Die richtige Schraube

Die Wirtschaftswissenschaften waren modellverliebt und haben die Krise deshalb nicht vorhergesehen. Jetzt sind neue Ideen gefragt. Doch die sind längst da. Nur war ihre Zeit noch nicht reif.




(1) Der Schraubenzieher

Die schlechte Nachricht zuerst: Die Wirtschaftswissenschaften haben momentan einen miserablen Ruf. Die Welt stand, wie der scheidende Bundesfinanzminister Peer Steinbrück es formulierte, am Rand der "Kernschmelze" und schlitterte in die schlimmste Krise seit 80 Jahren. Und die Forscher? Rechnen irritiert ihre Formeln nach, blicken verdutzt auf ihre Modelle - und versuchen zu verstehen. "Wenige Ökonomen haben unsere derzeitige Krise kommen sehen. Aber dieses Versagen ist das geringste Problem der Zunft. Schwerer wiegt die Blindheit der Ökonomen für die Möglichkeit von katastrophalen Störungen in einer Marktwirtschaft", wetterte der Nobelpreisträger Paul Krugman in einem Aufsatz gegen seine Kollegen. Nach Jahren der Forschung erweisen sich viele Modelle heute als wertlos. In der Krise sind neue Ideen und Lösungsansätze nötig.

Die gute Nachricht: Das Neue ist in den Wirtschaftswissenschaften immer schon da. Nur muss auch die Zeit dafür reif sein. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat eine passende Metapher parat: "Theorien sind wie Schraubenzieher. Die passen auch nicht in jede Schraube, und so helfen nicht alle Theorien in allen Situationen."

(2) Das Antiquariat

Damit eine Theorie passt, muss sie nicht neu sein. Meist sind die Ideen älter als die Probleme. Und in einigen Fällen war auch lange nicht klar, wozu eine Theorie überhaupt gut sein soll.

Beispiel: Schraubenzieher ohne Schraube. Oder: Theorie sucht Problem. Als der Brite John Maynard Keynes 1936 seine "Allgemeine Theorie" unter dem Eindruck der Großen Depression veröffentlichte und einem starken Staat das Wort redete, steckte der wirtschaftliche Liberalismus in einer Krise. Und Keynes hatte den passenden Schraubenzieher für die Schraube.

Liberale Ökonomen dagegen, wie der Österreicher Friedrich August von Hayek, damals Dozent an der London School of Economics, hatten es schwer, Gehör zu finden. 1938 sprach er in Paris beim Walter-Lippman-Kolloquium, wo sich Leser von Lippmanns Werk "Die gute Gesellschaft" trafen, um ihrer Warnung vor "kollektivistischen" Ideen und Regierungen Nachdruck zu verleihen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1947, lud der unermüdliche von Hayek 36 Intellektuelle nach Mont Pelerin bei Montreux ein, um über die Zukunft des Liberalismus zu debattieren. Seither kämpft die Mont Pelerin Society für einen Rückzug des Staates. Doch in der Nachkriegszeit war dieser Kampf lange erfolglos. Die Keynesianer hatten in Wissenschaft und Politik das Sagen. Und sie forderten einen starken Staat, der den freien Markt bändigte. Auch von Hayeks Werk "Der Weg zur Knechtschaft" von 1944 konnte daran wenig rütteln.

Erst als dem Modell des Nachkriegskapitalismus in den siebziger Jahren die Luft ausging, konnten die Liberalen politisch und akademisch Boden gutmachen. Mit der Wahl von Margaret Thatcher 1979 in Großbritannien und Ronald Reagan 1981 in den USA setzten sich die liberalen Ideen auch in der Wirtschaftspolitik durch. Schien es doch so, als wären das die Rezepte gegen die damals akuten Probleme: aufgeblähte Staatsapparate, Rezession und Inflation. Doch auch sie waren in Wirklichkeit nicht neu, wie der britische Historiker Eric Hobsbawm sagt: "Im Grunde ist es die Wiederauflage der Ideen der Wiener Schule des 19. Jahrhunderts, nur mit mehr Mathematik als damals."

Beispiel: Schraubenzieher unbekannter Größe. Oder: Theorie sucht Anwendung. In seiner Promotion an der Princeton University im Jahr 1950 erweiterte John F. Nash die Spieltheorie. Das nach ihm benannte "Nash-Gleichgewicht" entsteht, wenn kein Spieler davon profitieren kann, als Einziger seine Strategie zu ändern. Etwa wenn vier Spülmittelhersteller ihre Preise so tief gesenkt haben, dass sie gerade noch rentabel sind. In dieser Situation entsteht ein Nash-Gleichgewicht, da keiner mehr seine Produkte billiger anbieten kann, aber auch nicht teurer. Nash zeigte damit, dass der Eigennutz des Einzelnen nicht automatisch zum Vorteil aller führt.

In den Institutsbibliotheken rieselte in vielen Jahren viel Staub auf diese Arbeit. Erst spät machten sich Ökonomen daran, das Nash-Gleichgewicht anzuwenden. Als gezeigt wurde, dass mit diesem Modell durchaus gearbeitet werden kann, etwa beim Verständnis der Bildung von Kartellen, und nachdem seine Theorie vom Deutschen Reinhard Selten verfeinert wurde, erhielt Nash 44 Jahre später zusammen mit Selten den Nobelpreis für Wirtschaft.

"Und zwar weil gezeigt wurde, dass es nicht nur eine mathematische Theorie war, sondern auch eine Bedeutung für die echte Welt hatte", sagt Peter Englund, Sekretär des Nobelkomitees in Stockholm. "Dafür brauchte es aber eine Vielzahl von Wissen schaftlern, die diese Theorie anwenden und weiterentwickeln."

Beispiel: alter Schraubenzieher für neue Schrauben. Oder: Theorie für die Gegenwart. Hyman Minsky wurde 1919 in Chicago geboren, studierte an der Harvard University bei Joseph Schumpeter Ökonomie und veröffentlichte 1986 sein Buch "Stabilizing an Unstable Economy". Darin erklärt er, wie eine Wirtschaft plötzlich in eine Finanzkrise schlittern kann. Zu Beginn eines Konjunkturzyklus nehmen die Unternehmen Kredite auf und investieren. Minsky unterschied dabei zwischen drei Schuldnern: Der erste leiht sich Geld und kann aus dem laufenden Geschäft Zins und Tilgung finanzieren. Der zweite kann nur den Zins bedienen und muss für die Tilgung neue Kredite aufnehmen. Der dritte ist ein Ponzi-Schuldner, benannt nach dem italienischen Betrüger Charles Ponzi, der Zins und Tilgung mit neuen Kre diten bedient. Die Banken geben zunächst bereitwillig Kredite, da die Wirtschaft weiterwächst und sie bei steigenden Gewinnen ihr Gespür für Risiko verlieren. Doch die vielen Schuldner sorgen früher oder später dafür, dass das System kollabiert. Dieser Absturz trifft die Banken hart und wirkt so schließlich auf die Realwirtschaft, da selbst solvente Schuldner dann Probleme haben, frische Kredite zu erhalten.

Was einem so bekannt vorkommt, weil es gut zu den Ereignissen des Jahres 2007 passt, hat der 1996 verstorbene Minsky schon behandelt, als die Aktienkurse noch stiegen. Allein: Seine Gedanken fanden wenig Beachtung. "Die von Minsky vorhergesagte Situation ist lange nicht eingetreten. Der Minsky-Moment kommt erst jetzt zum Ausdruck", sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. "Im Jahresgutachten 2007 haben wir einen solchen Minsky-Moment angenommen." Das Werkzeug zum Erkennen der Krise war schon lange vor ihr da. Es wurde nur nicht angefasst. "Wäre er noch am Leben, wäre er sicher ein Kandidat für den Nobelpreis", sagt der Nobelpreis-Sekretär Peter Englund.

(3) Der Preis

Woran aber erkennt man eine nützliche Theorie? Peter Englund sagt dazu: "Sie muss ein Augen öffner sein. Sie muss uns erlauben, die Welt aus einem anderen Winkel zu sehen." So etwa 2001 bei dem Preis für George A. Akerlof, Michael Spence und Joseph Stiglitz für ihre Arbeiten zur Ana lyse von Märkten mit asymmetrischen Informationen. Die drei untersuchten die Folgen, wenn etwa die Käufer eines Produkts weniger über dessen Qualität wissen als sein Hersteller. Dies könne dazu führen, dass die Märkte verknappt und Waren schlechterer Qualität angeboten werden. "Vorher hat man die Konsequenzen dieser einfachen Beobachtung nicht so gesehen", sagt Englund.

Der erst im Jahr 1969 geschaffene Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ist die höchste Auszeichnung für einen Ökonomen. Wer ihn erhält, erfährt die Anerkennung, dass seine Theorie etabliert ist. Dabei kommt es dem Preiskomitee weniger darauf an, ob die Theorie helfen kann, drängende Probleme zu lösen. Sondern, ob wirklich etwas Neues entstanden ist. "Die gegenwärtige Krise wird wohl weder in diesem noch im nächsten Jahr eine große Bedeutung für den Nobelpreis haben", sagt Englund, selbst Professor für Finanzwesen an der Stockholm School of Economics.

(4) Die Politik

Doch ob ein kluger Gedanke, der mit gut einer Million Euro von der Schwedischen Reichsbank belohnt wird, es in die Politik schafft, ist alles andere als sicher. Herbert Walther, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, ist der Ansicht, dass ökonomische Theorien "trivialisierbar, ja sogar als Phrase banalisierbar" sein müssen, um in der Politik anzukommen. Das bedeutet nicht, dass die Theorie banal sein muss. Aber es muss möglich sein, sie knapp und einleuchtend zu beschreiben. Ebenso, glaubt Walther, müsse eine Theorie Interessenkonflikte verschleiern ("Am einfachsten, dass man sagt: Davon haben wir doch alle was") und trotzdem parteilich sein ("Sie muss an die Interessen von Großgruppen anknüpfen").

Der Grund dafür ist simpel: "Die Leute wollen das glauben, was ihnen nutzt", sagt Walther. Erfolgreich umgesetzt wurde dies im Falle der Laffer-Kurve von US-Präsident Ronald Reagan. In einer schönen Formel hatte der Ökonom Arthur Laffer ausgerechnet, dass der Staat, wenn er die Steuern senkt, nicht weniger Geld einnimmt, sondern mehr. Denn eine steuerliche Entlastung führe zu Wirtschaftswachstum und dies wiederum zu mehr Steuereinnahmen trotz niedrigerer Sätze. Ein Rechenbeispiel, das auf den ersten Blick einleuchtet.

In der Praxis gestaltete sich der Versuch jedoch komplizierter.

Reagan senkte 1981 massiv die Steuern, das Wachstum war aber nicht stark genug, um die geringeren Einnahmen auszugleichen. Seinem Nachfolger George Bush Senior hinterließ Reagan 1989 einen gigantischen Schuldenberg - und brachte ihn damit um die Wiederwahl, als Bush sein wichtigstes Wahlkampfversprechen brach und die Steuern erhöhte.

Überhaupt ist das mit den Steuern und dem Wahlkampf so eine Sache. Angela Merkel wird sich noch mit Schrecken an Paul Kirchhof und das Jahr 2005 erinnern. Der Heidelberger Professor hatte damals den Ehrgeiz, die Deutschen sollten künftig ihre Steuererklärung ohne Wirtschaftsstudium bewältigen können. Die Wahlkämpferin war begeistert, holte Kirchhof ins Team - und fiel mit ihm durch. Für Walther kam das wenig überraschend. "Er war zu ehrlich. Er hat gesagt, wie viele Sondervergünstigungen wegfallen, und sich mit den Interessengruppen angelegt. Für Gerhard Schröder war es so ein Leichtes, den Herrn Professor darum zu bitten, in der Realität anzukommen." 3

(5) Die Modelle

An die Grenzen ihrer Modelle kamen in den vergangenen zwei Jahren viele Ökonomen. Grandios gescheitert sind die Anhänger der Effizienzmarkthypothese. Im Jahr 1970 stellte Eugene Fama an der University of Chicago die These auf, dass Finanzmärkte die Preise von Vermögenswerten richtig ermitteln, wenn alle öffentlich verfügbaren Informationen in Betracht gezogen werden. Der Preis, zu welchem die Aktie eines Unternehmens an der Börse notiert, bilde also immer den Preis ab, den das Unternehmen tatsächlich wert sei. Nachdem 2007 sämtliche Blasen geplatzt sind - unter anderen an den Aktien-, Immobilien-, Kredit- und Anleihenmärkten -, klingt das wie Hohn.

"Die Ökonomen haben leider Modelle entwickelt, die zu weit von der Realität entfernt waren, und sind von unrealistischen Annahmen ausgegangen", sagt Thomas Lux, Professor für Wirtschaftswissenschaft und Forscher am Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Gerade die Idee von effizienten Märkten kann überhaupt keinen Crash vorhersehen, weil der Markt ja immer recht hat." Doch nicht nur an den Finanzmärkten wird mit solchen Ansätzen gearbeitet. Zentralbanken gehen nach wie vor in den von ihnen verwendeten Modellen von einer Gleichung aus, wonach der Leitzins ganz direkt die Inflationsrate beeinflussen kann. Dazwischen steht nichts.

Auch die gängigen Theorien der Makroökonomie beruhen auf wenig realistischen Annahmen. Paul Krugman stänkerte kürzlich: "Der Großteil der Makroökonomie der vergangenen 30 Jahre war im besten Fall spektakulär nutzlos und im schlimmsten Fall schädlich." So pauschal will Lux nicht urteilen. Aber Modelle, die davon ausgehen, es gebe einen "repräsentativen Akteur", hält er für wenig hilfreich. In ihnen wird ein Unternehmer für die Gesamt heit der Unternehmer gesetzt. "Die Gesamtwirtschaft ist also identisch mit den idealen Plänen, die ein Einzelner entwirft." Igno riert worden sei dabei, dass der Einzelne sich auf dem Markt nicht immer rational verhalte. "Die Wissenschaft hat so stark an ihre eigenen Modelle geglaubt, dass sie sie nicht mehr überprüft hat", sagt Lux. Junge Ökonomen könnten zwar wunderbar rechnen, hätten aber Theoretiker aus den siebziger Jahren schon nicht mehr präsent. Das Problem dabei sei nicht das Zuviel an Mathematik in der Ausbildung, sagt Lux, sondern die Annahmen, die vielen Berechnungen zugrunde liegen.

Deshalb sagt Jürgen Kromphardt, emeritierter Professor an der Technischen Universität Berlin und früher einer der Wirtschaftsweisen: "Generell sollte man sich mehr mit der Unsicherheit beschäftigen. Denn jeder Unternehmer muss unter Unsicher heit entscheiden, insbesondere über Ausrichtung und Umfang seiner Investitionen."

(6) Der Windkanal

Der britische Historiker Eric Hobsbawm kann mit solchen Detail fragen wenig anfangen: "Die Wirtschaftswissenschaften beschäftigen sich immer mit denselben Fragen. Sie entwickeln sich nicht so weiter wie die Physik oder die Chemie. Lesen Sie einen ökonomischen Text aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts: Er ist immer noch aktuell. Aber lesen Sie einmal einen Aufsatz zur Physik aus den zwanziger Jahren - und Sie werden fest stellen, dass wir heute sehr viel mehr wissen." Dann macht er eine Pause und setzt hinzu: "Ideen zur Lösung von Problemen entstehen in den praktischen Situationen, in denen Menschen stecken. Man muss die Wirtschaftswissenschaften erweitern."

Erweitert wurden die Wirtschaftswissenschaften etwa durch den Human Development Index der Vereinten Nationen (U N). Es war der pakistanische Ökonom Mahbub ul Haq, dessen Vorschläge dazu führten, dass die U N einen neuen Index einführten, der die Stellung der Nationen nicht nur nach ihrer Wirtschaftskraft, wie beim Bruttoinlandsprodukt (BI P), bewertet, sondern auch nach ihrem Entwicklungsstand. Mit einbezogen werden in das Ranking nun auch Kriterien wie Lebenserwartung, Einschulungsquote und Alphabetisierungsrate. So schafft es Norwegen auf Platz eins der Weltrangliste.

In Kiel erforscht Thomas Lux das Verhalten von Händlern an den Finanzmärkten. In einem Modell kreiert er künstliche Märkte, in denen sich viele Händler gegenüberstehen, die alle auf mehrere Strategien zurückgreifen können. Per Knopfdruck spielt er dann am Computer verschiedene Szenarien durch und kommt mit derselben Häufigkeit wie der Frankfurter Dax oder der Londoner FTS E zu Ausschlägen von mehr als zehn Prozent. Im Computer bildet sich ein Preis, der sich verändert. "Dies hilft beim Verständnis: Kann das, was ich da beobachte, so zustande gekommen sein?" Lux' künstlicher Markt überführt Informationen über künftige Renditen in Preise. Und er hat damit etwas durchaus Nützliches geschaffen: Er könnte in seinem Computer eine Börsenumsatzsteuer einführen und feststellen, was dann mit den Aktienpreisen geschieht. "Wenn die Politiker jetzt sagen, dass neue Derivate im Windkanal getestet werden sollen: Das wäre er." Aber auch Lux arbeitet an diesem Modell schon seit Mitte der neunziger Jahre. Die Zeit dafür wäre eigentlich gekommen, wie Jürgen Kromphardt sagt: "In der Wirtschaftspolitik muss der Leidensdruck groß sein, sonst gibt es keine Revolution der Ideen."

Dies mag auch für den Buchmarkt gelten. Der lange ver gessene Hyman Minsky wurde erst dieses Jahr wieder aufgelegt. Als sich im Jahr 2007 die Finanzkrise ihre Bahn brach, gab es bei Amazon nur wenige gebrauchte Exemplare. Für 1640 Dollar pro Band. -