2060 – Rückblick eines Hundertjährigen

So oder ganz anders werden wir in Zukunft leben. Eine Anleitung zum Träumen.




- Mein Name ist Peter Felixberger. Ich gehöre zur Mumiengeneration, wie es heutzutage heißt. Gerade habe ich meinen 100. Geburtstag gefeiert. Ich wurde am 26. August 1960 in Landshut geboren. In Niederbayern, abseits der Weltpolitikpfade. In der Provinz. Früher hießen wir Babyboomer, unsere Eltern waren die letzten demografischen Wunderkinder. Dreikinderfamilien waren damals durchaus üblich. In den Reihenhäusern der Vorstädte wuchsen wir heran und wurden im Bildungsfahrstuhl in die Gymnasien gehievt. Egal, ob unsere Eltern arm oder reich waren. Wir konnten frei studieren, ohne Studiengebühren und reglementierte Studiendauer.

Was macht eigentlich ein Life-Career-Consultant?

Heute lebe ich mit meiner Frau in Hamburg. Wovon? Nun, wir sind das, was man Life-Career-Consultants nennt. Angelika, meine Frau, ist 98 Jahre alt, dank eines grandiosen medizinischen Fortschritts, der uns vor allem ab 2040 das Leben erheblich zu verlängern wusste. Ich komme noch darauf zurück.

Meine Frau und ich beraten junge Menschen. In unserem kleinen Büro an der Elbchaussee. Wir sagen ihnen, worauf es im Job ankommt. Darüber hinaus beraten wir auch ältere Menschen, wie sie ab 60 weiter einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen können. Bezahlt werden wir direkt vom Bundesarbeitsministerium, Abteilung Life Career. Früher hieß das alles Rente. Den Begriff kennen nur noch die wenigsten. Im Geschichtsunterricht in der Schule wird er manchmal noch erwähnt. Rente war früher eine Art Versprechen zwischen den Generationen. Nach dem Motto: Arbeite fleißig ein Leben lang, dann kannst du dich ab 65 in den Ruhestand begeben, mit monatlicher finanzieller Unterstützung der nächsten Generationen. Vorher hat man ein Arbeitsleben lang auf das große Rentenkonto einbezahlt, mit dem die jeweiligen Alten alimentiert wurden.

Das Rentensystem ist in Deutschland im Jahr 2030 zusammengebrochen. Und hier beginnt unsere Geschichte, die ich Ihnen erzählen will. Es war ein schwüler Augustabend, als die damalige Bundeskanzlerin Marie Meyerling eine Erklärung an die Nation abgab. Sie begann mit einem historischen Zahlenvergleich. "Ein 1935 Geborener, der in seinem Leben rund 90 000 Euro in die gesetzliche Rentenversicherung einbezahlt hatte, erhielt ab dem Jahr 2000 knapp 170 000 Euro an Rentenleistungen. Eine Rendite von mehr als drei Prozent. Wer dagegen 2015 in Rente ging, musste sich mit nur noch einem Prozent zufriedengeben. Wer heute die Rente antritt, hat eine Minusrente." Außerdem habe die Inflation dafür gesorgt, dass die einbezahlten Rentenbeiträge der heutigen Rentner nur noch halb so viel wert seien. Und dann kam dieser Satz, mit dem Meyerling in die Geschichte einging: "Daher sehen wir uns gezwungen, das zu tun, was vorhergehende Politikergenerationen sich nie getraut haben. Wir schaffen die Rente ab! "

Ich kann mich noch genau erinnern: In den folgenden Tagen und Wochen lastete eine bleierne Schwere auf dem Land. Auch meine Frau und ich, damals gerade 68 und 70 Jahre alt geworden, mussten von einem Tag auf den anderen umplanen. Inflationsbereinigt hatten wir sowieso nur noch ein Rentenniveau von 800 Euro. Welch ein Glück, dass wir ab 2025 das Angebot eines Jobcenters in Altona wahrgenommen hatten, freiberuflich Karriereberatung für Menschen im Arbeitsleben anzubieten. Der Einschnitt war für uns deshalb nicht so hart wie für Millionen unserer Babyboomer-Kollegen, die von einem auf den anderen Tag von Altersarmut bedroht waren.

Kleinunternehmer und Regionalwirtschaft

Immer wieder habe ich mich in meinem Leben gefragt, wieso Menschen so schnell und flexibel, ich will fast sagen unerschütterlich, auf Lebenskrisen reagieren. Natürlich war der Rentenkollaps ein einschneidendes gesellschaftliches Ereignis, und ich erinnere mich noch an die Massendemonstrationen in den Großstädten gegen Sozialabbau. Ebenso an die Hysterie in den elektronischen Zeitungen, Internetblogs und sozialen Netzen. Dennoch ging gleichzeitig auch ein Ruck durch das Land. Die Alten mussten sich wieder stärker selbst organisieren, ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Und sich gegenseitig unterstützen. Da half es natürlich, dass Beratungsberufe schon in den Jahren zuvor zur wichtigsten Stütze in der Arbeitswelt geworden waren. Dort konnten die Alten ihr Erfahrungswissen einbringen.

In den drei Jahrzehnten bis 2060 hat sich die Arbeitswelt stark gewandelt. Zwei große Themen haben sich in diesem Zeitraum herausgeschält. Einmal das sogenannte Small Business und zum anderen die längst etablierte Economics of Regions. Man muss sich die Vergleichszahlen vor Augen führen, um die gesellschaftliche Bedeutung dieses Wandels zu begreifen. 2010 hatten sich hierzulande 900 000 Personen selbstständig gemacht. Dies entsprach einer Gründerquote von 1,7 Prozent (Anteil der Gründer an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter). 2030 waren es bereits vier Millionen Menschen. Und heute? Bei einer erwerbsfähigen Bevölkerung von 26 Millionen Menschen sind mehr als zehn Millionen selbstständig.

Warum sie das sind, hängt mit unserem zweiten Eckpfeiler zusammen: der Regionalisierung von Wirtschaft. Gemeint ist damit die zunehmende Lokalisierung von Wirtschaft jenseits der Globalwirtschaft. Und andererseits die zunehmende Bedeutung der Dienstleistungswirtschaft. Ich erinnere mich noch an 2010. Ein starker industrieller Kern nährte damals den Dienstleistungssektor. Mit dem Ergebnis: Die eingekauften Dienstleistungen ergaben fast ein Drittel der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung in Deutschland. Hier liegt des Pudels Kern, wenn wir auf das Wirtschaftsleben in Deutschland blicken. Knapp drei Viertel aller Dienstleistungen sind im Jahr 2060 produktionsnah. Die Dienstleistungswirtschaft ist Wirklichkeit geworden.

Innovationsland Deutschland

Ist Deutschland ein Innovationsland? Das war im 21. Jahrhundert nicht immer so. Heute hat jedes Land in Europa einen sogenannten Innovationskern. Er ist, wenn man alte Begriffe heranziehen will, zuständig für mehrere Schlüsselindustrien. Deutschland beispielsweise hat die Schwerpunkte Klima- und Umwelttechnik sowie Gesundheitswirtschaft. Hintergrund: 2042 beschloss die europäische Regierung in London, dass eine gemeinsame visionäre Ausrichtung des gesamten Wirtschaftsgeschehens vorgenommen werden sollte. Europa nahm sich damals vor, die drängenden Probleme der Menschheit wie Umweltzerstörung, Energieversorgung, Armut und Klimawandel zu lösen. Jedes Land bekam bestimmte Branchen zugeordnet. Ganze Wirtschaftszweige sollten sich dem Motto unterordnen: Gutes tun und davon ökonomisch profitieren.

Beispiel Klimapolis, ein riesiges Forschungszentrum im Süden Münchens: Dort trifft seit einigen Jahren eine Universität von Weltrang auf risikobereite Anleger, eine offene und lebenslustige Kultur und eine erstklassige Infrastruktur. Auf der einen Seite werden weltbekannte Wissenschaftler angeworben und mit allen Mitteln ausgestattet, die sie brauchen, um die besten Lösungen zu finden. Auf der anderen Seite soll vor Ort eine Generation einheimischer und eingewanderter Deutscher ausgebildet werden, die die hoch spezialisierte Arbeit erledigt und weiterentwickelt. Klimapolis führt Talente aus der ganzen Welt zusammen - und damit unterschiedliche Sichtweisen - und achtet darauf, dass die Toleranz gegenüber fremden Kulturen großgeschrieben wird: Jede der Spitzenkräfte soll sich wohlfühlen.

Aber nicht nur Zentren wie Klimapolis definieren unsere Wirtschaft und Gesellschaft, auch die vielen lokalen Kleinunternehmer sind zu einem wichtigen Eckpfeiler geworden. Unser Bürohaus an der Elbchaussee in Hamburg ist der beste Beleg dafür: Im ersten Stock links hat die kleine Organisation "Hier sitzt Altona" Quartier genommen. Wir mögen diese jungen Leute, die eine Art moderne Nachbarschaftshilfeagentur betreiben. Das Prinzip ist einfach: Wer im Viertel wohnt, ist über ein Mobile Device rund um die Uhr mit dem Büro verbunden. Jeder kann sich in Sachen lokaler Alltag und Lebensführung an die Organisation wenden und Informationen einholen. Gerade vergangene Woche hatten wir in unserer Wohnung einen Wasserschaden. "Hier sitzt Altona" holte Angebote ein, bewertete sie, und am Abend konnten wir den kleinen Solution-Film anschauen. Der erklärte uns das Problem, schlug unterschiedliche Lösungen vor. Wir mussten nur noch ankreuzen, wer den Reparaturauftrag bekommen sollte. Der Service ist übrigens kostenlos, dafür aber gnadenlos kritisch. Finanziert wird er durch eine Lokalsteuer.

Rechts im ersten Stock lebt und arbeitet Peter Fox, ein Nigerianer, der nach dem Studium in Hamburg kleben blieb. "Deutschland und seine Unternehmen müssen sich systematisch mit dem Wissenskapital in den Köpfen der Menschen beschäftigen. Sonst wird das nichts mit der Wissensgesellschaft", gab er schon 2040 als Dozent seinen Studenten mit auf den Weg. Heute erstellt Fox Wissensbilanzen für Unternehmen. Diese sind laut Bilanzierungsgesetz aus dem Jahr 2045 für alle Selbstständigen im Land vorgeschrieben. Seitdem müssen Firmen in Europa nicht nur die materiellen Aktiva, sondern auch ihr immaterielles Kapital systematisch bilanzieren. Wissenskapital wurde mit dem Finanzkapital gleichgestellt. Mittlerweile erstellen alle Länder in Europa nationale Wissensbilanzen.

Internationaler, offener, erfolgreicher

Peter Fox ist ein wunderbares Beispiel für eine Diversity-Gesellschaft, wie sie mittlerweile in Deutschland anzutreffen ist. Es ist von seiner Bevölkerungsstruktur her längst ein internationales Land. Wenn ich mich richtig erinnere, war es 2051, als zum ersten Mal mehr Nichtdeutsche als Deutsche hier lebten. Gemeint sind damit Ausländer ohne deutsche Staatsangehörigkeit sowie eingebürgerte Ausländer. Diese Vielfalt hat die Lebensqualität in diesem Land sehr bereichert.

Die Deutschen haben in den vergangenen Jahrzehnten von nichts mehr profitiert als von der Internationalisierung ihrer Bevölkerung. Wenn ich in Altona spazieren gehe, kann ich afghanisch essen, chinesische Ärzte aufsuchen oder das neue Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst besuchen. Auch die Unternehmen profitieren, seit sie Mitarbeiter aus jenen Ländern beschäftigen, mit denen sie Geschäfte machen und die die Kultur dahinter wirklich kennen. Vorbei die Zeiten also, als Ausländer und Migranten in prekäre Arbeitsplätze und Arbeitslosigkeit abdrifteten.

Neue Schulen hat das Land

An dieser Stelle fallen mir unsere beiden Töchter Lena und Lily ein. Lena ist jetzt 75 Jahre, Lily 68 Jahre alt. Als die beiden zur Schule gingen, war das Thema noch sehr stark ideologiebefrachtet. Schule galt in kritischen Kreisen damals als Disziplinierungsanstalt, als ein in sich geschlossenes System der Kontrolle, Zurichtung und Normierung. Schule galt als verlässlicher Partner für die Anpassung an die Erfordernisse gesellschaftlicher Entwicklung, jedoch keineswegs für die persönliche Entfaltung. Schule war eine Buch-, Tafel- und Belehrungsschule, in der Fächer in Stundentakten unterrichtet wurden und in denen Schüler sich vielfach langweilten. Wo Wissen überwiegend verbal vermittelt, später wieder abgefragt und per Noten bewertet wurde.

Schule hat sich allerdings erst ab 2030 so richtig verändert. Bis dahin war es schon eine Großtat, wenn bundesweit der Ganztagsunterricht eingeführt und der Übergang auf eine weiterführende Schule von der vierten auf die sechste Klasse heraufgestuft wurde. Aber wir mussten noch bis 2045 warten, bis es zu einer wirkliche radikalen Bildungsreform kam: die temporäre Anpassung des Fächerkanons an die gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirklichkeit. Das Ziel: Alle fünf Jahre werden die Fächer je nach Aktualität neu zusammengestellt. Was war das für ein Aufschrei koservativer Bildungspolitiker, als 2045 die Fächer Ästhetik, Design, Mode, Medien, Ernährung und Architektur aufgenommen und Marthematik sowie Latein abgeschafft wurden.

Allein die Begründung hob damals alles aus den Angeln: Das bisherige Schulwissen, so die Kulturverantwortlichen, ist für ein Mathematikstudium nicht mehr geeignet. Deswegen wird ein Großteil des Mathematikunterrichts (bis auf die Grundrechenarten) abgeschafft, jedoch weiterhin allen Begabten und Interessierten in Kursen angeboten, die zielgerichtet an mathematisch orientierte Studiengänge heranführten. Ich war damals 85 Jahre alt und kannte kaum eine andere Schulwelt als die aus meiner eigenen Jugend. Plötzlich gab es die zu meiner Zeit wichtigen Kernfächer nicht mehr. In ein paar Jahren wird man sicher den Kopf über mich schütteln.

Ein Land voller Wohlstand und Lebenskunst

Wenn meine Frau und ich auf unser Leben zurückblicken, fällt uns auf, wie unterschiedlich unsere Einstellung zum Wohlstand früher war. Aufgewachsen sind wir in einer Zeit, in der die Renten an die Lohnentwicklung gekoppelt waren. Das Motto war nahezu unverrückbar: Wohlstand heute - Wohlstand morgen.

Der Anreiz, mit Leistung und Fleiß ein Vermögen im Hier und Jetzt zu schaffen, wurde mit sozialer Absicherung im Alter belohnt. Eine ganze Nation war davon bis 2030 überzeugt. Das Versprechen dahinter: Nie mehr würde die Sonne des Wohlstands in der neuen Republik untergehen. Vom ersten Job bis zur Rente. Dieser Pfad des Wohlstands überdauerte Jahrzehnte. Bis Mitte 50, also 2015, war dieser Wohlstandsbegriff auch für mich gesetzt. Geld und Vermögen waren jedoch nur die eine Seite. Denn zu dieser Zeit kamen die ersten Debatten um die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs "Wohlstand" auf. Plötzlich hörte man Slogans wie: wohl leben und glücklich sein. Und das bedeutete natürlich: nicht nur auf der materiellen Seite.

Zwischen meinem 60. und 80. Lebensjahr habe ich Wohlstand vollständig in persönliches Wohlergehen umgedeutet. Meine Frau und ich unternahmen zahlreiche Reisen und zogen durch die Welt. Eine Erfahrungssehnsucht hatte uns gepackt. Doch wo wir auch hinkamen, ein Babyboomer aus Deutschland war immer schon da. Ich erinnere mich an einen Abend am Lake Quinault in Westkanada. Wir saßen in einer Grillrunde am See, und ein gewisser Horst Höfer aus Bochum, ein Soziologiedozent, erlaubte sich, uns seine Weltsicht näherzubringen. Die in der Erkenntnis gipfelte: "Wohlstand ist die selbstbestimmte Idee, Konzeption und selbst organisierte Realisierung eines gelingenden Lebens. Die Vielfalt, die man dabei entdeckt, geht weit übermateriellen Reichtum hinaus. Darauf habe ich ein Leben lang hingearbeitet, und jetzt genieße ich die Früchte." Romantische Spießermentalität, habe ich mir damals gedacht.

Mittlerweile sehe ich das anders. Das Geldverdienen ist nicht länger der einzige Maßstab für den Wert eines Menschen. Ein Bekannter von mir hat das wie folgt beschrieben: "Zum Lebenserfolg gehört, aus seinen Anlagen, so gut es geht, etwas zu machen, nicht unter seinen Möglichkeiten zu bleiben. Zum Lebenserfolg gehört auch, seinen Verantwortungen gerecht zu werden. Die Menschen möchten glücklich sein, ihr Leben genießen, Freude daran haben, aber all das geht nicht, wenn ich im beruflichen wie im Privatleben meinen Verantwortungen aus dem Weg gehe. Der Verantwortung für den Partner, die Kinder beispielsweise. Zum Lebenserfolg gehört schließlich, sich zu fragen: Wie erhalte ich mir meine Lebensfreude? Was nützt es, wenn ich Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens bin, aber mein Lebensglück und meine Gesundheit unter den vielen Terminen, den Machtkämpfen, der Verantwortung leiden? Es ist wenig hilfreich, nur in einer Hinsicht erfolgreich zu sein. Die Summe zählt."

Irgendwie sind heute viele Menschen zu Lebenskünstlern geworden. Sie haben ein kultiviertes Selbstverhältnis, sie kommen mit sich selbst ganz gut klar. Die Gesellschaft verändert sich in dem Maße, in dem jeder Einzelne an sich arbeitet. Das scheint der springende Punkt zu sein. Gutes Leben bedeutet, an sich selbst zu arbeiten. Diese Einstellung hat sich im Laufe meines Lebens immer stärker herauskristallisiert. Beflügelt natürlich durch die Entscheidung der Bundesregierung unter Kanzler Timo Hacker im Jahr 2041, ein Grundeinkommen für alle einzuführen. Bezahlt übrigens von den Unternehmensgewinnen der staatlich geförderten Hochtechnologiebranchen. Seitdem hat sich in den Lebensprioritäten der Menschen einiges geändert.

Gesundheitsland Nummer eins

Womit wir auch schon bei der Medizintechnik sind. Und den bahnbrechenden Errungenschaften in den vergangenen 30 Jahren, die unser aller Leben so willkommen zu verlängern wussten. Mit dem Durchbruch 2036 eines Krebsmedikamentes, das der indische Wissenschaftler Vijad Nadihprai entwickelte. Sein Mittel VDC-1 wirkt wie ein Virostatikum. Es verhindert das Wachstum der befallenen Zellen, und der Tumor bildet sich beschwerdefrei zurück. Allein die vergangenen 20 Jahre waren, was den Medizin fortschritt betrifft, ein außergewöhnliches Zeitalter. Sogar der einfache Schnupfen, gegen den Jahrhunderte kein Kraut gewachsen war, ist keine Last mehr. Der brasilianische Pharmazeut Gomes da Costa hatte 2055 aus einer Regenwaldpflanze einen chemischen Stoff synthetisiert, den man heute bequem als Spray bei den ersten Anzeichen anwenden kann.

Ein Hundertjähriger wie ich muss nicht mehr als gebrechlicher Greis herumlaufen. Meine Lebenserwartung, das ergab mein jüngster jährlicher Check-up, beträgt 117 Jahre. Bei meiner Frau sind es 123 Jahre. In unserer Jugend waren das gerade einmal 74 Jahre bei Männern und 80 Jahre bei Frauen. Ein Neugeborenes hat heute eine Lebenserwartung von 140 Jahren.

Deutschland ist in Europa das Gesundheitsland Nummer eins. Unsere frühere Industrie- und Informationsgesellschaft wurde zwischen 2020 und 2050 systematisch in eine Gesundheitswirtschaft umgewandelt (neben den Schwerpunkten Klima- und Umwelttechnik). Ein Drittel aller Erwerbstätigen hat in diesem Segment einen Job gefunden. Hinzu kam, dass auch die Zahl der Pflegefälle erheblich angestiegen ist, von drei Millionen im Jahr 2030 auf etwa fünf Millionen heute. Das erfordert von vielen Angehörigen mehr Flexibilität in der Pflege und Versorgung.

Weniger Deutsche, mehr Zuwanderung

Auch deshalb ist die Zuwanderung von ausländischen Bürgern für den deutschen Arbeitsmarkt ein Glücksfall. Nicht wenige der Pflegekräfte stammen aus Osteuropa und Nordafrika. Aber auch sonst sind uns die Einwanderer herzlich willkommen. Denn ohne sie könnten wir den Arbeitskräftemangel nie bewältigen. Ich erinnere mich noch genau: 2030 lebte ich mit meiner Frau in Bayern. Schon damals wurden dort mehr als 1,5 Millionen Arbeitskräfte gesucht. Das waren bereits 17 Prozent der benötigten Erwerbstätigen aller Qualifikationsstufen. Besonders dramatisch war dabei der Akademikermangel. 2030 fehlten in Bayern 350 000 Hochschulabsolventen. 2032 wurde mit einem neuen Einwanderungsgesetz, das übrigens bis heute gilt, der Grundstein für größere Zuwanderungswellen gelegt. Erst dadurch wurden wir nach diversen großen Wirtschaftskrisen bis 2030 als Volkswirtschaft wieder wettbewerbsfähiger und erfolgreicher.

Da war es auch nicht weiter tragisch, dass die Zahl der Deutschen bis heute rückläufig ist. Der Grund liegt auch hier in einem grundlegenden Mentalitätswandel. Partner- und Kinderlosigkeit sind eine ganz normale Lebensform. Als ich 50 war, also 2010, begann dieser Trend. Wenn damals jemand Mitte bis Ende 20 war, begann für ihn erst einmal die berufliche Etablierung. Kinderwunsch und Familie wurden zurückgestellt. Die Folge waren sinkende Geburtenraten bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung. Diese Entwicklung dauert jetzt bereits 50 Jahre, und ein Ende ist bei Weitem noch nicht abzusehen. Trotz Zuwanderung ist die Bevölkerungszahl geschrumpft. In der Folge sind auch viele Städte kleiner geworden. Gelsenkirchen beispielsweise ist von 270 000 Menschen im Jahr 2010 auf heute 180 000 Menschen geschrumpft.

Ein Land sozialer Ungleichheit

Einerseits sind wir weniger geworden, andererseits aber auch ungleicher. Auch hier zeichnet sich eine Langzeitentwicklung ab. Das ist die Schattenseite in unserer Gesellschaft. Es sind die Ausgeschlossenen, die wir bis heute kaum oder gar nicht zu integrieren wissen. Jugendliche, die sich der Leistungsgesellschaft verweigern. Ältere Dauerarbeitslose, die noch nicht einmal in der Schattenwirtschaft Fuß fassen können. Individualisten, die sich mit ihrem Grundeinkommen jenseits der Mitte in einer Art Prekariatsbourgeoisie eingerichtet und den Anschluss verpasst haben. Die Unterschicht lebt mehr denn je im Abseits der Gesellschaft. In den Ghettos der Großstädte ebenso wie in den entvölkerten Gebieten Ostdeutschlands.

Was bleibt übrig?

Mein Name ist Peter Felixberger. Ich bin jetzt hundert Jahre alt. Ich blicke auf hundert Jahre Zukunft zurück. Als ich geboren wurde, wollten die Menschen auf den Mond fliegen. Als ich Abitur machte, stritten sie um Atomenergie, Volkszählung und Umweltzerstörung. Als unser erstes Kind geboren wurde, konnte ich nach Herzenslust sowie ohne Studiengebühren studieren und wollte dem wirklichen Leben so schnell nicht auf den Leim gehen. Als ich berufstätig wurde, fand die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten statt, und die große Sonderkonjunkturphase endete etwas später im Jahr 2000. Bis 50 erlebte ich dramatische Wirtschaftskrisen, neue Techniken von Handy (putzigerweise hieß das damals so) bis Internet und einen hohen materiellen Wohlstand der Bevölkerung.

Ab 50 verabschiedete ich mich von Rente und Lebensversicherung, vom Sozial- und Wohlfahrtsstaat sowie der Erwartung eines sorgen- und arbeitsfreien Alters. Es begann die Ära der Selbstorganisation. Bis heute blieb ich Freiberufler und richtete mich mit meiner Frau in einer kleinen Agentur ein.

Gesundheitlich sind wir auf dem Damm, der Krebs kann uns nicht mehr dahinraffen. Unsere Kinder, Enkel und Urenkel schauen uns manchmal etwas verwundert an, wenn wir über Hippies, 68er, PC, Kassettenrekorder oder Neue Deutsche Welle reden. Die Pole sind nach wie vor nicht geschmolzen, die Jahreszeiten sind geblieben, der Wetterbericht ist immer noch Glückssache. Einzig mit holografischen Musikkonzerten können wir uns bis heute nicht anfreunden. Das ist in Hamburg in diesem Sommer der große Hit. Popkonzerte aus New York werden live auf dem Heiliggeistfeld auf Holografie-Megamonitore übertragen. Sound und Technik sind derart ausgefeilt, dass man sich wie am Originalschauplatz vorkommt. Verblüffend echt!

Gewöhnt habe ich mich an die kleinen Selbstdiagnosegeräte, mit denen man selbst schnell kleinere Krankheiten feststellen kann. Gewöhnt habe ich mich auch an die Weine aus Schleswig-Holstein, die jetzt aufgrund des Klimawandels dort angebaut werden. Und weil es sein musste, auch an das Verbot benzinbetriebener Autos oder Flugzeuge. Gewöhnt habe ich mich überdies an Lebensmittelersatzprodukte, die Fisch und Fleisch aroma- und konsistentgerecht nachempfunden sind.

Kürzlich habe ich von meinem orangefarbenen Bonanza-Fahrrad geträumt, das ich als Kind aus der Vorstadt stolz durch die Straßen lenkte. Das war Mitte der 1960er Jahre. Am Tag vor diesem Traum war mir eine Werbeanzeige auf meiner neuen Mul-timedia-Brille aufgefallen (Werbeblätter aus Papier gibt es schon lange nicht mehr), die mir eine voll einklappbare, hypermoderne Version aus einem Material anbot, das auf Knopfdruck reagieren soll. Trotz Hightech musste ich schmunzeln; die Bedürfnisse sind über die Zeiten hinweg offenbar gleich geblieben. Nach wie vor wollen Kinder ihre nächste Umwelt erobern - am Beginn einer langen, hoffentlich erfüllten Lebensreise zu sich selbst. -

Gekürzte Fassung eines Beitrags aus dem Buch:
Christian Böllhoff / Hans J. Barth (Hrsg.): "Der Zukunft auf der Spur - Analysen und Prognosen für Wirtschaft und Gesellschaft. Schäffer-Poeschel; 270 Seiten; 49,95 Euro. Erscheint voraussichtlich am 5. Oktober 2009.