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Alles echt. Ehrlich.

Jeder sehnt sich nach der Wahrheit. Wirklich? " ... Seit ich lebe, und das ist schon recht lange, habe ich noch keinen Menschen getroffen, der nicht für Gerechtigkeit und Wahrheit wäre. Für Gerechtigkeit und Wahrheit waren und sind immer alle. Jedenfalls bekennt sich keiner dazu, dagegen zu sein. Und alle sagen mir, die Gerechtigkeit sei auf ihrer Seite, mehr noch: Du sollst zu uns gehören, du sollst auf unserer Seite sein. Denn wenn du nicht auf unserer Seite bist, gehörst du nicht zu den Gerechten ..." (aus dem Essay " Ja, ja. Nein, nein." von Stefan Chwin)




Ich schwör's! Hand drauf!

Machen wir uns nichts vor: Es gibt viel Misstrauen in dieser Welt, und zwar zu Recht. Wo man auch hinsieht, blüht die Lüge. Gut 200-mal lügt der Durchschnittsmensch pro Tag. Und wer weiß, ob das stimmt - schließlich lügt es sich mit Statistiken besonders gut. Von der Lüge und ihrem größeren Bruder, dem Betrug, haben alle genug.

Ehrlich währt am längsten? Lügen haben kurze Beine? Dafür kommt man aber heute verdammt weit mit ihnen. Praktisch überallhin. Das ist wohl der Grund, warum das Gefühl, beschissen zu werden, für so viele zum Normalzustand wird. Produktversprechen, die nicht gehalten werden. Preise, die purzeln, sobald wir den Laden verlassen haben. Kollegen, die uns alles erzählen - außer der Wahrheit. Man muss noch nicht mal den Fernseher anschalten, den Ethikbericht eines Konzerns lesen oder darauf warten, dass Politiker ihre Eide brechen. Glauben Sie, was in der Zeitung steht? Und warum piepst es nie, wenn jemand lügt? Das wäre schon mal ein Fortschritt.

Über die Wahrheit und die Lüge wird viel geredet. Doch hat das der Wahrheit etwa genützt? Kein bisschen. Fragen wir also ganz pragmatisch: Wenn die Leute schon nicht ehrlicher werden, was können wir tun, um Lügner zu erkennen? Das wäre ja schon was. Kein Problem, sagt die Forschung, die einen hübschen Katalog zusammengestellt hat, mit dem sich Lügner auf frischer Tat ertappen lassen. Man muss nur genau hinsehen.

Lügner erkennt man daran, dass sie beim Sprechen die Arme verschränken, sich im Gesicht und an der Nase kratzen, die Lippen lecken und ihre dreisten Lügen mit geweiteten Pupillen erzählen. Außerdem, sagt die Wissenschaft, haben Lügner eine hohe Stimme. Wenn uns jemand begegnet, der sich anhört wie Micky Maus und aussieht wie ein Junkie, dann heißt es Obacht geben. Nichts unterschreiben.

"Alles Quatsch", sagt Michael K. Der 40-jährige Stuttgarter ist Unternehmensberater. Seinen echten Namen will er nicht sagen, denn noch immer läuft ein Gerichtsverfahren gegen seinen Ex-Kompagnon. Der habe ihn um eine halbe Million Euro beschissen, sagt Herr K. Und dabei "treuherzig geguckt, nicht geschwitzt und seine Tricks mit fester Stimme vorgetragen. So einer lügt nicht, dachte ich", sagt Herr K.

Nun ist niemand gern der Angeschmierte, jeder schämt sich, wenn er einem Lügner aufgesessen ist. Doch mal ehrlich: Das ganze viele Lügen wäre sinnlos, wenn es nicht reichlich Leute gäbe, die an das Wahre glauben wollten. Gibt es eine Sicherheit? Verträge vielleicht? "Die sind besser als nichts", murmelt Herr K., und auch hier spricht Erfahrung aus ihm. Eine hessische Kommune, die seine getane Arbeit in höchsten Tönen lobte, eröffnete ihm am Zahltag, dass sie nicht daran denke, ihren Teil der Abmachung einzuhalten. Man zahle die Hälfte. Alternativ könne Herr K. ja klagen. Das könne aber dauern. An diesem Tag war Herr K. zunächst empört, um dann zu handeln. Weniger Schaden durch Lug und Betrug, das war sein Ziel. Und Herr K. kaufte sich im Internet einen Lügendetektor, für nicht mal 20 Euro.

Wer glaubt, dass Herr K. angesichts all der Lügner und Betrüger den Verstand verloren hat, irrt. Lügendetektoren sind zwar nicht zuverlässig, selbst die teuersten Geräte, die Gehirnaktivitäten messen, liegen falsch. Und außerdem: Wer lässt sich im Geschäft schon freiwillig an einen Lügendetektor anschließen? Doch Geduld. Die Antwort kommt noch. Die Wahrheit setzt sich letztlich durch. Versprochen.

Sag die Wahrheit! Wird's bald! Los!

Gut, wenn Sie zweifeln. Kein noch so umfängliches System hat bisher die Lüge und den Betrug völlig aus der Welt geschafft. Andererseits: Alle reden von Arbeitsplätzen. Nichts schafft mehr Arbeitsplätze als die Lüge, ehrlich. Wie viele Behörden, Ämter, Prüfstellen, Büros bräuchten wir, wenn man nicht - zur Sicherheit - Dokumente, Verträge, Urkunden und Ähnliches mehr ausstellen müsste? All diese schönen Papiere dienen doch nur einem Zweck: dem Beweis, dass etwas ist, wie es ist. Man bräuchte kein Ticket mehr und keine Rechnungen, denn wozu sollte man nachweisen müssen, für etwas bezahlt zu haben? Und Polizei, Gerichte, das ganze Rechtssystem - das wäre weitgehend überflüssig. Aber nein, das geht nicht. Menschen lügen. Deshalb können wir einen Mordsaufwand treiben, um der Wahrheit gelegentlich zum Durchbruch zu verhelfen. Und die Suche nach der Wahrheit kann böse enden, beispielsweise im Knast.

Nach Schätzungen des Strafrechtsexperten Helmut Kury, Professor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg im Breisgau, sitzt in Deutschland ein Prozent aller Strafgefangenen zu Unrecht ein. Das bedeutet, gemessen an den aktuellen Strafgefangenenzahlen, dass etwa 800 Menschen in deutschen Gefängnissen unschuldig sitzen - Menschen, die durch den Lügendetektor der Justiz gelaufen sind. Justizirrtum. Falsche Indizien? Nein, sagt Kury, nicht immer. Ein erheblicher Teil der Fehlverurteilten sitzt deshalb, weil sie Opfer der sogenannten "Verfolgermentalität" geworden sind. Diese Verfolgermentalität ist bei Polizisten, Staatsanwälten, Journalisten, aber längst auch bei Bürgern und Bürgerbewegungen ein wichtiges Element geworden. Die Leute werden unter Druck gesetzt, zu sagen, was die Wahrheitsfreunde gern hören möchten. Das ist genau genommen nichts anderes, als im Namen der Wahrheit zu lügen.

Gut, das ist nicht neu, früher nannte man das Inquisition, da hatte man eine Streckbank und ein hübsches Sortiment an Folterwerkzeugen. Da wusste wenigstens gleich jeder, woran er ist: an der Wahrheit. Los, gib schon zu, dass du lügst.

Die Notlüge

Es muss sich in der langen Geschichte der Menschheit schon sehr früh ausgezahlt haben, seine eigene Wahrheit zu haben, also zu lügen.

Gelogen wurde immer schon. Allerdings nicht immer mit System.

Das ist erst der Fall, seit die Wahrheit von Denkern festgelegt wurde. Was richtig ist die sogenannte Wahrheit - und was falsch - die Lüge -, ist kein Produkt, das einfach vom Himmel gefallen ist. Im vierten Jahrhundert nach Christus beginnt Augustinus, der wohl nachhaltig einflussreichste Vordenker des Christentums, die Sache mit der Lüge im Sinne seiner Organisation zu ordnen. Als Lüge gilt seither das bewusste, das vorsätzliche Abändern der Wirklichkeit, ein in jeder Hinsicht heimtückisches Unterfangen also. Lügner wissen, was sie tun. Sie sagen nicht einfach etwas Falsches, weil sie es nicht besser wissen - solche Leute nennen wir Idioten. Augustinus macht den Lügner zum Täter. Denn die Lüge, schreibt Augustinus, zerstört, was Gemeinschaften zusammenhält: das Vertrauen. "Die Lüge ist der Tod der Seele", formuliert er finster. Wäre es Augustinus dabei tatsächlich darum gegangen, die Menschen mehr an die Wirklichkeit heranzuführen, wäre dagegen wenig vorzubringen. Doch der Schein des Heiligen trügt. Denn Augustinus lässt sich - ganz bewusst und vorsätzlich, man könnte fast sagen: ein klein wenig heimtückisch - eine wichtige Hintertür offen. Lügen ist Sünde, sagt er. Eigentlich immer. Wenn man aber durch Lügen eine noch größere Lüge verhindern kann, dann geht das Schummeln in Ordnung. Mit anderen Worten: Notlügen sind keine Lügen. Und jetzt mal Hand aufs Herz: Wann wären denn unsere Lügen keine Notlügen? Wann hätten wir es denn nicht nötig, die Unwahrheit zu sagen, wenn wir es schon tun? Eben. Mit dieser einmaligen Erfindung hat sich Augustinus um das Abendland verdient gemacht. Denn wo immer an der Realität vorbeigeschrammt wird, kann man sagen: Das war nötig. Ging nicht anders. Tut mir leid.

Auch der zweite Spezialist für List und Tücke mit begrenzter Haftung stammt aus den Reihen der katholischen Kirche. Der Dominikaner Thomas von Aquin verfeinerte fast 800 Jahre nach Augustinus dessen Notlügenkonzept und machte es geländegängig für die Neuzeit. Es gibt noch etwas Besseres als die Notlüge (der Lüge light sozusagen): Die Lüge wäre, postuliert der Kirchendenker, gar keine Sünde, wenn sie im Verschweigen der Wahrheit bestünde oder einfach in zweideutiger Rede. Sicher, der, den man letztlich den Vorgesetzten des Thomas von Aquin nennen kann, hat irgendwann und irgendwo mal gesagt: Deine Rede sei ja, ja, nein, nein. Aber damit kommt man rein organisatorisch und im Alltag leider nicht immer weiter. Das ist die Geburtsstunde des schönen "Das hab' ich so nicht gesagt" und des zauberhaften "Das hab' ich so nicht gemeint", Sätze, die wir seither immer wieder gern hören. Das ist das Schöne an der Philosophie, der Wahrheitslehre: Man darf interpretieren, was das Zeug hält. So können wir, mit praktisch gutem Gewissen, nachjustieren, unverbindlich bleiben und die Wirklichkeit formen, dass es eine Freude ist. Realitätsdesigner, allesamt. Praktisch ist das, weil sich erstens die Verhältnisse sowieso dauernd ändern und weil eigentlich für alle gilt, was Konrad Adenauer leider erst in den fünfziger Jahren eingefallen ist: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?"

Schön ist auch, dass diese Interpretation von Lüge und Wahrheit einfach universell einsetzbar ist, wenn es darum geht, große Mythen zu schaffen. Mythen sind nicht einfach Lügen. Sie sind schlimmer, nämlich Halbwahrheiten, die irgendwo noch ein bisschen Wurzeln geschlagen haben in der Realität. Diese Welt ist voller Mythen, voller Geschichten, die wir gern glauben würden, weil sie uns so erfreulich erscheinen.

"Der große Feind der Wahrheit ist sehr häufig nicht die Lüge - wohl bedacht, erfunden und unehrlich -, sondern der Mythos - hartnäckig, überzeugend und unrealistisch." Das hat John F. Kennedy gesagt, der Mann, der selbst schon zeitlebens ein politischer Mythos war. Mythen dienen dem Machterhalt. Es sind Geschichten, die wir glauben wollen. Thomas von Aquin wusste das. Er gab die Lüge frei für den alltäglichen Gebrauch. Das hatte aber einen hohen Preis. Denn er erklärte gleichsam auch, dass an der Ursache des Mythos, des perfekten, weil wirklichkeitsnahen Lügens, kein Zweifel erlaubt sei. Glaubensfragen, die nicht allein Religionen, sondern auch politische und moralische Vorstellungen nährten, waren für ihn sakrosankt. An die durfte niemand ran. Hier war und ist jede Irreführung höchst strafbar. Da gibt es keine Interpretation, kein Pardon. Was wahr ist, entscheiden die Verwalter der Wahrheit. Die Partei hat immer recht. Das gilt natürlich auch für alle anderen Formen von Organisationen, zum Beispiel das Unternehmen, in dem Sie arbeiten.

So lügt man für das Vaterland

Notgelogen wird, weil wir Nachteile für uns und unsere Gruppe vermeiden wollen. Die Sozialwissenschaftler haben auch noch andere Lügensorten ausgemacht. Etwa die soziale Lüge. Die soll "dem Wohl des Belogenen und der Harmonie einer Gruppe dienen", so steht es in Wikipedia. Wohl? Kann denn Lüge wohlig sein? Na sicher, denken wir etwa an das schöne "Die Rente ist sicher" oder andere Lügen des Sozialstaates, die nach wie vor mit einer Schamlosigkeit, die nur durch "soziales Engagement" erklärlich ist, verbreitet werden. Wir sehen ihn förmlich vor uns, den ehrenwerten Staatsmann, der mit tiefen Falten im Gesicht zur Lüge greift, denn anders, als es die Dichterin Ingeborg Bachmann sah, ist die Wahrheit dem Menschen natürlich - rein politisch gesehen - nicht zumutbar. So trällern sie nach Arbeitsplätzen und Vollbeschäftigung, alles im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit und all den schönen Dingen, die nichts, aber wirklich auch gar nichts mit Lügen zu tun haben dürfen. Alles soll schön harmonisch sein.

Und an einem anderen Schauplatz sehen wir, wie die Lüge, die soziale oder die notwendige, je nachdem, zum ganz normalen Geschäftswerkzeug gemacht wird. Das Wohl des Unternehmens. Was fiele denn nicht darunter, genau genommen? Wenn es um dieses Wohl der Firma geht, ist die Lüge lässlich. Sie ist sogar, das pfeifen die Spatzen von den Dächern - jene also, die es im Fall der Fälle nicht so gesagt haben wollen -, eine Verpflichtung. Es wäre ein Vertrauensbruch, nicht auch mal für die Firma zu flunkern. Schließlich machen das alle. Wahrheit ist keine Währung. Und würden wir einen Kollegen schätzen, ganz ehrlich, der laut und vernehmlich die Wahrheit sagt? Der jedem reinen Wein einschenkt? So einen nennen wir Verräter. Einen Verrückten. Ehrlich, aber einfältig.

Immerhin gibt es ein bisschen Fortschritt auf dieser Welt, wenngleich nur in der Sprachregelung. Ermattet von der Praxis, reden wir schon lange nicht mehr von wahr und falsch, von gelogen und ehrlich, sondern einfach von etwas, das den Augustinus über den von Aquin bis weit hinter den Kennedy zusammenfasst. Das Ding heißt: Glaubwürdigkeit. Das klingt seriös. Und hat mit der Wahrheit nichts zu tun.

Die Lüge im Zeitalter der Führungskraft

Von Glaubwürdigkeit ist immer die Rede heutzutage. Kaum hat ein habgieriger Manager ein paar Millionen in Liechtenstein gestiftet, geht's schon los, dicht gefolgt von Entlassungswellen und anderen Unpässlichkeiten, die die Wahrheit, die die Leute gern hören würden, durcheinanderbringen. Wo bleibt die Glaubwürdigkeit? Insbesondere dort, wo geführt wird! Muss denn nicht jemand, der oben steht, ganz, ganz ehrlich sein? Und regt uns das nicht schon sehr lange auf, dass das nun gar nicht so oft der Fall ist? Tatsächlich kann man, wenn man von der Lüge redet, zum Verstand nicht schweigen. Sonst würde die alte Volksweisheit lauten: Dämlich währt am längsten.

Es ist anders. Vor 500 Jahren gab es bereits richtig Ärger und Widerstand gegen einen, der sagte: Liebe Leute, lügen muss man manchmal. Die Frage ist nur: zu welchem Zweck? Der Mann, der das schrieb, Niccolò Machiavelli, war ein Spin Doctor, ein Politikberater, der in seinem Buch "Il Principe" die Verhaltensnormen der Führungskraft festschrieb. Ob Borgia oder Banker, ist letztlich wurscht. Der Fürst, die Führungskraft also, muss seine Macht erhalten. Mit der reinen Wahrheit ist das nicht zu machen. Der Fürst hat keine Wahl. Er steht, schreibt Machiavelli, über der Moral, die für den normalen Bürger gilt. Der Fürst muss sein Wort brechen, die normalen ethischen Regeln hinter sich lassen, wenn er seinen Job ernst nimmt. Und das ist: dem Großen und Ganzen dienen, dem Gemeinwohl.

Noch immer schmeckt uns das gar nicht. Lügen für den guten Zweck? Gar für die Gemeinschaft? Den Staat? Genau besehen, kennt jeder von uns den Unterschied. Wer lügt und betrügt, um sich persönlich zu bereichern, einen Vorteil zu verschaffen, ist ein Schuft. Wer lügt, um das System, dem er dient, zu erhalten, ist ein Held. Machiavellis Sicht von Macht, Lüge, Wahrheit und Notwendigkeit ist vor allen Dingen eines: realistisch. Die Wirklichkeit kennt kein Gut und Böse. Und was ist das Gute? Das, was uns nützt. Unsere Interessen. Wer das bezweifelt, etwa am Beispiel von Politikern und Managern, die, wie es heute heißt, "ihre Meinung gelegentlich ändern", sollte mal genauer auf sich selbst sehen.

Selbstlügen sind, sagt die Statistik der Lügenforscher, die häufigste Form der Lüge. Unerträglich erscheint uns das Lügen nur bei jenen, deren Meinung wir nicht teilen, Leute, die andere Interessen verfolgen. Was der Konkurrent sagt, der politische Gegner, der Feind all das ist eine ungeheure Wortdreherei. Und wir? Wir nennen die, auf deren Seite wir stehen, beim Lügen nicht etwa Lügner oder Betrüger, sondern smart, schlau, anpassungsfähig und ausgefuchst. Tolle Typen. Unsere Leute. Was uns nützt, ist wahr.

Wer das nicht wahrhaben will, der strickt an der größtmöglichen Selbstlüge. Das ist die Lüge, die ständig mit Schaden die Grenze zum Betrug überschreitet. Sie ist der Ausgangspunkt für Katastrophen, für Terror, für Totalitarismus. Die Wahrheit, das Echte, so, wie wir es gern hätten, ist eine mörderische Tugend.

Wahre Lügen

Die Wahrheit - von der Nietzsche wusste, dass sie nichts weiter ist als eine Illusion, von der man vergessen hat, dass sie eine ist - steht wieder hoch im Kurs, aber das heißt noch lange nichts Gutes. Eigentlich geht es darum, dass die Lügen unserer Leute nicht mehr richtig funktionieren. Also anders gesagt: Es lohnt sich immer seltener, den Lügen unserer tollen Helden, der Leute, die auf unserer Seite stehen, zu folgen. Es bringt nicht mehr so viel. Früher war das anders. Die Karriere, der Arbeitsplatz, die ganze Zukunft - sie hing davon ab, ob wir mitmachten oder nicht - und das hieß immer: mitlügen. Aber das hat sich geändert. Nichts ist mehr von Bestand. Und so gerät man über die alltäglichsten Dinge ins Grübeln, beispielsweise: Warum muss ich für die Sache lügen, wenn es doch nichts bringt, wenn es meinen Arbeitsplatz doch nicht rettet, das Geschäft doch nicht sicher ist? Da kommen Zweifel auf: So ist die Moral. Kaum ist das Interesse nicht mehr kaskoversichert, schon taucht sie auf. "Nach all dem, was ich für die Firma getan habe ...", das ist der dazu passende Satz. Da hat man sich verbogen und gelogen, und dann wird man abserviert. Es geht nicht um die Wahrheit. Es geht um den Deal, die Regeln, das, was man ausgemacht hat. Darauf hat man vertraut. Das geht nicht mehr.

Und was hören wir? Weil sich das Lügen fürs System - die soziale Lüge und die Notlüge für die Gruppe - immer seltener rechnet, ist immer mehr von Dingen die Rede, die es gar nicht gibt: Authentizität. Echtheit. Jeder Ethikbericht ist voll davon. Und nicht mal auf den Machiavelli ist Verlass. Führungskräfte, die beim Schwindeln erwischt werden, werden von ihrer Organisation fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Da war Klaus Zumwinkel noch nicht mal ins Polizeiauto verbracht worden, da hatten Schwarzarbeiter sich noch nicht mal vorm Fernseher über "die da oben" aufregen können, schon distanzierte sich sein langjähriger Arbeitgeber so was von gründlich von seinem Vorstandsvorsitzenden, dass einem schwindelig werden musste. Glaubwürdigkeit ist ein so hohes Gut, dass man nicht lange rumfackeln kann. Im Namen der Wahrheit, der Ehrlichkeit, der Glaubwürdigkeit kann man heute alles durchbringen. Jede auch noch so menschlich niedrige Veranstaltung. Und weil die Leute an den Fetisch der Wahrheit glauben, kann man sie damit hervorragend ködern. Die Werbung ist voll von Wahrhaftigkeitsversprechen. Es genügt nicht, dass ein Ding funktioniert, eine Dienstleistung klappt, ein Service nützlich ist. Nein, er muss schon ehrlich sein. Der Medienphilosoph Norbert Bolz hat das brillant auf den Punkt gebracht: "Heute liegt der eigentliche Betrug im Versprechen der Echtheit." Man braucht keinen Lügendetektor, um das zu erkennen.

Wenn Schweine fliegen

Klaus Kocks weiß das. Er ist ein alter Hase. War lange bei Volkswagen für die Konzernkommunikation zuständig. Vor zwei Jahren hatte Kocks ein kleines Problem mit der Wahrheit, genauer: mit den Leuten, die so gern und so professionell über die Wahrheit reden, über das Echte, das Authentische. Mit seinen Kollegen. Die Deutsche Public Relations Gesellschaft beschloss, Klaus Kocks als Mitglied "untragbar" zu finden. Aus moralischen Gründen. Dem Mann mangele es an "berufsethischer Eignung". Warum?

Kocks hatte sich an der Debatte um den ehemaligen Regierungssprecher Bela Anda beteiligt. Der war in Ausübung seines Amtes für die rot-grüne Bundesregierung beim Lügen ertappt worden. Ein Skandal. So what - sagte Kocks. Dafür wird der Mann doch bezahlt! Hätte er die Wahrheit gesagt, dann wäre seinem Auftraggeber, der ehemaligen Bundesregierung, ein Schaden entstanden. Anda habe richtig gehandelt und damit basta, befand Kocks. Mit Wahrheit habe das Geschäft der professionellen Kommunikatoren sowieso nichts zu tun. Nun weiß jedes Kind, dass Werbung, PR und Pressearbeit nicht dazu da sind, der Sache, die sie vertreten, in den Hintern zu treten. Aber darf man das auch so sagen? Muss all das nicht "authentisch" sein? "Ehrlich"? "Echt"?

"Aber natürlich", sagt Klaus Kocks. "PR-Manager lügen nicht. Die Erde ist eine Scheibe. Schweine können fliegen. Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann. Hand drauf! " Nicht dass Kocks nicht mit der Empörung seiner Berufskollegen gerechnet hätte. Die waren wirklich wütend, erzählt er. Und haben angerufen. Nicht, um ihm etwa zu sagen: Kocks, was erzählst du denn da? Wir lügen doch nicht! Nein. Sie sagten: "Kocks - bist du verrückt geworden? Was sollen denn unsere Kunden von uns denken! "

Ja, die Glaubwürdigkeit!

So sagt Klaus Kocks ruhig: "Nicht die Lüge ist verpönt, sondern das Reden darüber. Das haben wir in unseren Zeiten perfektioniert. Was wir haben, ist eine Wahrheitsdiktatur. Die Wahrheit, das war immer ein Instrument des Terrors, des Mitmachens, des Unterordnens. Inquisition, die Jakobiner der Französischen Revolution und heute: die Authentischen. Die Ehrlichen! " Kocks macht eine Pause, er ist amüsiert. Denn diese Leute, weiß er, sind völlig humorfrei. Daran erkennt man die Lügner leicht: Sie halten, was sie behaupten, für eine ernste Sache. Keine Ironie.

Denn die Wahrheit ist edel. Sie verträgt keine Witze. Mit der Wahrheit treibt man keinen Spott. Dadurch würde sie nämlich ihren wahren Charakter zeigen, ihren inquisitorischen Teil. Heute tragen die größten Lügner und Betrüger ihre Wahrheit im Namen der ganzen Menschheit vor, des Guten und des Edlen. Neu ist das nicht. Die Wahrheitsfindungskommandos der Französischen Revolution, die in der Zeit des Grande Terreur, des großen Terrors, im Jahre 1794 wüteten, gaben sich einen Namen, der auch heute wieder recht populär sein könnte. Er klingt vertraut: Wohlfahrtsausschuss.

Die ganze Wahrheit über die Lüge

Die Mitglieder des neuen Wohlfahrtsausschusses sind überall. Es sind die Kümmerer, die Weltretter, die Guten, die nur die Wahrheit ans Licht bringen wollen, Menschen, die sich bevorzugt auf Allgemeinplätzen des Wohlbefindens tummeln: Umwelt, Soziales, Ethik, Gerechtigkeit, Gleichheit etc. pp. Es sind Menschen, die die Wahrheit kennen, die ganze Wahrheit, versteht sich, und die andere, die diese Wahrheit nicht verstehen wollen, für dumm halten. Klaus Kocks resümiert: "Es gibt in unseren Kreisen Leute, die auch ihre Kunden für dumm halten, für dämlich und unfähig, etwas dazuzulernen. Nur sind die Kunden leider schlauer, als manche Wahrheitsfreunde glauben. Wer die "Bild"-Zeitung liest, glaubt auch nicht wirklich, was da drinsteht. Und genauso wenig glauben unsere Kunden, dass unsere PR so etwas wie die reine Wahrheit rüberbringen muss." Aber man hat sich eben irgendwie geeinigt. Man tut so, als ob. Und zwar so intensiv, dass es schon wieder lächerlich ist. "Verantwortungsethik", sagt Kocks, "ist Comedy. Die Leute wollen nicht die Wahrheit, sie wollen eine Geschichte hören, die ihnen gefällt, die zu ihnen passt. Für diese Wahrheit entscheiden sie sich." Aber um Gottes willen! Ist das nicht Selbstbetrug! ? "Na sicher", sagt Kocks, "so ist der Mensch.

Kann man damit leben?

Nun, antwortet Professor Peter Stiegnitz, natürlich, es geht gar nicht anders. Seit vier Jahrzehnten beforscht Stiegnitz die Lüge. Er hat eine eigene Disziplin begründet, die "Mentiologie", die Lehre von der Lüge. Von Wien und Budapest aus versucht er, die Menschheit mit einer ihrer Grundeigenschaften zu versöhnen. "Alle Menschen lügen. Ist auch nicht so schlimm", sagt er. Denn ein fanatisch wahrheitsliebender Mensch könne sich weder anpassen, noch könne er in einer sozialen Gemeinschaft bestehen. "Zu viel Wahrheit macht obdachlos", sagt Stiegnitz. Und selbst wenn man, all der Lügen überdrüssig, nur mehr mit sich selbst auskommen wollte, "steht man erst vor echten Problemen. Die Selbstlüge ist die häufigste Lüge von allen."

Wer lügt, beweist, dass er denkt. Erst im Alter von etwa vier Jahren sind Menschen intelligent genug, um zu lügen - "und dann fangen alle damit an", sagt Stiegnitz. Kindermund tut Wahrheit kund? Das kann sein, ist aber ein sicheres Zeichen dafür, dass der Nachwuchs bescheuert ist.

Warum lügen wir? Ganz einfach, so Peter Stiegnitz: "Weil wir Angst davor haben, Verantwortung zu übernehmen. Wir haben Angst vor Sanktionen, wie ein kleines Kind, das irgendwas angestellt hat, sich aber nicht traut, es den Eltern zu sagen. Genauso verhalten wir uns dann ein ganzes Leben lang, den Kollegen gegenüber, dem Chef und dem Partner. Das macht etwa die Hälfte aller Lügen aus: Wir wollen geliebt werden, und wir wollen Schwierigkeiten vermeiden." Das klingt beinahe nach edlen Motiven, genauer betrachtet aber wird natürlich nicht nur wegen des Geliebt-werden-Wollens und ähnlicher Geschichten das Blaue vom Himmel heruntergelogen. "Es geht auch um Faulheit. Es geht darum, dass ich, wenn ich mich bewusst von der Wirklichkeit abwende, einfach keinen Widerstand leisten muss, denn Widerstand ist immer sehr anstrengend. Die meisten sind zu bequem, um sich der Wirklichkeit der Wahrheit zu stellen." Je mehr von der Wahrheit die Rede ist, desto weniger kann von ihr die Rede sein. Wichtig ist zunächst, dass die Wahrheit - oder genauer: die unzähligen Wahrheiten, die kursieren - alles andere als die Wirklichkeit widerspiegelt. Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Realität. "Die sogenannte ehrliche Auseinandersetzung mit der Realität", sagt der Professor, "würde uns verrückt machen. Freud hat gesagt: Die menschliche Kultur ist nichts als Zudecken der Wirklichkeit." Beim Einzelnen heißt das: Selbstlüge. Wie gesagt, die häufigste Lüge. Wir lügen uns praktisch den ganzen Tag in die eigene Tasche, vorm Spiegel, bei der Einschätzung unserer Fähigkeiten, unserer Attraktivität genauso wie bei der Frage, ob uns andere gerade für glaubwürdig halten oder nicht. "Nur so können wir leben", sagt Stiegnitz. "Geht mir auch so, wenn ich mich im Spiegel sehe, kann ich sagen: Mensch, du bist alt geworden. Ich sage aber: Für deine 72 Jahre siehst du noch gut aus. Die zweite Fassung ist mir lieber", sagt der Professor lächelnd. "Geh mit deinen Lügen ehrlich um. Das ist dasselbe wie: Geh mit deinem Leben ehrlich um. Es geht nicht um die Wahrheit, es geht um Selbsterkenntnis." Eine schwere Übung, weiß Stiegnitz. Denn die Grenzen zwischen harmloser Lüge und gefährlichem Selbstbetrug sind fließend. Die Welt ist komplex, und wo viel ist, wird viel gelogen.

Mit einer geringen Selbsterkenntnis gehe auch eine geringe Selbstverantwortung einher. Die Wahrheit werde zur Illusion, so Peter Stiegnitz. "Ein Beispiel ist die Geschichte mit den flachen Hierarchien. Das führt etwa dazu, dass viele Leute sehen, wie schwach sie sind. Und was ist der nächste Schritt? Die Leute, die darunter leiden, sehnen sich nach einem starken Staat, jemandem, der ihnen die Verantwortung wieder abnimmt. Sie wissen schon irgendwie, dass das nicht richtig ist. Aber die Sehnsucht nach dem Versorger, der ihnen Illusionen macht, ist größer. Deshalb rufen so viele heute: Lüg mich an! " Zumindest, solange das System seine Lügen im Griff hat, das heißt, die Ansprüche der Leute, die belogen werden wollen, auch erfüllen kann. Von nun an herrscht Betrug. Das geht nicht ohne Schaden ab.

Deshalb ist das Zweifeln, die Fähigkeit zur Kritik vor allem am eigenen Handeln, so entscheidend. "Wir müssen wissen wollen, was wir uns vormachen. Dann schauen wir schon mal genauer hin", sagt Stiegnitz. Es kommt darauf an, was man tut.

Die ganze Wahrheit

Das wäre eigentlich schon alles zum Thema Lügen. Macht jeder. Nur eines ist noch offen: die Sache mit dem Lügendetektor. Denn irgendwie interessiert uns das natürlich schon. Können wir Lügner erkennen? Kommt die Wahrheit ans Licht?

Ja, aber wir brauchen einen Trick. Ohne Täuschung kommen wir der Wahrheit nicht auf die Spur. Michael K., der Mann mit dem Lügendetektor, erzählt, wie das geht. Er nimmt seinen 20-Euro-Lügendetektor - orange, plastikfarben, potthässlich, aber portabel - gern mal zu Geschäftspartnern mit. Sozusagen als Gag. "Man redet über dies und das, vereinbart was, dann geht's zum gemütlichen Teil, man isst was, trinkt was, wird locker", erzählt er. Mit anderen Worten, es schlägt die Stunde der Wahrheit. Nun packt Michael K. seinen Kosmos-Lügendetektor aus. Und sagt, ganz beiläufig: "Wollen Sie mal probieren?"

Früher, sagt er, hätte man die Leute auf die Bibel schwören lassen. Aber davor hat heute ja niemand mehr Respekt. Aber vor Technik, vor Technik haben die Leute immer Respekt. Wenn da Lämpchen sind und es piepst. Das ist irgendwie seriös. Wahrhaftig. Der Kosmos piepst gut. "Bitte probieren Sie mal, das ist ein Lügendetektor. Am besten sagen Sie jetzt noch mal, was wir vorher ausgemacht haben. Da müssen Sie sich nix Neues einfallen lassen."

Und jetzt, sagt Michael K., jetzt schlägt sie wirklich, die Stunde der Wahrheit, die große Glocke der Gerechtigkeit, es singen die himmlischen Chöre der Wahrhaftigkeit und der Ehrlichkeit, halleluja!

Die einen lachen und halten die Hand drauf. Kein Problem, sagen sie. Und dann gibt es welche, die sind empört: "Trauen Sie mir nicht? Gibt es kein Vertrauen mehr?" Und es fallen große Worte. Loyalität. Ehrlichkeit. Handschlagsqualität. Überhaupt. Dings.

Das sind nun, weiß K., die Problemfälle. Leute, die nicht zahlen werden oder weniger, die mehr verlangen, als vereinbart war, Troublemakers, F-Kunden nennt K. sie. F wie faul. "Mit der Wahrheit", sagt er, "ist es wie mit dem Wasser. Wo es keins gibt, wie in der Wüste, da reden alle drüber." Michael K.s Lügendetektor funktioniert. Er braucht nicht mal zu piepsen. Man muss nur hinsehen. Sie sind alle echt. Die, die lachen, und die Empörten.

Und darum nimmt er den Lügendetektor auch weiterhin mit. Die Wahrheit? "Ach", sagt K., "denken Sie mal an Helmut Kohl. Der Mann mit dem Ehrenwort. Der hat aber auch gesagt: Wichtig ist, was hinten rauskommt. Das ist nicht immer schön. Aber die Wahrheit."

Zumindest diesmal. Ehrlich. -