Der Leichtbaumeister

Gerd Niemöller ist ein passionierter und eigensinniger Tüftler. Aus Ärger hat er einen Werkstoff entwickelt, der das Bauen revolutionieren könnte: federleicht und stabil, vielseitig verwendbar und billig - die Wunderwabe.




- In der Mitte des Konferenztisches finden sich Kaffeelöffel und Zuckertütchen. Sie stecken in Waben aus braunem Papier. Diese sind so hoch wie eine Espressotasse und auf ein Stück Pappe geklebt. Der Zuckertütenhalter fühlt sich labberig an. "Diese Wabe ist der Kern von allem", sagt Gerd Niemöller. "Es gibt nichts, was mit ihr nicht geht."

Niemöller kann man ebenso leicht unterschätzen wie seine Wabe. Er trägt ein kurzärmeliges Freizeithemd, das über den Bund seiner Jeans hängt. Der blonde Vollbart wird langsam weiß. Mit breitem Kreuz, blauen Augen und norddeutschem Akzent passt der Mann prima ans Ruder einer Segeljacht. Aber als Ingenieur?

Der 59-Jährige hat einen Werkstoff erfunden, der das Zeug hat, die Welt zu verbessern. Seine Waben sind so leistungsfähig wie Hightech-Material aus dem Flugzeugbau, lassen sich aber zu einem massenmarktfähigen Preis herstellen. Mit diesen Waben kann man in Entwicklungsländern und Katastrophengebieten Häuser bauen. Sie taugen zur Sanierung von Altbauten. Weil sie leicht sind und trotzdem stabil, bieten Wabenpaneele zudem im Fahrzeug- und Schiffbau verblüffend neue Möglichkeiten.

Niemöller stammt aus Lübeck und hat in Hamburg Maschinenbau studiert. Seither arbeitet er als freiberuflicher Ingenieur. "Fest angestellt zu sein ist nix für mich", sagt er. Vor einigen Jahren hat ihn eine Firma in Rostock als Berater engagiert. Sie baut schwimmende Häuser. Niemöller erkannte schnell, dass der Ponton, der die Grundlage dieser Gebäude bildete, nichts taugte. Er bestand aus einem Sandwich-Material auf der Basis von Kunststoffschaum. Der Ingenieur machte, so erzählt er, darauf aufmerksam, dass sich dieses Sandwich nach einigen Jahren auflösen könnte, was dann schlecht wäre für den Hausbesitzer. Er drängte die Geschäftsleitung vergeblich, ein besseres Material zu entwickeln. "Ich hab' mich mit denen überworfen und bin gegan gen", sagt er unumwunden. "Gegen Dummheit kämpfen selbst die Götter vergeblich."

Im Konferenzraum am Stadtrand von Kiel steht Niemöller auf und holt eine Platte, die an der Wand lehnt. Sie ist drei Zentimeter stark und besteht aus den gleichen Papierwaben wie der Zuckertütenhalter. Das Paneel ist so leicht, dass man es bequem mit zwei Fingern halten kann. Aber auch so stabil, dass es ein Gewicht von 440 Tonnen aushält.

Das Problem mit den schwimmenden Häusern hat seinen Ehrgeiz angestachelt: ein Leichtbaumaterial zu entwickeln, das bezahlbar ist. Es geht ihm um die Quadratur des Kreises: Der Werkstoff, den er suchte, muss nicht nur leicht, sondern auch haltbar sein. Ferner soll er stabil und gut zu verarbeiten sein. "Ich bin Ingenieur aus Leidenschaft", sagt er über sich. "Als Berater habe ich so gut verdient, dass ich mir Auszeiten leisten kann, um eigene Projekte zu entwickeln."

Niemöller schaut aus dem Konferenzraum im ersten Stock. Die wenigen Parkplätze vor der kleinen Fabrik sind alle belegt. Er als Chef hat keinen reservierten Stellplatz, deshalb parkt sein Auto am Bordstein. Eine silberne S-Klasse, die er sich als rollendes Zuhause eingerichtet hat. Im Fußraum liegen Perserteppich-Läufer, an der Stange über der Rückbank hängen karierte Hemden zum Wechseln. "Dieses Auto ist bequem, und das Fahren ist für mich Meditation. Hier kommen mir die besten Ideen." An der Windschutzscheibe klebt eine Schweizer Autobahnvignette. Niemöller pendelt jede Woche zwischen Kiel und Schaffhausen, wo er wohnt. Das Unterwegssein sei ein wichtiges Prinzip für seine Arbeit. "Ein guter Ingenieur muss wie ein Wandergeselle sein", sagt er. "Weil er ständig Neues sieht, sammelt er Erfahrungen. Und bekommt so das Selbstvertrauen zum Querdenken, das er braucht, wenn er vor einem neuen Problem steht."

Natürlich kannte Niemöller die Honeycomb-Technik, die hauptsächlich in der Luft- und Raumfahrt eingesetzt wird: Aus Aluminium oder Kevlarfasern stellt man, wie die Bienen, Waben mit einer regelmäßigen sechseckigen Struktur her und versieht diese in aufwendigen Verfahren mit Deckschichten. Ein solches Waben-Sandwich ist leicht und hält extreme Belastungen aus, ist aber in der Herstellung sündhaft teuer.

Weil der Ingenieur in seinem Berufsleben viel herumgekommen ist, kannte er aber auch eine Firma, die Arbeitsplatten für die Küche herstellt. Sie tränkt Papier mit Kunstharz, das ergibt eine kratz- und schnittfeste Oberfläche. Irgendwann fanden in Niemöllers Hirn Möbelbau und Hightech zusammen, und er stellte sich die Frage: Wie wäre es, den Wabenkern aus Papier zu fertigen? Er tüftelte, bis er die Lösung fand: 0,4 Millimeter dünnes Papier wird mit Harz getränkt und bei einem Druck von rund 30 Bar und einer Temperatur von 200 Grad in Wabenform gepresst. "Das ist die Hochleistungswabe für den Massenmarkt", sagt der Erfinder. "Ein Quadratmeter der Hightech-Wabe aus Aluminium kostet 80 Euro, wir können ihn für 1,50 Euro produzieren."

Im Juni vergangenen Jahres hat Niemöller mit Partnern The Wall AG gegründet. Der Firmensitz ist in Schaffhausen in der Schweiz, der Vertrieb arbeitet im nordrhein-westfälischen Ratingen. Die Wabe wird unter dem Namen SwissCell vermarktet.

"Herr Niemöller sitzt auf Wolke sieben und hat oft keine Bodenhaftung", sagt Harry Klein. "Aber bei der Wabe war ich mir gleich sicher: Das ist der Hammer." Klein steht in der Werkstatt, eine Etage unter dem Konferenzraum, und es ist bezeichnend für dieses Unternehmen, dass er so offen über seinen Chef sprechen kann. Er hat für ihn schon etliches entwickelt, darunter auch richtige Schnapsideen. Klein ist Fertigungstechniker, hat kräftige Arme und schwarze Hände. Wenn er redet, schiebt er die Linke gern in die Hosentasche seines Blaumanns. Der Mann ist 72 Jahre alt, die Brille fürs Gucken in die Nähe sitzt auf seiner Nasenspitze, sein schütteres Haar und der Dreitagebart sind weiß. Seine buschigen Augenbrauen sehen aus, als habe der Fahrtwind sie nach oben geföhnt. Klein fährt eine Suzuki Hayabusa. Das ist ein Motorrad mit 197 PS, dessen Höchstgeschwindigkeit der Hersteller auf 298 Stundenkilometer gedrosselt hat.

Der Erfinder ist anstrengend, aber fair: Man kann ihm deutlich die Meinung sagen

In der Werkstatt riecht es nach Schmiermittel. Die lindgrün gestrichenen Maschinen zeigen Gebrauchsspuren. Harry Klein hat in dieser Fabrik am Nord-Ostsee-Kanal mal 120 Leute beschäftigt. "Ich hab' im Berufsleben einige Beulen abgekriegt", sagt er trocken. Seit die Firma pleiteging, darf Klein nur noch den Pfändungsfreibetrag verdienen. Trotzdem arbeitet er sechseinhalb Tage die Woche. Abends geht er gegen halb acht nach oben in die Wohnung über der Werkstatt. Nach dem Abendessen geht er dann noch mal runter, vergangene Woche hat er um 23 Uhr eine Zeichnung zu Niemöller ins Büro gebracht, der dort noch mit einem jungen Ingenieur saß: "So könnte es gehen."

Klein baut die Presse, die Niemöllers Waben in Serie fertigt, und löst die Detailprobleme: Wie muss der Stempel beschichtet sein, damit das Harz nicht anhaftet? Welche Kupplung brauchen die Hydraulikschläuche? "Er ist der Maschinenbauer meines Vertrauens", sagt Niemöller über ihn. Weil Kleins Werkstatt in Kiel ist, hat Niemöller hier seine Entwicklungsabteilung gegründet. Er hat sich bei Klein eingemietet, 30 Leute arbeiten an der Wabe.

Für Gewerkschafter wäre dieses Unternehmen ein hoffnungsloser Fall. "Herr Niemöller ist ein Quell von Ideen, der ständig sprudelt", sagt Harry Klein. "Manchmal ist das für seine Mitarbeiter ein Problem."

Jan Doege zum Beispiel, ein junger Ingenieur, hat am Ostersonntag um sieben Uhr in der Frühe einen Anruf von Niemöller bekommen, weil dem gerade mal wieder eine neue Lösung durch den Kopf ging. Doege ist Kitesurfer, deshalb hat er sich über den Arbeitsplatz in Wassernähe gefreut. Zu früh. Dieses Jahr hatte er kaum Zeit für sein Board. Nur heute Abend, da darf er den Neoprenanzug anziehen. Um auf der Kieler Förde die Schwimmeigenschaften des wasserfesten Sandwichs zu testen.

Doege macht kein Hehl daraus, dass er sich nach kürzeren Arbeitszeiten sehnt. Doch die Leidenschaft, mit der Niemöller und Klein ihre Entwicklung vorantreiben, strahlt auch auf ihn ab. "Harry Klein hat das Fingerspitzengefühl, das man nur mit 50 Jahren Erfahrung bekommt", schwärmt er. Und die Teamarbeit begeistert ihn: Man kann sich offen die Meinung sagen. Auf direktem Weg, ohne Konferenzen, ohne Umwege über Vorzimmer. Und keine Hierarchie blockiert die bessere Idee.

Die Sache mit dem Vakuum zum Beispiel, die hat Harry Klein seinem Chef erfolgreich ausgeredet. Der war zuerst völlig begeistert von einem Nebeneffekt seiner Erfindung: Weil jede Wabe im Paneel ein eigenes Vakuum bildet, hat die Platte einen viel besseren Wärmedämmwert als herkömmlicher Hartschaum. Das macht sie zu einem idealen Werkstoff für den Hausbau. Doch Klein hielt mit der Skepsis des Praktikers nicht hinterm Berg: Wie lange hält das Vakuum? Das lässt sich bei diesem neuen Material nicht vorhersagen, die Zeit lässt sich auch nicht in Tests simulieren. Irgendwann wird das Paneel undicht, "und dann kriegen die Eskimos 'nen kalten Arsch".

Niemöller ließ sich überzeugen. Jetzt bekommen die Waben statt des Vakuums eine Füllung, die für dauerhaften Dämmwert sorgt. Woraus diese Füllung besteht, das bleibt Betriebsgeheimnis. Mit dem ganzen Stolz des Erfinders zeigt Niemöller dagegen einige Muster, die belegen, was man mit der Wabe alles machen kann: Mit Sandstein beschichtet dient sie als Fassadenplatte im Wohnungsbau. Mit durchsichtiger Außenhaut eignet sie sich für ein selbsttragendes Gewächshaus und bietet somit eine bezahlbare Alternative zu den Orgien aus Plastikfolie, mit denen Spanien seine Gemüseanbaugebiete verschandelt. Mit einer Glasfaser-Deckschicht werden die Waben zum Propellerblatt einer Windkraftanlage, was 80 Prozent Gewicht einspart.

Im Wintersemester wird Professor Jürgen Ruth an der Bauhaus-Universität Weimar ein Entwurfsseminar zum Bauen der Zukunft leiten. Seine Studenten sollen Modelle entwickeln, wie man mit den SwissCell-Waben mehrstöckige Häuser bauen kann. Ruth sitzt auf dem Lehrstuhl für Tragwerkslehre und ist von diesem Konstruktionsmaterial überzeugt. "Bald werden viele sagen: Das haben wir schon immer gewusst."

Wabenhäuser, Wabenwindrotoren, Wabenautos: Niemöllers Fantasie kennt keine Grenzen

Auf dem kleinen Rasenstück vor der Fabrik in Kiel steht ein weißer Bungalow. Den hat Dirk Donath entworfen, Professor für Architektur in Weimar. Dieses "Universelle Welt-Haus" ist konstruiert für Entwicklungsländer und Katastrophengebiete. Das flache Dach und die Wände, die Betten und Möbel, die Duschkabine und die einfache Haustür - alles ist aus Wabenpaneelen gebaut. Das Baumaterial ist billig, die Platten sind an einem halben Tag zusammengefügt. Ein Unternehmer aus Nigeria möchte mit diesem Modulsystem 2300 Wohnungen bauen.

"Ich bin kein Gutmensch", sagt der Ingenieur Niemöller, "aber die Zukunft ist entweder ethisch oder gar nicht." Seine Paneele sollen helfen, das Leben von Millionen von Slumbewohnern zu verbessern. Sobald Harry Klein der Presse die Kinderkrankheiten ausgetrieben hat, soll diese im Container nach Nigeria verfrachtet werden. Dort soll sie, angetrieben von einem eigenen Block heizkraftwerk, an Ort und Stelle das Baumaterial für die neue Siedlung in Lagos produzieren. Vor dem geistigen Auge des Erfinders stehen seine Pressen an allen möglichen Brennpunkten dieser Welt. Seine Vision klingt katastrophentauglich: "Nach einem Erdbeben wie in Kobe schicken wir zehn mobile Hausfabriken hin, und nach ein paar Wochen haben eine Million Leute wieder ein Dach über dem Kopf."

Am Eingang warten zwei Besucher. Die Herren bauen Windkraftanlagen und interessieren sich für die SwissCell-Rotorblätter. Aber vorher muss Niemöller wenigstens noch kurz vom Rinnen kraftwerk berichten, dessen Parabolspiegel in der Sonne der Sahara Strom für Europa erzeugen und dessen Kondenswasser die Wüste ergrünen lassen soll. Wenn die Waben Gewinn abwerfen, will der Erfinder mit diesem Geld ein SwissCell-Elektroauto entwickeln, das sich jeder leisten kann. Niemöller träumt nicht von Millionen. Er will seine Ideen verwirklichen. "Deshalb bin ich ein fröhlicher Mensch und nicht ausgebrannt", urteilt er über sich selbst. "Ich arbeite in euphorischem Stress."

Damit die Entwicklungsmöglichkeiten seiner Wunderwabe ihm nicht über den Kopf wachsen, hat Gerd Niemöller kürzlich einen Geschäftsführer eingestellt. "Die Buchhaltung liegt mir nicht so im Blut", gibt er zu. Der junge Mann, der sein Büro einen Stock tiefer hat, ist vorher kurz durchs Treppenhaus gehuscht. Wie alt ist er?

Das klärt Niemöller sofort. Er greift zum Handy. "Nic, wie alt bist du? 27? Was, schon so alt?"

Nicolas Niemöller ist sein Sohn.-