Mit einem Klick ins Wintermärchen

Viele der 8,5 Millionen Wintersportler in Deutschland kennen die Mühe, bevor sie morgens zur Piste aufbrechen können: Die Schnallen ihrer Skistiefel sind häufig schwer zu schließen. Ein Betriebswirt fand für das Problem eine Lösung.




- Seit er 15 ist, fährt Michael Völpel einmal im Jahr in den Skiurlaub. Doch erst vor drei Jahren, mit 25, wurde ihm bewusst, wie sehr ihn eine Kleinigkeit an seiner Ausrüstung ärgerte: Jeden Morgen wieder ließen sich die Skistiefel nur mühsam schließen das noch kalte Plastik der Schnallen sperrte sich. Und er sah: Den anderen Hotelgästen erging es ebenso.

Es müsste doch einen Mechanismus geben, der die widerspenstigen Schnallen leichter einrasten lässt. Der frischgebackene Diplom-Kaufmann, inzwischen Unternehmensberater, dachte an einen Hebel. Er erzählte Freunden von seiner Idee. Deren Reaktion: Gelächter. Und alle beteuerten, sie bekämen ihre Schuhe noch selbst zu. Völpel hakte die Sache zunächst ab. "Ich wollte kein Tamagotchi entwickeln, das keiner braucht", sagt er. Doch der nächste Skiurlaub mit den üblichen Mühen beim Ankleiden zeigte ihm, dass es nicht um eine Spielerei ging.

Nun war er entschlossen, sich von seinem Vorhaben nicht mehr abbringen zu lassen. 2007 gründete er eine Firma, fertigte Skizzen an, zersägte Lineale und missbrauchte für seine Experimente etliche Küchenutensilien, um den hilfreichen Hebel zu basteln. Schälgerät und Besteck brachten keinen Erfolg. Dabei war die Überlegung so simpel: Am Ende der Schuhschnallen sollte ein Hebel angesetzt werden, mit dem das Schließen mühe los gelänge. Am besten würde er wie auf Schienen über das Schnallenende gleiten, um nicht abzurutschen. In der Folgezeit sah sich Völpel in Sportgeschäften um und nahm heimlich Maß an unterschiedlichen Skischuhschnallen, denn seine Konstruktion sollte möglichst universell nutzbar sein.

Mit den so ermittelten Daten fuhr er zu einem Schreiner. Der sollte ihm den Hebel schnitzen, bekam es aber nicht hin. Weiter ging es zum Schmied, der vom "Ski boot Butler" einen Prototypen aus Stahl fertigte - einen Stab mit Metallgehäuse, das tatsäch lich auf jedes Skistiefelmodell passte. Doch es fiel schwer und plump aus. Wer sollte so etwas kaufen? "Ein bisschen sexy sollte das Ding schon sein", fand Völpel, der mittlerweile an die Universität Gießen zurückgekehrt war, um seine Doktorarbeit zu schreiben.

Ihm war nicht nur klar, dass der Prototyp so nicht bleiben konnte, der Gedanke dahinter aber ein guter war. Er wusste auch, dass er ein Patent auf seine Erfindung anmelden musste, wenn er sie vermarkten wollte, und so suchte er mit seiner unausgereiften Entwicklung einen Anwalt auf. Der lachte nur und nahm den Mandanten nicht ernst. Ein neuer Anwalt verfasste den 30-seitigen Patentantrag, in dem selbst der Erfinder seine einfache Idee nicht mehr wiedererkannte.

Durch eine Empfehlung von Bekannten fand Michael Völpel eine Konstruktionsfirma im benachbarten Villmar. Und so saß er kurz darauf im Konferenzraum der Firma Circle Engineering Solutions. Obwohl deren Geschäftsführer Andreas Legner hauptsächlich Teile für die Automobilindustrie entwickelt, überzeugte ihn die Konstruktion auf Anhieb - so sehr, dass Völpel für die Entwicklung der Prototypen zunächst nur die reinen Kosten bezahlen musste.

Was den Konstrukteur sofort einnahm, war die Art, mit der der junge Mann seine Idee präsentierte. Er kam mit Zahlen zum Absatzmarkt, kannte seine Kunden und hatte sich sogar den Preis schon überlegt: Er wollte einen Mitnahmeartikel, der weniger als zehn Euro kostete. Die Umsetzung zu gestalten machte Legner und seinen 20 Mitarbeitern Spaß. Auch finanziell hat sie sich gelohnt: Für den Auftrag zahlte Völpel etwa 110 000 Euro - Ersparnisse aus seiner Zeit als Unternehmensberater.

Aus dem unhandlichen Metallteil wurde ein etwa zehn Zentimeter langer Plastikhebel, der auf sämtliche Schnallen passt und fast ein modisches Accessoire sein könnte. Produziert wird er von einer Circle-Partnerfirma in Süddeutschland. Insgesamt wurden inzwischen 80 000 Ski boot Butler abgesetzt. Karstadt und Sportgeschäfte gehörten zu den Kunden der vorigen Wintersaison. Die Aufträge hat Völpel noch gemeinsam mit Mutter, Großmutter und Freundin verpackt und versandfertig gemacht.

Im kommenden Winter soll das Geschäft professionalisiert werden - mit einem neuen großen Einzelhandelspartner, der 75 000 Exemplare in seinen Regalen anbieten will, nachdem dessen Einkäufer Völpels Erfindung bei Karstadt entdeckt und sich mit der Bitte um Lieferung direkt an den Erfinder gewandt hatten. Allerdings werde der "Butler" künftig billiger angeboten, sagt der Erfinder. Da habe er sich schon Gedanken gemacht, ob dieser Discount-Preis dem eigenen Ruf schade. Aber da er - ganz Betriebswirt - seiner Erfindung nur eine Lebensdauer von fünf Jahren einräumt, hat er sich für den schnellen Umsatz entschieden. In ein paar Jahren seien die Skischuhhersteller bestimmt so weit, dass man keinen Butler mehr zum Anziehen brauche.

Immerhin 220 000 Euro Umsatz und 40 000 Euro Reingewinn hat ihm die Entwicklung bereits eingebracht - und ihn zu weiteren Erfindungen motiviert. Genaueres möchte er nicht verraten. Das Gesellenstück wird jedenfalls helfen: Was sperrige Schnallen mit kurzem Klick schließt, soll ihm als Geschäftsmann viel leichter Türen öffnen. -

Kontakt:
www.skiboot-butler.de
mail@mvoelpel.de