Bulthaup

Kompromisslos. Das gilt bei Bulthaup nicht nur für das Design der Küchen, das gilt für das ganze Unternehmen. Und das erweist sich als erstaunlich krisenfest.




- Vielleicht begann alles damit, dass sich Gerd Bulthaup von einem Lebenstraum verabschieden musste. Architekt hatte er werden wollen, Großes, Beständiges bauen. Doch dann erbte er, 34 Jahre jung, 1978 gemeinsam mit seiner Schwester Ingeborg die väterliche Schreinerei in Niederbayern. Eine Manufaktur für Küchenbuffets in Aich, 1949 gegründet. Die exportierte zwar schon in den fünfziger Jahren immerhin bis nach Frankfurt am Main - für eine Tischlerei ansehnlich und ein Qualitäts siegel. Aber Küchen? Welche Ödnis. Herd, Schränke, immer an der Wand lang - damit sollte Gerd Bulthaup nun sein Leben verbringen?

So ist es dann gekommen. Heute zählt Bulthaup zur Premium-Liga der Küchenhersteller, setzte mit mehr als 1000 Mitarbeitern im vergangenen Jahr 130 Millionen Euro um, exportiert seine Küchen in 50 Länder. Und spürt zwar in einigen Märkten, so die gewohnt schmallippige Auskunft, eine leichte Kaufzurückhaltung, von Krisenszenarien aber sei man weit entfernt.

Das ist umso erstaunlicher, als die Firma zwar die Küche damals, in Gerd Bult haups Anfangsjahren, neu erfunden, mit der klaren Linie allerdings auch einen Trend ausgelöst hat: Heute gehört die schnörkellose, aus hochwertigen Materialien gefügte Küchenarchitektur zum Standardprogramm nahezu aller Küchenhersteller. Warum dann 30 000 und mehr Euro für eine Bulthaup-Küche ausgeben?

Auch wenn es sich empfiehlt, die Frage im Hauptquartier am nördlichen Alpenrand nicht laut zu stellen: An der Antwort arbeiten dort alle, jeden Tag. Den Anspruch hat Gerd Bulthaup schon 1978 formuliert: "Wir wollten schlichtweg die besten Küchen machen, uns nicht an Vorhandenem orientieren, sondern Neues von Nutzen erfinden, einen Lebensraum für Begegnung und Kommunikation schaffen." An diesem Vorsatz, betont er, habe sich nichts geändert: "Wir kommen immer mehr zurück zu unse ren Wurzeln."

Die Wurzeln: Das war zunächst die vermutlich bittere Erkenntnis, dass es zur väterlichen Küchenmanufaktur keine Alternative gab. "Komplett umzusatteln wäre angesichts des Erfolgs des Betriebs wirtschaftlich unklug gewesen. Andererseits hatten wir gegen die etablierten Küchenhersteller Deutschlands keine Chance. Die waren viel zu groß." Also dachte er sich: "Wenn schon, dann ganz anders."

Bulthaup fragte den Gestalter Otl Aicher, "ob er mit mir über Küchen nachdenken möchte". Warum den schon damals berühmten Designer und Mitbegründer der Ulmer Volkshochschule? "Ich wollte jeman den seines Ranges, der überhaupt nichts mit diesem Thema zu tun hat." Aicher reizte die Aufgabe - etwas Langweiligeres als Küchen konnte er sich kaum vorstellen. Am Ende aller Überlegungen stand Unerwartetes mitten im deutschen Wohnraum: eine schmale Werkbank, mit Wasser- und Kochstelle auf einer Ebene, die als erste Innovation seit der Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky im Jahr 1926 galt.

Reduziert auf das Wesentliche, wie ein Soßenfond - das war die erste Bulthaup, die nicht mehr im Küchenraum versteckt, sondern innenarchitektonischer Bestandteil des Hauses wurde. Und sie war ein Erfolg, genauso wie ihre Nachfolger System 25 und System 20. Bald kamen die ersten Kopien, bald die ersten Anfragen aus dem Ausland. Das war nicht wirklich planbar, "aber durchaus gewünscht", sagt Bulthaup, der sich 2003 in den Aufsichtsrat des Unternehmens zurückzog und inzwischen - nur vorsichtig klingt durch, dass es kein leichter Schritt für den schließlich überzeugten und leidenschaftlichen Unternehmer war seinen Nachfolgern Gerald O. Stenzenberger und Frank Lendowski die geschäftsführenden Entscheidungen überlässt.

Dass der Erfolg bis heute hält, hat viele Gründe. Zum Beispiel ein Vertriebssystem, das auf gewachsene Partnerschaften setzt. Und Vertriebsmitarbeiter, die sich als wichtigste Informanten der Entwicklung verstehen. So ist der Vertriebschef Friedrich Kleyboldt, 44, ständig unterwegs, um die Ess- und Kochgewohnheiten künftiger Kunden zu erforschen. Heute wisse man noch bestimmter als in den Anfängen, sagt er, dass es für den Bulthaup-Anspruch eine Klientel gebe: den urbanen Kunden von New York bis Schanghai. Und diese Klientel wächst trotz Krise, besonders in Asien, wo er wie seine Kollegen etwa von Poggenpohl oder Miele dieser Tage häufiger anzutreffen ist.

Er lernt aus der Nähe, wie sich die Bedürfnisse der Asiaten von denen anderer Kochnationen unterscheiden. Zwar betreibe Bulthaup grundsätzlich keine Marktforschung ("Wir laufen keinen Trends hinterher. Die sind für uns nicht ausschlag gebend"). Aber kleine Mentalitätsunterschiede berücksichtige man durchaus. Manche Russen etwa mögen theatralischere Inszenierungen, manche Italiener die kräftigeren Farben, manche Franzosen eine präsentere Küche. Und die Asiaten? "Viele unterscheiden dort zwischen , wet' und , dry kitchen': In der wet kitchen wird gekocht und gegart, oft von Angestellten. In der dry kitchen wird mit Familie und Gästen gegessen, das ist der repräsentative Teil." Die Stärke von Bulthaup ist es, für all diese Bedürfnisse individuelle Lösungen zu entwickeln - allerdings in "klaren gestal terischen Grenzen".

Was die so unterschiedlichen Kunden wollen, das müssen auch die weltweit rund 500 Handelspartner genau verstehen, grundsätzlich Teams aus Architekten und Kaufleuten. Kleyboldt sucht sie gewissenhaft aus, denn sie firmieren unter dem Markennamen. Bulthaup-Küchen gab es von Anfang an nur bei Bulthaup; jede einzelne Küche wird von einem Architekten geplant und aus dem Baukastensystem vorhandener Modelle geschreinert. Sonderwünsche werden nur erfüllt, wenn sie ins Konzept passen - blattgoldene Fronten oder Logogravuren werden gar nicht erst verhandelt.

Dafür liefern die Anfertigungswünsche insbesondere der Architekten täglichen Diskussionsstoff: Sind diese Hölzer, jene Farben oder technischen Einbauten machbar und vertretbar? Entspricht das dem hauseigenen Qualitätsanspruch? Die Einigung darüber, was gemacht wird und was nicht, fällt am Ende leicht. "Nach ein paar Monaten im Werk weiß jeder Lehrling, was die Marke ausmacht. Und Architekten kommen genau deswegen zu uns", so Kleyboldt. Der New Yorker Architekt Tony Chi, der in seinen Häusern meist Küchen aus Aich einplant und auch in seinem Büro über eine verfügt, formuliert es poetischer: "Eine Bulthaup fällt nicht auf. Sie ist ein leiser, alltäglicher, perfekt funktionierender Bestand teil unseres Lebens."

Dass das so bleibt, dafür ist Hartmut Roehrig, 44, zuständig. Der gebürtige Franzose leitet seit 2001 den Produktbereich, wo insgesamt rund 500 Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit Ärzten, Profiköchen und Physiotherapeuten tüfteln, experimentieren, entwickeln, planen, schreinern, bauen. Und Ideen entwickeln, wie man noch perfekter kochen oder Stauraum, Fußfreiheit, klug konstruierte Müllbehälter, Kühl-, Back-oder Schneidemöglichkeiten schaffen kann, absurde Ideen oder nahe liegende: Mal spielt der Entwicklungschef in seinem Auto mit dem klappbaren Aschenbecher und hat plötzlich die zündende Idee für eine neue Funktionsbox. Mal wird jahrelang an einem Detail gearbeitet - wie etwa der Laser schweißtechnologie, mit der Fronten und Arbeitsplatten zu verarbeiten sind. Die Ergebnisse, die es durch die Endrunde schaffen, werden aus Erfahrung vorsichtshalber meist gleich patentiert.

Wer sagt, dass die Küche ins Haus gehört?

"Die Entwicklung ist ein steter Fluss", sagt Roehrig. "Es ist nicht etwa so, dass wir aus strategischen Gründen einen bestimmten Zeitpunkt für das Erscheinen eines neuen Küchenmodells festlegen." Man lasse sich von Architektur, Kultur, Kunst inspirieren. Denke mal gezielt, mal kämen die Ideen buchstäblich im Vorbeigehen: "Es ist schönes Wetter, Gäste sind da, wieso kann man nicht die Küche nach draußen tragen?" So entstand - als Idee von Gerd Bulthaup und dem Designer Herbert Schultes - beispielsweise das System 20.

Die Techniker und Handwerker sind von solchen Ideen nicht unbedingt spontan begeistert, aber nach der ersten Abwehr nehmen sie in aller Regel die Herausforderung an. Und tüfteln so lange, bis sie eine Lösung finden. So wie der Lackierer Lorenz Hausperger, 46, der seit seiner Jugend bei Bulthaup arbeitet, nicht ruht, bis er eine Schranktür in Händen hält, die den Vergleich mit einem Konzertflügel besteht. Keine Unebenheit. Nicht mal ein Hauch von Maserung. Nur eine vollendete Form.

Bei so viel Perfektionismus geht naturgemäß immer mal wieder etwas schief. Die Lüftung auf Kochtopfniveau etwa fiel durch, weil ihr Motor zu schwer war und sie - unglücklicherweise vorschnell auf einer Messe präsentiert - wie der schiefe Turm von Pisa über dem Spaghettikessel hing. Die zahlreichen Frontfarben für die Aluminiumverkleidung eines Küchenmodells - vom Vertrieb als potenzieller Verkaufsschlager ins Feld geführt, das Färbeverfahren von den Technikern mühsam entwickelt - erwiesen sich ebenfalls als Flop. "Das war nicht Bulthaup", entschied Roehrig. "Statt 120 Farben gibt es bei uns 10."

Was Bulthaup ist und was nicht - dabei scheint es sich vor allem um ein nicht in Worte zu fassendes Gefühl zu handeln, das sich sämtliche Mitarbeiter und die Handelspartner von der Pike auf erarbeiten müssen. Roehrig versucht trotzdem eine Definition: "Bulthaup ist Präzision, Planungsart und Sinnlichkeit. Definitiv nicht Bulthaup ist alles Spektakuläre. Und: keine tausend Farben, keine Dekore, keine Landhausprofile." Entgegen gern verwandter Küchenpoesie bezeichnet Roehrig eine Küche auch nicht als Seele des Hauses: "Produkte haben nur dann eine Seele, wenn Menschen sie ihnen einhauchen."

Worte allerdings bedeuten für jeden etwas anderes. So ließe sich die 25 Meter lange schwebende Schrankwand, für ein Architektenhaus in Los Angeles entwi ckelt, durchaus als spektakulär bezeichnen. Aber wie alle Kollegen hat Roehrig das Credo des Chefs verinnerlicht: "Vergesst Design", hat Bulthaup allen eingetrichtert. "Wir sind mit Design groß geworden aber heute macht jeder Design. Für Bult haup hat sich das Wort abgenutzt. Ich kann es nicht verbieten, aber ich will es nicht mehr hören. Es geht um Architektur. Um Ordnung, Wert, Zeitlosigkeit und die Qualität einer Manufaktur."

Dennoch ist das abgenutzte Wort Design das Erste, was einem beim Betrachten von Bulthaup-Küchen einfällt: meterlange matt glänzende Arbeitsplatten mit Mut zur Leere. Massive, schnörkellose Schränke, die keinen Fingerabdruck dulden. Hochpolierte Elektrogeräte, drapiert wie Kunstobjekte. Selbst die Publikationen des mittelständischen Betriebs, der zahllose Design-Preise aus der ganzen Welt erhalten hat, kommen ohne den neuerdings verpönten Begriff nicht aus. Und das Design-Image wird auch nach Kräften etwa durch die Zusammenarbeit mit den Geräteherstellern Gaggenau und Miele unterstrichen. Oder durch die Einrichtung der eigenen Geschäfte, die Bulthaup in München, Mailand, London, New York und Tokio betreibt. Bald wird ein weiteres in Schanghai hinzukommen, wo Bulthaup-Küchen dank Image und Preis auch ein Statussymbol sind.

Die edle Wohnküche liegt im Trend, genauso wie der Hang zum Fertiggericht. Zyniker lassen sich deshalb gern zu Randbemerkungen über Sinn und Unsinn von Dunstabzugshauben in der Preisklasse von Kleinwagen hinreißen. Tatsächlich gehen die Bewegungen, so Anja Kirig, Food- und Gastronomie-Expertin beim Kelkheimer Zukunftsinstitut, Hand in Hand: "Kochen ist Luxus und Freizeitvergnügen geworden, für das man sich gern ein schönes Umfeld gönnt. Man beweist Geschmack beim genussvollen Kochen in einer hochwertigen Küche. Und greift gleichzeitig für die notwendigen Mahlzeiten auf hochwertige Fertiggerichte zurück." Auch Gerd Bulthaup bleibt bei der Frage nach dem Statussymbol Küche gelassen: "Nun, wenn jemand eine unserer Küchen nur deshalb will, weil sie den Namen trägt, dann denken wir hier: schade, dass darauf nicht gekocht wird."

Die Finanzkrise scheint jedenfalls auf die Firma kaum Auswirkungen zu haben.

Nur in manchen Ländern, lässt sich dem Geschäftsführer Stenzenberger entlocken, ziehe sie eine Verunsicherung der Kunden nach sich, die wiederum zu Verzögerungen bei privaten Investitionen führe. In anderen hingegen herrsche Wachstum.

Nun spricht in der Branche, die sich traditionell nicht gern in die Töpfe sehen lässt, sowieso kaum einer laut von Krise, was Olaf Plümer vom Verband der Deutschen Küchenmöbelindustrie in Herford nicht überrascht. "Keiner kann derzeit vorhersehen, wie es weitergeht, also bleibt man vorsichtig." Tatsache sei, dass die Umsätze der deutschen Küchenmöbelindustrie insgesamt zum April dieses Jahres um 15,5 Prozent zurückgegangen sind.

Doch treffe die Finanzkrise unterschied liche Altersgruppen. "Viele über 50-Jährige im In- und Ausland haben ihr Geld konservativ angelegt und geben es jetzt auch aus. Und einige Luxusküchenhersteller können ihre Umsatzrückgänge auf den neuen, zahlungskräftigen Märkten in Asien kompensieren." Bulthaup, mit einem Export anteil von knapp 80 Prozent und einer eher gesetzteren Stammklientel, scheint zu jenen zu gehören, auf die sich, so Plümer, "die allgemeinen Zahlen schwerlich übertragen lassen".

Für Stenzenberger jedenfalls ist es die "historische Leistung" von Gerd Bulthaup, "seit Jahren Trends zu setzen und den Lebensraum Küche neu zu definieren". Eine Reverenz, die der Gelobte allerdings nicht gern hört: Um Trends, grummelt er, sei es ihm nie gegangen. "Wir sind so viel boden ständiger, als viele denken. Und wir sind immer, wie im Sprichwort vom Schuster, bei unserem Leisten geblieben."

Die Produkte beinhalteten das Wissen um die kulturellen Vorlieben und die realen Lebens- und Essgewohnheiten der Menschen aller Kontinente, tragen aber auch ihrem Grundbedürfnis nach Kommunikation Rechnung. Und stört ihn nicht, dass inzwischen auch andere Küchenhersteller auf diesen Leisten setzen? "Dass es viele gibt, die uns zu kopieren versuchen, zeigt nur, dass wir unsere Arbeit richtig machen."-