Ankommen

Es ist der Traum von einem besseren Leben, der Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen und in die Fremde zu ziehen. Und wovon träumen sie, wenn sie dann irgendwann nirgendwo mehr zu Hause sind? Antworten von türkischen Migranten aus dem Duisburger Stadtteil Marxloh.




- Der Tee ist schwarz, süß und kommt in kleinen Gläsern mit Goldrand. Der Tisch, auf dem er serviert wird, hat robuste Messingfüße, die Platte geschmückt mit kunstvoll drapiertem Chiffon. Der Schrank daneben aus lackiertem Holz. Von der verschnörkelten Gardinenstange flutet Taft in den Raum. Ein Hauch von Orient durchweht das Wohnzimmer in der Halskestraße Nummer 14. Wandlampen, geformt wie Muscheln, an der Decke Stuck, altrosafarben und sonnenblumengelb ummalt.

Der Hochofensteuerer Ramazan Erdogan sitzt auf einem plüschigen Sofa und erzählt. Wie sein jüngster Bruder Yüksel und er das Grundstück gekauft hätten, 1300 Quadratmeter in einer ruhigen Seitenstraße. Wie sie ihren zweieinhalbgeschossigen Eigenheimtraum verwirklichten in doppelter Ausführung und nach identischen Plänen. 430 Quadratmeter Wohnfläche inklusive Keller. Balkon und Veranda zum Garten. Dachterrasse auf der Garage. Vor der Garage steht Erdogans VW Touran. Im Garten steht Yüksel und streicht das neue Gartentor. Der Rasen ist akkurat gemäht. Fehlen nur noch die Gartenzwerge.

Das ist die Geschichte. Wie einer hineingeboren wird in eine Kultur, die er kaum mitkriegt und trotzdem nicht los wird; wie er hineingeworfen wird in eine Kultur, die ihn prägt und doch für ihn unerreichbar bleibt. "Ich sag' mal so", sagt Erdogan, als sich das Gespräch um Identität dreht: "Schwarzkopf bleibt Schwarzkopf." Als von seinem Bausparvertrag die Rede ist, sagt er: "Wir ham uns schon viel abgeguckt von den Deutschen. Ich mag keine Teestuben. Ich mag keine Spielhöllen. Ich mag arbeiten."

So ambivalent wie der Mann ist der Ort, an dem seine Geschichte spielt: Marxloh, im Duisburger Norden, eingeklemmt zwischen A 59, Emscherschnellweg und Rhein; geprägt von düsteren, einförmigen Werkssiedlungen; überragt von den Hochöfen der ThyssenKrupp Steel AG, wo Ramazan Erdogan Hüttenwerker gelernt hat und bis heute arbeitet. Im Schatten des kokelnden, unablässig dampfenden Giganten leben 17 500 Menschen, 58 Prozent sind ausländischer Herkunft. Für die einen, sagte die Politikerin Lale Akgün einmal, sei Marxloh bloß ein heruntergekommener Industriestadtteil, für die anderen "eine exotische Blume im großen Garten Duisburg". Zuletzt machte er Schlagzeilen wegen seiner Merkez-Moschee; sie wurde im Oktober eröffnet und gilt als die größte Deutschlands.

Ramazan Erdogan wird 1967 in Bartin am Schwarzen Meer geboren. Er ist drei, als sein Vater nach Deutschland geht, erst als Bergmann nach Walsum, ein Jahr später als Arbeiter bei ThyssenKrupp am Hochofen. Erdogan sagt: "Er wollte ein paar Jahre bleiben, ein paar Tausend Mark sparen, zurückgehen, einen Traktor kaufen, ein Haus bauen." Doch der Vater weiß nichts von Einsamkeit, Sehnsucht, Heimweh. Erdogan ist fünf, als der Vater ihn, seinen jüngeren Bruder und die Mutter mitnimmt in das Land, in dem es nie aufhört zu regnen. In dem alles anders ist als zu Hause: die Gerüche, die Geräusche, die Farben. Die Mutter bekommt zwei weitere Söhne, ihre Tochter nennt sie Sabine, nach einer Nachbarin. Aus ein paar Jahren werden viele. "Der Traum meines Vaters hatte sich verändert", sagt Erdogan. "Nun sollten seine Kinder in Deutschland ein besseres Leben haben."

Bildung macht vieles leichter - aber jeder Vierte in Marxloh hat keinen Hauptschulabschluss

"In dem Moment", sagt Lale Akgün, "in dem die Frau mit Kind und Koffern vor der Tür steht, ist das Gastarbeiterleben vorbei, und es beginnt das Leben des Siedlers." Akgün weiß, wovon sie spricht. Sie kam in Istanbul zur Welt, war neun, als ihre Eltern nach Moers am Rhein gingen. Heute sitzt sie für die S PD im Bundestag, wo sie unter anderem stellvertretende Sprecherin der Arbeitsgruppe "Migration und Integration" ist. In ihrem Abgeordnetenbüro in Berlin an der Wand: ein mit Arabesken bemalter Teller neben einem Karnevalsorden mit der Aufschrift "Mir in Kölle". Akgün sagt, Deutschland habe ihr nie Angst gemacht. Ihr Vater war Arzt. Sozialer Status hilft. Im Bücherregal der Eltern standen türkischsprachige Ausgaben von Goethe, Musil und Mann. Bildung macht vieles leichter. Darüber und über ihre Assimilierung erzählt Akgün amüsant in "Tante Semra im Leberkäseland".

Akgün ist eine kleine, schmale Person mit bemerkenswerter Ausstrahlung. Wer sie bei einer Lesung besucht, erlebt sie lebhaft, heiter, humorvoll. Bei ihr hört sich Integration an wie eine Art orientalischer Komödienstadl. In ihrem Berliner Büro referiert sie ernsthaft, nachdenklich. "Was den Menschen Angst macht, ist nicht die Fremde, sondern die innere Zerrissenheit." Sie hat Medizin, Völkerkunde und Psychologie studiert, arbeitete als Familienberaterin, leitete das Landeszentrum für Zuwanderung in Nordrhein-Westfalen. Wenn sie über Integration türkischstämmiger Bürger spricht, kommt es erst gar nicht zu den Klischees, die üblicherweise den Diskurs bestimmen. Kopftuch, Zwangsehe, Bildungsnotstand. Ausländerfeindlichkeit oder Parallelgesellschaft und stille Islamisierung?

Es gibt ein türkisches Gedicht, aus dem Akgün gern zitiert: "Verstehen ist eine Reise im Land der anderen." Und wer über Integration spreche, sagt sie, müsse erst mal lernen zu differenzieren. Allein bei türkischstämmigen Menschen stellten sich Fragen: Türke, Kurde, Aramäer oder Armenier? Nationalist oder Sozialist? Kulturmuslim, frommer Muslim, konservativer Muslim, Alevit oder Atheist? Städter oder Dörfler? Arbeiter oder Intellektueller? "Was hat ein schwuler Kurde mit einem türkisch-muslimischen Funktionär zu tun?", fragt Akgün. "Warum haben die Leute immer etwas Homogenes im Kopf, das in der Realität nicht existiert?"

Leyla Özmal sitzt im Restaurant Pera an der Weseler Straße. Die Weseler Straße ist Marxlohs Hauptstraße, die Straßenbahnhaltestelle Pollmanneck vor dem Pera das Zentrum. Es ist früher Nachmittag, der Laden ist voller Teenager. Manche Mädchen tragen Kopftuch, andere Minirock. Auf der Speisekarte stehen Adana Kebap und Currywurst mit Pommes rot-weiß. Es gibt Ayran und Bitter Lemon. Die Musik aus dem Lautsprecher wechselt von türkischer Folklore zu Pop zu türkischer Folklore. Eine Mischwelt. Die Straßennamen erinnern an deutsche Geschichte: Karl Marx, Kaiser Wilhelm, Willy Brandt. Die Geschäfte ringsum verkaufen Baklava, goldene Armreifen, gerüschte Hochzeitskleider in Bonbonfarben. Grüne Bohnen heißen hier Taze Fasülye.

Marxloh war mal oben, dann ganz unten - nun ringt eine neue Koalition um die Wiederbelebung

Auch Özmal kam als Kind nach Deutschland, heute ist sie Integrationsbeauftragte der Stadt Duisburg. Sie bestellt Yayla Çorbasi, Joghurtsuppe mit Reis, und spricht von Träumen. Alles im Leben beginne mit Träumen. "Warum sollte ein Mensch sonst Haus und Hof, seine Heimat und seine Identität zurücklassen, wenn nicht für einen Traum?" Sie denke oft an Martin Luther King und seine berühmte Rede: "Er hatte einen Traum, er wollte eine Gesellschaft ohne Unterschiede, ohne Rassentrennung. Teilen wir diesen Traum nicht alle?" Deshalb sei es wichtig, "in Menschen zu investieren. Wir leben in einer Welt der Kisten und Schubladen. Wir brauchen mehr Dialog. Wenn wir lernen, miteinander zu reden, lernen wir einander verstehen." Vielleicht muss man so denken, wenn man Özmals Job hat. Ohne Träume müsste man wohl verzweifeln.

Es ist noch nicht lange her, da galt Marxloh als der Inbegriff für gescheiterte Integration. Das war, als im Zuge von Stahlkrise und Strukturwandel immer mehr Alteingesessene wegzogen; die Zuwanderer blieben zurück. Ohne Arbeit, ohne kommunale Hilfe, ohne Perspektive. Die klassizistischen Fassaden der Weseler Straße, in den siebziger Jahren noch eine Flaniermeile mit mehreren Kinos, großen Kaufhäusern und sechs Pelzläden, zerfielen. Den Rest kann man sich zusammenreimen. Wohnungsleerstand. Vandalismus. Kriminalität. Vor der baufälligen Werkssiedlung Elisenhof drehte Sönke Wortmann "Das Wunder von Bern". Marxloh wurde, wie Akgün es beschreibt, "ein Stadtteil mit hohem Erneuerungsbedarf". Noch heute werden laut Statistik 136 von 1000 Einwohnern Opfer einer Straftat. Jeder Vierte hat keinen Hauptschulabschluss.

Seit 1999 bemüht sich die Stadt nun mit einer städtischen Entwicklungsgesellschaft (EGDU) um die Wiederbelebung des Stadtteils. Sie wird dabei von der lokalen Wirtschaft unterstützt, allen voran der Familie Grillo, die seit Generationen in Marxloh Zink produziert und deren Chefin Gabriele Grillo, einst Dressurreiterin, hilft, wo immer sie kann. Es gibt einen Förderverein, einen Vereinsstammtisch, den Runden Tisch Marxloh. Überall wird um Lösungen gerungen. In den vergangenen Jahren haben sich zwei Dutzend Läden für türkische Brautmoden angesiedelt, samstags stauen sich auf der Weseler Straße nun die Autos. Die Kunden kommen aus ganz Deutschland an, sogar aus den Beneluxländern. Es gibt einen türkischen Unternehmerverband, ein Stadtteilfest, die Marxloher Theatertage. Die Merkez-Moschee registriert im Schnitt täglich 200 Touristen. Ihre Prospekte feiern bereits das "Wunder von Marxloh". Özmal sagt, Marxloh sei ein Beweis, "dass wir nicht die Opfer unserer Biografie sind. Wandel ist machbar."

Gemeinsames Leid kann auch verbinden - das zeigt der Arbeitskreis der Lehman-Geschädigten

Ob Ramazan Erdogan viel anfangen kann mit Martin Luther King und behördlich gesteuerter Stadtentwicklung, ist fraglich. Und in die Moschee geht er nur an religiösen Feiertagen, wenn überhaupt. Er sagt: "Die Menschen haben Marxloh wieder aufgepeppt, nicht die Politiker oder sonst jemand." Wer hat ihm geholfen, als die erste Ehe zerbrach und er seine zweite Frau gegen den Widerstand der Familie durchsetzen musste, weil sie Kurdin ist? Zwei Kinder aus erster Ehe hat er großgezogen, beide sind inzwischen verheiratet mit Partnern, die aus der Türkei kommen. Wen interessiert, wie die sich integrieren? Und das Haus? Alles selbst gemacht. Heizung, Elektro, Sanitär. Das Mobiliar habe er spottbillig in der Türkei gekauft. Für den Baum an der Straße, der auf Anweisung der Stadt abgesägt werden musste, zahlte er 2700 Euro Gebühr. "Da", sagt Erdogan, "kriege ich einen dicken Hals."

Neuerdings arbeitet Erdogan mit der Duisburger Werkkiste zusammen, einer katholischen Einrichtung, die sich in Marxloh um schwer vermittelbare oder arbeitslose Jugendliche kümmert. Berufsberatung und -vorbereitung, aber auch Ausbildungen im Friseurhandwerk, zum Einzelhandels- oder Bürokaufmann werden angeboten. Erdogan stellte einen Kontakt in seine Heimatstadt Bartin her, die von sechs Mitarbeitern der Werkkiste besucht wurde. Im Gegenzug kamen jugendliche Auszubildende und Lehrer aus der an Bartin grenzenden Region Karabük sowie der Bildungsminister aus Kappadokien nach Marxloh, weil sie sich für das deutsche Schulsystem interessierten. Erdogan will, dass die Menschen voneinander lernen, nur dass er es nicht wie Akgün mit den Worten eines Dichters sagt. Erdogans Botschaft: "Nich' dat die da hinten denken, bei uns fließt das Geld von alleine."

Da will einer seine Geschichte erzählen. Da will einer wahrgenommen werden. Da ist ein Mann, der rastlos wirkt, ohne dass man auf Anhieb erkennt, was ihn treibt. Aber wer weiß, wie es ist, als Kind in eine Schulklasse zu kommen, in der eine Sprache gesprochen wird, die man nicht versteht? Wer weiß, wie man sich fühlt, wenn einem während der Ausbildung der Meister nichts zutraut? Wenn man am Hochofen, glühende Hitze, 1500 Grad, doppelt so viel arbeitet wie der deutsche Kollege und doch nicht gesehen und nicht gelobt wird vom Chef? Erdogan sagt, die deutschen Freunde aus der Schule habe er aus den Augen verloren. Es sind auch keine Kollegen, die gerade zu Besuch gekommen sind und mit Yüksel im Garten stehen. Es sind zwei türkische Freunde und Erdogans jüngerer Bruder Basri. Und als Erdogan erzählt, er sei in diesem Kreis der Einzige, der die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen habe, klingt es fast entschuldigend.

"Du spürst immer was", sagt Basri, der Prozesskoordinator bei ThyssenKrupp ist; früher sagte man dazu Schichtführer. Basri hat in Walsum ein Haus gebaut, besitzt eine Eigentumswohnung. Seine Altersversorgung, wie er sagt. Auch Basri spricht fließend Deutsch mit Ruhrpottakzent. Als Teenager, so wird erzählt, gehörte er zu den hoffnungsvollsten Kickern der Sportfreunde Hamborn 07. Aber dann wurde doch keine große Karriere daraus. "Da ist immer eine Distanz", sagt Basri, "egal, wie sehr du dich um Integration bemühst." 37 Jahre lebe er in Deutschland, und er merke es immer noch, immer wieder, etwa wenn er für seinen 16-jährigen Sohn eine Lehrstelle als Kfz-Mechaniker suche. Und wenn er im Sommer nach Bartin in Urlaub fährt, ist er für die Menschen dort ein Almanyal, einer, der aus Deutschland kommt.

Am Abend steigt Ramazan Erdogan in sein Auto, fährt vorbei an ThyssenKrupp, vorbei an der Kulisse, die man aus dem "Tatort" mit Kommissar Schimanski kennt, nach Duisburg-Beeck. Dort liegt eine hübsche Eigenheimsiedlung zwischen Kiefern, Hecken und Staketenzäunen. Erdogan sagt, Wolfgang habe ihn angerufen, es gebe gute Nachrichten. Wolfgang Dülk ist Kontaktmann einer Duisburger Gruppe von Geschädigten, die mit Zertifikaten der US-Investmentbank Lehman Brothers ihre Ersparnisse verloren haben. Ihr Traum von hohen Profiten bei hundertprozentiger Sicherheit platzte. 40 000 Menschen, viele wurden von der Citibank zu den Investments animiert, sollen so in Deutschland ihr Geld eingebüßt haben; der Schaden wird auf etwa 470 Millionen Euro geschätzt.

Dülk, ein pensionierter Physiotherapeut, sitzt unter einer Pergola im Garten. Auch Marion Adamski, selbstständige Einzelhandelskauffrau, ist da. Auf dem Tisch eine Thermoskanne mit Kaffee. Die gute Nachricht ist ein Urteil des Landgerichts Hamburg, Aktenzeichen 325 O 22/09. Das Gericht verurteilte die Hamburger Sparkasse zur Rücknahme der Zertifikate und Zahlung der entgangenen Verzinsung. Das noch nicht rechtskräftige Urteil gibt Hoffnung, dass auch die Duisburger eine Entschädigung erstreiten könnten. Dülk, Adamski und Erdogan könnten sich endlos echauffieren über die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren sei. Widersprüchliche Formulare, versteckte Kosten und Provisionen. Die Risiken verschwiegen. Aus ihrer Sicht glatter Betrug durch die Banken. Es habe sogar Codes gegeben für Kunden wie sie. Dülk sagt: "Ich war AD, das steht für alt und doof." Erdogan, der sagt, er habe immer gemacht, was sein Bankberater empfahl: "Ich war LEO - ein leicht erreichbares Opfer."

Auf dem Weg nach Hause sagt Erdogan, die Sache mit den Lehman-Zertifikaten sei ein schlimmer Rückschlag. Wie viel genau er verloren hat, will er nicht verraten. "Ich sag' mal so, es war schon sechsstellig." Der Kredit für das Grundstück und das Haus ist noch nicht abbezahlt. Erdogan verdient normalerweise, wie er sagt, 2200 Euro netto im Monat. Zurzeit fahren sie Kurzarbeit bei ThyssenKrupp. In seinem Bereich sind es zwar nur drei bis vier Tage im Monat, aber keiner kann sagen, wie es weitergeht. Seine Frau, die sonst als Altenpflegerin dazuverdient, arbeitet derzeit nicht, wegen des Babys, das sie kürzlich bekommen haben. Man wundert sich, dass sie überhaupt zurechtkommen. Doch Ramazan Erdogan sagt: "Ich sag' mal so, der Schaden hat auch was Gutes. Ich freue mich auf jeden Lehman-Stammtisch. Ich habe dort super Freunde gewonnen." Schön, wenn man irgendwo dazugehört. -