Cocktails gegen die Cholera

Medizinischer Fortschritt kann schwierig, aufwendig und teuer sein. Oder einfach und billig. Wie dieses Beispiel aus Bangladesch zeigt. Eine Geschichte von Menschen, die sehr gründlich nachdenken. Und sich dann in die Arbeit stürzen.




- Als Shaira Islam mit ihrem Sohn Nazmul auf dem Arm um acht Uhr früh im Cholera-Hospital ankommt, geht alles ganz schnell. Eine Krankenschwester winkt sie aus der Warteschlange vor dem Eingang, lotst sie an einem großen Zelt voller Patienten vorbei und legt Nazmul in eines der 40 Gitterbetten der Notfallaufnahme. Keine Minute später steckt eine Infusionsnadel in seinem Arm, und die rettende Salzlösung rinnt in seine Vene.

In Bangladesch herrscht Monsun. Weite Regionen sind in der schmutzigen Flut versunken, und das in einem Land, dessen arme Bevölkerung schon zu normalen Zeiten des Jahres nicht genug sauberes Trinkwasser hat. Hochsaison für Seuchen und Durchfallerreger. Darum die Extrazelte vor dem Krankenhaus.

In der Nacht zuvor hat bei Nazmul heftiger Durchfall eingesetzt. Und der erste Verdacht der Mutter heißt: Cholera. In Bangladesch weiß es jeder: Während der Regenzeit sterben Tag für Tag tausend Kinder an Durchfall und den Folgen. Der 19 Monate alte Nazmul ist ihr einziges Kind, drei seiner Geschwister hat sie bereits verloren. Doch sie muss warten, bis ihr Mann von der Arbeit zurück ist. Allein traut sie sich nachts nicht auf die Straßen des 12-Millionen-Molochs Dhaka. Zwar gibt es auch in ihrer Nähe Kliniken, aber die Mutter will unbedingt ins Cholera-Hospital, "denn hier wird Nazmul bestimmt gesund", sagt sie.

Die Klinik ist weit mehr als ein Vorzeige-Krankenhaus mit kostenloser Behandlung. Es ist ein Forschungsinstitut, wie man es nicht erwartet in Bangladesch, das Schlagzeilen mit Tropenstürmen, Überschwemmungen, Elend und Korruption macht. Das einheimische Bildungssystem gilt als miserabel, doch das International Centre for Diarrhoeal Disease Research, Bangladesh - gebräuchlich ist nur die Abkürzung ICDDR, B - betreibt seit seiner Gründung vor fast 50 Jahren Spitzenforschung: höchst wirksam und gezielt im Dienst der Menschen in den Entwick lungsländern. "Selten haben so wenige das Leben so vieler verbessert", lobte der damalige Unicef-Direktor James Grant die Arbeit der Mediziner in Dhaka.

So war das Institut vor rund 40 Jahren maßgeblich an der Entwicklung einer Arznei gegen Durchfallerkrankungen beteiligt, die im Fachmagazin "The Lancet" als "möglicherweise größter medizinischer Fortschritt des 20. Jahrhunderts" gepriesen wurde. "Diarrhö tötet durch Austrocknung", sagt Azharul Khan, ein leitender Arzt am Institut. Eine einfache Arznei namens ORS (oral rehydration solution) kann dies verhindern: ein Getränk, das Zucker und Salze in bestimmter Konzentration enthält. Dieser Cocktail ermöglicht es dem angegriffenen Darm, wieder Flüssigkeit und Salze aufzunehmen. Mehr braucht es nicht, um alljährlich drei Millionen Menschenleben zu retten.

Neue Studien, an denen das Institut ebenfalls großen Anteil hat, zeigen: Simple Zinktabletten reduzieren die Sterblichkeit von an Durchfall erkrankten Kleinkindern nochmals drastisch. In Zahlen ausgedrückt: 30 000 bis 75 000 tote Kinder weniger allein in Bangladesch, etwa 400 000 weltweit - in einem einzigen Jahr.

Falls denn alle Kinder, ob sie an Cholera leiden, am Rotavirus oder sonst einem Durchfallerreger, die neue Arznei bekämen. Noch aber ist es nicht so weit. Eben deshalb arbeiten die Ärzte und Forscher in Dhaka daran, zum Beispiel Azharul Khan.

Als Bangladesch 1971 um seine Unabhängigkeit von Pakistan kämpfte, starben die Flüchtlinge in den Lagern zu Zehntausenden an der Cholera. Da nahm sich ein Arzt ein Herz und setzte die neuartige ORS ein - ein Verstoß gegen die herrschende Lehre, sagt Khan. Denn anders als bei Infusionen konnten auch Laien die ORS anrühren und verabreichen. Viele Ärzte hielten das für gefährlich, doch mit ihrem ungenügenden Vorrat an Infusions lösung konnten sie den Massen an Patienten nicht mehr helfen. Mit ORS kam der Durchbruch: Die Todesrate in den Lagern sank drastisch. Heute ist das Mittel überall bekannt, wo Diarrhö grassiert. "In Bangladesch kennen es alle", sagt Khan, "wirklich alle, auch in den abgelegensten Winkeln und den Armenvierteln."

Wie wichtig das ist, zeigt sich in der Notfallaufnahme des Cholera-Hospitals. Eine halbe Stunde, nachdem Schwestern bei Nazmul die Infusion gesetzt haben, untersucht Khan das reg lose Kind, an dessen eingefallenen Augen die starke Austrocknung des Körpers deutlich wird. Nebenan liegen bewusstlose Patienten, manche an gleich zwei Infusionsschläuchen. Ein Anblick, bei dem sich einem der Magen zusammenkrampft - aus Beklemmung über die verheerende Wirkung der Cholera, die nach nur einem halben Tag einen Erwachsenen so austrocknen kann, dass er ins Koma fällt. "Wir sprechen darum lieber von Diarrhö", sagt der Arzt. "Schon das Wort Cholera versetzt die Menschen in Angst. Sie sehen dann nur noch den Tod."

Khan zieht einen Kessel unter Nazmuls Lager hervor. Ein Schlauch aus Wachstuch, vernäht mit der Unterlage, auf der Nazmul liegt, leitet seinen Stuhl direkt in das Gefäß. Auch diese Cholera-Pritsche ist eine Erfindung des Instituts. Entkräfteten Patienten erspart sie den Weg zum Klo, ihren Angehörigen das ständige Säubern der Kranken. Und den Ärzten erleichtert sie die Arbeit: "Das Aussehen des Stuhls dient uns zur Schnelldiagnose", sagt Khan. Bei manchmal 600 neuen Patienten täglich sind genauere Tests für alle nicht zu schaffen. "Nazmuls Stuhl sieht aus wie Wasser, in dem man Reis kocht: Auf der gelblichen Flüssigkeit schwimmen kleine Schaumstücke das könnte Cholera sein. Ernst ist es auf jeden Fall." Khan spricht kurz mit der Mutter. "Sie hat dem Jungen in der Nacht ORS eingeflößt. Das hat ihm wohl das Leben gerettet."

Bereits um 10 Uhr, zwei Stunden nach Ankunft in der Klinik, trägt die Mutter Nazmul von der Notfall- in die Kinderabteilung. Seine Pritsche wird gebraucht. Der schreiende Junge wird gewogen und ins Gitterbett gelegt. Um ihn herum hundert andere Kinder; alle leiden sie an Diarrhö. Im gekachelten Raum hängt ein stechender Geruch: der Hauch der Cholera. Shaira Islam kuschelt sich an ihren kleinen Sohn und deckt ihn mit ihrem Sari zu. "In einer halben Stunde ist der Infusionsbeutel leer. Dann muss die Mutter den Jungen mit ORS aufpäppeln", sagt Khan. In großen Plastikkrügen steht die Mixtur auf dem Tisch bereit. Die Mütter bleiben rund um die Uhr bei ihren Kindern und füttern sie mit der ORS. So lernen sie die lebensrettende Prozedur, damit sie für künftige Notfälle vorbereitet sind. Und dazu noch vieles über Impfung, Hygiene, Ernährung und besonders das Stillen - weil es für den Schutz vor Infektionen wichtig ist. Das Füttern mit Fläschchen sei im Cholera-Hospital deshalb verboten, sagt Khan. "Bei unserem Zulauf können wir viele Familien aufklären." Seit einiger Zeit schärft er den Müttern nun auch noch die neueste Botschaft ein: "Gebt euren kranken Kindern Zink! "

Wenn es doch nur so einfach wäre. Dann hätten Tracey Koehlmoos und Hazera Nazrul einen leichteren Job. Beide sind Mitglieder des Suzy-Teams - wobei Suzy für "Scaling Up Zinc for Young children with Diarrhoea" steht. Es geht darum, jedem Kind im Land die Behandlung mit Zink zu ermöglichen. Nazrul arbeitet seit Jahrzehnten hier und war schon an den Programmen zur Verbreitung der ORS beteiligt. Die US-Amerikanerin Koehlmoos ist seit vier Jahren am Institut, das wie alle renommierten Forschungsstätten weltweit Experten aus vielen Ländern anzieht.

"Am Anfang stand die Beobachtung, dass Diarrhö grassiert, wo Kinder an Zinkmangel leiden", sagt Suzy-Chefin Koehlmoos. Das Spurenelement kommt vor allem in Fleisch vor, das für viele Menschen in Entwicklungsländern als Nahrungsmittel unerschwinglich ist. Konsequenz: ein geschwächtes Immunsys tem, häufige Infektionen, immer wieder Durchfall, ein Teufelskreis aus Mangelernährung und weiterer Schwächung, der das Wachstum und die geistige Entwicklung stört. So viele Kinder sind davon betroffen, dass es die Entwicklung vieler Länder bremst. Darum gaben Ärzte am Cholera-Hospital ihren kleinen Diarrhö-Patienten seit den neunziger Jahren Zink, und Studien belegten die Wirkung: Schutz vor weiteren Infektionen für drei Monate, damit verbunden die Halbierung der Todesrate in dieser Periode. "Da hatten die Forscher am Institut also dieses wunderbare Mittel. Doch nun mussten sie die Menschen dazu bringen, den Zink-Song mit ihnen zu singen", sagt Koehlmoos.

So kommt unbekannte Arznei unters Volk: durch Werbung, als ginge es um Coca-Cola

Im Jahr 2003 feierte das Institut Jubiläum. Unter den Gästen war Bill Gates. Dessen Gesundheitsstiftung hatte zwei Jahre zuvor einen Preis ausgeschrieben - und ihn als Erstes den Forschern in Dhaka zugesprochen. Nun war Gates erneut in Spendierlaune. Ob er denn einen konkreten Wunsch habe, fragte er den Direktor des Instituts. Der antwortete: "Zink! Zink für alle Kinder." So wurde unter Tracey Koehlmoos' Vorgänger, dem Kanadier Charles Larson, das Suzy-Projekt geboren. Nur: Wie bringt man als Wissenschaftler seine frohe Botschaft unters Volk? Zahlreich sind die Fälle, in denen es zwar ein gutes und billiges Mittel gegen eine Krankheit gibt, das aber kaum jemand einsetzt. Selbst die erfolgreiche ORS ist ein Beispiel dafür. In Bangladesch erreicht die Einsatzrate 80 Prozent, in anderen Ländern sind es weit weniger. Ähnliches gilt für Mückennetze zum Schutz vor Malaria.

Seit drei Jahren hat Hazera Nazrul daher zahllose Häuser und Hütten besucht, um Müttern, Vätern und Ärzten Dutzende von Fragen zu stellen - die letztlich alle auf die eine große Frage zielen: Wie bringen wir das Zink zu den Kindern? "Ich bin nie dabei", sagt die hellhäutige Koehlmoos und lacht. "Es gäbe nur Menschenaufläufe und würde alle vom Thema ablenken." Am Nachmittag wird Nazrul wieder aufbrechen, in das Armenviertel Baistheki Bosti in Dhaka. Da bleibt vorher noch kurz Zeit für einen Besuch beim kleinen Nazmul.

13 Uhr. Der zweite Infusionsbeutel ist leer. Der Junge steht auf seiner Pritsche und mault. "Er mag die ORS nicht", sagt seine Mutter. "Er will lieber Reis." Azharul Khan nickt und sagt: "Das ist ein gutes Zeichen." Um Reis dreht sich in Bangladesch alles. Sogar die ORS wird im Cholera-Hospital standardgemäß nicht mit Glukose angesetzt, sondern mit Reisstärke. Diese werde im Darm in Zucker umgewandelt, sagt Khan, und das Reiswasser werde besser akzeptiert, weil es als nahrhaft gelte. Ein Blick in Nazmuls Eimer überzeugt Khan, dass der Kleine nicht an Cholera leidet, sondern am Rotavirus. Doch das bedeutet keine Entwarnung. Für Kinder ist auch dieser Erreger gefährlich. Noch immer ist Nazmuls Stuhl dünn wie Wasser. "Heute kann er noch nicht nach Hause", ordnet der Arzt an, bevor er davoneilt.

Wie stets bei ihren Befragungsrunden wird Hazera Nazrul vom Suzy-Team auch an diesem Nachmittag in Baistheki Bosti freundlich begrüßt: "Die Menschen behandeln mich wie ihre Mutter oder Schwester." Mit Sari und Kopftuch unterscheidet sie sich äußerlich nicht von den Bewohnerinnen des Armenviertels. Mongila Begum ist die Erste, die sie besucht. Sie bittet Nazrul in ihren einzigen Raum, gebaut aus Bambus und Wellblech. Alles ist blitzsauber. Neben dem Bett ist kaum Platz auf dem Boden für die Auberginen auf den Tüchern und die Fische daneben. Begum kocht und verkauft das Essen, ihr Mann ist Rikschafahrer. Sie haben drei Söhne, der jüngste ist knapp drei. Vor drei Monaten litt er das letzte Mal an Durchfall. "Wir zogen vor drei Jahren hierher, im Dorf gab es keine Arbeit", sagt Begum. Es gehe ihnen jetzt besser als zuvor. Die Bevölkerung der Armenviertel Dhakas wächst jährlich um sieben Prozent. Das verschärft die Probleme mit der katastrophalen Wasserversorgung - und trägt bei zur Diarrhö.

Die Befragungen lieferten Informationen, wie viel die Ärmsten für die Zinktabletten zahlen können. 17,5 Taka kosten sie jetzt, etwa so viel wie ein halbes Kilo Reis. Der einheimische Hersteller Acme verzichtet bei diesem Preis auf Gewinn. Die Interviews legten auch die Basis der Marketingstrategie für das neue Produkt, das zuvor keiner kannte. "Uns war bald klar, dass wir eine massive Werbekampagne brauchen, die jeden Winkel des Landes erreicht", sagt Nazrul. Vor 25 Jahren zog sie mit 1200 Freiwilligen noch von Tür zu Tür, um die ORS bekannt zu machen. Heute haben in Bangladesch fast alle Zugang zu billigen Handys und einem Fernseher. Darum wollten die Suzy-Wissenschaftler mit den Millionen der Gates-Stiftung eine Kampagne starten, wie sie sich sonst nur finanzstarke Konzerne leisten können. Doch bevor sie beginnen konnten, erlitten die Forscher gleich mehrere Rück schläge, die alles infrage stellten.

Der kleine Nazmul und seine Mutter machen Ähnliches durch.

Am nächsten Morgen hängt am Bett des Kindes ein gelber Wimpel, den die Nachtschwester angebracht hat. "Das bedeutet: ein Rückfall", sagt der Arzt Khan. Bei so vielen Patienten brauche es ein System, das schnell Übersicht verschafft. Rot heißt: Hier ist es sehr brenzlig. Grün: Diesen Patienten hat noch kein Arzt untersucht. "Um elf begann das Erbrechen erneut", sagt die Mutter. "Und Nazmul nahm keine ORS." Da habe sie ihren Mann angerufen: Sie fürchte um Nazmuls Leben. Seine Augen sind tief ein gefallen, kein Gequengel, nur Apathie. Die Schwester legt Nazmul wieder an einen Tropf. Warten. Bangen.

Die Rückschläge für Suzy fingen mit einem Aufstand der Ärzte an, sagt Tracey Koehlmoos. "Sie warfen meinem Vorgänger Larson vor, er missbrauche die Kinder als Versuchskaninchen, obwohl die wissenschaftlichen Daten klar waren." Larsons Fehler: Er hatte sich die Unterstützung des Gesundheitsministers gesichert, aber nicht mit den Beamten und Ärzten gesprochen. Dazu kam, dass die Nichtregierungsorganisation (NGO), mit der er die Kampagne führen wollte, unter Protest ausstieg. Sie befürchtete, die Werbung für Zink werde den Gebrauch von ORS vermindern. Zuletzt stuften die Behörden Zink als Medikament ein, für das nicht geworben werden dürfe.

Darauf nahm Larson die Ärzte und Beamten so lange ins Gebet, bis sie ihre Unterstützung zusagten. Anstelle der NGO holte er eine Werbeagentur ins Boot. 2006 endlich, drei Jahre nach dem Start, rollte die "Baby Zinc"-Welle an. Den Namen hatten die Wissenschaftler und Werber gemeinsam ausgeheckt. "Cring ... cring ... Baby Zinc", lautete der Slogan. "Cring ... cring", so klingeln die allgegenwärtigen Rikschas in den Ohren der Bangladeschis. In den Werbespots sah man zwei Kinder durchs Land radeln, die eifrig klingelten und "Baby Zinc" propagierten. Im beliebtesten TV-Sender lief eine Soap, bei der in jeder Folge ein Kind an Durchfall erkrankte - und natürlich mit Baby Zinc kuriert wurde. Busse wurden mit der Botschaft bemalt, Rikschas, Hauswände. "Manchmal kommt es mir seltsam vor, dass wir Wissenschaftler ein Produkt anpreisen wie Coca-Cola", sagt Koehl moos. Um wirklich alle zu erreichen, zogen Volksmusik- und Theatergruppen durch die Dörfer und sangen den Zink-Song; stets wurde auch ORS erwähnt, um klarzumachen: Beides ist nötig.

Wen immer man jetzt in Bangladesch auch fragt, der antwortet: " Ja, klar! Cring ... cring ... Baby Zinc! " Die Umfragen Hazera Nazruls belegen: In 18 Monaten schoss der Bekanntheitsgrad von Baby Zinc von null auf 75 Prozent. "Plötzlich aber kam es zum abrupten Ende", sagt Koehlmoos. Vor einem Jahr ging das Geld aus, und die Gates-Stiftung sprang als Finanzier nicht erneut ein. Das Projekt steckte in einer kritischen Phase fest: Zwar war die Marke nun bekannt, aber nur 17 Prozent der Mütter setzten das Medikament auch ein. "Verhalten zu ändern ist schwierig", sagt Koehlmoos. "Wie viele Menschen rauchen, obwohl sie genau wissen, dass es schädlich ist?"

Mitverantwortlich für die Kluft zwischen Bekanntheit und Nutzung war eine folgenschwere Fehleinschätzung der Forscher: Um Baby Zinc an die Mütter zu bringen, hatten sie auf das staatliche Gesundheitssystem gesetzt. Sie hatten sogar Teile ihrer knappen Mittel in Zinktabletten investiert, damit die leere Staatskasse nicht belastet wurde. Und übersehen, dass nur wenige das öffentliche Gesundheitswesen nutzen, das wegen schlechter Behandlung und unfreundlichen Personals keinen guten Ruf hat. Auch dies kam durch Nazruls Befragungen zutage, allerdings erst, als kaum mehr Geld da war, um den Fehler zu korrigieren.

Alltag in Bangladesch, wo der Staat auch Institutionen wie das Diarrhö-Forschungszentrum immer wieder ausbremst, obwohl er es offiziell preist. Das 36-Millionen-Dollar-Budget finanzieren überwiegend ausländische Spender. Ein typischer Fall von Az harul Khan klingt so: "2007 behandelten wir während des Monsuns die Rekordzahl von 50 000 Patienten, und keiner starb an Diarrhö - aber 42 auf dem Weg zu uns, weil sie im Stau nicht durchkamen." Immer wieder hätten sie die Politiker angefleht, Außenstellen einrichten zu dürfen. Vergebens. Bis im April der Gesundheitsminister anrief: "Ihr bekommt Platz in einer unserer Kliniken. Unter einer Bedingung: Ihr müsst heute um 18 Uhr eröffnen." Da war es 11.30 Uhr. "Wir öffneten um 17.20 Uhr."

Es sei frustrierend, im eigenen Land stoße man auf solche Barrieren, dabei sei der Rat des Instituts weltweit gefragt. Mehr als 15 000 Fachleute aus vielen Entwicklungsländern kamen schon nach Dhaka, um von ihnen zu lernen. Immer wieder werden die Cholera-Experten bei Epidemien zu Hilfe gerufen. Khan war in Simbabwe im Einsatz, erst jüngst traf eine Bitte um Unterstützung aus Papua-Neuguinea ein. Und Tracey Koehlmoos berät Indien und Myanmar bei der Einführung des Zinks.

Inzwischen weiß ihr Suzy-Team: Der Weg zu den Müttern führt über die 200 000 "village doctors". Diese Dorfärzte gibt es in jedem Flecken. 90 Prozent aller Kranken suchen bei ihnen Hilfe, weil sie als verlässlich gelten. Nur sind die "village doctors" gar keine Ärzte, sondern Arzneiverkäufer mit minimaler Ausbildung. Ihre Buden, in denen es Aspirin, Präservative und Ayurve-da-Tinkturen gibt, sehen für westliche Beobachter nicht gerade vertrauenerweckend aus. Doch wenn der Dorfarzt einer Mutter Zink in die Hand drückt, bekommt ihr Kind es wirklich. Die Dorfärzte ihrerseits hören auf die Pharmavertreter. Was ausnahmsweise mal ein Glück sei, sagt Koehlmoos. Denn Acme drücke Baby Zinc mit Wucht auf den Markt, auch wenn die Firma nichts daran verdiene. "Es gibt sogar vier Nachahmerprodukte. Wir sind also auf dem richtigen Weg." Auf dem Weg, ausgetretene Pfade zu verlassen: 30 Jahre lang habe man versucht, die Menschen in Entwicklungsländern über staatliche Gesundheitssysteme zu erreichen. Nun sei es Zeit, Alternativen zu suchen, private Anbieter einzuspannen, auf Marketing zu setzen.

Das Suzy-Projekt ist typisch für das Cholera-Institut: Im Vordergrund steht die konkrete Hilfe für die Menschen. Oft braucht es dazu angewandte Forschung, die unter Wissenschaftlern weniger Ruhm verspricht als komplexe und teure Labor forschung - doch deren Ergebnisse bringen selten praktischen Nutzen. Viele Geldgeber unterstützen eher Prestigeforschung statt Lowtech-Projekte wie Suzy. Nur drei Prozent aller Forschungs- und Entwicklungsgelder für Diarrhö gehen in angewandte Forschung. "Zink ist einfach nicht sexy", sagt Koehlmoos, "und Diarrhö auch nicht." Die bringt zwar mehr Kinder um als Aids, Malaria oder Tuberkulose. Aber für diese drei Krankheiten werden fast alle Forschungsmittel ausgegeben. Doch Koehlmoos will weiterkämpfen. "Ohne neues Geld ließe sich das Ziel vielleicht auch erreichen - in 20 bis 30 Jahren. Für die tausend Kinder, die in Bangladesch jeden Tag an Durchfall sterben, dauert es viel zu lang."

Am nächsten Morgen im Cholera-Hospital. Nazmul hat zwar noch Durchfall, aber der Kleine mault wieder. Ein gutes Zeichen, findet die Assistenzärztin: Er darf nach Hause. Das Gröbste sei überstanden, das Bett wird gebraucht. Zu Hause stürzt er sich gleich auf einen Teller Reis. Seine Mutter weist auf die Handpumpe im Hof, die Ursache allen Übels: "Oft stinkt das Wasser. Darum kochen wir es ab, und Nazmul bekommt gekauftes Wasser aus der Flasche." Bis auf die eine verhängnisvolle Ausnahme vor drei Tagen. Aus dem Grund hat Azharul Khan tags zuvor an Nazmuls Krankenbett gesagt: "Sauberes Wasser für alle, das wäre eigentlich das Wichtigste." Aber das werde er wohl nicht mehr erleben. "Genau darum ist Baby Zinc so wichtig." -

Die Millennium Development Goals der UN Im September 2000 beschlossen die Vereinten Nationen acht "Millennium Development Goals". Diese Entwicklungsziele sollen bis zum Jahr 2015 erreicht werden und das Los der Ärmsten verbessern. Dazu gehören Schulunterricht für alle und die Halbierung extremer Armut. Die Zahl der Kinder, die vor dem fünften Lebensjahr sterben, soll im Vergleich zu 1990 um zwei Drittel gesenkt werden. Damals starben in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara 184 von 1000 Kindern dieser Altersklasse - fast ein Fünftel. 2006 waren es immer noch 157. In Südasien, wozu Bangladesch gehört, starben 1990 noch 120 Kinder von 1000, 2006 waren es 81. Das Gesamtziel sei gefährdet, warnen Experten. Ein Fünftel aller Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren - 1,6 Millionen pro Jahr - geht auf Durchfallerkrankungen zurück. Zwar gebe es wirksame und billige Medikamente, aber die erreichten kranke Kinder zu selten, schrieben Forscher im Fachmagazin "PLOS medicine". Dies sei "ein Skandal". Man müsse genauer untersuchen, wie vorhandene Arzneien zu den Patienten kämen. Diese Art von Forschung werde stark vernachlässigt. Bangladesch Die 156 Millionen Einwohner drängen sich auf einer Fläche, die nicht einmal halb so groß ist wie die von Deutschland. Trotz eines Wirtschaftswachstums von zuletzt vier bis sechs Prozent wird Bangladesch von der Uno immer noch zur Gruppe der 50 ärmsten Länder der Welt gezählt. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und muss mit einem Dollar oder weniger pro Tag auskommen. Bangladesch ist formell eine Demokratie, doch kommt es immer wieder zu Unruhen. Auf der Korruptionsliste von Transparency International belegt es unter 180 Ländern den 147. Platz.