgerlichem Namen. Dass er diese Gemeinschaft gründen würde, soll er im Alter von sieben Jahren geträumt haben. Interessant ist, wie er es dann wirklich angestellt hat. Dabei half unter anderem gewickelter Draht, doch dazu später mehr.

Wie sieht er also aus, der gelebte Traum von einer besseren Gesellschaft?

Ziemlich restriktiv zunächst.

Rauchen ist verboten. Überall. "Zigarettenqualm sammelt sich in der Luft und wirkt zwölf Jahre lang schädlich", sagt Makakenäffchen. (Die Geheimtür unten im Tempel ging übrigens noch auf.) Sie führt uns zum "Check-in", wo der Besucher fotografiert wird, ein Ansteckkärtchen erhält und diverse Verträge unterschreibt, die etwa einem Fotografen bei Zuwiderhandlung 50 000 Euro Strafe androhen. Makakenäffchen ist unsere Begleiterin, zusammen mit Ameise. Besuch lässt man in Damanhur ungern allein umherlaufen, und das wohl nicht nur aus Höflichkeit.

Auf der Visitenkarte von Ameise steht Ameise Koriander, Präsidentin des Konsortiums Damanhur. In Klammern liest man noch Angela Toninelli. Unter diesem Namen kam sie, Anfang 20 und Elektrikerin, an diesen Ort. Das liegt mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Sie hatte den Traum, anders zu leben, zu zeigen, dass eine andere Gesellschaft möglich ist, sagt sie. So sagen es alle hier. Ameise ist Mitte 40, eine sympathische Frau mit braunen Augen. Fast immer lächelt sie. In Damanhur lächeln alle fast immer. Sie tragen einen "göttlichen Funken" in sich - das hat der Falke so erzählt - und meist auch einen Blackberry nebst drahtlosem Freisprechstecker im Ohr. Das hat Ameise eingefädelt.

Über das Konsortium bot sie einem Mobilfunkanbieter mehrere Hundert Damanhurianer als Kunden an und handelte einen speziellen Tarif aus. Ameise nennt das "etwas Konkretes" - denn genau dafür stünde Damanhur. Nicht nur Spiritualität, sondern auch Mobilfunk.

Das Konkrete, also Geschäftliche, wird im "Damanhur Crea" abgewickelt. Ein alternativer Gewerbepark in einem immensen Flachbau aus grauem Beton, der an einem Berghang klebt. Auf dem Dach prangt ein riesiger grüner Punkt. Auf dem landet der Falke manchmal mit seinem Hubschrauber.

Bevor er sich 1975 mit seinen Anhängern hier niederließ, produzierte Olivetti dort die Koffer für seine Schreibmaschinen. Heute stellt sich darin der Versicherungsmakler Piranha vor, der für alle Damanhurianer Versicherungen abschließt. Die Bewohner profitieren von einem gewissen Mengenrabatt, das Konsortium kassiert die Provisionen. Piranha hat mit einem Versicherer die erste Haftpflichtpolice für Heilpraktiker in Italien entwickelt. Eine typische Sympathisanten-Klientel, die Damanhur nun Provision einbringt. Das Konsortium unterhält ebenso einen esoterischen Buch- und Souvenirladen, eine Immobilienfirma, einen Bio-Supermarkt mit Produkten aus eigenem Bio-Landbau (Umsatz 2008: circa eine Million Euro), Künstler-Ateliers, ein esoterisches Spa, Behandlungsräume für Heilpraktiker und einen Laden für sogenannte Selfica. Die entwickelt der Falke. Die sind wichtig.

Es handelt sich um Geräte aus gewickeltem Kupferdraht, die als Armband gegen Schüchternheit helfen oder die Konzentration beim Autofahren erhöhen. Für ein paar Hundert Euro gibt es sie auch in Groß, zum Hinstellen. Mitunter ist ein glühbirnenähnlicher Kolben mit bunter Flüssigkeit eingebaut. Der soll die Umgebung energetisch positiv aufladen. Es gibt so etwas auch speziell für Topfpflanzen. Ab und zu muss man das blaue Kristall nachkaufen, zum neuerlichen Aktivieren. Weil in Damanhur alle daran glauben, floriert dieser Laden im Untergeschoss des Flachbaus. Die Kunden kommen aus aller Welt.

Der Falke

Der gewickelte Draht hat viel mit dem Traum des Falken zu tun. Es führte zu weit, an dieser Stelle den ganzen Traum zu erzählen.

Es ginge bis nach Atlantis, hätte Kontakt mit Außerirdischen zur Folge und würde in Sprachen übermittelt, die auf Erden niemand kennt. Man wäre am Ende wütend ob all des offensichtlichen Unsinns. Und doch kann man vielleicht etwas lernen vom Falken. Darüber nämlich, wie man Träume verwirklicht.

Der Falke ist ein hagerer, kleiner Mann. Schwarzer Bart, Jeans, kurzärmeliges Hemd, das Gesicht zeigt keine Regung, nur eine freundliche Entrücktheit. Oberto Airaudi bezeichnet sich als Forscher, Maler und Ideengeber. Er ist kein besonders charismatischer Mensch, wirkt aber auch nicht verrückt. Der Falke spricht leise und ohne Begeisterung, als würde er den Seewetterbericht und nicht die Gebrauchsanweisung für Träume aufsagen.

Das Wichtigste zuerst: "Eine Philosophie, die ist fundamental", sagt Falke. Eine gute Geschichte, die die Leute glauben. Wegen der sie herkommen. Die bunten Bilder in den Tempeln, der göttliche Funke, die Ethik, das solidarische Zusammenleben, das ökologische Wohnen - im Unternehmen hieße das wohl Leitbild. Der Falke spricht von einer "Mission".

Zweitens: Resultate. "Für Resultate", sagt der Falke, "braucht man Menschen." Der Falke hat nie etwas anderes gemacht, als Menschen und Resultate zu sammeln. Anfangs tat er dies noch mit bloßen Händen, als "Pranotherapeut". Seine Hände strahlten, so behauptet er, eine Art Lebensenergie aus, die von den Zellen erkannt und vom Körper verwertet werden könnten. Dass sich derart ein verlorenes Energiegleichgewicht wiederherstellen lässt, erzählte er so oft auf Konferenzen, schrieb er so häufig in Büchern, dass er bald mehr als 700 Patienten - und damit auch seine Resultate hatte. Und sein Einkommen.

Viele seiner Patienten wurden zu Bewohnern von Damanhur.

Auch hier "forscht" er. Statt mit bloßen Händen agiert er nun mit gewickeltem Draht. Er schuf wahre Kunstwerke. Wickelte Draht, bunt gefüllte Glaskolben, Glaskugeln und Laserleuchten zusammen. Gebilde entstanden, groß wie Sonnenschirme, mit einer Anmutung von gewaltigen Dauerwellenfrisuren aus Draht, in denen noch die Lockenwickler steckten. Darunter legte er Menschen, verjüngte ihre Organe, harmonisierte ihre Frequenzen.

Mindestens einmal im Jahr unterziehen sich die Damanhurianer einer Anwendung in einer selfischen Anlage. Zu Forschungszwecken. Ameise hatte uns solch einen Raum für Verjüngungskuren gezeigt, ein Gewirr von Stangen und Drähten. Eine Assistentin des Falken sprach von "purer Energie, fast schon Intelligenz". Und Ameise sagte: "Es hilft, ich fühle mich danach wirklich jünger und voller Energie." Ihre Neurodermitis sei verschwunden, andere könnten danach besser sehen, wieder anderen tue das Knie nicht mehr weh. Alles Resultate. Alles Einkommen. Die Damanhurianer bezahlen 300 bis 400 Euro für eine Behandlung. Ameise sagt: "Dafür spart man die Kosten für Kosmetik." Man bleibt ja jung.

Auch Damanhur liefert nun Resultate. Die Tempel sind Medienthema in aller Welt. Denn die Damanhurianer schreiben Bücher, organisieren und besuchen Konferenzen. Ihre Öko-Häuser gewinnen internationale Preise. Ihre Partei gewinnt in den kleinen Dörfern Wahlen, und Ameise traf als Abgesandte von Damanhur im Jahr 2002 Michail Gorbatschow und auch schon einen Nachfahren der Rockefellers - darauf ist sie besonders stolz. Für den Falken sind es Resultate, die weitere Menschen anlocken. Die Gemeinschaft wächst, sein Traum wird wahr.

Wofür der Falke nach der Mission und den Resultaten eine weitere Bedingung nennt, die dritte und letzte, die fast zynisch klingt: Vertrauen. "Man muss den Menschen vertrauen, sie machen lassen", sagt der Falke. "Vieles läuft hier anders, als ich es gewollt hatte", behauptet er. Aber es funktioniere. "Andere haben oft bessere Ideen als man selbst." Er kenne viele große Unternehmer, von denen viele auch große Träume hätten. "Ihr Problem ist, dass sie Dinge nicht delegieren können. Ihr Stolz bleibt daher immer größer als ihr Profit."

Wer ist Damanhur?

Vom Tagesgeschäft in Damanhur hat sich der Falke zurückgezogen. Die Gemeinschaft wird von zwei Königen geführt, die alle sechs Monate gewählt werden. Sie sind so etwas wie Aufsichtsräte, beobachten, wie sich die Unternehmungen geschäftlich entwickeln, treffen Entscheidungen, suchen den Rat des Falken. Der dreht weiter seine Drähte, bereist die Zeit, treibt Konversation mit Außerirdischen, steht seinem Volk in Fragestunden zur Verfügung und richtet positive Energien auf die Krisenherde der Welt. Er hilft, wo er kann - und malt.

"Eigentlich kann ich gar nicht malen", sagt der Falke. Es sei eine Art Sprache, die er da auf Leinwand banne. Die Nachfrage ist immens. Warum das so ist, sieht man beim Besuch im Nukleo der Ameise. Zwanzig Erwachsene, fünf Kinder, gegessen wird gemeinsam an einer großen Tafel. Es ist ein wunderschönes, geräumiges Haus. Der Ausblick ins Tal ist traumhaft. Draußen wachsen Himbeeren, drinnen hängen Gemälde des Falken, in jedem Zimmer eines. Manchmal sogar zwei. Sehr bunte Bilder in fluoreszierenden Farben, die Tausende Euro kosten. Damanhurianer bekommen zehn Prozent Rabatt. Auch Selfica stehen in jedem Raum.

Das Nukleo der Ameise kümmert sich um die Tempel. Sie helfen auch anderen Familien, betreuen Kinder und Alte und tragen den Kredit für das Haus ab. Deswegen haben hier alle einen Job, meist außerhalb von Damanhur. "In sieben Jahren haben wir das Haus abbezahlt, dann können wir uns für etwas anderes entscheiden, in das wir investieren", sagt Ameise. Sie würde gern in den Fonds für die Alten der Kommune einzahlen. Auf die Frage, wem das Haus gehöre, sagt sie: "Uns, der Gemeinschaft."

Nebenan steht das Haus vom Nukleo für erneuerbare Energien. Hier wohnt Gorilla, der Freund von Ameise. Ein großer Mann mit freundlichen Augen, einer von drei Gesellschaftern der Solera, einem Planungsbüro für ökologisches Bauen und erneuerbare Energien. Eine der Firmen in Damanhur, für die das Konsortium von Ameise administrative Dienstleistungen wie die Buchhaltung erledigt.

Das Haus von Gorillas Familie ist mit Fotovoltaik-Flächen gepflastert. Auch einen Sonnenkollektor haben sie aufgestellt, der dem Stand der Sonne folgt. Viele dieser Anlagen sind Eigenentwicklungen, andere wiederum Testreihen auswärtiger Firmen. Damanhur ist auf diesem Gebiet seit zwei Jahrzehnten eine riesige Spiel- und Experimentierwiese, was für Solera einen nicht unerheblichen Wettbewerbsvorteil und zudem Kunden bedeutet. Nach eigenen Angaben lag der Umsatz im Jahr 2008 bei 2,6 Millionen Euro. Die Angestellten sollen 1200 bis 2000 Euro im Monat verdienen. Häufig wird der Lohn ganz oder teilweise in Credito ausbezahlt. Mit dieser Währung kann man überall in Damanhur einkaufen - aber eben auch nur dort.

Wem was gehört in Damanhur, ist eine heikle Frage. Wer das genauer wissen möchte, geht zum Lemming. Der sitzt in einer kleinen Holzhütte am Welcome-Center. Zwei seiner Fenster sind vergittert, eines nicht: Das Holzhaus ist in gewisser Weise die Bank und der Lemming der Wirtschaftsminister von Damanhur. Außerhalb der Kommune arbeitet er unter seinem bürgerlichen Namen als Finanzberater für diverse Firmen. Graue Haare durchziehen seine Frisur, das Gesicht ist eben und trägt feine Züge ein Ausbund an Seriosität. Er spricht leise und in routiniertem Vortragston, zeichnet hin und wieder eine Skizze.

Vermögen wie Häuser oder Firmenanteile seien in Kooperativen gebündelt, sagt er. Eine der größten ist die Peal, in deren Büchern der Immobilienbesitz der Gemeinschaft eingetragen ist. An der Kooperative sollen 230 Gesellschafter Anteile besitzen, zumeist Bürger von Damanhur. Sie haben entweder Geld (Verzinsung zwischen 1,5 und 3 Prozent), Firmenanteile oder Grundstücke eingebracht. Sollten sie die Kommune verlassen, bekämen sie ihre Anteile ausgezahlt. So stellt es der Lemming dar.

Die Vermögenswerte sind derart gewachsen - die Peal weist eine Million Euro Eigenkapital aus -, dass die Kooperativen auch Kredite vergeben. Der Lemming spricht von "Mikrokrediten bis 50 000 Euro". Entscheidend sei der "ethische Aspekt. Wir finanzieren vor allem Projekte für Bio-Landbau oder erneuerbare Energien." Der Finanzchef sagt zu seiner Motivation, er wolle zeigen, dass Ökonomie und Ethik miteinander vereinbar seien. Und die synchronischen Linien, die Zeitreisen, das Mylonit: Glaubt er an so etwas, als Ökonom? Da schaut der Lemming verdutzt und sagt: " Ja, natürlich, genau wie im Finanzbereich wird bei uns auch auf diesem Gebiet geforscht. Wir haben auch hier Belege."

Weit weniger erforscht und belegt ist, wer hinter den Konsortien und Kooperativen steht. Es gibt anonyme Berichte von Ex-Kommunarden, die ihr gesamtes Vermögen in Damanhur einbrachten. Auf der Website Damanhurinsideout.wordpress.com melden sich Menschen zu Wort, die 15 Jahre und länger in Daman hur gelebt haben. Für die der Traum zum Albtraum geworden ist. Die 1000 Euro für den Status "Citizen" bezahlt und zugestimmt haben, allen Besitz und künftige Einkommen wie Erbschaften oder Lebensversicherungen der Gemeinschaft zu überlassen. Einige sollen dadurch Millionen verloren haben: Beim Abschied von der Kommune erhielten sie nichts zurück. Damanhur soll während ihres Aufenthalts keinerlei Sozialversicherungsbeiträge für sie abgeführt haben. Doch ein direktes Gespräch mit den Kritikern kam nicht zustande, seinen Namen wollte niemand nennen. Fragen wurden nur per E-Mail beantwortet. Jemand schrieb, die Menschen in Damanhur seien "fanatisch".

Ameise sagt, solche Gerüchte setze die katholische Kirche in die Welt. Sie wischt das Thema mit einem Lächeln weg und zeigt uns ihr Baumhaus, ein Kleinod für sich und Gorilla. Sie will in Damanhur alt werden. Sie hieß einmal Angela Toninelli und war Elektrikerin. Sie wurde zu Ameise Koriander und Bleiglaserin, Bleiglaserei-Lehrerin, Königin von 612 Bürgern und Chefin von zehn Mitarbeitern. Wo sonst hätte sie das werden können?

Und der Falke? "Der passt auf, dass wir unsere Träume nicht vergessen", sagt Ameise. Und lächelt. -

Mylonit (von griech. = Mühle) ist ein metamorphes Gestein, das durch den Prozess der Diskolationsmetamorphose entstanden ist.
Der Begriff Mylonit beschreibt einen Gesteinstyp mit einem bestimmten Gefüge, er gibt keine Information über die petrologische Zusammensetzung.
(Wikipedia-Enzyklopädie)