"Wir denken, um die Wahrheit zu beweisen"

Besser wäre es, so der Mediziner und Denktrainer Edward de Bono, wenn wir unseren Kopf dazu nutzten, neue Lösungen zu finden.




Herr de Bono, seit mehr als 40 Jahren kritisieren Sie die Art, wie die meisten Menschen denken. Warum?

de Bono: Weil die Weise, wie wir denken, das größte Problem der Menschheit ist, nicht etwa der Klimawandel. Und wir merken es nicht mal. Wir sind dermaßen selbstzufrieden, dass wir nicht auf die Idee kommen, uns zu hinterfragen. Was nicht erstaunlich ist, weil wir unsere Art zu denken dazu benutzen, unser Denken zu beurteilen.

Immerhin sind die Menschen auf diese Weise doch ganz schön weit gekommen.

Sicher, wir waren auf dem Mond und haben das Telefon erfunden und noch ein paar Dinge mehr. Aber ich bleibe dabei: Unser Denken ist stark eingeschränkt und hat sich im Grunde seit mehr als 2000 Jahren kaum weiterentwickelt. Bis heute ist unser Denken ganz wesentlich von Sophokles, Platon und Aristoteles geprägt. Alle drei stehen für ein Denken, das sich vor allem auf Urteile stützt. Auch der Einfluss der Kirche ist bis heute spürbar. Sie besaß ja lange Zeit ein Monopol auf Bildung. An den Schulen und auch an Universitäten wurde vor allem das gelehrt, was die Kirchenoberen für gut und richtig hielten. Und die Kirche brauchte kein für Veränderungen offenes oder kreatives Denken. Ihr ging es um ihre Wahrheit, um Logik und Argumentationsketten, die die Häretiker widerlegen sollten. Und das ist bis heute der Kern unseres Denkens geblieben. Wir denken, um die Wahrheit zu finden und zu beweisen.

In vielen Wissenschaften - wie etwa der Physik - hat uns die Logik vorangebracht.

Diese Art des logischen Denkens funktioniert in den Wissenschaften tatsächlich ganz gut. Dennoch haben wir es nie geschafft, im großen Maßstab ein Denken zu entwickeln, das wirklich zu neuen Lösungen und Ansätzen führt. Selbstverständlich sind einzelne Perso nen immer wieder sehr kreativ: Erfinder, Unternehmer. Aber im Wesentlichen sind die großen Leistungen Einzelleistungen geblieben. Kulturell beherrschen wir in der Masse diese Art zu denken nicht. Und wir lernen sie auch nicht. In der Schule geht es von Anfang an darum, zu analysieren und Informationen und Wissen anzuhäufen, Logik anzuwenden und eben zu urteilen. Um neue Denkansätze oder Denkwerkzeuge geht es nie. Und das bleibt bei den meisten Menschen ihr Leben lang so. Deshalb sind wir nur sehr, sehr selten wirklich erfolgreich, wenn es um die größeren Heraus forderungen geht.

Vor etlichen Jahren habe ich einmal versucht, in der U NO Mitstreiter für neue Lösungsansätze bei Konflikten zu finden - unmöglich. Die haben mir gesagt: Wir sind nicht hier, um tolle neue Ideen zu entwickeln, wir sind hier, um unsere Länder zu repräsentieren.

Möglicherweise fällt es den Menschen schwer, sich auf Ihre Ideen einzulassen, weil sie so wenig konkret und schwer zu fassen sind?

Deshalb ist eines meiner aktuellen Projekte, einen besonderen Ort des Denkens zu etablieren. Was ich mir vorstelle, ist ein bahnbrechendes Gebäude, das Ort sein soll für neue Gedanken. Ein Treffpunkt und eine Basis für Menschen, die den Mut haben, anders zu denken. Von dort sollen neue Ideen und Lösungsansätze in die Welt kommen und diskutiert werden. Ideen wie diese: Als ich neulich in Indien war, kam ein junger Mann zu mir und sagte: "Ich habe eine neue Idee, wie man die Demokratie voranbringen könnte - wer Kinder hat, sollte eine Stimme mehr bei Wahlen bekommen. Denn wer keine Kinder hat, der blickt ganz anders in die Zukunft als ein Mensch, der Kinder hat. Wer 50 ist und kinderlos, dem kann der Klimawandel eigentlich egal sein." Oder nehmen wir diese Idee: Es ist eine Lösungsmöglichkeit für den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Die könnte so aussehen, dass die Länder, die Israel damals mit zu gründen halfen, jedes Jahr insgesamt drei Milliarden Dollar an Palästina überweisen. Doch für jede Rakete, die auf Israel abgeschossen wird, werden 50 Millionen Dollar von diesem Betrag abgezogen.

Solche Ideen finde ich zumindest diskussionswürdig. Bislang aber finden sie kein Forum. Ein solches Forum könnte uns helfen, Wege zu Lösungen zu finden, die den Zustand, den wir für erstrebenswert halten, befördern. Dabei dürfen wir uns nicht mit Be- und Verurteilungen aufhalten. Wir müssen damit aufhören, uns damit zufriedenzugeben zu beweisen, dass wir recht haben und die anderen unrecht.

Das wäre ein Kulturbruch. Wie sollen wir den schaffen?

Die Werkzeuge haben wir schon. Wie Sie wissen, habe ich das Denken mit den sechs Hüten vorgestellt*. Laterales Denken hilft*, Wahrnehmungstrainings helfen, das beweisen auch Studien in Harvard. Die Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass 90 Prozent unseres Denkens am Ende von Wahrnehmungen abhängen und nicht, wie wir glauben, von Logik. Das bedeutet auch, dass uns Logik nicht weiterbringt. Denn die Crux mit der Logik ist, dass sie an Grundannahmen hängt. Und die sind wegen unseres eingeschränkten Denkens, das durch unsere untrainierte Wahrnehmung nicht korrigiert wird, eben oft falsch.

Könnte das Internet helfen, aus den alten Mustern herauszukommen? Immerhin ermöglicht es die Kommunikation zwischen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen - da könnten es neue Denkweisen doch leichter haben.

Theoretisch ja. Praktisch offenbar nein. Ich beobachte viel Konformität im Netz. Es scheint eher so zu sein, dass das Web zu noch mehr allgemeiner Verdummung führt. Eigentlich ist das auch klar: Nur weil sich jemand einer Community anschließt, heißt das eben nicht, dass sein Denken dadurch verbessert wird. Gerade für Kinder sehe ich da noch eine weitere Gefahr: Sobald sie vor dem Computer sitzen, glauben viele, sie könnten aufhören zu denken. Anstatt über eigene Lösungen nachzudenken, verlegen sie sich auf die Suche nach der vermeintlich richtigen Lösung. Dabei verkümmert das Denken vollends.

Immerhin macht das Internet Wissen allgemein zugänglich.

Sicher, das Web ist voll mit Daten und aller Art Informationen, die jeder jederzeit abrufen kann. Aber was wir brauchen, sind Fähigkeiten, damit etwas anzufangen. Und die sollten in den Schulen und allerspätestens an den Universitäten vermittelt werden: Führungsfähigkeiten, kreative Fähigkeiten, Managementfähigkeiten, Denkfähigkeiten. Bloß Wissen zu vermitteln ist lächerlich.

Das ist allgemein bekannt - aber die Konsequenz wird in Schulen dennoch selten gezogen.

Na, so ist es auch wieder nicht. In China werden in einem Pilotprojekt Schüler in fünf verschiedenen Provinzen nach meinen Methoden unterrichtet. Wenn sie sich dort bewähren, wird laterales Denken in die Lehrpläne landesweit integriert.

Aber generell ist meine Erfahrung, dass diejenigen Menschen, die für Bildung zuständig sind, sehr, sehr konservativ sind. Sie trauen sich nicht, neue Wege zu gehen. Das sieht in Ländern wie China anders aus. Allerdings ist es dort natürlich auch leichter, solche Dinge politisch durchzusetzen. Aber auch in Venezuela wird laterales Denken nun an allen Schulen unterrichtet. In Malaysia, Singapur, Australien und Kanada schwenken die Verantwortlichen langsam um. Dabei beweisen Studien in Großbritannien, dass laterales Denken als Unterrichtsfach an Schulen die Leistungen in allen anderen Bereichen um mindestens 30 Prozent verbessert.

In den Unternehmen glaubt man, dass Teamarbeit zu besseren Ergebnissen führt. Zu Recht?

Teamarbeit hat durchaus ihre Berechtigung. Aber sie ist nicht unbedingt der Schlüssel zu mehr Kreativität, zu mehr guten Ideen.

In Italien werde ich oft gefragt: Sind wir Italiener nicht besonders kreativ? Nein, sage ich dann. Die Überzeugung, kreativ zu sein, macht noch niemanden kreativ, außerdem verwechseln viele Menschen Stil und Design mit Kreativität. Ein schönes Autodesign, ein atemberaubendes Kleid - das ist Stil, aber der betrifft nur die Ästhetik. Kreativität und echtes Design dagegen haben die Kraft, die Dinge grundlegend zu verändern. Es ist fundamental und bedeutet, dass man die Dinge, die man hat, so kombiniert, dass man die Dinge und Werte erreicht, die man will.

Und um auf Ihre Frage zu kommen: Die Italiener sind zu gesellig. Sie diskutieren alles mit ihren Freunden, natürlich auch ihre neuen Ideen. Und wenn die Freunde nicht begeistert sind, dann nehmen sie von ihrer Idee Abstand. Das bedeutet, dass wirklich gute Ideen dem Konsensstreben geopfert werden. Manchmal ist es besser, sein Ding allein zu machen. Übrigens wundert es mich deshalb auch nicht, wenn mir Leute erzählen, sie hätten ihre bes ten Ideen auf dem Klo oder unter der Dusche. Da sind sie allein und müssen nicht dauernd reden. Um kreativ zu sein, braucht man Zeit, um zu denken. Und zwar ganz für sich.

Deshalb sage ich Führungskräften auch: Mindestens einmal in der Woche solltet ihr allein zum Mittagessen gehen.

Viele nehmen durchaus wahr, dass ihre Unternehmen ein Innovationsproblem haben. Sie restrukturieren, starten Change-Prozesse, ermutigen Mitarbeiter, Vorschläge zu machen. Warum hilft das so wenig?

Weil sie es im Großen und Ganzen machen wie der Koch, der zwar andere Zutaten nimmt, aber die Rezepte nicht ändert.

Außerdem fehlt vielen Unternehmen die Disziplin, sich wirklich zu verändern. Und die müssten sie auch aufbringen, um ihr Denken zu verändern. Ich arbeite viel mit DuPont. Die haben einen Chief-Idea-Officer und ein Zentrum für Kreativität gegrün det. Man muss das Denken schon ernst nehmen. Es reicht nicht, einmal eine neue Methodik wie meine vorzustellen und zu sagen: Hier, das ist toll, wir möchten euch ermutigen, neue Ideen zu haben. Nein, es muss klar sein, dass ein neuer Wind weht, was auch heißt, dass man verantwortliche Personen braucht. Menschen, die sich die neuen Ideen anhören und sie intern promoten. Und auch diese Leute müssen unterstützt werden. Denn bislang leisten wir es uns, dass wir zwar die Menschen belohnen, die eine Idee hatten - aber diejenigen, die früh erkannt haben, dass sie gut ist, gehen leer aus. Sie sehen: Man muss das Ideenmanagement genauso ernst nehmen wie Finanzen, Controlling und die Rechtsabteilung. Und sich wirklich Gedanken darüber machen. Aber das fällt uns eben schwer.

Ich erzähle gern folgenden Witz dazu: Ein Mann beschließt, Selbstmord zu begehen. Also springt er von einem Hochaus. Und als er am dritten Stock vorbeirauscht, sagt er sich: so weit, so gut.

Ungefähr so tiefsinnig ist unser Denken. -

Sechs Hüte Mit dieser Methode hat de Bono einen einfachen Weg gefunden, aus Denkschablonen auszubrechen - sechs Hüte, sechs Farben, und jede steht für eine andere Denkweise. Hat man ein Problem oder eine Fragestellung, kann man sich der Reihe nach alle Hüte aufsetzen und ein Thema aus immer neuer Perspektive sehen; in der Gruppe lassen sich die Hüte auch auf die Teilnehmer verteilen. Wer den blauen Hut aufhat, ist für strukturiertes, ordnendes Denken zuständig; mit dem gelben Hut nennt man erst einmal nur die Vorteile, mit dem schwarzen Hut nur die Nachteile eines Problems oder Projektes. Mit dem grünen Hut geht es um assoziatives Denken und ungewöhnliche Ideen, mit dem roten Hut um den Ausdruck von Gefühlen, die bei einem Projekt oder Problem auftauchen. Und der Träger des weißen Hutes schließlich sammelt alle Informationen wie in einer Datenbank, ohne sie zu bewerten. Laterales Denken ist der Oberbegriff für das, was de Bono mit den sechs Hüten praktiziert: die Fähigkeit, ein Thema unter verschiedenen Denk- und Wahrnehmungsperspektiven zu betrachten. Edward de Bono, 76, ist auf Malta geboren und studierte dort Medizin am St. Edward's College. Später ging er an die Universität Oxford, studierte dort Psychologie und promovierte an der Universität Cambridge. Mitte der sechziger Jahre stellte er sein Modell des lateralen Denkens vor und gründete 1969 den Cognitive Research Trust, um es zu verbreiten. In den achtziger Jahren hatte er eine eigene Sendereihe in der BBC, in der er seine Methoden erklärte. Edward de Bono ist Autor von mehr als 60 Büchern. Seine Lernvideos werden ebenso wie seine Bücher in mehr als 30 Ländern verkauft. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.