Amerikanisches Englisch - Deutsch

Das kleine Wirtschaftswörterbuch – Übung 14:
Über rosafarbene Zettel-Wirtschaft und Klingelpost für die Banken




Trotz der

[real estate crisis] | Immobilienkrise, die (das derzeit amerikanischste aller Wörter, daher gleich zu Beginn)
liegt dem US-Amerikaner kaum etwas so sehr am Herzen wie das Eigenheim. Immer noch. Das „Haus mit dem weißen Lattenzaun“ ist für Vorstadtbewohner der Traum schlechthin. Es wurde in zahlreichen Schlagern besungen, denn es ist der Inbegriff von privatem Erfolg und Glück. Zwei Drittel aller US-Bürger besitzen ein eigenes Heim. Manch einer wird in diesem Zusammenhang gern blumig und spricht dann von seiner „Attraktion am Bürgersteig“. [curb appeal] | Attraktion am Bürgersteig, die
Von solchen Attraktionen gibt es aus den bekannten Gründen (siehe auch: Immobilienkrise, die) mittlerweile überreichlich – und es werden ständig mehr. Selbst aus Holz und Rigips im sogenannten „Keksförmchen“-Prinzip zusammengeschusterte Behausungen versuchen deren Besitzer zu diesen „Attraktionen“ herzurichten – um sie bestmöglich zu verkaufen. Bei gar zu offensichtlicher Tristesse zwischen den vier Wänden müssen freilich ein Eimer Farbe und bühnenreifes „staging“ her. [staging] | Inszenierung, die (vulgär: Aufmotzen, das)
Die perfekte Inszenierung von Wohnraum hat sich in den USA zur hohen Kunstform entwickelt. Treibende Kraft sind jene 35 Millionen Menschen, die Jahr für Jahr den Umzug wie einen Volkssport betreiben und jedes Mal ihre alten Attraktionen am Bürgersteig loswerden müssen. Dann rücken Trupps von Immobilien-Visagisten an, räumen die Häuser aus und staffieren sie manchmal nur für ein Wochenende mit Designermöbeln, wie zufällig herumliegenden Zeitschriften, teuren Weinen, Kaschmir-Decken und Orchideen aus. Ködern will man so: die Flipper. [flipper] | wörtlich: Umdreher, der; oder Flosse, die
Damit sind nicht die schlauen Delfine aus dem Fernsehen gemeint, sondern Gierhälse, die zwanghaft den Finanzsender CNBC einschalten und dem schnellen Dollar huldigen. Der Flipper kauft und verkauft Aktien, Immobilien, selbst ganze Start-ups im Eiltempo. Investitionen für Minuten, nie fürs Leben. „Built to flip“ war das Motto einer Generation von Zockern, die sich bis 2008 (siehe auch: Immobilienkrise, die) immer auf eines verlassen konnten: grenzenlose Kreditrahmen. [credit line] | Kreditrahmen, der (hat den Status des Synonyms für Unendlichkeit verloren)
Die Möglichkeit zum Flippen hält sich neuerdings durch die erheblich eingeschränkten Kreditlinien derart im Rahmen, dass viele Flipper nun vor allem mit dem Abstottern alter Schulden beschäftigt sind. Das gelingt im schlimmsten Falle durch geregelte Arbeit. Doch auch die wird knapp. Zahlreiche Amerikaner bekommen derzeit den „pink slip“. [Pink Slip] | rosa Zettel, der; auch: Entlassungsschreiben, das
In vielen Bundesstaaten können die rosafarbenen Zettel von heute auf morgen ausgestellt werden. Auf diese Weise hat die US-Volkswirtschaft seit Anfang 2008 mehr als 5,7 Millionen Jobs verloren. Allein die 500 größten Unternehmen feuerten zwischen November 2008 und Juli 2009 rund 580.000 Arbeitnehmer. Doch von denen geht niemand auf die Straße. Die Kündigung wird stumm ertragen. Geräuschvoll melden sich Entlassene allenfalls bei ihrer Bank – mit einer Klingelpost. [jingle mail] | wörtlich: Klingelpost, die
Die Rede ist von Kuverts, in denen es auffällig scheppert: Schlüsselbunde. In den Banken fürchtet man sie. Denn es handelt sich um den letzten Gruß von über beide Ohren verschuldeten Hausbesitzern. Sie schicken ihre Hausschlüssel einfach an den Gläubiger - und machen sich aus dem Staub, nicht selten mit den „fixtures“. [fixtures] | Armaturen, die
Einige Pleitiers reißen zum Abschied Wasserleitungen, Hähne und Kabel aus den Wänden – einmal, um Plünderern zuvorzukommen, aber ebenso, um sich mit dem Verkauf begehrter Sekundärrohstoffe später etwas Taschengeld zu sichern. Besonders Herzlose lassen als Souvenir sogar ihre Haustiere im Garten zurück. Die Banken müssen zusehen, wie sie – mit oder ohne Tierchen – das Problem lösen, und das heißt: Real Estate Owned (REO). [REO] | Haus im Bankbesitz, das
Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass die in den REOs zurückgelassenen Hunde feindselig auf die Banker losgehen, um ihr Revier gegen die Eindringlinge zu verteidigen. Jetzt haben die Institute das gepfändete Eigentum auch noch am Hals. Was trotz curb appeal und staging zur Folge hat: Sie sitzen auf Tausenden geräumter Häuser (siehe auch: Immobilienkrise, die) und können oder wollen sich nicht mehr um deren Sicherung oder Verwertung kümmern. In etlichen Städten sind bereits ganze Straßenzüge verwaist und verwüstet, weil den Bewohnern wie den Banken nur eines einfiel: die Biege zu machen. [beating it] | Biege machen, die
Sind alle verschwunden, die sich auf den amerikanischen Traum vom Eigenheim für jedermann einließen, und gedeiht nur noch das Unkraut um die REOs, muss sich der Staat um den Restmüll des Booms kümmern. Das Wort für „Verstaatlichung“ ist an dieser Stelle unbedingt zu vermeiden. Für amerikanische Ohren klingt es wie „Genosse“ oder „gesetzliche Krankenversicherung“. Politiker führen gern semantische Eiertänze auf und wollen lieber „die Hand zu neuem Aufschwung reichen“. [lending a hand to rise again] | Hand zu neuem Aufschwung reichen, die (meint: Verstaatlichung, die – aber bitte unter keinen Umständen so formulieren!)
Mit Mut machender Rhetorik beginnt im Idealfall eine neue Runde in der Inszenierung von Attraktionen am Bürgersteig. Vor allem hilft sie, dass nicht auch noch die letzten Wähler die Biege machen. ---