Eine Entdeckung

Was ist Twitter? Eine Voliere voller Schwatzdrosseln? Oder ein Instrument der Aufklärung? Beides - und vieles mehr. Man braucht eine Weile, um das zu verstehen.




Ein Erfahrungsbericht der Kommunikationsexpertin Sabria David (Text-Raum),
die seit Dezember unter dem Namen meta_blum twittert.

- "Die meisten Menschen wissen nicht, was ein Tweet ist, und schlafen trotzdem ruhig", sagt Peter Glaser. Das beruhigt. Niemand lebt hinterm Mond, nur weil er nicht twittert oder von Twitter noch nie etwas gehört hat. Glaser gehört zur digitalen Avantgarde der ersten Stunde. Er wüsste es, wenn wir ohne Twitter nicht leben könnten.

Expedition ins Neuland

Bei einer Konferenz im vergangenen Jahr hatte ich meine erste Begegnung mit Twitter und merkte: Es macht denen, die es tun, Spaß. Und sie können es mir nicht erklären. Das machte es interessant, aber es reichte nicht, um mich selbst in das unbekannte Terrain vorzuwagen. Dann kam der neue Web-Experte in unsere Kommunikationsagentur. Ein Bekannter hatte ihn auf unseren Notruf hin noch am selben Tag mit einer zielgenauen Anfrage aus dem Twitteruniversum gefischt. Der Spaß schien also auch einen konkreten Nutzen zu haben. Aber was passiert da genau?

Chor der Vielstimmigkeit

Twittermeldungen sind zunächst ungefilterte Informationen. Ob relevante dabei herauskommen, hängt von der Medienkompetenz und den Filtern des Nutzers ab. Jeder Nutzer hat sein eigenes Twitter, das sich ihm subjektiv anpasst. Wenn jemand mir zu viel Parteipolitik sendet, schalte ich ihn ab. Wenn er mir nett auf eine technische Frage antwortet, schalte ich ihn an. Auch diese Unverbindlichkeit des Hin- und Weghörens gehört zu Twitter. Die mögliche Summe an klugen Diskursen ist ebenso groß wie die an Belanglosigkeiten. Das liegt daran, dass Informationen nicht per se wertvoll oder wertlos sind. Es kommt immer darauf an, auf wen sie treffen.

Eine Link-Liste zur Rechtsabtretung von "zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses unbekannten Nutzungsarten" ist für die meisten Menschen irrelevant. Nicht aber für die Autorin, die gerade einen Vertrag sichtet und diese Formulierung ratlos in den Äther twittert. Dass das Unkraut Gundermann hervorragend für Salat geeignet ist, kann für experimentierfreudige Köche eine nützliche Information sein. Der Satz "Das war Tschechisch" am Sonntagmittag springt vermutlich nur Eltern ins Auge, die ihn mit der Sendung mit der Maus in Beziehung setzen können. Das Bedürfnis nach Antwort, nach einem Gegenüber, trifft auf Menschen, die die jeweiligen Subtexte mitlesen können.

Mein digitaler Salon

Der Nutzen ist für jeden anders. Als Kommunikationsagentur müssen wir wissen, wie sich die Medienlandschaft verändert. Die Summe an Kommunikation bleibt gleich, aber die Medien, innerhalb derer sie stattfindet, wandeln sich. "Märkte sind Gespräche", kündigte schon das Cluetrain-Manifest zum Jahrtausendwechsel an. Auf Twitter kommen wir mit Menschen ins Gespräch. Mal sind es Kooperationspartner, mal potenzielle Kunden. Oder einfach Menschen, mit denen wir uns gern unterhalten. Interessen und Beruf, Profanes und Intellektuelles vermischen sich da. Wenn Tweets nicht reichen, greifen wir hier begonnene Themenstränge auf und spinnen sie in Blog-Beiträgen über die 140 Zeichen hinaus. Kündigen diese wieder auf Twitter an, was wiederum Interesse an unserem Blog erzeugt. Ein Abend mit kläglichem Fernsehprogramm führt zu der tröstlichen Gründung eines Instituts für Misanthropologie. Wir amüsieren uns dabei, in Echtzeit den Eurovision Song Contest zu kommentieren, als säßen wir gemeinsam im Wohnzimmer. Ich lese mehr denn je: Weil mir online laufend interessante Sachen empfohlen werden, die ich offline vertiefen möchte. Und manchmal befrage ich das Twitter-Orakel: Wenn ich es geschafft habe, mein Anliegen in einer 140-Zeichen-Frage zu formulieren, weiß ich die Antwort schon selbst. Das funktioniert.

An diesen Beispielen wird deutlich, dass Twitter kein reiner Nachrichtenkanal ist. Twitter verweist auf und verknüpft externe Medien (Videos, Bilder, Print/Online-Beiträge, Bücher, TV) und spiegelt die unterschiedlichen Rollen und Interessen seiner Nutzer. Wie gelingt es da, dass beim Twittern die Vielstimmigkeit nicht zur Kakofonie wird, sondern zu einer hörbaren Melodie?

Soziale Filter zähmen Wirrnis

Stellen wir uns Twitter als Babel vor, also als einen Ort unverständlichen Gebrabbels und Geplappers, ein gigantisches unverständliches Rauschen. Es wird nichts verstanden, gerade weil alles gesagt wird.

Soziale Filter bedeuten nun, die Summe an möglichen Zeichen und Äußerungen so weit zu reduzieren, bis nur noch das übrig bleibt, was zu einem spricht. Ein Informationsstrom, der verständlich wird.

Die Filtermechanismen greifen erst ab einer kritischen Masse. Ein bis zwei Handvoll Follower reichen für diesen Effekt nicht. Gewinnt das Geschehen aber an Fahrt und werden die Filter kontinuierlich gepflegt, kommen über diesen individualisierten Informationsstrom Dinge zu einem, von denen man vorher nie geahnt hätte, dass sie tatsächlich bedeutsam sind. Nutzen wir Twitter so, wird es zu einem mitdenkenden Medium. Gespenstisch treffend auch deshalb, weil durch Komplexität, Vieldeutigkeit und Diskursivität zu den Filtereffekten noch etwas Entscheidendes hinzukommt: Emergenz.

Fließend entstehen neue Muster

Das Internet ist ein Schriftmedium, das nach den Regeln der Mündlichkeit funktioniert. Das gilt insbesondere für die schriftlichen, quasimündlichen Diskurse und Gespräche, die auf Twitter entstehen. Twitter ist unberechenbar, es wandelt sich unter den Händen, die es greifen wollen. Sein Aggregatzustand ist fließend. Das sind ideale Bedingungen für Emergenz, für die Herausbildung neuer Bezüge und Muster bei komplexen Systemen. Das Neuentstandene lässt sich dann nicht mehr nur aus der Summe der Einzelteile beschreiben (wie auch die Leistungen des Gehirns und das Schwarmverhalten von Tieren nicht auf eine reine Addition von Teilaktionen zurückzuführen sind).

Emergenzphänomene sind die Grundlage von Kreativität und Voraussetzung für das Entstehen von Neuem. Innovation braucht Spiel. Das ist der Grund, weshalb es gerade auch für Unternehmen sinnvoll ist, sich mit Twitter zu befassen.

Wer möchte nicht dabei sein und sehen, was da entsteht?-

Und so funktioniert es:
- Unter http://twitter.com einen (kostenlosen) Account einrichten. Benötigt wird nur eine gültige E-Mail-Adresse.
- Mit dem Nutzernamen und dem gewählten Passwort einloggen.
- Was Sie jetzt (auch bei Klick auf "Home") sehen, ist Ihre Timeline. Hier laufen in umgekehrt chronologischer Reihenfolge die von Ihnen abonnierten Beiträge ein (also die neuesten oben).
- "Profile" listet Ihre eigenen Beiträge auf.
- Einen Tweet verfassen: In das graue Feld oben schreiben. Die Meldung darf nicht länger als 140 Zeichen sein. Die Zahl neben dem Feld zählt die Zeichen rückwärts von 140. Fertig? Dann mit "update" losschicken.
- Wem möchten Sie zuhören? Das können Sie auswählen. Am besten, Sie fangen mit ein paar Bekannten an: Über Namen oder Bild kommen Sie auf das Profil, dort das Feld "follow" anklicken.
- "following": Hier finden Sie die Liste der Menschen, denen Sie zuhören.
- "followers" sind Ihre Follower, die Ihren Meldungen folgen. Die können Sie nicht selbst aussuchen - die kommen zu Ihnen. Sie können Follower blocken.
- @replies: Stellen Sie einem Update "@Twittername" voran, wird die Meldung als Antwort an diese Person gerichtet (auch wenn diese Ihnen noch nicht folgt). Sichtbar ist die Antwort auch für andere, die Ihnen beiden folgen.
- "Direct Messages" können Sie im Gegensatz zur @reply nur an Leute senden, denen Sie und die Ihnen folgen. Sie können von keinem anderen mitgelesen werden.
- Es gibt eine Vielzahl von kostenfreien Applikationen, die es Ihnen unter anderem ermöglichen, Twitter zu strukturieren und auch mobil von unterwegs zu nutzen. Nutzen
Twitter ist ziemlich lange ziemlich langweilig. Bis etwa 80 Zuhörer tut sich nicht viel. Sie müssen zunächst einmal die kritische Masse an Gesprächspartnern aufbauen. Das geht so: Unverdrossen weiter in den Wald rufen und auf Antwort warten. Anderen antworten. Gespräche führen. Schreiben Sie sich an die 140-Zeichen-Textsorte heran. Nutzen Sie @replies, um zu antworten. Setzen Sie #Hashtags vor Stichworte, damit Ihre Leser die Bezüge nachvollziehen können. Zitieren ("retweeten") Sie Meldungen von anderen, geben Sie Informationen als Links weiter, probieren Sie aus, spielen Sie mit dem Medium. Denken Sie daran, immer zitierbar zu bleiben, Google liest Ihre Tweets mit. Erhöhen Sie allmählich die Zahl der Gesprächsteilnehmer, und schalten Sie gleichzeitig alles wieder ab, was langweilt, nervt oder nichtssagend ist. Seien Sie subjektiv. Geben Sie nicht auf.