DIE KAROTTE

Die Geschichte eines chinesischen Fernsehteams, das sich der Aufklärung durch "Schritte in die Naturwissenschaft" verschrieben hat.




- Im ostchinesischen Tinglin legt die Lokalregierung den größten Wert auf Wirtschaftswachstum. Deswegen bekommen Chemieunternehmen, die in anderen Teilen des Landes wegen zu hoher Schadstoffemissionen nicht mehr geduldet werden, hier immer noch eine Betriebsgenehmigung. In einem als Druckerei niedergelassenen Unternehmen entstehen bei der Herstellung eines neuartigen Papiers Abwässer, die alle damit in Kontakt kommenden Tiere, vor allem Fische, Krabben und Frösche, auf ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Körpergröße anwachsen lassen.

Wahre Professionalität

Mit dem Sommer kam auch der Regen. Seit dem Beginn des Riesenwachstums der Tiere war nun schon mehr als eine Woche vergangen, in der jeder Fernsehsender über dieses "Wunder von Tinglin" berichtet hatte. Jetzt kam sogar "Schritte in die Naturwissenschaft" - ein von der Gemeinderegierung als besonders wichtig eingestuftes Programm. Als Drehzeit wurden dreieinhalb Tage angesetzt. Um das Fernsehteam willkommen zu heißen, wurde in der ganzen Gemeinde Tinglin eine "Sei ein zivilisierter Mensch"-Kampagne gestartet. Diese forderte, dass während der gesamten Zeit, in der das Fernsehteam in Tinglin weilte, keiner der Einwohner oder Wanderarbeiter auf den Boden spucken oder Zigarettenkippen wegwerfen dürfe. Falls es Teile des Volks geben sollte, die ohne Spucken nicht glücklich sind, sollten sie wenigs tens dafür sorgen, dass sie dabei nicht von dem Fernsehteam bemerkt würden. Auf dem Empfangsbankett erklärte dann aber der Verantwortliche des Senders, alle könnten ganz entspannt sein um so etwas würden sie sich nicht kümmern, dies sei auch kein Wunsch des Fernsehteams. "Schritte in die Naturwissenschaft" habe nur das Ziel, Schritte in die Naturwissenschaft zu unterneh men. Dies hätten sie nun schon mehrere Jahre getan. Zwar seien sie dabei noch nicht in die Naturwissenschaft hineingekommen, hielten aber umso unerschütterlicher an diesem Ziel fest und wollten die Aufmerksamkeit mit nichts anderem teilen.

Der Regisseur des Fernsehteams erwähnte hierzu ein Beispiel. So hätten sie in einer Kreisstadt eine Sendung da rüber gedreht, warum die von einem Bauern namens Zhang gepflanzten Karotten weiß geworden seien. Die Kameraleute des Fernsehteams hätten gerade Detailaufnahmen der Karotten gemacht, als plötzlich das Unterrichtsgebäude der benachbarten Schule aufgrund spielender Kinder zusammenstürzte, wobei 86 Menschen ums Leben kamen und mehr als 100 verletzt wurden. Sofort sei der Nachrichtenredaktion des Senders Bescheid gesagt worden, aber bis zu deren Eintreffen sei ihr eigenes Objektiv auch nicht einen Moment von den Karotten gewichen.

Das sei Konzentration, das sei wahre Professionalität.

Der Gemeindevorsteher stimmte dem lautstark zu und erhob sein Glas: "Ihr zielstrebiger Geist ist genau das, was in der Reform- und Öffnungspolitik fehlt. Es ist auch genau das, was sehr vielen Angestellten der Nachrichtenredaktionen fehlt. Lassen Sie mich darauf mit Ihnen anstoßen! " Der Regisseur der Programmredaktion, der kerzengerade auf seinem Stuhl saß, antwortete höflich: "Nicht doch, nicht doch", stimmte dann aber zu: "Gerade wegen unserer inflexiblen Haltung konnten wir sehr viele Rätsel, eins nach dem anderen, lösen." Der Kreisvorsteher erkundigte sich: "Das mit dem Einsturz des Schulgebäudes interessiert mich auch nicht - aber warum waren denn nun die Karotten weiß?" Der Regisseur warf einen stolzen Blick auf seine Mitarbei ter und begann langsam und bedächtig mit seiner Erzählung.

"Die Untersuchungen für diese Sendung waren wirklich sehr schwierig. Mehr als zwei Monate war unser Team vor Ort. Von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und dem Institut für Agrarwissenschaften reisten sehr viele Genossen Spezialis ten an. Wir kontrollierten ununterbrochen das Wachstum der Karot ten. Unser Sender legte besonders großen Wert auf diese Sendung, weil damals der Verdacht bestand, dass Bewegungen von Sonnen flecken dazu geführt haben könnten, dass die Karotten weiß wurden. Unser Sender bat daher auch einige Astronomen, die Veränderung der Sonnenflecken genau im Auge zu behalten."

Die für die Betreuung der Gäste verantwortlichen Mitglieder der Gemeinderegierung nickten eifrig mit dem Kopf, völlig von dieser Erzählung gefesselt. Der Regisseur fuhr fort: "Im Anschluss stellten wir fest, dass all dies nicht dafür verantwortlich war, dass die Karotten weiß wurden. So kamen wir auf das Wasser. Wir luden einen Pekinger Experten für Wasserqualität ein, Untersuchungen und Experimente durchzuführen. Aus dessen Analyse ging hervor, dass das dortige Leitungswasser zwar in allen Kate gorien die Grenzwerte überschritt, dass dies jedoch nur für die Menschen schädlich sei, für Pflanzen waren dagegen keine negativen Folgen zu erwarten. Diese Nachricht verwirrte unser Fernsehteam sehr. Schließlich kam jemand auf die Idee, dass die Luftqualität problematisch sein könnte. Deshalb baten wir schnellstens einen Spezialisten vom Pekinger Amt für Umweltkontrolle, die entsprechenden Messungen vorzunehmen. Das Ergebnis war das Gleiche wie beim Wasser: Die Messwerte zeigten deutlich, dass die Luft verschmutzung zwar ganz erheblich über den zulässigen Höchstwerten lag, dies aber nur bei Menschen zu allen möglichen Arten von Herz- und Blutgefäßerkrankungen und Krebs führte, bei Pflanzen konnte das keine Veränderungen hervorrufen. Auch in dieser Hinsicht kam unser Fernsehteam also nicht weiter."

An dieser Stelle wurde die Erzählung durch das Klingeln des Mobiltelefons eines für die Betreuung der Gäste verantwortlichen Genossen niedrigen Ranges unterbrochen. Der Gemeindevorsteher gab ihm ein Handzeichen, sodass es der Genosse niedrigen Ranges nicht wagte, einen Blick auf das Display zu werfen und sein Mobiltelefon schnell ausschaltete.

Geduldige Überzeugungsarbeit

Der Regisseur nahm einen Schluck Bier und seine Erzählung wieder auf: "Danach kam unserem Fernsehteam der Verdacht, ob es nicht am Dünger liegen könnte. Bei der Befragung stellte sich heraus, dass mit menschlichen Fäkalien gedüngt worden war. Soweit sich der Bauer erinnern konnte, befanden sich in der Jauchegrube hinter seinem Haus aber nicht nur seine eigenen Exkre mente, sondern auch die seiner Frau. Inzwischen war aber die Jauchegrube umgebaut worden, und daher war kein Material aus erster Hand mehr verfügbar. Außerdem arbeitete die Frau inzwischen als Wanderarbeiterin in der Stadt. Entsprechend der naturwissenschaftlichen Herangehensweise entschied das Fernsehteam vor Ort, den Originaldünger noch einmal herzustellen.

Es entsandte dazu mehrere seiner Mitglieder. Diese fanden die in einer Karaoke-Bar einer Stadt arbeitende Ehefrau Zhangs und verlangten von ihr die Abgabe einer Stuhlprobe. Anfangs war die Einstellung von Zhangs Ehefrau unkooperativ. Vor allem machte sie sich Sorgen, dass, falls tatsächlich gewisse Stoffe, die bei der Vermischung ihrer Fäkalien mit denen ihres Mannes entstünden, zur Veränderung bei Pflanzen führten, sie deswegen verhaftet werden könnte. Unser Team leistete geduldige Überzeugungs arbeit und versicherte ihr, dass sie nichts zu befürchten hätte, egal, wie das Ergebnis der Untersuchungen ausfallen sollte: Sie müsse Vertrauen in das chinesische Zentralfernsehen haben. Danach gab die Ehefrau Zhangs ihren Widerstand auf und eine Probe ab. Mit dem Kot der Frau Zhangs kehrte unser Fernseh team noch in derselben Nacht in die Kreisstadt zurück, in der Zhang wohnte. Aber niemand von uns traute sich zu, leichtfertig diese so schwer zu bekommenden Proben zu mischen. Deshalb luden wir den besten Gerichtsmediziner unseres Landes ein. Als dieser Experte gekommen war, berechnete er zunächst unter Berücksichtigung der damaligen Temperatur, Luftfeuchtigkeit und des Durchdringungsgrades von Kot und Urin mithilfe seines Computers das genaue Mischungsverhältnis. Anschließend stellte er im Labor einen Dünger her, der dem damaligen so ähnlich wie nur möglich war."

Des Rätsels Lösung

Alle Personen am Tisch hörten, während sie weiteraßen, mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu. Mit Stolz in der Stimme fuhr der Regisseur fort: "Nachdem wir den Dünger gemischt hatten, suchten wir auf einem anderen Feld ein paar Versuchskarotten aus, die wir entsprechend gossen und deren Wachstumsprozess wir mit den Kameras über einen Monat lang dokumentierten. Aber bedauerlicherweise wurden die Karotten immer noch nicht weiß."

Zu gern wollte der Gemeindevorsteher jetzt den wahren Grund erfahren: " Ja, aber was war das denn dann für eine Sache? Wie wurden denn nun die Karotten weiß?"

"Das ist es, was ich hier am Schluss erzählen möchte", fiel ihm der Regisseur ins Wort. "Unser Fernsehteam gab nicht auf. Nach nächtelangen Konferenzen und der Anhörung der verschiedenen Vermutungen der Experten entschlossen wir uns, die Samen mit nach Peking zu nehmen, diese dort analysieren zu lassen und so festzustellen, ob es vielleicht an den Genen des Saatguts lag, dass diese Mutation auftrat, dass die Karotten nun weiß und viel dicker geworden waren. Falls es notwendig werden würde, hätten wir die Samen auch in amerikanische Labors geschickt. Aber ich vertraute darauf, dass unser Vaterland auf dem Gebiet der Mani pulation von Erbmaterial selbst in der Lage war, das Rätsel zu lösen. Und wirklich: Kaum hatten wir den Samen in der Hand, da wurde auch schon alles klar."

Alle Gemeinderegierungsmitglieder Tinglins waren in größter Spannung. Keinen hielt es mehr auf seinem Stuhl, denn der Regisseur verkündete jetzt die Lösung: "Unser Kameramann Kleiner Liu stellte scharfsinnig fest, dass auf der Verpackung mit großen Buchstaben , Rettich' stand. Und das war endlich die Lösung: Zhang war ein Analphabet, er hatte das falsche Saatgut gekauft und Rettich gepflanzt. Als wir dieses Rätsel gelöst hatten, brachen viele Genossen unseres Fernsehteams in Tränen aus. Hier war endlich der Lohn für ihre über zwei Monate harte Arbeit."

Alle stießen einen Seufzer der Erleichterung aus, und der Gemeindevorsteher übernahm das Wort: "Im Namen unserer gesamten Gemeinde Tinglin möchte ich das Glas erheben auf das Fernsehteam von , Schritte in die Naturwissenschaft'. Euer sorgfältiger wissenschaftlicher Arbeitsstil, eure unermüdliche Energie, eure Entschlossenheit, nie aufzugeben, all dies hat mich sehr gerührt. Naturwissenschaft ist ein wichtiger Faktor des gesellschaftlichen Fortschritts. Unter der Voraussetzung der richtigen Politik braucht es nur noch die Förderung der Naturwissenschaft, die Förderung des Ressourcenschutzes und die Förderung der Innovation, dann ist der gesellschaftliche Fortschritt nicht aufzuhalten! Sie stehen dabei an vorderster Front! "

Auch der Regisseur erhob nun sein Glas, trank es mit einem Zug aus, wischte sich den Mund und sagte: "Nachher wurde diese Folge im Sender sehr gelobt. Der für die Zensur zuständige Kader meinte, gerade weil das Bildungsniveau dieses Bauern niedrig war, konnte es zu so etwas kommen, konnte es dazu kommen, dass das Staatsfernsehen mehr als eine Million RMB Yuan für Forschungen ausgeben musste. Hätte der Bauer lesen können, wäre es nicht zu dieser Verschwendung staatlicher Gelder gekom men. Deshalb hat letztendlich das niedrige Bildungsniveau der Bauern zu dieser Verschwendung von mehr als einer Million RMB Yuan geführt - ein erstklassiges Anschauungsmaterial."

Es gab donnernden Applaus. Doch auf einmal begann der Genosse niedrigen Status, der vorhin sein Mobiltelefon ausgeschaltet hatte, zu weinen. Die neben ihm Sitzenden versuchten ihn zu trösten, alle erhoben sich von ihren Sitzen und erkundigten sich der Reihe nach: "Was hast du denn?"

Es stellte sich heraus, dass der Gesundheitszustand der Mutter des Genossen niedrigen Status schon eine ganze Weile nicht besonders gut gewesen war und sich jetzt auf einmal rapide verschlechtert hatte. Die Familie war zu der Einsicht gelangt, dass der Sohn es nicht mehr ins Krankenhaus schaffen würde, und hatte angerufen, damit die Mutter mit ihrem Sohn noch ein paar Worte wechseln könnte. Aber der Anruf war abgeblockt und danach das Mobiltelefon ausgeschaltet worden. Bis das Mobil telefon wieder angeschaltet und die SMS ankommen war, weilte die Mutter bereits nicht mehr unter den Lebenden.

Als der Gemeindevorsteher das hörte, geriet er etwas ins Stocken, und auch die Stimmung der anderen sank. Aber in diesem entscheidenden Moment, in dem es darauf ankam, einem Menschen Trost zu spenden, war auch schon der Parteisekretär zur Stelle. Er kam zu dem Genossen niedrigen Status herüber und sagte: "Kleiner Sun, deine Mutter ist während deiner Arbeitszeit verstorben. Du bist ein guter Genosse. Auch in einer solchen Lage wie jetzt hast du deine Stellung gehalten. Kleiner Sun, nun mach, dass du fortkommst, aber merk dir: Du hast zwar deine Mutter verloren, aber die Organisation ist deine Mutter, die Partei ist deine Mutter, das Vaterland ist deine Mutter; um diese Sache mit deiner Mutter wird sich unsere Gemeinde sicher kümmern. So, und jetzt geh ins Krankenhaus zu deiner Mutter! "

Das Bankett neigte sich dem Ende zu, und "Schritte in die Naturwissenschaft" begann, sich in Tinglin einzurichten, während die Gemeinderegierung begann, Bestechungsgelder an das Fernsehteam zu verteilen, in der Hoffnung, "Schritte in die Natur wissenschaft" könnte ein bisschen länger bleiben und nebenbei etwas über den wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau der Gemeinde berichten, bevor es wieder abreiste. -

Der chinesische Schriftsteller Han Han hat sich mit seinem Blog und seinen Romanen besonders unter den jungen Chinesen eine Fangemeinde erschrieben - und so mancher fragt sich: Warum darf der Mann unzensiert schreiben, was er schreibt? So ist Han Han ein heftiger Kritiker des nahezu heiligen chinesischen Bildungssystems, über das er sich in seinem ersten Roman lustig machte. Aber auch die Partei, der chinesische Fortschrittsglaube und chinesische Politiker sind vor seiner spitzen Feder nicht sicher. Bislang hat Han Han Übersetzungen seiner Stücke ins Deutsche oder Englische abgelehnt. Dies hier ist eine Premiere, die dem Einsatz des brand eins-Autors Wolf Kantelhardt zu verdanken ist, der seit acht Jahren als Entwicklungshelfer in Peking lebt.